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Archiv für November 2010

«Guitar madness» im Hirscheneck

Luca Bruno am Montag den 29. November 2010
Marnie Stern

Foto: David Torch

Die Zeiten, in denen im Hirscheneck regelmässig Bands wie The National, Patrick Wolf oder Why? zu Gast waren, sind dank immer höher steigenden Künstlergagen zwar seit längerem vorbei. Wer deswegen aber meint, dass am Lindenberg 23 nur noch Hardcore, Deathcore und Sowiesocore-Bands auftreten, täuscht sich gewaltig. Auch 2010 bespielten wieder einige Indie Rock-Perlen die Bühne des Hirschenecks und die grösste Perle des Jahres schaut morgen Abend, am 30. November, vorbei.

Die Rede ist von Marnie Stern, eine 34-jährige Songwriterin aus New York. Wer hinter dem Begriff «Songwriterin» musikalische Untermalung für den nächsten Starbucks-Besuch erwartet, ist bei  Marnie Stern jedoch an der falschen Adresse. Die Homepage des Hirschenecks kündigt das Konzert als «Guitar madness» an und bevor wir näher auf diesen Begriff eingehen, schauen wir uns doch am besten kurz folgendes Video an:

«Guitar madness» trifft es also ganz gut. Und wem dieses Video nur ein emotionsloses Schulterzucken hervorlocken sollte – schliesslich gibt es ja nichts langweiligeres als endlose Gitarrensolos – beruhigen wir mit folgender Tatsache: Marnie Sterns Herz gehört trotz technischer Versiertheit dem Pop. Ihre Songs sind kurz und prägnant und orientieren sich nicht etwa am Classic Rock, sondern viel mehr an Bands wie den Minutemen oder Television.

Marnie Sterns drei Alben sind auf dem traditionsreichen US-Label Kill Rock Stars erschienen. Eine hervorragende Kombination; denn wer beispielsweise ihre Labelkollegen Deerhoof oder Sleater-Kinney mag, wird auch an Marnie Stern Gefallen finden.

«Transparency Is The New Mystery» (aus «Marnie Stern», 2010, Kill Rock Stars)

Marnie Stern: Diesen Dienstagabend (30. November) Live im Hirscheneck. Support von den Longjhons. Doors: 21:00, Beginn: 21:30.

«Regionale» Räume #1: Ausstellungsraum Klingental

karen gerig am Montag den 29. November 2010

Kunst aus Basel und der Region zu zeigen - dieser Grundgedanke der «Regionale» wird im Ausstellungsraum Klingental, kurz ARK genannt, im Jahr 2011 durchbrochen. Die Basler Kuratorengruppe The Forever Ending Story, bestehend aus Pedro Wirz, Claudio Vogt, Raphael Linsi und Tilman Schlevogt, zog den Blick von aussen der reinen Nabelschau vor. In einer Art Labor kommen deshalb auswärtige Positionen zum Zug, in denen die Region Basel eine Rolle spielt. Bei allen Werken handelt es sich um Auftragsarbeiten. Das gelang «mal besser, mal weniger gut», wie Raphael Linsi gesteht. «Wieviel Basel in der Ausstellung steckt, überlassen wir dem Betrachter.»

Der Berner San Keller, bekanntester Künstler vor Ort, hat eine Gewichthebebank in den Raum gestellt. Statt Gewichten hängen daran Kunstkataloge. «Die Kataloge mussten wir aussuchen», so Linsi. Damit hat es sich dann aber auch schon mit dem Bezug zu Basel. Rainer Ganahl hingegen hat sich unters Basler Volk gewagt: Mit der Videokamera bewaffnet befragte der in New York lebende Österreicher Leute auf den Strassen zur Stadt. Auf einer Wandtafel daneben dürfen die Ausstellungsbesucher die wichtigsten Baseldeutschen Wörter verewigen, «Bebbisagg» steht da schon am ersten Tag, oder «Gugge». Der Stock von Nora Rekade, der lässig an der Wand lehnt, wurde immerhin in Basel hergestellt.

Rebecca Stephany wohnt in Amsterdam, stellt dort gerade aus, und hat via Internet Basler dazu aufgefordert, ihre Kunst zu interpretieren. So bastelten Familien Kunstwerke nach, und andere Künstler schufen aus alten neue Werke. Ein Raumteil wird von Aaron Ritschards «Salon» eingenommen - eine Ansammlung von Möbelstücken, die der Hamburger Kunststudent sich von Baslern ausgeliehen hat. Pedro Wirz hat dazu ein Readymade aus Topfpflanzen gesellt: Sie gehören unter anderem dem Künstler Tobias Madison oder Kunsthallendirektor Adam Szymczyk.

