Beiträge mit dem Schlagwort ‘Pamela Rosenkranz’

Viva la Diva!

Ewa Hess am Dienstag den 27. Oktober 2015

Liebe Sammlerinnen und Sammler – sind wir das nicht alle irgendwie? –, die Londoner Kunstmesse Frieze hat den in sie gesetzten hohen Ansprüchen dieses Jahr kaum entsprochen. Ja, ja, ich weiss, es gab Verkäufe und man kann immer Entdeckungen machen – doch das wichtigste verkaufte Bild, von dem ich gehört habe, war Damien Hirsts «Holbein» (seine Galerie White Cube verkaufte es für 1,2 Millionen Dollar). Das sagt es aber schon: Damien Hirst! White Cube! Nichts Neues in London! Die Galeristen klagten unter vorgehaltener Hand über laue Verkäufe und unschlaue Besucher – London war ein Ärgernis.

Die Bezeichnung «domestiziert» des Marktkenners Kenny Schachter trifft das, was in London passiert, am besten. Frieze, das war doch zunächst, ganz am Anfang, eine Ausstellung der jungen Wilden, in den kalten Thatcher-Jahren. Von diesem Spirit des Authentischen zehrten sowohl die Zeitschrift «Frieze» wie später auch die gleichnamige Messe. Doch seit London die Lieblingsstadt der Celebrities und Oligarchen geworden ist, scheint die Luft langsam zu entweichen.

Die Messe FIAC im Grand Palais: der Stand von Karma International, unnachahmliche Architektur des Grand Palais, der Stand von Hauser & Wirth

Die Messe Fiac: Der Stand von Karma International (an der Wand: Pamela Rosenkranz, am Boden: Bettskulptur von Melanie Matranga). Mitte: Grand Palais. Rechts: Der Stand von Hauser & Wirth mit Ausgaben von «Charlie Hébdo» in der Mitte.

Darum war diesen Herbst nicht London, sondern das künstlerisch aufholende Paris die Messe der Stunde. Natürlich auch die schöne Fiac im spektakulären Grand Palais. (Mir fielen vor allem zwei Stände auf: derjenige von Karma International mit Werken von Pamela Rosenkranz, Melanie Matranga und Simone Fattal sowie der von Hauser & Wirth mit einer kuratierten Ausstellung der Galeriekünstler zum Thema «Charlie Hébdo». Ganz toll die Arbeit von Isa Genzken, eine Assemblage aus gefundenen Objekten, die den revolutionären Geist spiegelt.)

Für den meisten Gesprächsstoff sorgte aber vor allem die ganz neue, erfrischend andere Messe, Paris Internationale, in einem wunderschönen alten Wohnhaus in der Avenue d’Iéna – ich habe sie vor zwei Wochen schon kurz erwähnt hier.

JoinedParis InternationaleDiva

Aaaaaaaah! Links: Soirée Diva. Mitte: Eingang zur Messe. Rechts: Eine Performance mit Stofftier.

Paris Internationale hatte alles, was man in der Kunstwelt neuerdings so schmerzhaft vermisst: echten Innovationsgeist, Kameradschaft unter den Galeristen sowie Künstlern und auch diesen spontanen Glamour des Unfertigen und Improvisierten. Am Mittwoch traf man sich zu einer Soirée Diva, es gab Performances, schräge Disco und flamboyant gekleidetes Jungvolk, später ging es in den Club Le Baron für eine lange Nacht des Vergessens. Erstaunlich, wie viele Kuratoren und Sammler an die Avenue d’Iéna pilgerten, um am Jungbrunnen der Messe zu nippen.

Keine White Cubes: Der Stand von Gregor Staiger mit Werken von und Florian Germann, Mitte Marc Buers Wandzeichnung bi Freymond-Guth, der Stand Galerie Sultana, Paris

White Cube war gestern (v.l.): Der Stand von Gregor Staiger mit Werken von Marie-Michelle Deschamps und Florian Germann, Marc Bauers Wandzeichnung bei Freymond-Guth Fine Arts, der Raum der Galerie Shanaynay, Paris, mit Werken von Keith Farquhar.

