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Archiv für Januar 2011

Durchhalten auf dem Dreispitz

karen gerig am Montag den 31. Januar 2011

Volles Haus für elektronische Künste an der Museumsnacht 2011.

Über 2500 Eintritte verzeichnete das Haus für elektronische Künste (Haus-ek) zur Premiere auf dem Dreispitz an der Museumsnacht vor anderthalb Wochen. Die Hälfte davon blieb auch gleich zur Party, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte. Und die meisten schlenderten wohl auch durch die angrenzenden Kunsträume Oslo 8 und Oslo 10 sowie die Künstlerateliers und das Fotolabor von Pascale Brügger, um einen Augenschein zu nehmen. Ein gelungener Einstieg für das Dreispitz-Areal, das bekanntlich zum Kunstquartier werden soll.

Doch ein gelungener Einstieg bedeutet noch nicht, dass die dort angelaufenen Projekte auch nachhaltig Erfolg haben werden. Bis der «Dreispitz» wirklich lebt, vergehen nämlich noch einige Jährchen. Dann soll auch die Hochschule für Kunst hier eingezogen sein (im Jahr 2015), soll mindestens ein Restaurant den Aufenthalt versüssen (Zeitpunkt: unbekannt), soll die BLT den Anschluss an den ÖV gewährleistet haben (Zeitpunkt: unbekannt), sollen Loft-Wohnungen entstanden sein (Bezug: unbekannt) etc.

So sollte der Neubau fürs Kunsthaus Baselland und das Haus für elektronische Künste aussehen. (Visualisierung CMS)

Noch ist vieles unklar. Ob das Kunsthaus Baselland etwa tatsächlich aufs Areal ziehen wird. Ob der Neubau, in dem es zusammen mit dem Haus-ek untergebracht werden soll, entstehen wird, oder ob für letzteres eine andere Lösung gefunden werden muss – der nicht nur provisorische, sondern definitive Umbau der bestehenden Halle etwa. Das Kunsthaus Baselland hat sich zwar für einen Umzug ausgesprochen, doch die Finanzierung steht noch in den Sternen. Direktorin Sabine Schaschl geht nicht davon aus, dass diesbezüglich vor dem Sommer Klarheit herrschen wird. Man warte beim Kanton wohl einerseits die Theater-Abstimmung ab und andererseits die Neuwahlen der Regierung – vorher spricht im Kanton Baselland keiner über Geld, schon gar nicht, wenn es um Kultur geht.

Nichtsdestotrotz wird auf dem Dreispitz munter gearbeitet. Pascale Brügger eröffnet morgen Dienstag offiziell ihr Fotolabor. Im Haus-ek wird die Eröffnung im Mai vorbereitet, fürs Oslo 10 wird noch das Kuratorenteam gesucht (Eröffnung der ersten Ausstellung wird ebenfalls im Mai sein), die Künstler und Künstlerinnen haben ihre weissgestrichenen Ateliers bezogen.

Blick in die Fotogalerie Oslo 8.

Als erster Ausstellungsraum wird im April das Oslo 8 eröffnen, die Galerie von Christoph Kern und Thomas Diewald. Geplant ist eine Ausstellung mit René Burri. Ein Wagnis, so allein auf weiter Flur, oder? «Ja, wir sind die Ersten», sagt Kern. «Und – ehrlich gesagt – wir sind sehr gespannt, wie es werden wird.» Ursprünglich hätten auch das Haus-ek und Oslo 10 im April eröffnen wollen – eine gemeinsame Vernissage wäre sicher gut gewesen, hätte mehr Publikum generiert. Auch in Zukunft würden gemeinsame Events wohl mehr Leute anziehen. Laut Kern finden diesbezüglich lose Gespräche statt.

Noch aber fühlt man sich sehr einsam auf dem Weg zum Oslo 8. Doch Kern blickt optimistisch in die Zukunft. Für den Fotografen ist dies die erste Galerie, die er führt. Er arbeitet nebenbei immer noch Vollzeit als Fotograf, sollte das Projekt Olso 8 also scheitern, wäre das zwar äusserst schade, aber nicht existenzbedrohend. Auch für Thomas Diewald ist die Galerie nicht die einzige Beschäftigung. «Natürlich hoffen wir, dass es funktioniert» sagt er. Mit der Fokussierung auf Fotografie-Ausstellungen könnte das gelingen, schliesslich gibt es in Basel keine vergleichbare Institution. Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass Galerien auf dem Dreispitz es bisher schwer hatten: Michel Fischer (2001-2003) gab nach zwei, Groeflin/Maag (2004-2007) nach drei Jahren auf. Im neuen Konzept des Dreispitz als Kunstquartier sollte dies ändern – doch ist dies nicht allzu ferne Zukunftsmusik? Noch befindet sich das Quartier in einer unabsehbar langen Warteschlaufe. «Durchhalten ist angesagt» formuliert es Christoph Kern wohl richtigerweise.

NACHSCHLAG von Bachmann & Bardelli im Nasobem

chris faber am Samstag den 29. Januar 2011

NACHSCHLAG heisst der Programmzyklus des Basler Kabarett-Duos Bachmann & Bardelli, der seit Donnerstag wieder an der Kellerbühne in der fast ausverkauften Buch- und Kaffeebar Nasobem zu sehen ist.