Die Kuratoren seien zufrieden mit der Ausstellung, sagt Linsi. Was ich denn davon denke? Sie dürfen zufrieden sein, finde ich. Der Ausbruch aus dem «Regionale»-Konzept tut gut. Für einmal hört man nicht die altbekannten Namen, sondern kann Neues entdecken. Gut so. Oder etwa nicht?

In ein paar Tagen wird die Serie zu den einzelnen Räumen der «Regionale» mit einem Blick ins Kunsthaus Baselland weitergeführt.

«Eine Stadt in der Grösse von Basel sollte auf jeden Fall einen grösseren Club haben.»

Luca Bruno am Samstag den 27. November 2010

Kaum jemand anderes hatte in den vergangenen Jahren einen so guten Blick hinter die Konzertkulissen der Stadt Basel wie Heinz Darr. Bis vor kurzem war er Bookingverantwortlicher des Volkshauses und hatte vor ein paar Jahren die gleiche Position in der Kaserne inne.

Gestern haben wir uns gefragt, ob Basler eigentlich einfach nicht gerne an Konzerte gehen. Heinz Darr präsentiert uns seine Sicht der Dinge:

Ist Basel ein gutes Pflaster für Konzerte?
Heinz Darr:
Basel hat eine gute Tradition im Britpop, die bis heute wirkt. Natürlich werden die Konzertgänger älter und neue Generationen wachsen nach. Doch wenn man ein Programm nicht nur für die «Szene» macht und auch Publikum von Deutschland, Frankreich und der Restschweiz generiert, hat man auch in Basel tolle Möglichkeiten.

Was heisst das konkret für die Programmierung einer Location wie das Volkshaus?
Ein grösserer Club, der nur auf eine Richtung spezialisiert ist, sei es Indie, Hip Hop oder Techno, wird auf Dauer Probleme haben. Das was für einen kleinen Club unverzichtbar ist – Ausrichtung auf ein Stammpublikum und Verlässlichkeit in der Programmausrichtung – kann für einen grossen Club zur Falle werden, weil es so unheimlich schwierig wäre, regelmässig 1000 Besucher zu generieren. Deshalb muss man aber noch lange nicht «alles» machen, das hängt dann von der eigenen Kompromissfähigkeit ab.

In Basel beschweren sich Konzertgänger oftmals darüber, dass ein zu kleines Angebot besteht. Trotzdem sind die Konzerte in dieser Stadt chronisch unterbesucht. Woran liegt das?
Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es Bands gibt, die in einer vergleichbaren Stadt das Gegenteil bewirken. Das heisst im Klartext: Konzerte, die in Basel kein Publikum anziehen, sind in einer vergleichbaren Stadt auch nicht plötzlich ausverkauft. Es bleibt ein Problem für unbekannte Bands, ein Publikum zu erreichen. Das ist nicht nur in Basel so. Allerdings hatte ich auch schon den Eindruck, dass man hier nicht sonderlich experimentierfreudig ist. Anderseits ist ein grosses Konzertangebot immer vom Publikumszuspruch abhängig: Langfristig wird es nicht 10 Konzerte pro Woche geben, wenn nur eines oder zwei gut besucht werden. Wenn alle die gleiche Rosine picken, wird die Möglichkeit des Rosinenpickens wegfallen.

Ist es in Basel, das nur knapp 50 Zugminuten von Zürich, einer Stadt mit einem viel besseren Konzertangebot, entfernt liegt, überhaupt möglich, ein vernünftiges Konzertprogramm auf die Beine zu stellen?
Natürlich ist Zürich eine Liga für sich, welche die Konzerte bündelt. Die Konkurrenz um eine bekannte Band ist vielfältig, da in der Regel nur ein Termin für die Schweiz zur Verfügung steht. Zürich ist die erste Präferenz, alle anderen Schweizer Städte bewerben sich auch und die Clubs in Basel konkurrieren sich ebenfalls. Aber natürlich gibt es immer wieder Chancen, Bands auch nach Basel zu holen, das zeigt die Vergangenheit.

Das Komitee «Popstadt Basel» fordert eine zusätzliche Konzerthalle für Basel die 1000-1500 Zuschauer fasst. Ist das überhaupt der richtige Ansatz, wenn Konzerte hier so oft nur spärlich besucht sind?
Eine Stadt in der Grösse von Basel sollte auf jeden Fall einen grösseren Club haben. Es gibt ja Schweizer Künstler wie Stress, die Lovebugs oder Sophie Hunger, die nicht mehr unbedingt in einem kleinen Club spielen. Dann sind da deutsche Acts wie Clueso, Sido, BossHoss u.a., die national erfolgreich sind und gerne und oft in der Deutschschweiz spielen. Und internationale Acts von grösserer Bekanntheit würden ohne grössere Konzerthalle so einen Bogen um Basel machen. Und dass grosse Clubs in mittelgrossen Städten funktionieren, sieht man ja in anderen Städten wie Bern, Fribourg oder Solothurn.

