Beiträge mit dem Schlagwort ‘Oskar Weiss’

Zurich Contemporary Weekend: Wer, wo, warum

Ewa Hess am Donnerstag den 19. Juni 2014

Das Weekend vor der Art (dieses Jahr also der 14. & 15. Juni) wird traditionellerweise in Zürich gefeiert. Folgen Sie «Private View» auf dem Trek durch Anlässe und Galerien.

Galerie Eva Presenhuber: Blicke in die Ausstellung von Valentin Carron

Galerie Eva Presenhuber: Blicke in die Ausstellung von Valentin Carron (das schwingende Röckchen gehört Michelle Nicol)

Galerie Karma International: (im Uhrzeigersinn) die Ausstellende Künstlerin Pamela Rosenkranz (sie wird den Schweizer Pavillon an der kommenden Venedig-Biennale bespielen) mit Piper Marshall, ehemals Kuratorin des Swiss Institute in New York, gegenwärtig bei der Galerie Mary Boone in NY, Galeristin Karolina Dankow (das Kar von Karma), Giovanni Carmine (Kunsthalle St. Gallen) mit Designer Scipio Schneider, Marina Olsen (das Ma von Karma) mit

In der Ausstellung von Pamela Rosenkranz in der Galerie Karma International: (im Uhrzeigersinn) die ausstellende Künstlerin Pamela Rosenkranz (in Blau, sie wird den Schweizer Pavillon an der kommenden Venedig-Biennale bespielen) mit Piper Marshall (mit Kepi), ehemals Kuratorin des Swiss Institute in New York, gegenwärtig bei der Galerie Mary Boone in NY, Galeristin Karolina Dankow (mit Dose, das Kar von Karma), Designer Scipio Schneider (mit Bier) und Giovanni Carmine (mit Bart, Kunsthalle St. Gallen), Marina Olsen (in zu Rosenkranzs Bildern passendem Rosa, das Ma von Karma) mit der Kuratorin Julia Moritz (zuständig für Theorie und Vermittlung an der Kunsthalle Zürich)

Galerien Zürich West: (Uhrzeigersinn) Etienne Lullin vor einem Werk Dieter Roths in seiner Galerie Lullin + Ferrari, Kunsthistorikerin Laurence Frey mit Sohn Niki, Peter Kilchmann mit seiner Künstlerin Erika Verzutti (in der Mitte) und der Präsidentin der Eidgenössischen Kunstkommission Nadia Schneider Willen, Patrick Frey und Chefin des Kunsthauses Aarau Madeleine Schuppli

Galerien Zürich West: (Uhrzeigersinn) Etienne Lullin vor einem Werk Dieter Roths in seiner Galerie Lullin + Ferrari, Kunsthistorikerin Laurence Frey mit Sohn Niki in der Ausstellung von Carron bei Eva Presenhuber, Peter Kilchmann mit seiner Künstlerin Erika Verzutti (in der Mitte) vor einem Werk Verzuttis und mit der Präsidentin der Eidgenössischen Kunstkommission Nadia Schneider Willen, Chefin des Kunsthauses Aarau Madeleine Schuppli (in malerischer Bluse)  und Verleger Patrick Frey vor den Töfflis Carrons

Vernissagenparty bei Karma International in Wipkingen: Galerist Oskar Weiss, Künstler Stefan Burger und Lola Kremer, Documenta-Chef Adam szymczyk, Parkett-Herausgeberin Jacqueline Burckhardt

Vernissagenparty bei Karma International in Wipkingen: Galerist Oskar Weiss (mit eingehängter Brille), Künstler Stefan Burger und Lola Kremer, Documenta-Chef Adam Szymczyk (im weissem Hemd), Parkett-Herausgeberin Jacqueline Burckhardt (rosa Bluse)

Zurich Art Dinner im Restaurant LaSalle: Festredner und Stadtrat Filippo Leutenegger, Galerist Jean-Claude Freymont-Gut, Migrosmuseum-Direktorin Heike Munder, Galeristin Eva Presenhuber

Zurich Art Dinner im Restaurant LaSalle: Festredner und Stadtrat Filippo Leutenegger, Galerist Jean-Claude Freymont-Gut, Migrosmuseum-Direktorin Heike Munder und Kurator Raphael Gygax, Galeristin Eva Presenhuber (mit erhobener Hand) spricht mit der Künstlerin Monica Bonvicini (Palmenbluse)