«Paris’s other, edgier art fair», schrieb die «New York Times», und auch die Pariser Kultzeitschrift «Les Inrockuptibles» räumte der neuen Messe viel Platz ein. Die Messe ist eine gemeinsame Initiative einiger Pariser Galerien und der Zürcher Galerie Gregor Staiger. Der Galerist Jean-Claude Freymond-Guth war auch dabei, u.a. mit einer wunderbaren Wandzeichnung des Schweizer Künstlers Marc Bauer. Paris Internationale hätte man dieses Jahr mit besserem Recht Frieze nennen können, denn die Räume, denen man ihre grossartige Vergangenheit gut ansah, hatten den rohen, frösteligen Charme des kaum geflickten Zerfalls. Kleine, kuratierte Kumpelmessen sind vielleicht wirklich das Zukunftsmodell und ein Ausweg aus der viel beklagten Messenmüdigkeit genannt Fair-tigue. Die zürcherisch-jurassische Designerin Marie Lusa (sie ist ein Teil der Galerie Gregor Staiger) verpasste der Messe einen federleichten Auftritt, mit einem verzückten Seufzer Aaaaaaaah! im Titel. Um Mitternacht sang die unnachahmliche Mathilde Fernandez – vive la Diva!

Nur so als eine kleine Frage: Brauchen wir nicht so etwas in Zürich? Nebst der gut etablierten Kunst Zürich könnte die Stadt durchaus etwas zusätzlichen Pioniergeist vertragen!

Mathilde Fernandez singt, eine Messe rockt Paris, Disc Jockey mit Hut

Eine Messe rockt Paris: Mathilde Fernandez singt, ein DJ trägt den Hut eines kanadischen Mounty.

Und à propos Diva und Jurassierin – bestimmt ist Ihnen Gina ein Begriff, die Bühnenkreation der Performerin Eugénie Rebetez? Eugénie tanzte am Sonntag inmitten der Skulpturen des grossen Hans Josephsohn bei Hauser & Wirth im Löwenbräu. Es war eine Erfahrung, die den schläfrigen Sonntagmittag wie ein Blitz erhellt hat, denn die Kunst von Rebetez lässt niemanden gleichgültig. Sie bringt das Unangepasste, Menschliche ohne Scheu vor der eigenen «Unfertigkeit» hervor – nicht auf die gleiche Weise wie die erschütternden Torsi und Reliefs Josephsohns, doch es hat durchaus etwas Kongeniales. Eugénie tanzt am Mittwoch um 19 Uhr nochmals, don’t miss!

Links und rechts: Eugénie Rebetez performt inmitten der Skulpturen von Hans Josephsohn, Mitte: Diva Eugénie Rebetez

Unangepasst, menschlich, berührend: Eugénie Rebetez performt inmitten der Skulpturen von Hans Josephsohn bei Hauser & Wirth in Zürich (Fotos: Nelly Rodriguez und Augustin Rebetez).

(Achtung übrigens, apropos Kunst Zürich, sie geht auch schon diese Woche los – Halle 550 in Oerlikon! Am Freitag spricht Tobia Bezzola mit Dieter Meier, und am Sonntag im Rahmen des «Tages-Anzeigers»-Podiums unterhalte ich mich mit dem Sammler Hubert Looser, jeweils 14 Uhr.)

Oslo calling

Ewa Hess am Dienstag den 30. September 2014

In Brüssel ist die Botschaft vielleicht noch nicht angekommen, doch aus Oslo haben wir brandaktuell zu vermelden: Die Schweiz ist Europa, und wie! Die Gruppenausstellung «Europe, Europe» im prunkvollen brandneuen Privatmuseum Astrup Fearnley zeigt die Kunst von morgen, also die ganz junge Kunst von heute. Und da ist die Schweiz ganz vorne mit dabei.

Was: Gruppenschau «Europe, Europe» im Astrup Fearnley Museum in Oslo
Wann: 18. September 2014 bis 1. Februar 2015
Wo: Oslo, auf der Halbinsel Tjuvholmen, einem schicken Neubauquartier mit Strand

Fischli/Weiss-Häuschen im Museumspark, Skulptur von Louise Bourgeois, Renzo Pianos Astrup Fearnley Museumskomplex

Fischli/Weiss-Häuschen im Museumspark, Skulptur von Louise Bourgeois, Renzo Pianos Museumskomplex.