Raphael Bachmann, Schauspieler, Regisseur und Salzburger Stier – Preisträger sowie Patrick Bardelli, Schauspieler und Moderator, zeigen mit NACHSCHLAG Ihr drittes selbstgeschriebenes und inszeniertes Kabarett-Programm.

Schon seit November 2010 greifen sie amüsant hintergründig Themen wie die BAZ-Besitzverhältnisse, Social Media-Auswüchse, SVP-Parteiwerbung, Kachelmann-Prozess, Ausschaffungsintiative oder Integrationsbemühungen auf, um sie schlagartig und schlagfertig kurz zu beleuchten. Mit dem als Kunstgriff verwendeten Rückblick auf das Jahr 2011 schaffen sie ganz neue Perspektiven und Einsichten aufs Basler Tattoo, Waffeninitiative und die Bundesratswahl. Dabei finden sich viele kleine Perlen im Programm wie z.B. der Integrationsunterricht oder der Zollibesuch, selten leicht unfertige Texte, denen der letzte Biss fehlt.

Den Schlusspunkt setzt ein Text von Heinrich Heine mit überraschend aktuellen Worten, stimmgewaltig vorgetragen von Raphael Bachmann. Ein vergnüglicher Abend, der gleichzeitig Nachdenklichkeit angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Schweiz hinterlässt.

Noch heute, Samstag 29. Januar, sowie 23. - 26. Februar, 23. - 26. März und 27. - 30. April 2011 im Nasobem in der Frobenstr. 2 im Gundeldingerquartier (Hinterausgang Bahnhof SBB). Tickets im Vorverkauf à Fr. 30.-- unter www.nasobem.ch oder Tel. 061 271 22 23.

Wer nicht aussteigt, fährt zu weit

karen gerig am Freitag den 28. Januar 2011

Achtung, liebe Kunstfreunde! Heute Abend eröffnet im Kunsthaus Baselland mit Alois Mosbacher, Philipp Gasser und Vanessa Billy die erste Ausstellung des Jahres 2011, und die Gäste werden zahlreich zur Vernissage anreisen. Dabei soll auf etwas hingewiesen werden: Die Tramstation «Schänzli», so schön direkt beim Kunsthaus gelegen, gibts seit Dezember nicht mehr. Wer nicht regelmässig zwischen Basel und Muttenz hin- und herpendelt, dem ist das vielleicht noch gar nicht aufgefallen.

Ist nicht mehr direkt via Tram zu erreichen: Das Kunsthaus Baselland.

Für Sabine Schaschl, Direktorin des Kunsthauses Baselland, eine nervige Angelegenheit: «Wir wurden davon total überrascht. Die BVB haben es nicht für nötig gefunden, uns – oder eine der anderen Firmen hier – vorab zu informieren.» Eines Tages fuhr das Tram einfach an der Haltestelle vorbei. Nicht selten sitzt darin auch ein Besucher des Kunsthauses. «Die lassen ihren Frust dann bei uns ab», erzählt Schaschl. Sie wünschte sich, dass im Tram wenigstens angekündigt wird, dass die Station nicht mehr benutzt wird und man früher aussteigen soll.

«Es handelte sich um eine wenig benutzte Station», begründete Georg Vischer, Direktor der BVB, die Aufhebung der Tramstation. Und der Fahrgast habe jetzt nur Vorteile: Er könne mit einem Kurzstreckenbillett weiter fahren. Den Gästen des Kunsthauses Baselland wird das wenig bringen, sie dürfen dafür jetzt weiter laufen. Ein Kurzstreckenbillett werden wohl sowieso die wenigsten von ihnen nutzen.

Konzerte im Hinterhof

Luca Bruno am Mittwoch den 26. Januar 2011

Felix Bossel, Betreiber des 1. STOCKs in Münchenstein, behauptete vor ein paar Wochen, dass kulturell wirklich spannende Sachen oftmals an der Peripherie entstehen. Er behält weiterhin Recht. Für gute Konzerte im Raum Basel setzt man sich nämlich noch immer am besten in die Tramlinie 10 und fährt Richtung Münchenstein. Neuerdings kann man allerdings bereits ein paar Tramstationen früher aussteigen.

Vor einem Jahr liess sich die Hinterhof Bar am Soon-to-be-Kulturhotspot Dreispitz nieder, und während man sich im ersten Jahr dort hauptsächlich der elektronischen Tanzmusik fürs Wochenende verschrieben hatte, dürfen wir mit einem Blick aufs aktuelle Programm nun erfreut feststellen, dass man im neuen Jahr vermehrt auf Livekonzerte setzen möchte. Möglich gemacht hat das ein grosszügiger Umbau über die Jahreswende, bei welchem unter anderem eine grössere Bühne entstanden ist. Unsere Befürchtung, dass uns in Basel die Konzertbühnen ausgehen, scheint sich also doch nicht zu bewahrheiten.

Besonders das Wochenende vom 4. und 5. März gilt es rot im Kalender zu markieren. Am 4. März wird uns Hendrik Weber alias Pantha du Prince, dessen Album «Black Noise» eines der grossen Highlights von 2010 war, mit seinem Minimal Techno beehren, und nur einen Tag später erwartet uns die dänische Folk-/Post-Rock-Truppe Efterklang, die ja bereits letztes Jahr im 1. Stock begeisterten. Vor dem Konzert von Efterklang wird uns die Band ausserdem ihren Film «An Island» zeigen, der letzten August in Zusammenarbeit mit «La Blogothèque»-Gründer Vincent Moon entstanden ist. Konzert und Screening in einem also.