Zurich Art Dinner: Art-Basel-Chef Marc Spiegler, Swiss-Institute-NY-Präsidentin Fabienne Abrecht, Sammlerin Gitti Hug, Künstler Ugo Rondinone (mit Bart) und Sammler

Zurich Art Dinner: Art-Basel-Chef Marc Spiegler, Swiss-Institute-NY-Präsidentin Fabienne Abrecht, Sammlerin Gitti Hug, Künstler Ugo Rondinone (mit Bart) und Sammler

Zurich Art Dinner: Kunstmuseum-Winterthur-Chef Dieter Schwarz und Gattin Beatrice, Swiss-Institute-NY-Chef Simon Castet mit Kurator Daniel Baumann und der New Yorker Journalistin Linda Yablonsky, Dorothea Strauss (ehemals Haus Konstruktiv, jetzt Mobliiar) mit Mobiliar-CEO Markus Hongler

Zurich Art Dinner: Kunstmuseum-Winterthur-Chef Dieter Schwarz und Gattin Beatrice, Galeristenpaar Melanie und Damian Grieder am Tisch mit Kurator Kenny Schachter, Swiss-Institute-NY-Chef Simon Castet (blauer Veston) mit Kurator Daniel Baumann (mit Brille) und der New Yorker Journalistin Linda Yablonsky, Dorothea Strauss (ehemals Haus Konstruktiv, jetzt Mobiliar) mit Mobiliar-CEO Markus Hongler, hinter ihr stehend Kurator Christoph Doswald

Art-in-the-Park-Lunch im Baur Au Lac: Art-in-the Park-Gründerin und Baur-Au-Lac-Hausherrin Gigi Kracht mit Yves-Klein-Witwe Rotraut, Werber Dominique von Matt, «Sculpture aérostatique» kurz bevor sie in die Luft fliegt

Art-in-the-Park-Lunch im Baur Au Lac: Art-in-the Park-Gründerin und Baur-Au-Lac-Hausherrin Gigi Kracht mit Yves-Klein-Witwe Rotraut, Werber Dominique von Matt, «Sculpture aérostatique», kurz bevor sie in die Luft fliegt

Alarmstufe rot: Tanz, Puppe, tanz!

Ewa Hess am Dienstag den 17. Juni 2014

Liebe Leserin und Leser, remember? Wir sind immer noch im Kunst-Ausnahmezustand. Unter dem Namen Contemporary Art Weekend präsentieren Zürich und Basel den aus Übersee angereisten Gästen das Beste und Schönste, was es in Sachen Zeitgenössische Kunst zu bieten hat. Folgen Sie «Private View» auf dem Parcours der Superlative.

Am Donnerstag, 12. Juni, entschied sich unser Autor Giovanni Pontano nicht für die Eröffnung der «Gasträume» im Helmhaus, sondern für eine bisher wenig bekannte Adresse im Seefeld. Er hat es nicht bereut! Hier sein Bericht:

Wo: HACIENDA, Reinhardstrasse 18, 8008 Zürich
Wer: Keith Boadwee
Bis: 12.7.

Ein kurzer Bericht, bevor die Doppelbelastung mit der Fussball-WM Einzug hält: Oskar Weiss, Sohn des viel zu früh verstorbenen Künstlers David Weiss, ist auf bestem Weg, sich als Galerist zu etablieren. Zusammen mit zwei konspirativen Mitstreitern, dem Kurator Arthur Fink und dem Künstler Fabian Marti hat er in einem abgewrackten Raumensemble im Zürcher Seefeld in letzter Zeit eine Kadenz von Ausstellungen angeschlagen, die zu verfolgen allein anstrengend ist. Nur: Die Anstrengung lohnt. Und während gleichen Abends zahlreiche etabliertere Zürcher Galerien im Zuge des anrollenden ArtBasel-Schnellzuges ihre Schauen eröffnen, während auch die Stadt Zürich im Helmhaus sich selbst und ihre verordnete Kunstbeflissenheit feiert und ihre Gasträume vorstellt, scharen Fink/Marti/Weiss einen guten Teil der Szene um sich. Und dies low budget und mit Qualität und Originalität. Sogar ein kleiner Katalog liegt auf und enthält Essays von Nicole Eisenmann und Justin Liebermann.

«Hommage» an Cindy Sherman, Künstler Boadwee, Werk

«Hommage» an Cindy Sherman, Künstler Boadwee, Werk.