Die Kaserne reicht also nicht aus?
Die Reithalle in der Kaserne ist eine tolle Konzertlocation. Durch die zusätzlichen Sparten Theater und Tanz gibt es allerdings zum Einen recht wenig Freitermine für Konzerte und zum Anderen steht die Halle nicht «konzertbereit» mit Bühne, Sound und Lichtanlage zur Verfügung und muss immer erst auf- und nach der Veranstaltung wieder zurückgebaut werden, was jeweils mehrere Tage dauert und sehr kostenintensiv ist.

Nehmen wir mal an, es stünde ein unlimitiertes Budget für die Errichtung einer neuen Konzertlocation in Basel zur Verfügung. Wie sollte diese Location aussehen?
Ich finde das Volkshaus architektonisch und klanglich wesentlich gelungener als viele neue Spielorte, an denen ich war. Einem Neubau fehlt einfach das Flair, wie es ein älteres Gebäude hat. Ich würde also viel Geld in das Volkshaus investieren, bevor etwas Neues gebaut wird. Umgebaute Fabrikhallen haben meist eine gute Atmosphäre, leiden aber oft unter Soundproblemen. Ich war allerdings einmal im Kraftwerk in Rottweil, einem Industriedenkmal, jetzt Veranstaltungslocation. Da dachte ich, das dies in etwa die perfekte Location sei – ausser der Tatsache, dass sie in Rottweil steht (die Rottweiler mögen mir verzeihen).

Auch wenn Ihre Zeit im Volkshaus von eher kurzer Dauer war: Was waren Ihre Highlights?
Das erste Konzert von Sophie Hunger hatte etwas magisches, das sie niemals mehr in dieser Form erreichte. Grizzly Bear waren als Band der Stunde unheimlich schwer zu bekommen und ich war doch ziemlich stolz darauf, dass sie schlussendlich in Basel spielten. Milow war das am schnellsten ausverkaufte Konzert – das hätte man sicherlich auch an drei Tagen vollbekommen. Und die Aftershow-Party von Erobique und The Whitest Boy Alive war unglaublich cool und der wohl schönste Sommerabend, den ich in Basel erlebt habe.

stahlbergerheuss «Im Schilf»

chris faber am Freitag den 26. November 2010

Die wahnwitzigen Maschinen von Erfinder Stefan Heuss spielen den 2 Künstlern im Teufelhof wahrlich in die Hände. Verkehrskegel-Megafon, Flamenco-Gitarren-Nähmaschine, Kokosnusstrommel, Pingpongkanone oder die Sparversion des Dudelsacks: Presskanister mit Flötenansatz umspielen die heftigst heimtückischen Liedtexte wie eine Filmmusik und gehen in Richtung Kunstperformance. Die Texte, charmant stoisch von Stahlberger und liebevoll enthusiastisch von Heuss vorgetragen, nutzen Situationen wie Schneeschuhlaufen, Zahnarzt, Saunagang oder auch mal den Weltuntergang, um skurrile, aber sehr wahrhaftig witzige nachdenkliche Ansichten zu verbreiten. Heuss funktioniert alltägliche Dinge so gekonnt genial zu Musikmaschinen um, das sie auch dem Museum Tinguely gut stehen würden. Wie Heuss spielt Mäder-Kultcomics-Autor Manuel Stahlberger seine Instrumente mit einer wunderbaren Lässigkeit, während Kompressor und Verschwindwurst die Bühne bereichern.

Diese unvergleichliche Kombination führte stahlbergerheuss gradewegs zum Gewinn des Kabarettpreises «Salzburger Stier» 2009 und begeisterte auch gestern Abend das zugabenwillige Publikum.

Das Duo ist noch am Fr 26. / Sa 27. November und Do 2. / Fr 3. / Sa 4. Dezember 2010, jeweils um 20.30 Uhr im Theater im Teufelhof zu sehen. Nicht verpassen!

Basler Graffiti-Wahrzeichen als Weltkulturerbe?

Joel Gernet am Freitag den 26. November 2010

Quelle: foto-werkstatt.ch

Mehr urbane Schweizer Traditionen, darunter Graffiti als Teil der Hip-Hop-Kultur, wünscht sich David Vitali vom Bundesamt für Kultur auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes, wie er diese Woche gegenüber 20minuten Online sagte. Auf den ersten Blick eine gute Idee, gehört doch Graffiti tatsächlich zu den prägenden Elementen im Stadtbild. Die Basler Bahnhofseinfahrt etwa mit ihrer kilometerlangen Graffiti-Galerie ist weit über die Landesgrenze hinaus bekannt. Und nicht wenige sehen in ihr sogar eine Art inoffizielles Wahrzeichen.