Die Konzertsaison im Hinterhof startet allerdings bereits heute. Das belgische Duo My TV Is Dead macht den Anfang, und Bands wie Soulwax, dEUS oder Ghinzu beweisen ja schon seit Jahren, dass «Belgien» ein Qualitätslabel für gute Popmusik ist.

My TV Is Dead: Diesen Mittwochabend (26. Januar) Live im Hinterhof. Bar ab 20:00, Beginn: 21:30.

Das Theater mit dem Theater

karen gerig am Montag den 24. Januar 2011

Kaum einer, der sich im Vorfeld der Baselbieter Abstimmung zum Theaterreferendum nicht zu Wort meldet. Auch von uns wurde von mehreren Seiten eine Stellungnahme gefordert. Wir vom Schlaglicht sind uns einig, dass ein Ja zum Theater unabdingbar ist. Unsere persönlichen Gründe und Argumente dafür sind hingegen vielgestaltiger und erinnern an die Argumente der unzähligen Gastbeiträge und Wortmeldungen in verschiedenen Medien der letzten paar Wochen.

Nur etwas für die Basler und Baselbieter Elite? Das Theater Basel. (Foto Lucian Hunziker)

Die Gegner der Subventionserhöhung fürs Theater Basel nutzen vordergründig finanzielle Argumente: Baselland müsse sparen, da sei die Verpflichtung auf höhere Ausgaben hirnrissig. Basel könne vom «Goldesel Baselland» nicht mehr und mehr verlangen. Solle man doch die Eintrittspreise erhöhen. Die Befürworter halten mit anderen Zahlen dagegen: 44,5 Prozent der Abonnenten des Theaters kommen aus dem Baselbiet, mehr als aus Basel-Stadt (41,3 Prozent). Trotzdem bezahle Basel mit 37,1 Millionen Franken den Löwenanteil der Subventionen, Baselland würde nach der Erhöhung der Subventionen 8 Millionen bezahlen – ein deutliches Ungleichgewicht.

Diese auf Zahlen beruhenden Gedankengänge könnte man auf beiden Seiten weiterführen. Man könnte anmerken, dass viele Baselbieter ihren Lohn in Basel-Stadt abholen, ihre Steuern aber auf dem Land bezahlen. Dass nur ein kleiner Teil der Baselbieter tatsächlich ins Theater Basel pilgert. Dass, wenn die Eintrittspreise erhöht werden müssten, nur noch Gutverdiener die Vorstellungen besuchen könnten, das Theater dadurch Zuschauer verlieren würde und wiederum weniger Geld zur Verfügung hätte.

Doch sind Zahlen und Budgetfragen die richtigen Argumente? Oder soll man stattdessen das Ansehen des Theaters ins Felde führen, die Auszeichnungen, die es erhalten hat? Den Leistungsauftrag, den es erfüllen muss? Die Spitzenleistungen, die das Theater erbringt? Soll man ans Verantwortungsbewusstsein des Stimmvolkes appellieren? Ans Partnerschaftsverhältnis, das bekanntlich auch in anderen Belangen leidet? Darf das Hauptargument sein, dass das Theater Basel am Ende wäre, wenn die Subventionen nicht erhöht würden?

Hoffen gemeinsam: Theaterdirektor Georges Delnon (l.) und der Baselbieter Kulturdirektor Urs Wüthrich-Pelloli. (Foto Margrit Müller)

Es hat wohl jedes Argument, ob pro oder kontra, in dieser Diskussion seine Berechtigung. Grundsätzlich geht es bei der Abstimmung aber um Solidarität – ein Grundwert, der in unserer Gesellschaft stetig schwindet. Egal, ob es ums Gesundheitswesen, um die Altersvorsorge oder eben um Kulturfragen geht. Eine der zentralen Fragen heutzutage scheint zu sein: Warum soll ich für etwas bezahlen, wovon ich nicht profitiere? Mein Nachbar will ins Basler Theater? Soll er, doch dann soll ER dafür zahlen. Doch auch diese Argumentationslinie führt uns nicht viel weiter. Denn irgendwann gelangt man damit ad absurdum. Keiner kann nur für das bezahlen, was er selber nutzen will.

Urs Wüthrich, Baselbieter Kulturdirektor, sagt heute Montag in der BaZ: «Kultur ist nicht einfach nice to have. Kultur ist lebenswichtig. Ohne Kultur ist man heimatlos.» Das widerspiegelt nicht nur seine Meinung. Kultur ist daneben auch ein anerkannter Wirtschafts- und Standortfaktor. Kultur ist vielfältig, dazu gehört der Dorfverein genauso wie das Theater Basel. Doch ist auch dies wiederum eine subjektiv gefärbte Meinung.

Partnerprojekte und kuratierte Zimmerpflanzen

karen gerig am Samstag den 22. Januar 2011

Was geschieht, wenn man zwei Künstler zusammen eine Ausstellung kreieren lässt, die sich vorher nie gesehen haben? Im Idealfall ein interessanter Dialog, im schlimmsten Fall eine Soloshow, weil die Künstler sich nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen können.