Schon der Titel der Schau weist in die Schweiz. Einer der Kuratoren ist schliesslich der Kunstpate Hans Ulrich Obrist. (Mit der Bezeichnung Pate will ich übrigens gar nicht irgendwelche finstere Mafia-Vergleiche evozieren. Ganz im Gegenteil, so viel wie der allgegenwärtige Globalkurator Obrist für die ganz junge Generation tut, das soll ihm mal einer nachmachen! Pate also gleich Götti.) Und Obrist verrät, dass er sich für den Titel «Europa, Europa» wegen Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» entschied. Dort wiederholen sich die Sätze der Güllener im bedrohlichen Rhythmus. Na ja, um Gerechtigkeit, wie bei Dürrenmatt, geht es in der Osloer Schau nicht. Doch die raumgreifende Arbeit des neuseeländischen Künstlers Simon Denny im Hauptraum der Ausstellung hat durchaus etwas Bedrohliches an sich. Es geht darin um ritualisierte Corporate-Kultur bei der koreanischen Firma Samsung.

Simon Denny grosse Installation «New Management» zur Corporate-Kultur, hier der koreanischen Firma Samsung

Simon Dennys grosse Installation «New Management» zur Corporate-Kultur der koreanischen Firma Samsung.

Die alte Mme Zachanassian, die im «Besuch» ihr Heimatdorf straft, hat übrigens – erinnern wir uns – ihre Milliarden von den Ehemännern im Öl- und Reedergeschäft geerbt. Ha! Das passt, denn das Museum, in dem «Europe, Europe» gerade ausgerufen wird, hat ein Mann bauen lassen, der den Schiffen und dem Öl auch einige Milliarden zu verdanken hat: Hans Rasmus Astrup, im reichen Norwegen einer der Reichsten. Um Astrups eindrückliche Sammlung der globalen Kunsttrophäen zu beherbergen (Koons! Hirst! Murakami! etc.), hat Renzo Piano ein grosses Wikingerschiff aus Holz und Stahl entworfen, das in Oslos Quartier Tjuvholmen auf ewiger Lauer zu liegen scheint.

Museumbesitzer und Schiffbau-Tycoon Hans Rasmus Astrup mit der norwegischen Königin Sonja an der Inauguration seines Museums 2012, Museumsdirektor Gunnar Kvaran (rechts, links der Co-Kurator Thomas Boudoux) vor den Gemälden Emil M Kleins, Hans Ulrich Obrist spricht an der Eröffnung zur jungen Gemeinde

Museumbesitzer und Schiffbau-Tycoon Hans Rasmus Astrup mit der norwegischen Königin Sonja an der Inauguration seines Museums 2012, Museumsdirektor Gunnar Kvaran (rechts, links der Co-Kurator Thomas Boutoux) vor den Gemälden Emil M Kleins, Hans Ulrich Obrist spricht an der Eröffnung zur jungen Gemeinde.

Hans Rasmus Astrup ist an der Vernissage anwesend, ein grosser Mann mit gesund geröteten Wangen – Fischer und Jäger ist er auch. Und natürlich die Schweizer Delegation, nebst dem HUO und dem von ihm ernannten Kurator Fredi Fischli auch noch Künstler Kaspar Müller, Fabian Marti, der Kurator Arthur Fink und Galeristin Karolina Dankow. Zudem hat Norwegen in der Person von Katya Garcia-Anton auch noch ein in der Schweiz bekanntes Gesicht im Kunstkader: Die ehemalige Direktorin des Centre d’Art Contemporain in Genf ist seit 2011 die Leiterin des OCA, also von so etwas wie der norwegischen Kunst-Pro-Helvetia.

Schweizer mischen sich in Europa ein: Künstler Kaspar Müller, Kurator Fredi Fischli, Galeristin Karolina Dankow, norwegische Künstlerkollegen Ignas Krunglevicius und Tori Wranes

Schweizer mischen sich in Europa ein: Künstler Kaspar Müller, Kurator Fredi Fischli, Galeristin Karolina Dankow, norwegische Künstlerkollegen Ignas Krunglevicius und Tori Wranes.