Man stelle sich vor: Diese bunte Bahnhofsgalerie gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO – zusammen mit den Pyramiden von Gizeh, dem Yellowstone-Nationalpark, dem Taj Mahal und 908 anderen Objekten in 151 Ländern. Das wärs doch, oder? Basel Tourismus könnte die Kunststadt am Rheinknie noch besser vermarkten und die ansässige Graffiti-Szene (nicht zu verwechseln mit den zahlreichen Schmierfinken) bekommt endlich einmal die Anerkennung, die ihr zusteht.

Doch so schmeichelhaft die Idee auch ist – der Vorschlag ist Bullshit. Erstens: Graffiti ist ein weltweites Phänomen, entstanden Anfang der 70er Jahre in New York. Warum also sollen nun ausgerechnet die Graffiti aus der sauberen Schweiz zum Teil des Weltkulturerbes werden? Das wäre ein Schlag ins Gesicht der Pioniere. Wenn schon, müsste die Subway in New York – von wo aus die farbigen Buchstaben die Welt erobert haben – «geschützt» werden. Oder die unzähligen Graffiti-Mauern der Bronx. Das geht nicht, weil die meisten Bilder dieser Zeit schon weggeputzt wurden? Aha! Da sind wir bei Punkt zwei: Graffiti ist eine flüchtige Kunst. Sie kommt und geht. Altes wird von Neuem übermalt. Das war schon immer Teil dieser Kultur.

Als ich nach dem Tod des weltbekannten Basler Sprayers Dare der Frage nachging, ob seine Bilder im öffentlichen Raum nun eines speziellen Schutzes bedürfen, wurde mir gesagt, dass Dare zeitlebens gegen eine solche Archivierung von Graffiti war. Und ich bin es auch. Das hat nichts mit Geringschätzung dieser Kultur zu tun. Eher mit Respekt und dem Bewusstsein der steten Erneuerung. Graffiti ist eine lebendige Kultur, die auf den Strassen dieser Welt statt findet. Legal und illegal. Im Moment, indem sie unter Schutz gestellt oder ins Museum gesteckt wird, läuft sie Gefahr, dass sie stirbt. Dann müsste man sie tatsächlich ausgraben und archivieren.

Popstadt Basel – Alles nur Lippenbekenntnisse?

Luca Bruno am Freitag den 26. November 2010

Als vergangenen April Roxy Records, der einzige szene-relevante CD-Laden in der Basler Innenstadt, ankündigte, sein Tore für immer zu schliessen, platzte das Roxy an seinem letzten Tag urplötzlich aus allen Nähten. Wahrscheinlich hatten die meisten, die damals noch kurz vor Schluss eine CD ergattern wollten, das Innere des Roxy seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen. Trotzdem beklagten sich alle darüber, dass Basel nun keinen einzigen unabhängigen CD-Laden in der Innenstadt mehr besässe, und im Nu sprossen zahlreiche Facebook-Gruppen aus dem Boden, in denen alle um das Roxy trauerten oder sogar die Verantwortlichen des Untergangs zu Rechenschaft ziehen wollten.

Foto: Dominik Plüss (BaZ)

Knappe 18 Monate später bietet sich das gleiche Bild: Im Februar 2010 wird bekannt, dass das Volkshaus vor dem Ende steht. 5761 Personen unterstützen das Komitee «Popstadt Basel», welches für Basel u.a. eine Konzerthalle mit einem Fassungsvermögen für 1500 Besucher fordert, mit einer Unterschrift. Als knapp einen Monat später dann die kanadische Band The Hidden Cameras zu Gast ist, sind wieder einmal nur 45 Besucher anwesend. Und das ist nicht etwa ein Einzelfall: CasioKids? 40 Besucher. Hercules And Love Affair (im grossen Saal)? knapp über 100 Besucher. Und diese Liste lässt sich leider beliebig fortsetzen…

Doch als letzten Donnerstag dann der Schwede Kristian Matson alias The Tallest Man On Earth zum vorerst letzten Konzertabend im Volkshaus aufspielt, sind im Unionssaal plötzlich über 400 Leute zugegen. Und wie so oft in Basel hört man dann in den Gängen, wie schade es doch sei, dass es mit den Konzerten im Volkshaus nun schon wieder vorbei sei. Und so weiter…