Das Erdgeschoss des Hauses an der Kannenfeldstrasse 23 beherbergt eine kleine Ladenfläche, rund fünf auf fünf Meter. Darin hat sich der Ausstellungsraum deuxpiece eingerichtet. Deuxpiece entstand ursprünglich im Jahr 2009 als Projekt der damaligen Kunststudentin Noëmi Denzler und ihrem Kollegen Pedro Wirz. «Es war angedacht als Nomadenprojekt», erzählt Wirz. «Wir wollten jeweils zwei Kunstschaffende zusammenbringen und durch deren Dialog möglichst spannende Ausstellungen generieren.» Die erste Schau fand im September 2009 in eben diesem Raum an der Kannenfeldstrasse statt, der Südkoreaner Wonho Lee traf dort auf den Deutschen Benjamin Bronni. «Warum genau hier?» fragt Wirz. «Das war ein Glücksfall, das Haus gehört Noëmis Eltern und der Laden stand gerade leer.»

Noëmi Denzler studierte damals in Stuttgart an der Akademie der bildenden Künste und war für ein Austauschjahr zurück in Basel, wo sie herkommt. Am hiesigen Institut für Kunst traf sie Pedro Wirz, der damals zusammen mit Raphael Linsi das «Wirtshaus» im Kunstraum Schalter betrieb – ein Projekt, das gerade seinem Ende entgegenging. Die Lust auf ein weiteres Offspace-Projekt verband Wirz und Denzler, und sie entwickelten gemeinsam das deuxpiece-Konzept. Weil Pedro Wirz aber gleichzeitig zusammen mit Raphael Linsi, Claudio Vogt und Tilman Schlevogt ein weiteres Kuratorenprojekt namens «The Forever Ending Story» ins Leben rief und dieses bald sehr professionell zu laufen begann und dementsprechend viel Zeit beanspruchte, sah Wirz sich gezwungen, Anfang 2010 aus dem deuxpiece auszusteigen.

Blick in die Ausstellung von Pedro Wirz im deuxpiece.

Noëmi Denzler machte daraufhin allein weiter, zuerst mit zwei Ausstellungen in Stuttgart. Seit einem Jahr jedoch ist sie zurück in Basel, und der Raum nahe des Kannenfeldplatzes ist inzwischen zum festen Standort geworden. Dank Unterstützungen des Kantons, des Migros Kulturprozent und der Ernst-Göhner-Stiftung kann sie einen regelmässigen Betrieb aufrechterhalten: Jeden Monat öffnet sie den Ausstellungsraum für eine dreitägige Schau.

Heute Abend eröffnet im deuxpiece die achte Ausstellung. Eingeladen hat Denzler dafür ihren alten Partner Pedro Wirz sowie eine Künstlerin aus Lausanne. Doch zum ersten Mal scheitert das Konzept des Ausstellungsraums, denn Wirz und seine zugeteilte Mitstreiterin wurden sich nicht einig. Wirz stand plötzlich allein da und bestreitet nun die Ausstellung als Soloshow. «Für mich ist das natürlich nicht schlecht», sagt er mit einem Lachen. «Und dass etwas schief gehen kann, das gehört einfach dazu.» Noëmi Denzler kann diesen Umstand auch als Testlauf sehen: Im Februar nämlich endet das Partnerkonzept des deuxpiece. Künftig will sie sich auf Soloshows konzentrieren, zumindest von März bis November 2011. Bei der Planung wird ihr ausserdem neu ein ganzes Team zur Seite stehen. «Die eingeladenen Künstler und Künstlerinnen sollen sich mit dem Raum an der Kannenfeldstrasse auseinandersetzen», erklärt Denzler. Mit einem Raum, der nicht dem Ideal eines White Cube entspricht, sondern weiss getünchte Holztäferwände hat, eine grosse Fensterfront und einen schwarzen, dominierenden Holzofen.

Im Moment gerade ist Pedro Wirz noch dabei, die Fensterfront mit Matratzen und Tüchern abzudichten. Das Resultat soll an die konkrete Kunst erinnern, an Mondrian etwa. Momentan sieht es auch etwas nach Rothko aus. Wirz beschäftigt sich gerne mit kunsthistorischen Vorbildern, stärker aber noch mit dem Kunstsystem. Für seine «Curated Sculptures» etwa lädt er Kuratoren dazu ein, eine Skulptur zu gestalten, kehrt so das gängige System um. Die schnelle Form davon sind die «Studies for curated Sculptures»: Kuratoren wählen ihre Lieblingspflanzen, die der Künstler dann in geeigneter Form installiert. Was lag näher, als für die jetzige Ausstellung Noëmi Denzler zu fragen? Diese mag eigentlich keine Zimmerpflanzen: «Gemüse wär mir lieber gewesen», sagt sie. Doch in dieser Jahreszeit eine Tomatenstaude zu finden, stellte sich als unmöglich heraus. Pedro Wirz wusste aber auch mit den Ersatz-Orchideen was anzufangen. Was, kann man dieses Wochenende sehen.