Aber zurück zur Generation Post-Internet. Welt offline kennen ihre Vertreter, nach 1980 geboren, nur aus Erzählungen. Für die ist ein Gemälde so etwas wie ein kaputter Monitor. Ihre Welt ist im ständigen Fluss der Bilder begriffen. Kein Wunder, steht man zunächst etwas ratlos vor mancher Installation, in der gleichzeitig mehr passiert, als man Augen und Ohren hat. Der Museumsdirektor und Spiritus rector der Schau, der Isländer Gunnar Kvaran, führt das Phänomen Post-Internet auf drei Faktoren zurück. Erstens Schengen. Weil man seit dem Grenzöffnungsabkommen ungehindert reisen kann, was zu einem noch intensiveren Austausch unter den Jungen führt. Zweitens Bologna. Weil die Kunstschulen seit der europaweiten Universitätsreform ihren Fokus nicht mehr auf die ästhetische Ausbildung legen, sondern Konzepte unterrichten. Das führt dazu, dass statt Künstlern philosophisch versierte Intellektuelle die Kunstschulen verlassen. Drittens – na eben. Sie wissen schon. Die grosse Wissens- und Bilderschleuder Internet.

Kaspar Müllers Installation, Camille Henrots Anspielungen an die Moderne. Stein-Installation Tori Wranes': Steckt die Künstlerin drin?

Kaspar Müllers Installation, Camille Henrots Anspielungen an die Moderne. Toni Wranes’ Stein-Installation.

Damit kommen wir zur zweiten Eigenheit der Post-Internetler: Sie lieben Geschichte. Schliesslich ist das Internet nichts anderes als ein grosses, grosses Archiv, in dem alles irgendwie gleichzeitig existiert. So malt der andere Schweizer, Emil M Klein, in einem Stil, der an die geometrisch-realisitische Strömung des Abstrakten Realismus gemahnt, etwa Elsworth Kelly. Das fällt auch Kvaran auf. Doch er gibt sofort wieder Entwarnung: Dieser Flirt mit der Moderne heisst noch lange nicht, dass sich die Werke auch ihrem Inhalt nach gleichen. Es sei eine Koketterie, die die eigentlich konzeptuelle Beschaffenheit der Malerei nur kaschiert.

Es zeigt sich deutlich: Auch diese philosophisch aufmunitionierte Kunst überzeugt vor allem dann, wenn sie ästhetisch einen adäquaten Ausdruck findet. Die ganze heterogene Szene, in der alle gleichzeitig Künstler, Kuratoren, Galeristen, Ideologen, Konzeptmacher, Bildhauer, Maler Fotografen und Videofilmer sind, ist der Humus, auf dem die Fähigkeit eines Einzelnen, ein unvergessliches Kunstwerk zu erschaffen, sich entwickeln kann.

Wie dem auch sei, die Schweizer Ecke mit der grossen Installation von Kaspar Müller und den Gemälden Kleins sieht wunderbar aus. Dort finden auch die Reden statt. Beide Künstler stammen aus dem Stall der Galeristin Francesca Pia, der ursprünglich Berner Unentwegten mit dem Flair fürs Authentische. Ihre seit einigen Jahren nach Zürich umgesiedelte Galerie im «zweiten Löwenbräu», den Räumen an der Limmatstrasse 268, vereint Tradition mit «cutting edge» Moderne.

Pamela Rosenkranz , eine Künstlerin von «Karma International», hat in Oslo einen eigenen Raum erhalten. Die intellektuellste unter den jüngsten Schweizern wird uns bald an der Biennale in Venedig vertreten. Eiskalt richtet die Wissenschafterin unter den Jungkünstlern die Illusion der Integrität des menschlichen Körpers und Geistes hin. Ihre gleichgültige Stimme zählt im dunklen Raum der Osloer Ausstellung detailliert die fatalen Folgen der toxischen Farbe Ultramarin auf den menschlichen Körper auf. Yves Kleins Ultramarin, von einem seiner Gemälde abgefilmt, wird unterdessen mit einem Beamer auf die Wand des dunkeln Raumes projiziert. Der Name des Werks: «The Death of Yves Klein». Klein soll ja am Gift seiner eigenen Erfindung, des International Klein Blue, gestorben sein.