Offensichtlich werden in Basel also lieber Komitees gegründet und Facebook «Like»-Buttons angeklickt, als an Konzerte gegangen. Es stellt sich also die Frage: Wieso braucht Basel eine Konzerthalle für über 1500 Personen, wenn ein Konzertpublikum dafür gar nicht existiert? Oder existiert es doch und wird in Basel schlicht und einfach das falsche Programm angeboten? Diese und andere Fragen haben wir Heinz Darr gestellt - schliesslich kennt sich wohl kaum jemand anderes mit dem Konzertbetrieb dieser Stadt so gut aus, wie der ehemalige Booker des Volkshauses und der Kaserne. Seine Antworten zu diesem Thema werden wir morgen publizieren - alle Leser sind jedoch herzlich dazu eingeladen mittels Kommentarfunktion schon jetzt ihre persönlichen Meinungen dazu abzugeben.

Ein weiterer, verdienter Preis für Claudia und Julia Müller

karen gerig am Donnerstag den 25. November 2010

Man könnte fast meinen, inzwischen sind sie es gewohnt, Preise entgegen zu nehmen: Claudia und Julia Müller durften am Donnerstagabend im Kunsthaus Baselland erneut eine Laudatio hören sowie Blumensträusse und einen Scheck in der Höhe von 10'000 Franken entgegennehmen. Die Laudatio kam von Sabine Schaschl, der Direktorin des Kunsthauses Baselland, die betonte, wie unwichtig es sei, dass Claudia und Julia Schwestern seien. Wichtig sei allein das ideale Zusammenspiel der beiden künstlerischen Tätigkeiten.

Im Kunsthaus Baselland, im Rahmen der Regionale, zeigt das Künstlerteam - nennen wir die Schwestern also ebenfalls so - einen Teil ihrer Arbeit "Habitus versus Habitat" (Bild): Eine gezeichnete Figur, von hinten, sich selbst umarmend, gescannt, geplottet und auf die Wand gebracht. Direkt auf den Putz gemalte farbige Linien, und an die Wand gelehnte weisse plastische Ringe. Die Werke von Claudia und Julia Müller sind immer Collagen aus unterschiedlichen Materialien, so auch hier. Ebenfalls werden wie so oft figurative Elemente mit abstrakten zusammengebracht. Und im Zentrum steht der Mensch.

Der Basellandschaftlichen Kantonalbank ist dieses gelungene Werk 10'000 Franken wert. Doch eigentlich wird damit ja nicht nur dieses eine, sondern das Gesamtwerk der beiden Künstlerinnen ausgezeichnet, die sich auch international einen Namen gemacht haben.

5 Jahre 1.STOCK – Schlaglicht gratuliert

Luca Bruno am Donnerstag den 25. November 2010

Man könnte meinen, dass uns in Basel langsam aber sicher die Orte für Livemusik ausgehen: Letzten Donnerstag fand das vorerst letzte Konzert im Volkshaus statt, der Kuppel droht momentan die Gefahr, bald von Elefanten des Zoos zertrampelt zu werden und auch das Gerücht, dass es beim Schiff zwangsweise bald "Leinen los!" heissen wird, hält sich seit einiger Zeit wacker. Trotzdem kein Grund, nur Trübsal zu blasen: Seit einiger Zeit erfindet sich die Basler Konzertkultur nämlich am Rande der Stadt gerade neu.

Wer sich schon ein mal ins Tram Nr. 10 oder in die S3 Richtung Münchenstein gesetzt hat, um im Hochsommer auf der Terrasse des 1.STOCKs auf dem Walzwerkareal ein Bier zu trinken oder an einem verschneiten Winterabend "The Next Big Thing" zum ersten Mal auf einer Schweizer Konzertbühne Live zu erleben, weiss wovon hier die Rede ist. Ohne schlechtes Gewissen darf man behaupten: Das beste Konzertprogramm aller Basler Clubs wird momentan im 1. Stock in Münchenstein gemacht.

Vor zweieinhalb Wochen feierte der 1.STOCK nun sein 5-jähriges Jubiläum. Grund genug also, nicht nur ein wenig verspätet zu gratulieren und auf die nächsten fünf Jahre anzustossen, sondern auch mit den Machern des 1. Stocks die vergangenen 5 Jahre ein wenig Revue passieren zu lassen. Felix Bossel stand uns Rede und Antwort:

1. Stock, Walzwerkareal Münchensten

Für einige Konzertlocations in Basel und Region sieht es momentan nicht all zu rosig aus. So verwundert es doch eigentlich, dass ihr euer Konzertangebot von Monat zu Monat mit immer mehr bekannteren Acts ausbaut. Womit begründet ihr das?
Felix Bossel: Weil wir nicht auch noch Konzerte machen, sondern vor allem.