Streetart-Mob stürmt Theater-Passage

Joel Gernet am Samstag den 22. Januar 2011

«Egal wer meine Bilder mitgenommen hat, ich habe eine riesen Freude», strahlt der junge Mann kurz nach ein Uhr nachts in der Theaterpassage. Der Streetart-Künstler ist hin und weg von der Tatsache, dass seine einäugigen Aliens regelrecht von den Wänden gerissen wurden. Was ist passiert? Wir drehen die Uhr rund sechs Stunden zurück…

Es ist kurz vor sieben Uhr abends. Seit knapp einer Stunde laden Basels bekannte Kulturhäuser offiziell zur Museumsnacht. Bei der Elisabethenkirche versammeln sich rund fünfzehn junge Streetart- und Graffiti-Künstler mit ihrem Anhang – nun beginnt ein inoffizieller Teil der Museumsnacht. OpenArt.11 heisst das Projekt. Der Mob läuft die Treppe hinunter zur Theater-Passage und macht sich an den Wänden zu schaffen. Innert kürzester Zeit hängen mehrere dutzend Bilder in der Unterführung (Fotostrecke am Ende des Artikels): Ein Papier-Strassenmusikant mit Gitarre und nachdenklichem Blick klimpert auf seiner Gitarre, davor ein Becher mit realem Geld drin. Ihm gegenüber macht sich eine freizügige Frau in devoter Pose am Hosenbund eines Geschäftsmannes zu schaffen. Nicht weit davon entfernt blickt ein überlebensgrosses Kindergesicht vom einem Plakat. Dazwischen hängen dutzende weniger auffällige, teilweise sehr detailliert gestaltete Bilder, mit denen sich der Betrachter die Zeit bis um ein Uhr vertreiben kann – ab dann dürfen die Kunstwerke nämlich gratis mitgenommen werden.

In der Mitte der Passage pinkelt ein kleiner Junge quer über den Durchgang – als ob er auf seine Weise ein Statement platzieren will: Hier wird den grossen Kulturinstitutionen ans Bein gepisst. Und auch all den Passanten, die mit gesenktem Kopf durch die Passage eilen, jeden Blickkontakt meidend, als könnte es jederzeit zur Konfrontation kommen. Es ist, als ob die vielen Schreckensmeldungen über Gewaltverbrechen in der Stadt ihre Wirkung entfalten. Doch wir sind zum Glück nicht auf dem Albisgüetli und ein Grossteil der Passanten schlendert mit interessiertem Blick zwischen den herumstehenden Jugendlichen durch die Passage, voller Verwunderung über die aussergewöhnliche Guerilla-Galerie, die sich ihnen eröffnet.

Vor vier Jahren nahm eine Hand voll Basler Strassenkünstler an der ersten OpenArt am Jugendkulturfestival (JKF) teil. Im Jahr darauf zog der auf acht Künstler angewachsene Tross unter die Wettsteinbrücke - erstmals im Rahmen der Museumsnacht. Dann zog es die Aktion in die Theater-Passage. Und heute findet sich fast kein freier Platz mehr an den Wänden der Unterführung zwischen den Werken der rund fünfzehn Beteiligten Artists. Dort steht auch auf einem Flugblatt, worum es den anonymen Veranstaltern geht:

Wie immer wollen wir in einem angepassten Rahmen die Kulisse der Basler Gemäuer als Freiluft-Atelier nutzen. Das Interesse und die Auseinandersetzung mit der kulturellen Vielfalt dieser Stadt wollen wir so mitgestalten. Kunst soll jedem offen stehen. Jeder ist und soll ein Teil der «Kultur-Bewegung» sein.

Gegenüber Schlaglicht beschreibt ein Mitorganisator zudem, warum man den öffentlichen Raum erobert:

Tags, Schablonen und Poster sind ein Abbild der Lebendigkeit. Werbeplattformen beeinflussen die Menschen, welche daraufhin konsumieren. Wir wollen mit unseren Werken ebenfalls wahrgenommen werden. Graffiti, Streetart etc. sind keine Hochkünste, die gegen ein Entgelt gezeigt werden sollen, sondern sie sind eine Ausdrucksform der Gesellschaft. Die Freiräume für kulturelle Entfaltung in Basel sind zwar extrem eingeschränkt, doch mit kreativen Aktionen wie dieser wollen wir uns diese Räume zur Entfaltung zurück erobern.

Kurz vor ein Uhr nachts, wollen ziemlich viele junge Leute Teil der oben genannten «Kultur-Bewegung» sein. Die Unterführung ist gestossen voll. Seit es Mitternacht geschlagen hat, ist die Anzahl der Besucher sprunghaft gestiegen – einige kommen direkt vom Dreiländereck, wo im Brasilea die neue Ausstellung über Streetart aus Brasilien gezeigt wird. Ungeduld macht sich breit. Nicht wenige platzieren sich unauffällig vor ihrem Kunstobjekt der Begierde, schliesslich werden alle Werke bald verschenkt. Das freundliche Gezänk um die Bilder tut der sehr guten Stimmung keinen Abbruch. Punkt ein Uhr werden die Bilder, Collagen, Leinwände und Skizzen von den rund hundert Streetart-Freunden (so viel wie noch nie) von der Wand gerissen. Die Anspannung in den Gesichtern der Kunstjäger weicht einem breiten Grinsen. «So gut wie dieses Jahr war es noch nie», ist von vielen Seiten zu hören. Um fünf nach ein Uhr sind die Wände der Theater-Unterführung wieder leer. Als wäre nichts geschehen.

Halbleere Gänge vs. übervolle Räume: Der Kampf um die Publikumsgunst

karen gerig am Donnerstag den 20. Januar 2011

Bereits haben über 200'000 Leute die Wien-Ausstellung in der Fondation Beyeler besucht - täglich quetschten sich allein in den letzten Tagen und Wochen rund 2000 Besucher durch die Ausstellungsräume. Manch einer findet, das sei zuviel, um die Kunst noch geniessen zu können (vgl. hier). Weniger Probleme hat da der Besucher der Warhol-Ausstellung im Kunstmuseum – hier bleibt vor den Bildern genug Raum für Betrachtung. Genaue Zahlen sind vom Museum allerdings noch nicht in Erfahrung zu bringen.