Katya Garcia-Anton, ehemals Centre d'Art Contemporain in Genf, jetzt die norwegische Mme Kunst, Festsaal im Museum, Künstler Fabian Marti und Lena Henke auf der Treppe des Künstlerhauses

Katya Garcia-Anton, ehemals Centre d’Art Contemporain in Genf, jetzt die norwegische Mme Kunst, Festsaal im Museum, Künstler Fabian Marti und Lena Henke auf der Treppe des Künstlerhauses.

Sterben tut in Oslo indes niemand. Ganz im Gegenteil! Nach dem Fischbuffet inmitten eines gigantischen Werks von Anselm Kiefer schlendert man gemeinsam in das Haus der Künstler, wo der Abend bei viel Bier ausklingt. Die Osloer Kunstgemeinde zeigt sich von der gastfreundlichen Seite. Künstler wie Ignas Krunglevicius, eigentlich ein Litauer, und die Performerin Tori Wranes fragen mit ungläubig blinkenden Blicken, ob es stimmt, dass es in der Schweiz so viele Sammler gäbe. In Norwegen, erzählen sie, sammle ausser des alten Herrn Astrup kaum jemand. Die norwegischen Künstlersubventionen seien aber so grosszügig, dass sie ihre Werke gar nicht zu verkaufen bräuchten. Irgendwie wehmütig klingt das schon. Und wie sie die Schweizer Kollegen anschauen: Als ob gut genährte Zootiger die sich in der Wildnis erfolgreich durchschlagenden Raubtiere beobachten würden.

Fliegt, Schmetterlinge!

Ewa Hess am Dienstag den 9. September 2014

Leute! Von Zürich nach Rapperswil, das ist doch keine Distanz! Zwischen der West Bronx und Brighton Beach in New York etwa liegt eine höhere Anzahl Kilometer, von der Dichte des Verkehrs schon gar nicht zu reden. Dafür ist es ein Hauch von Williamsburg, was man in Rappi in der letzten Zeit wahrnimmt. Williamsburg, also jenem New Yorker Quartier, in dem sich Studenten und Welterfinder tummeln. Hier wie dort schnuppert man «the shape of things to come».

Wann: Samstag, 6. September 2014
Wo: Rapperswil, Alte Fabrik
Was: Gruppenausstellung junger Szene: «Courting Aporia», bis 26.10.

Allein schon die Alte Fabrik ist ein Ort mit cooler Vergangenheit. Es ist die alte Fabrikationsstätte der Firma Geberit, also hier wurden bis 1962 die Spülkästen für Klos hergestellt. Ich weiss, mein Vorschlag kommt zu spät, aber etwas mit Klo im Namen wäre auch nett gewesen. Zum Beispiel «Loo factory»? Vielleicht zu britisch. Aber ich erinnere daran, dass Maurizio Cattelans Kultzeitschrift «Toiletpaper» heisst. Jedenfalls, 1988 hatte Jörg Gebert, der Enkel des Geberit-Gründers, die Idee, in dem stillgelegten Fabrikgebäude ein Kulturzentrum einzurichten. Dann gründete die Familie Gebert die Gebert-Stiftung für Kultur. Und dann hat Stiftungspräsidentin Christa Gebert 2006 den Kurator ins Leben gerufen,  eine Spielwiese für Jungkuratoren.

Ein Hauch von Williamsburg: Das Kunst- und Kulturzentrum Altefrabrik in Rapperswil

Ein Hauch von Williamsburg: Das Kunst- und Kulturzentrum Alte Fabrik in Rapperswil SG.

Mit Fredi Fischli und Niels Olsen sind zurzeit zwei mit viel Punch am Ball. Sie haben bisher Anregung für die Zukunft in der Vergangenheit gesucht und sich mit dem Kuratoren-Altmeister Bob Nickas zusammengetan (Giovanni Pontano berichtete für Private View hier). Doch jetzt wagen sie den direkten Schritt in die Zukunft. Und machen Platz für eine Generation, die so jung ist, dass die beiden Jungtürken Fischli/Olsen ihnen gegenüber fast schon onkelhaft auftreten dürfen. «Mikrogeneration» nennt das Fischli, weil die Generationen in unserer hyperbeschleunigten Gegenwart so schnell aufeinander folgen. Zwei, fünf Jahre später und schwups, alles ist anders.