Inwiefern seid ihr selbst an euren Aufgaben gewachsen?
Zu Beginn war da kein Masterplan. Eher war es eine spontane Entwicklung in kleinen Schritten, die zu dem führte, was heute ist. Dabei war hilfreich, dass sich im Team von Anfang an für alles Anfallende die passende Besetzung fand: Handwerker, Tontechniker, Gastroerfahrener, Compi-Arbeiter - alles war da und hat sich mitentwickelt. Und auf halbem Wege dieser Entwicklung entstand der Hauptbroterwerb für zwei Drittel des Teams: eine Handwerkergenossenschaft, die uns vieles im baulichen Bereich, besonders was die zeitlichen Ressourcen betrifft, ermöglichte und der ganzen Sache damit nochmals entscheidend Schwung verlieh.

Man kann also durchaus sagen, dass wir an unserer Aufgabe mitgewachsen sind.  Muss man auch, insbesondere in der Zusammenarbeit mit Agenturen und Musikern konnten wir uns mit guter Arbeit einen Ruf machen, was nun eben dazu führte, dass immer bekanntere Namen den Weg zu uns finden. Kurz gesagt: Antrieb = Leidenschaft.

Orte für Livemusik in Basel, die nicht gerade im Radius von 500 Meter um den Barfüsserplatz stehen, bemängeln regelmässig, dass sich ihr abgelegener Standort nachteilig auswirkt. Ist der Standort Münchenstein für euch eher Vor- oder Nachteil?
Sicher geht auf dem Weg nach Münchenstein der eine oder andere Stadtbewohner verloren. Aber das hat auch seine guten Seiten: Das Publikum besteht somit fast ausschliesslich aus Leuten, die wegen der Musik da sind und nicht einfach auftauchen, weil sie halt grad um die Ecke wohnen. Das macht sich insbesondere bei ruhigeren Shows oder ruhigen Passagen von Shows bemerkbar: Es wird nicht geschwatzt!

Aber natürlich muss man, wenn man etwas ausserhalb zuhause ist, ganz besonders den eigenen Ruf kultivieren. Das aufmerksame Publikum ist beispielsweise so eine Sache, die sich da anbietet. Das macht nicht nur den Musikern jeweils grossen Eindruck.

Obwohl euer Club ja inmitten eines Industriegebietes steht, hattet ihr - wie auch viele andere Basler Clubs - schon mit Lärmklagen zu kämpfen. Wie geht ihr damit um?
Mittlerweile hat sich die Lage ein wenig beruhigt und wird das hoffentlich weiter tun. Der primäre Lärm war ja noch nie das Problem. An diesem Standort hängt viel mehr vom Verhalten der Besucher ab, denn auf den ersten Blick könnte man wirklich meinen, dass es weit und breit niemanden gäbe, der sich gestört fühlen könnte. Das ist aber nicht der Fall.

Lassen wir nun die ersten fünf Jahre 1. Stock ein wenig Revue passieren. Was waren die Highlights und was die eher weniger guten Momente?
Grösstes Highlight und grösste Anstrengung in einem: Friska Viljor mit proppevollem Haus, tropfenden Decken, einer Band in Hochform mit zweistündigem Set plus Zugaben, Crowdsurfing bei 2.30m Raumhöhe (somit wohl eher Ceiling-Surfing), einem völlig durchdrehenden Publikum, welches irgendwann dann auch noch den Sänger von der Bühne reisst und gegen die Decke drückt. Ebenfalls grossartig waren The Wave Pictures, die uns an einem Sonntagabend beinahe volles Haus bescherten und sich mit drei Sets à 60 Minuten - und damit der Livepräsentation ihres kompletten Liedkatalogs - bedankten (am 11. Februar 2011 übrigens mit neuem Album zu Gast).

Zu erwähnen wäre auch noch das allererste Schweizer Konzert von Gisbert zu Knyphausen - ein grandioser Soloauftritt in intimem Rahmen, der sein ganzes Potenzial erahnen liess. Giant Panda gehört definitiv ebenfalls auch auf diese Liste - Hip Hop ganz ohne Allüren und Stereotypen. Resultat: Party, aber friedlich und entspannt - und natürlich das erste Efterklang-Konzert als Premiere im Depot oder Port O'Brien - was für liebe Leute!

Weniger gute Momente gab's natürlich auch: Die nicht so gut besuchten Konzerte; oder mühsame, weil geldgierige Bands/Managements/Agenturen. Und eine der wohl grössten Enttäuschungen: die mangelnde Unterstützung und auch Anerkennung durch die Institutionen; und das, obwohl alles, was wir haben - sei es Live-Technik, Umbau und Ausbau der Räumlichkeiten, Expansion ins Depot, und für dort wiederum der Kauf von Live-Technik - aus dem Betrieb selber finanziert wurde und der Beweis mittlerweile mehr als erbracht sein dürfte, dass an diesem Ort ernsthaft und professionell gearbeitet wird. Aber so ist das wohl: Die wirklich spannenden Sachen entstehen an der Peripherie und ohne Zuschüsse.