Vollgestopfte Räume versus halbleere Gänge, wie kommts? Dürfte man nicht meinen, dass ein Name wie Andy Warhol die Menschen auch scharenweise ins Museum lockt? Wir erwarten ja keine halbe Million wie 2009 bei der «Jahrhundertausstellung» Vincent van Gogh. Doch wieso schaffte es eine Fondation Beyeler, selbst mit einem eher unbekannten Namen wie Jean-Michel Basquiat innert vier Monaten 110'000 Leute anzuziehen, während die Jahresbesucherzahl fürs Kunstmuseum (ohne Museum für Gegenwartskunst) gar nicht so weit darüber liegt? Betrachtet man die letzten zehn Jahre, so spielt das Kunstmuseum mit Namen wie Holbein, Kandinsky, Judd oder auch Gursky doch absolut in der oberen Liga mit.

Würde Andy Warhols Frühwerk in der Fondation Beyeler mehr Besucher anziehen? (Foto Margrit Müller)

Und trotzdem – wir wagen die unverschämte Behauptung: Würde Andy Warhols Frühwerk in Riehen gezeigt, läge die Besucherzahl um einiges höher. Und hätte das Kunstmuseum die Basquiat-Ausstellung gezeigt, hätten keine 110'000 Leute den Weg dorthin gefunden.

An den Eintrittspreisen kanns nicht liegen, diese sind in Riehen um vier Franken pro Person höher als am St. Alban-Graben. Ist die Fondation Beyeler also geschickter, wenn es um die Bewerbung des Museums geht? Machen wir einen Rundgang durch Basel: An den Plakatsäulen scheint das Wien-Warhol-Verhältnis ausgeglichen, und am oberen Ende der Freien Strasse wird fürs Kunstmuseum, am unteren für die Fondation Beyeler geworben. Die SBB bietet für beide Ausstellungen Packages an. Doch auf dem Bahnhofsplatz empfangen die Touristen nur mobile Plakatwände der Fondation mit dem Hinweis, wie man möglichst schnell nach Riehen gelangt. Das Kunstmuseum fehlt. Im Fernsehen wird schweizweit sowohl für die Wien- als auch für die Warhol-Ausstellung geworben, für die Wien-Ausstellung auch am Radio. In den Medien hingegen ist die Fondation Beyeler präsenter, ist öfter mal der Ausflugstipp, und sie wirbt auch stärker über die Landesgrenzen hinaus, vor allem in den angrenzenden Landesteilen - mehr als die Hälfte der Fondation-Beyeler-Besucher (52 Prozent) kommen aus dem Ausland, fast die Hälfte davon aus Deutschland. Doch auch das Kunstmuseum zieht viele ausländische Besucher an - Statistiken sind jedoch keine zu erhalten. Beide Museen werben zielgruppenorientiert.

Die Fondation Beyeler ist beliebtes Ausflugsziel - im Bild das Kaffeehaus in der Wien-Ausstellung. (Foto Pino Covino)

Allein an der Werbung kanns also nicht liegen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt wohl aber die Positionierung der beiden Museen beziehungsweise ihre nationale und internationale Ausstrahlung. Das Kunstmuseum erinnert rein äusserlich an eine Festung und bietet auch im Innern nicht die modernste Architektur. Das ist natürlich wenig schmeichelhaft formuliert, und der Erweiterungsbau könnte hier Abhilfe schaffen – allerdings frühestens im Jahr 2015. Die Schwerfälligkeit der Architektur scheint sich manchmal im Ausstellungsprogramm zu spiegeln – gerade auch in kleineren Präsentationen im Kupferstichkabinett etwa. Überspitzt könnte man sagen, dass das Kunstmuseum ein elitäreres Publikum anspricht als die Fondation Beyeler. Die lichtdurchflutete Fondation liegt zudem harmonisch eingebettet im grünen Umland und bietet sich für einen Sonntagsausflug geradezu an, gerade auch für Tagesausflügler aus dem Ausland. Kommt dazu: Die Figur Ernst Beyeler und dessen herausragende Sammlung – ein populäres Identifikationsmerkmal, das dem Kunstmuseum fehlt. Die Kunst der Klassischen Moderne - der Schwerpunkt der Fondation Beyeler sowohl in Sammlung wie Sonderausstellungen - ist zudem immer noch die weltweit populärste Kunst.

Wird der Erweiterungsbau dem Kunstmuseum neue Besuchergruppen erschliessen? (Visualisierung Christ & Gantenbein)

Gerade im Hinblick auf den Erweiterungsbau täte dem Kunstmuseum ein Imageschub gut. Ein Patentrezept, wie dieser zu bewerkstelligen wäre, lässt sich leider nicht so einfach zusammenmixen. Das Wichtigste ist und bleibt, ein attraktives Ausstellungsprogramm anzubieten. Mit der Präsentation der Sammlung im Obersteg und einer Ausstellung zu den Landschaften Max Beckmanns, die für 2011 geplant sind, ist der Kassenschlager aber immer noch nicht in Sicht. Die Fondation Beyeler trumpft dagegen mit Brancusi, Dali, Serra und Louise Bourgeois auf.