Den Blick von aussen liefert die New Yorkerin Lola Kramer, zwar selbst eine Angehörige der aufstrebenden Generation 20+, doch in Zürich wie eine Forscherin im unbekannten Land unterwegs. Sie hat eine dichte Szene von coolen Offspaces geortet und aus ihrem Programm die riesige Ausstellung husch, husch zusammengestellt, wunderbar unprätentiös.

Kuraotrin Lola Kramer wird vom Künstler Mayo in der Kunst unterwiesen, den Namen Mayo mit den Fingern in die Luft zu zeichnen

Künstler Mayo unterweist Kuratorin Lola Kramer in der Kunst, den Namen Mayo mit den Fingern in die Luft zu zeichnen.

Als Lola vor wenigen Monaten nach Zürich kam, wohnte sie in der Wohnung von Pamela Rosenkrantz, die uns im kommenden Jahr an der Biennale in Venedig vertreten wird. Und sie war von der Zürcher Szene so begeistert, dass sie sofort eine Ausstellung in der besagten Wohnung veranstaltet hat. Die hiess «How do you solve a problem like Maria». Ich weiss nicht, ob Sie sich an den Film «The Sound of Music» erinnern mögen? Und die kleine ungehorsame Nonne, die alle zum Lachen brachte? Das war Maria. Eine Träumerin und ein Wildfang, und die Nonnen sangen über sie diesen sentimentalen Ohrwurm. Ach.

Wolkenfänger, Mondanhalter, junge Schmetterlinge, die gerade ausgeschlüpft sind: Das sind auch diese Jungen, die gerade in Rappi ausstellen. «Courting Aporia» nennt Lola diese Schau. Weil Aporia der lateinische Name eines Schmetterlings ist (des Baum-Weisslings, wenn Sie es genau wissen wollen). Aber auch weil Aporie als philosophischer Begriff (laut Duden) folgendes bedeutet: «Unmöglichkeit, eine philosophische Frage zu lösen, da Widersprüche vorhanden sind, die in der Sache selbst oder in den zu ihrer Klärung gebrauchten Begriffen liegen».  Die Welt kann der Generation, die gerade neu dazukommt, schon manchmal wie ein verdammtes Rätsel vorkommen.

Die Architekten Isa Stürm und Urs Wolf (Stürm & Wolf) begutachten Mayos Installation «Paradies», Tuchbild von Thomas Sauter, Tina Braegger mit klein Katharina vor ihrem Objekt «Untitled»

Die Architekten Isa Stürm und Urs Wolf (Stürm & Wolf) begutachten Mayos Installation «Paradies», das Tuchbild von Thomas Sauter, Tina Braegger mit klein Katharina neben ihrem Objekt «Untitled»

Diese hier gezeigte Kunst, ein Rundgang zeigt es, ist eine erste These. Noch fragil, manchmal auch unausgegoren, wenn auch schon manchmal von einer stupenden formalen Sicherheit wie etwa die Tuch-Bilder von Thomas Sauter. Der Churer, von dem wir auch schon berichtet haben, ist mit 30 Jahren schon etwas älter als die meisten hier und konnte mit seinen virtuosen Objekten aus gespannten Tüchern bereits internationale Anerkennung erobern. Er gehört zum Umkreis des Offspace Plymouth Rock, dessen Betreiber Mitchell Anderson auch selber ein Künstler ist. Sein Objekt ist eine gestickte Inschrift, die aber von der Rückseite her präsentiert wird. Schon wieder so ein  Rätsel. «Good luck», ruft mir der Künstler ironisch zu, als er sieht, dass ich vor dem Werk die Stirn in Denkfalten lege.

Künstler, Kuratoren, sie sind alle ein bisschen alles. Das ist typisch für diese Generation, die genug vom künstlerischen Ego-Trip hat und verschworene Communitys bildet. Offspaces Up State, Muda Muramuri oder Taylor Macklin sind hier vertreten. Und es gibt nicht wenige Gemeinschaftsarbeiten, wie etwa die «singenden Abfallkübel», eine effektvolle Soundinstallation von Marc Hunziker, Tim Eicke, Mayo & Friends sowie Rafal Skoczek. Werke tauschen, einander unterstützen, gemeinsam Installationen entwerfen – das ist das Credo der Youngster.

