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Öffentliche Provokation in Style am Rhein

Joel Gernet am Samstag den 11. Juni 2011


Ab heute Samstag, 19 Uhr, wird in der Carhartt Gallery in Weil am Rhein zum dritten Mal Graffiti, Streetart und artverwandte Kunst gezeigt. Wobei…zum dritten Mal ist eigentlich nicht ganz korrekt, denn streng genommen wird beim Steetwear-Outlet neben dem Rheincenter schon seit mindestens einem Dutzend Jahren Graffiti präsentiert. Damals zierten die farbigen Schriftzüge die Fassade der heruntergekommenen Fabrikhalle, heute hängen die Bilder im Innern des aussen unbefleckten Neubaus, der seit der Eröffnung 2006 mit einer integrierten Kunstgalerie auftrumpft.

«Public Provocations III» heisst die Ausstellung, welche zum dritten Mal urbane Künstler aus aller Welt ans Rheinknie bringt. Die zwölf grosszügig angelegten Ausstellungsboxen werden u.a. bespielt von El Mac (USA), Loomit (De), Won (De), Aryz (Esp) und Scheme (Ru). Und von Dream aus Liestal, dem einzigen Schweizer in der illustren Runde. «Die Region Basel war schon immer ein sehr fruchtbarer Boden für Graffiti», sagt Kurator Stefan Winterle mit einem Schmunzeln im Gesicht, «und jetzt war höchste Zeit für Dream».

Nach längerer Absenz hat sich der Sprayer nämlich wieder mit einer Schwemme neuer schwungvoller Schrift-Züge zurück gemeldet. Zusammen mit der Basler Graffiti-Legende Dare kann Dream als Inspiration des inzwischen weltbekannten Basler Sprayers Smash137 betrachtet werden.

Die diesjährige «Public Provocations» ist für die Macher ein Neubeginn: Zum ersten Mal hat das Team mit Kurator Winterle, den PR-Damen Francesca Fresta und Bianca Porcelli sowie dem Carhartt-Verantwortlichen Kevin Reinhart die Ausstellung «alleine» realisiert. Der Grund dafür ist traurig: Wenige Wochen vor der letztjährigen «Public Provocations» ist der damalige Kurator Sigi von Koeding – welcher als Sprayer Dare Weltruhm erlangte – im Alter von 41 Jahren einer schweren Krankheit erlegen. «Es war wie auf einem Schiff ohne Führung», erinnert sich Kevin Reinhart. Innerhalb kürzester Zeit habe man umstrukturiert, um die Ausstellung zu ermöglichen.

Kusillo Utopico des Chilenen Inti

Auch für Stefan Winterle war es eine intensive Phase: «Als ich von Carhartt gefragt wurde, ob ich Public Provocations kuratieren wolle, habe ich mich schon gefragt: Bin ich schon soweit?», sagt der langjährige Freund von Sigi von Koeding. Sein eigenes Atelier hat der Stencil-Künstler aus Weil am Rhein gleich um die Ecke, deshalb habe ihn Sigi auch früher immer wieder eingespannt und um Rat gefragt. «So konnte ich, ohne es damals zu wissen, die Prozesse rund um die Ausstellung mitverfolgen.»

Mit der dritten «Public Provocations»-Ausgabe steht jetzt also die erste Schau ohne direkten Einfluss von Grossmeister Dare an, der sein Atelier viele Jahre neben dem Kleider-Outlet hatte und dessen Freundschaft zu Carhartt-Europa-Chef Edwin Faeh diese Gallery überhaupt erst ermöglicht hat. Kurator Winterle hat strenge Tage hinter- und aufregende, schöne Tage vor sich. «Wenn man sieht, wie sich die Puzzleteile jetzt alle zusammenfügen, macht das schon Freude», sagt er, «ich glaube, das gibt ein Superfest bei der Eröffnung». Zur Vernissage 2010 kamen rund tausend Besucher. Auch Kevin Reinhart, Outlet-Zuständiger, ist guter Dinge: «Das Herzblut, das wir investieren wird angenommen von den Leuten. Das ist manchmal schon überwältigend.»

Inhaltlich folgt die «Public Provocations» keinem eigentlichen Konzept. «Der Aufhänger ist Qualität», erklärt Kurator Winterle, der während des vergangenen Jahres von Dutzenden von Künstler-Anfragen überhäuft wurde. «Leider wenig mit Substanz», wie er sich erinnert. Auch dieses Jahr setzt man auf den bewährten Mix aus alten Hasen und Newcomern. Die Ausstellung soll zeigen, was derzeit in der Szene passiert – und das geht weit über Graffiti hinaus. So werden in Weil am Rhein auch Stencil- (Schablonen-), Acryl-, und Ölbilder zu sehen sein. Und architektonische Gebilde. «Wir wollen zeigen, dass Graffiti keine Schmiererei, sondern Kunst ist – dafür hat auch Sigi gekämpft», erklärt Francesca Fresta.

Rems182 (It): Portrait of Mauro

Ihre Kollegin ergänzt: «Wir stellen hier Künstler aus, die man danach so vielleicht nicht wieder zu sehen bekommt», erklärt Bianca Porcelli. Sie meint damit, dass man in Weil am Rhein immer wieder Künstler zeigte, die kurz vor dem internationalen Durchbruch standen und die nach dem Abstecher ans Rheinknie von angesehenen Institutionen wie der Museum of Contemporary Art in Los Angeles oder in Völklinger Hütte im Saarland, immerhin UNESCO Weltkultuerbe, engagiert wurden. «Die schönen Häuser beginnen sich jetzt auch für urbane Kunst zu öffnen», freut sich Winterle. Eine Basler Galerie habe sich zum Beispiel bereits nach einem Treffen mit US-Künstler El Mac erkundigt, der dieser Tage wegen der «Public Provocations» in Basel weilt.

Mit ihrer Grösse und ihrer Ausrichtung habe die Carhartt Gallery im Segment der urbanen Kunst einen Vorreiterrolle inne, finden die Macher. Der Schritt hin zur endgültigen Etablierung von Graffiti und Streetart im globalen Kunstbetrieb ist aber noch nicht ganz vollzogen. «Es ist nicht ganz einfach, neben den Kennern auch das Art-Basel-Publikum abzulocken», meint Winterle. Er geht aber davon aus, dass sich dies über die Jahre ändert – schliesslich werde auch an der Art Basel vermehrt Urbane Kunst gezeigt. Zudem entdecken auch immer mehr Kunstsammler diese relativ neue und äusserst lebendige Kunstrichtung für sich.

Was die «Public Provocations»-Macher besonders freut, ist das stark durchmischte Publikum. Vom gut betuchten Rotary-Club-Mitglied bis hin zum Teenager, der mit Skizzenbuch aufkreuzt, sei alles dabei. «Mir macht es Spass wo es hingeht, wir sind da schon verwöhnt», sagt Winterle mit glänzenden Augen. Mit Blick in die Zukunft fügt er an: «Ich freue mich auf die Verlängerung der 8er-Tramlinie». Diese beschert der Carhartt Gallery nämlich ab 2013 eine direkte Tramverbindung in die Basler Innenstadt.

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3 Kommentare zu „Öffentliche Provokation in Style am Rhein“

  1. danke joel, superartikel!

  2. martin perrig sagt:

    super text!! chappeau joel…..greetz

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