Dem einzelnen Besucher können diese Überlegungen ja eigentlich egal sein. Im Gegenteil: wer die Kunst lieber in Ruhe geniesst, ist im Kunstmuseum ja sogar besser dran.

Welches Museum besuchen Sie lieber, liebe LeserInnen? Und warum?

Bühnenboykott gegen böse Buben?

Joel Gernet am Dienstag den 18. Januar 2011

Dass es am Wochenende beim Basler Konzert der deutschen Rapper Fard und Haftbefehl zu mehreren Schlägereien kam, verwundert kaum jemanden. Nicht einmal die Veranstalter: «Wir wussten, dass auch Schlägertypen ins Volkshaus kommen und waren vorbereitet», sagt Organisator Cem gegenüber Schlaglicht. Rund 700 Rapfans, die meisten davon knapp volljährige junge Männer, feierten am Samstag die aufstrebenden deutschen Rapper mit iranischen (Fard), beziehungsweise kurdischen (Haftbefehl) Wurzeln. Ihre Texte spiegeln das Leben in Deutschlands Problembezirken, wo Kriminalität und Perspektivlosigkeit zum Alltag gehören. Dementsprechend handeln die Songs der beiden nicht selten von Problemen mir der Polizei, Gewalt und den «Gesetzen der Strasse». Aber auch von Hoffnung und der Möglichkeit, «es» zu schaffen. Das ist Strassenrap, von einigen auch Gangsterrap genannt. Provokation und Überhöhung sind hier ein zentrales Stilmittel – und eine der Hauptursachen für Missverständnisse.

Gut gelaunt: Das Publikum beim Basler Konzert-Von Haftbefehl. (Foto: 4 Zero Ent.)

Dass es unter Leuten, die auf diese Ausprägung der Rapmusik stehen, zu Scharmützeln kommt, scheint bei einigen (wenigen) in diesem Kreis zum guten Ton zu gehören: Rap ist das Ventil für den angesammelten Frust. Und wenn man selbst kein Rapper ist, muss die Energie halt anders raus. Authentizität, Ehre und Loyalität sind die Werte, die Zählen. Es gilt das Recht des Stärkeren. Kein Wunder also, dass Konzerte wie jenes von Fard und Haftbefehl, zu einem Macho-Treffen mit Testosteron-geschwängertem Ambiente werden. Aber warum hat es ausgerechnet dieses Wochenende geknallt? Die Volkshaus-Konzerte des deutschen Strassenrap-Pioniers Azad und der Haudegen von Automatikk verliefen 2010 ohne nennenswerte Zwischenfälle.

«Über die Hälfte der Besucher kam von Auswärts, das war bisher nicht so», versucht Organisator Cem zu erklären. Er ist aber selber etwas ratlos. Beim nächsten Mal, überlege man sich zweimal, wen man buche. «Zwei Gangsterrapper von diesem Kaliber werden wir bestimmt nicht mehr holen – das schadet dem Image von HipHop», findet Cem, der in Basel auch als Rapper Zehir bekannt ist. Das fünfte Konzert hat seiner Organisation «4 Zero Entertainment» zwar den bisher mit Abstand grössten Zuschaueraufmarsch beschert, und einen Gewinn, glücklich ist der Basler dennoch nicht. Er wisse nicht, ob sich bei diesem Stress der Aufwand gelohnt habe. «Wir machen das für die Jugendlichen, wenn diese das nicht schätzen, hören wir auf.»

Cem wäre nicht der erste Konzertorganisator, der keine Strassenrapper mehr auftreten lässt. In der französischen Schweiz verzichten viele Veranstalter seit längerem auf Konzerte mit einschlägigen Rappern aus Frankreich (das Deutschland in Sachen Strassenrap ein paar Jahre voraus ist), weil diese ein gewaltbereites Publikum anziehen – oft aus dem Ausland. Und auch im Basler Konzertlokal Sommercasino ist man seit einer Schlägerei am Konzert des deutschen Strassenrappers Farid Bang im April 2010 vorsichtig geworden, wie die Zuständigen gegenüber Schlaglicht erklären.

So inszeniert sich Haftbefehl für sein aktuelles Album.

Doch ist ein Strassenrap-Boykott die richtige Lösung? Ich finde nicht. Man darf nicht vergessen, dass am Fard und Haftbefehl-Konzert im Volkshaus rund 700 Konzertbesucher den Auftritt ihrer Helden friedlich feierten, während sich eine Hand voll Trottel die Köpfe einschlug (und vor die Tür gestellt wurde – wo die Auseinandersetzung weiterging). Über die Inhalte des Strassenrap kann – und soll – man sich streiten, aber auch diese Ausdrucksform hat ihre Daseinsberechtigung als Sprachrohr und Ventil tausender junger, unterprivilegierter Menschen, deren Stimmen sonst ungehört bleiben. Schon mancher Bad-Boy hat sich dichtend zu einem vernünftigen, seriösen Mann entwickelt. Der Bann von der Bühne wäre wohl eher kontaproduktiv, viele würden so in ihrer Anti-Haltung bestärkt.

Natürlich müssen sich aber auch diejenigen Rapper, welche durch Gewalt und Kriminalität verherrlichende Texte auffallen, überlegen, ob es auf Dauer erfüllend ist, eine meist unbefriedigende, destruktive Lebensweise zu predigen. Wenn man frisch «von der Strasse kommt» und nichts anderes kennt, ok. Aber wer nach langjähriger Rapkarriere inklusive Lebenswandel noch immer die gleichen Themen beackert (wie z.B. Bushido), gehört auf das Abstellgleis. Man kann gespannt sein, wohin sich Fard und Haftbefehl, die am Anfang ihrer Karriere stehen, entwickeln.