Es ist eine Generation, die sich Sorgen um die Welt macht – wie Marc Asekhame, der mit seinem Netzbild «Nana Benz» den Export von in Holland hergestellten Stoffen der Firma Vlisco nach Westafrika thematisiert. Auch ein Zinnobjekt von Tina Braegger, das an die wahrsagenden Figürchen erinnert, die man am Sylvester ins kalte Wasser giesst, wirkt unbehaglich. Ist es ein Püppchen oder ein Mutant? Die junge Künstlerin,   eine der interessanteren Figuren ihrer Generation, lächelt ihrer kleinen Tochter zu. Die Verantwortung ereilt diese jungen Schmetterlinge schneller, als sie es seinerzeit bei den Wohlstandskindern der Seventies tat.

Abfallkübel-Soundinstallation von Hunziker/Eimcke/Mayo&Friends/Skoczek (links), Kaspar Müllers Fisch auf dem Tisch, Installation mit Bojen von Brigham Baker und Anina Yoko Gantenbein

Abfallkübel-Soundinstallation von Hunziker/Eimcke/Mayo&Friends/Skoczek (links), Kaspar Müllers Fisch auf dem Tisch, Installation mit Bojen von Brigham Baker und Anina Yoko Gantenbein

Adressen

*ALTEFABRIK
Klaus-Gebert-Strasse 5
CH-8640 Rapperswil-Jona

Up State
Flüelastrasse 54, 8047 Zürich
Up-State on www.facebook.com

mudamuramuri
Badenerstrasse 415, 1. Floor
newsletter@mudamuramuri.ch
www.mudamuramuri.ch

Taylor Macklin
Mühlezelgstrasse 24, 8047 Zürich
www.taylormacklin.com

Zurich Contemporary Weekend: Wer, wo, warum

Ewa Hess am Donnerstag den 19. Juni 2014

Das Weekend vor der Art (dieses Jahr also der 14. & 15. Juni) wird traditionellerweise in Zürich gefeiert. Folgen Sie «Private View» auf dem Trek durch Anlässe und Galerien.

Galerie Eva Presenhuber: Blicke in die Ausstellung von Valentin Carron

Galerie Eva Presenhuber: Blicke in die Ausstellung von Valentin Carron (das schwingende Röckchen gehört Michelle Nicol)

Galerie Karma International: (im Uhrzeigersinn) die Ausstellende Künstlerin Pamela Rosenkranz (sie wird den Schweizer Pavillon an der kommenden Venedig-Biennale bespielen) mit Piper Marshall, ehemals Kuratorin des Swiss Institute in New York, gegenwärtig bei der Galerie Mary Boone in NY, Galeristin Karolina Dankow (das Kar von Karma), Giovanni Carmine (Kunsthalle St. Gallen) mit Designer Scipio Schneider, Marina Olsen (das Ma von Karma) mit

In der Ausstellung von Pamela Rosenkranz in der Galerie Karma International: (im Uhrzeigersinn) die ausstellende Künstlerin Pamela Rosenkranz (in Blau, sie wird den Schweizer Pavillon an der kommenden Venedig-Biennale bespielen) mit Piper Marshall (mit Kepi), ehemals Kuratorin des Swiss Institute in New York, gegenwärtig bei der Galerie Mary Boone in NY, Galeristin Karolina Dankow (mit Dose, das Kar von Karma), Designer Scipio Schneider (mit Bier) und Giovanni Carmine (mit Bart, Kunsthalle St. Gallen), Marina Olsen (in zu Rosenkranzs Bildern passendem Rosa, das Ma von Karma) mit der Kuratorin Julia Moritz (zuständig für Theorie und Vermittlung an der Kunsthalle Zürich)

Galerien Zürich West: (Uhrzeigersinn) Etienne Lullin vor einem Werk Dieter Roths in seiner Galerie Lullin + Ferrari, Kunsthistorikerin Laurence Frey mit Sohn Niki, Peter Kilchmann mit seiner Künstlerin Erika Verzutti (in der Mitte) und der Präsidentin der Eidgenössischen Kunstkommission Nadia Schneider Willen, Patrick Frey und Chefin des Kunsthauses Aarau Madeleine Schuppli