Und wie sehen eure Pläne für die nächsten Monate aus?
Im neuen Jahr gibt's Umbauten im Depot, damit da ein paar grössere Namen an Land gezogen werden können. Und auch im 1.STOCK werden wir den einen oder anderen Schritt vorwärts machen und ein qualitativ hochwertiges Programm bieten.

Zukünftige Highlights im 1. Stock, von Schlaglicht empfohlen:
Am 12. Dezember erwartet uns die New Yorker Hip Hop-Combo Das Racist, die vor kurzem mit ihrem Mixtape "Sit Down, Man" für mächtig Aufsehen gesorgt hat.

Ausserdem im Dezember im 1. Stock: Howe Gelb's Band Giant Sand (15.12.) schaut mal wieder in Basel vorbei und Freunde von Folk Rock werden sicherlich auch an The Builders & The Butchers (17.12.) Gefallen finden.

http://www.schoolyard.ch/
http://www.facebook.com/1.stock

«Dschungelkind» Sabine Kuegler

chris faber am Mittwoch den 24. November 2010

Wie sie in einem Fluss voller Krokodile badete und viele andere Abenteuer erzählte Sabine Kuegler gestern Abend im Volkhaus. Ihre Kindheit verbrachte sie mit ihrer Familie in West-Papua und erlernte die besondere Tonsprache des Volkes. Gefühlvolle Bilder untermalten ihren spannenden Vortrag. Ihr Leben im Dschungel beim Stamm der Fayu, Käfersnacks und «farblos» genannt zu werden von den Stammesangehörigen, hinterliessen einen nachhaltigen Eindruck. Mit 17 Jahren ging sie in ein Schweizer Mädcheninternat. Sie schildert ihren Kampf von damals, sich in der westlichen Welt zurecht zu finden. Die Rückkehr in ihr Dorf 15 Jahre später und ihr heutiges Leben zeigen interessante Gegensätze auf. Ihre Familie lebte dem kriegerischen Stamm Liebe, Frieden, aber auch den Respekt vor der fremden Kultur vor, so dass am Ende Stammesfeindschaften beendet wurden und viele Freundschaften entstanden. Lustige Erinnerungen wechselten sich mit sehr persönlichen und schmerzhaften Erinnerungen ab, so dass der Abend eine Achterbahnfahrt der Gefühle wurde und viele Lacher wie auch Tränen bei den Zuschauern und dem Dschungelkind erzeugt wurden.

Ein Abend, der von Sabine Kuegler und dem Explora-Team von Andreas Hutter so gut gestaltet war, dass die Zuschauer sich wie bei einem Foto-Abend einer guten Freundin fühlten und am Ende tiefe Einblicke in eine ferne Gegend und in ihr Leben zuliessen. Unbedingt lesenswert ihr Buch: «Dschungelkind».

Vom Keller ins Rampenlicht

Joel Gernet am Mittwoch den 24. November 2010

Dass sich Basel in Sachen Pop, Rock und Rap nicht verstecken muss, ist – zumindest am Rheinknie – kein Geheimis. Dass in Basel aber viele, sehr viele Bands ihr Potenzial nicht ausschöpfen – erst recht auf nationaler Ebene – auch nicht. Woran liegt es, dass Herr und Frau Schweizer neben den Lovebugs und Black Tiger, allenfalls noch The Bianca Story oder The Glue, kaum aktuelle Musiker aus Basel kennen? Liegt es an der viel zitierten Basler Bescheidenheit? Sind unsere Bands zu wenig selbstbewusst? Oder nur zu versifft? Wird Basler Sound vom den nationalen Mainstream-Medien totgeschwiegen? Oder sind die Musiker schlicht und einfach zu schlecht?