Kommt Kunst von Kassieren?

karen gerig am Donnerstag den 13. Januar 2011

Seit einer knappen Woche liegt auf meinem Tisch die neue Publikation des Kunstkredits Basel-Stadt, druckfrisch sozusagen, ein Überblick über die Sammlungstätigkeit der Jahre 1990–2009. Seit heute gesellt sich dazu die neue Weltwoche, ebenfalls druckfrisch, darin ein Artikel überschrieben mit «Kunst kommt von Kassieren». 2,24 Milliarden Franken fliessen jährlich schweizweit in Form von Subventionen in die Kultur, schreibt die WeWo, und stellt vor allem die Frage in den Raum, wer von diesen Milliarden gerechterweise profitieren soll. Sollen Künstlermillionäre wie Pipilotti Rist oder Fischli/Weiss dieselben Ansprüche stellen können wie ein aufstrebender Jungkünstler?

Blick in die Ausstellung der Kunstkredit-Ankäufe 2007 im Kunsthaus Baselland. Foto Tanja Demarmels

Kunst- und Kulturförderung im allgemeinen ist es sich gewohnt, umstritten zu sein, da erzählt uns auch die Weltwoche nichts Neues. Und auch der Basler Kunstkredit kann davon ein Lied singen. Wie bei der Schweizer Filmszene wurde auch in Basler Kunstkreisen schon ein Filz in der Jurybesetzung des Kunstkredits ausgemacht und lautstark kritisiert. Als Folge davon wurde die Jury letztes Jahr umstrukturiert.

Die Gelder, die der Kunstkredit Basel jährlich sprechen kann, sind im Vergleich zum national aufgerechneten Kulturbudget natürlich ein Klacks – aktuell sind es 520'000 Franken pro Jahr, die verteilt werden können. Es handelt sich dabei auch nur um einen kleinen Teil des Basler Kulturbudgets. Trotzdem muss sich die Kulturförderung immerzu rechtfertigen. Guy Morin schreibt in einem Grusswort im Kunstkredit-Buch: «Zu fördern und mit Ankäufen und Geldbeträgen Kunstschaffende zu ermutigen, wenn der Markt nicht greift oder nicht greifen kann, ist eine Verpflichtung der öffentlichen Hand.» Würde ein darauf reduziertes Verständnis der Förderpolitik aber nicht bedeuten, dass im Markt etablierte Künstler keinen Anspruch auf Fördergelder mehr haben, wie die Weltwoche das in den Raum stellt? Doch wieviele Kunstschaffende gibt es denn in der Schweiz, die tatsächlich von ihrer Kunst leben können?

Aufführung in der Wiener Secession in Christoph Büchels «Swinger Club». Foto Keystone

Es bleiben Fragen: Hat jeder Kunstschaffende ein Anrecht auf Förderung? Sollen vor allem oder ausschliesslich junge Künstler gefördert werden – solche, die noch Aussicht auf eine internationale Anerkennung haben? Und: Muss man es allen recht machen? Ist nicht vorderhand die Qualität der geförderten Kunst entscheidend? Oder auch künstlerisches Wagnis oder Experimente? Wir alle erinnern uns an die Diskussionen rund um den Beitrag der Pro Helvetia, der Thomas Hirschhorn für seine Pariser Ausstellung gesprochen wurde, die in einer Pinkelaktion an Blochers Bein endete. Hier haben die Förderer Mut gezeigt, wie auch im vergangenen Jahr bei Christoph Büchels Swinger Club-Installation in der Wiener Secession. In beiden Fällen wurden die Förderer von einem Teil der Öffentlichkeit abgestraft. Der Mut zu solchen Aktionen jedoch ist wichtig, genauso wie die öffentliche Diskussion darüber. Denn Kunstförderung soll Bedingungen schaffen, unter denen sich das kritische Potenzial der Kunst entfalten kann. Kunst darf nicht nur als Standortfaktor oder Exportschlager verstanden werden.

Ebenso muss Kunstförderung sich der Zeit anpassen, muss sich mit der Kunst verändern können. Der seit 1919 bestehende Kunstkredit hat in den letzten zwanzig Jahren beispielhaft einige solcher Anpassungen vorgenommen, hat das Spektrum erweitert mit dem Aufkommen und dem Erfolg von Installationen, von Neuen Medien etc. Die Förderung der bildenden Kunst ist Basel ein Anliegen, das man nicht auf die leichte Schulter nimmt. Diskussionen können dem Fördersystem nur zugute kommen. Erst wenn keiner mehr drüber redet, muss man sich Sorgen machen.

Die neue Publikation Kunstkredit Basel-Stadt 1990–2009 versammelt Texte und Materialien zur Förderung des Kunstkredits in den letzten zwanzig Jahren – neben Artikeln zur Kunstförderung und zur regionalen Sammlung auch einen künstlerischen Fotoessay sowie Listen aller Förderungen und Ankäufen seit 1990.
«Kunstkredit Basel-Stadt 1990–2009», 142 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen und einem Fotoessay von Claudio Moser, ISBN 978-3-033-02593-6, Für 15.– Franken zu bestellen unter: kunstkredit@bs.ch

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