Galerien Zürich West: (Uhrzeigersinn) Etienne Lullin vor einem Werk Dieter Roths in seiner Galerie Lullin + Ferrari, Kunsthistorikerin Laurence Frey mit Sohn Niki in der Ausstellung von Carron bei Eva Presenhuber, Peter Kilchmann mit seiner Künstlerin Erika Verzutti (in der Mitte) vor einem Werk Verzuttis und mit der Präsidentin der Eidgenössischen Kunstkommission Nadia Schneider Willen, Chefin des Kunsthauses Aarau Madeleine Schuppli (in malerischer Bluse)  und Verleger Patrick Frey vor den Töfflis Carrons

Vernissagenparty bei Karma International in Wipkingen: Galerist Oskar Weiss, Künstler Stefan Burger und Lola Kremer, Documenta-Chef Adam szymczyk, Parkett-Herausgeberin Jacqueline Burckhardt

Vernissagenparty bei Karma International in Wipkingen: Galerist Oskar Weiss (mit eingehängter Brille), Künstler Stefan Burger und Lola Kremer, Documenta-Chef Adam Szymczyk (im weissem Hemd), Parkett-Herausgeberin Jacqueline Burckhardt (rosa Bluse)

Zurich Art Dinner im Restaurant LaSalle: Festredner und Stadtrat Filippo Leutenegger, Galerist Jean-Claude Freymont-Gut, Migrosmuseum-Direktorin Heike Munder, Galeristin Eva Presenhuber

Zurich Art Dinner im Restaurant LaSalle: Festredner und Stadtrat Filippo Leutenegger, Galerist Jean-Claude Freymont-Gut, Migrosmuseum-Direktorin Heike Munder und Kurator Raphael Gygax, Galeristin Eva Presenhuber (mit erhobener Hand) spricht mit der Künstlerin Monica Bonvicini (Palmenbluse)

Zurich Art Dinner: Art-Basel-Chef Marc Spiegler, Swiss-Institute-NY-Präsidentin Fabienne Abrecht, Sammlerin Gitti Hug, Künstler Ugo Rondinone (mit Bart) und Sammler

Zurich Art Dinner: Art-Basel-Chef Marc Spiegler, Swiss-Institute-NY-Präsidentin Fabienne Abrecht, Sammlerin Gitti Hug, Künstler Ugo Rondinone (mit Bart) und Sammler

Zurich Art Dinner: Kunstmuseum-Winterthur-Chef Dieter Schwarz und Gattin Beatrice, Swiss-Institute-NY-Chef Simon Castet mit Kurator Daniel Baumann und der New Yorker Journalistin Linda Yablonsky, Dorothea Strauss (ehemals Haus Konstruktiv, jetzt Mobliiar) mit Mobiliar-CEO Markus Hongler

Zurich Art Dinner: Kunstmuseum-Winterthur-Chef Dieter Schwarz und Gattin Beatrice, Galeristenpaar Melanie und Damian Grieder am Tisch mit Kurator Kenny Schachter, Swiss-Institute-NY-Chef Simon Castet (blauer Veston) mit Kurator Daniel Baumann (mit Brille) und der New Yorker Journalistin Linda Yablonsky, Dorothea Strauss (ehemals Haus Konstruktiv, jetzt Mobiliar) mit Mobiliar-CEO Markus Hongler, hinter ihr stehend Kurator Christoph Doswald

Art-in-the-Park-Lunch im Baur Au Lac: Art-in-the Park-Gründerin und Baur-Au-Lac-Hausherrin Gigi Kracht mit Yves-Klein-Witwe Rotraut, Werber Dominique von Matt, «Sculpture aérostatique» kurz bevor sie in die Luft fliegt

Art-in-the-Park-Lunch im Baur Au Lac: Art-in-the Park-Gründerin und Baur-Au-Lac-Hausherrin Gigi Kracht mit Yves-Klein-Witwe Rotraut, Werber Dominique von Matt, «Sculpture aérostatique», kurz bevor sie in die Luft fliegt