Da viele ansässige Bands definitiv die Qualität und das Potenzial haben, national was zu reissen, wage ich zu behaupten, dass viele Basler Künstler zu bescheiden sind. Oder zu versifft. Oder beides. Was kann dagegen getan werden? Ganz einfach: Den Finger aus dem Allerwertesten nehmen und sich jetzt für das siebte Jugendkulturfestival (JKF) anmelden, das am 2. und 3. September die Innenstadt wieder Kopf stehen lassen wird. Folgenden fünf Punkte erklären, warum:

  1. Ein konkretes Ziel vor Augen haben: Wer sich stets nur im Bandkeller verschanzt und «für die Mülltonne» oder fürs Internet (was teilweise aufs Gleiche hinausläuft) musiziert, macht niemals die Fortschritte einer Band mit kontinuierlich wachsender Live-Erfahrung. Der Schritt auf die Bühnenbretter – mit echten Zuschauern und so…, nicht mit Clicks – stellt für die meisten Bands eine magische Grenze dar. Eine Grenze, über die sich viele aus falscher Bescheidenheit – oder eben Versifftheit – zu spät wagen. Klar, noch viel mehr Künstler präsentieren sich zu früh, aber das ist ein anderes Thema. Wer sich für einen Basler Grossevent wie das Jugendkulturfestival (oder auch die BScene) anmeldet, setzt sich ein ambitioniertes Ziel und kann dabei nur gewinnen.
  2. Das «Business» kennenlernen: Wer sich die Mühe nimmt, einen Anmeldeprozess wie beim JKF zu durchlaufen, merkt was es braucht, um über den Bandraum hinaus wahrgenommen zu werden: Eine professionell – am besten auch originell – geschriebene Bandbiographie; vernünftige Bandfotos; einen Plan, wer oder was auf die Bühne gehört und – vor allem – Sound der ready ist, vom Publikum gefeiert zu werden. Künstler, die sich angewöhnen, solche administrative Hürden zu überwinden und die sich so mit sich selber auseinandersetzen, haben es später auch leichter bei einer allfälligen Anmeldung zum «RegioSoundCredit», bei dem dreimal im Jahr Geld für vielversprechende Bands aus der Region ausgeschüttet wird. Als Kellerband mit Ambitionen gilt es solche Angebote sowie Wettbewerbe jeder Art zu nützen.
  3. Live-Erfahrung sammeln: Ein Bandprobe kann niemals ein Livekonzert ersetzen. Eine Combo kann noch so eingespielt sein – wenn sie nicht weiss, wie man mit dem Publikum kommuniziert und wie dieses auf die verschiedenen Lieder reagiert, ist diese Routine wenig wert. Ein überzeugendes Auftreten ist – wie fast überall – die halbe Miete. Mit Live-Routine können einem auch die gröbsten Patzer, sofern man diese originell auffängt, Publikums-Sympathien einbringen.
  4. Sich dem Publikum und den Fachleuten präsentieren: Nur wer sich zeigt, kommt ins Gespräch. Nur wer im Gespräch ist, wird auch weiter beachtet. Am Jugendkulturfestival ist halb Basel auf der Strasse (zumindest die musikaffine Peergroup). Zudem werden auch namhafte Komponenten aus der Musikszene unterwegs sein, denen man sich zeigen kann.
  5. Der Durchbruch ist möglich: Wenn eine unbekannte Kellerband an einem Grossevent wie dem Jugendkulturfestival überzeugt, hat sie gute Chancen auf Folgeauftritte. Oder, dass sie beim nächsten JKF nicht am Freitagnachmittag auf einer Nebenbühne, sondern am Samstagabend auf einer Hauptbühne spielen wird. Wer seinen Auftritt zudem via Videobilder (gibt es eine schönere Video-Kulisse als die voll besetzte Basler Innenstadt?) optimal weiter verwertet, kann noch mehr Leute erreichen und beeindrucken. Es soll ja Basler Bands geben, die auch dank einem JKF-Videoclip den nationalen Durchbruch geschafft haben. Also ran an den Speck!
  6. Spass haben: Das Wichtigste zuletzt. Es gibt für eine Band aus der Nordwestschweiz kaum etwas schöneres, als an einem Spätsommerabend in der zum bersten gefüllten Innenstadt zu spielen. Punkt.

Also… seit dieser Woche können sich (nicht nur) Musiker aus der Region für das siebte Jugendkulturfestival anmelden (hier das Formular). Und ich hoffe, dass sich die ein oder andere Kellerband am Riemen reisst und am ersten Septemberwochenende auf einer der JKF-Bühnen steht. Auf dass Basel bald wieder mehr zu bieten hat als eine Handvoll nationale bekannter Musiker. In Anbetracht des lokalen Potenzials kann es doch nicht sein, dass unter den über 300 Bewerbern für das SF-Finale zum Eurovision Song Contest (ESC) nicht einmal ein halbes Dutzend regionale Artists waren (oder sind sie sich zu schade dafür?)! Immerhin: Mit zwei von zwölf Finalisten – The Glue und Anna Rossinelli – ist Basel nun dafür quasi überproportional vertreten in der Finalshow um die Schweizer ESC-Vertretung. Und was ist schon der Konkurs-Concours gegen das Basler Jugendkulturfestival…

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