Gezeigt wird der kalifornische Künstler Keith Boadwee, Jahrgang 1961, Professor für Kunst in San Francisco, mit einem track record also und hier dennoch – zumindest mir – völlig unbekannt. Fabian Marti hat den Künstlerkollegen, der präsent ist, in Los Angeles kennengelernt und eingeladen. So schnell geht’s, wenn’s passt, und so wird ganz nonchalant eine Art Retrospektive seiner Fotografien von 1989 bis 2013 präsentiert. Mit viel Humor wird Schauerliches bis fürchterlich Obszönes in Szene gesetzt, immer sind es Selbstporträts, oft auch nur von gewissen – sie wissen schon – Körperteilen. Dass Boadwee Assistent von Paul McCarthy in Los Angeles war, das lässt sich nicht verleugnen. Und eine Fotografie als Hommage an seine gute Künstlerfreundin Cindy Sherman schlägt frech den Bogen zur laufenden Ausstellung im Kunsthaus. Trotz vieler Zitate strahlen die Werke eine frische Eigenständigkeit aus. Der Kunstraum ist mit dieser Ausstellung prima positioniert, wenn ambitionierte Sammler vor der Messe in Basel die Zürcher Untergrund-Szene auf der Suche nach Entdeckungen durchforsten.

Am Freitag, dem 13. besuchte Ewa Hess in Basel die Preview von «14 Rooms». Starker Tobak! Hat man nicht unbedingt erwartet, denn einige der dort gezeigten Performances haben wir ja auch schon früher gesehen – das «Touch»-piece von Yoko Ono oder «Luminosity», die nackte Frau im Sattel von Marina Abramovic. Aber. Wow!

Wo: Basel, Messehalle 3
Was: «14 Rooms», also 14 lebende Skulpturen
Bis: 22.6.

«14 Rooms» hat viele Väter:  Hans Ulrich Obrist, den sogenannten Überkurator, und Klaus Biesenbach, den deutschen MoMA-Kurator, dessen Blondkopf überall dort auftaucht, wo etwas noch nie Dagewesenes geschieht. Dann Sam Keller von der Fondation Beyeler, den Garanten für Qualität und Stil, und Marc Spiegler natürlich, weil die ganze Sache zur Art Basel gehört, und nicht zuletzt auch George Delnon, den Direktor des Basler Theaters, weil in den vierzehn Räumen ja performt wird. Als architektonischer Zeremonienmeister fungiert Jacques Herzog. Performance, heisst die zentrale These,  ist das Gegenstück zu den Social Media. Weil eben – Menschenkontakt. Hautnah.

Photocall mit Sam Keller (kurze Hose) und Joan Jonas (läuft ins Bild), der Gang, Podium mit Biesenbach, Obrist, Herzog

Photocall mit Sam Keller (kurze Hose) und Joan Jonas, der 14-Räume-Gang, Podium mit Biesenbach, Obrist, Herzog.

Die Performancekunst hat auch viele Mütter. Die Performerinnen der frühen Jahre waren oft Frauen – da gab es nicht nur die Queen Marina Abramovic, sondern auch Valie Export, Joan Jonas, Yoko Ono. Daran erinnert «14 Rooms» und bringt die alten berühmten Performances zurück. Die stärkste bleibt «Mirror Check» von Joan Jonas aus dem Jahr 1970: Eine junge nackte Frau untersucht jeden Zentimeter ihres Körpers mit einem Taschenspiegel. Die Nackte von Marina Abramovic, die stundenlang auf einem Velosattel im Scheinwerferlicht schwebt («Luminosity», Raum 12), ist bekannter und plakativer. In der Performance sind aber die kleinen Gesten oft effektiver.

Wie geht das aber? Performances wiederaufführen, und erst noch von anderen? In Basel geht das so: Links und rechts von dem langen Gang, der nach oben offen ist und nach hinten unendlich scheint (weil von einem Spiegel abgeschlossen) sind 14 Türen angebracht. Man dreht eine archaische Türklinke, geht in ein Räumchen hinein und ist mit einer Präsenz konfrontiert. Es sind echte Menschen, Performer, die sich abwechseln, die in jedem der 14 Räume ein kleines Drama vorführen. Als erstes bin in in den Raum von Santiago Sierra geraten. Dort steht ein Mann in der Ecke und starrt in die Wand. Man erfährt vor dem Eingang: es handelt sich um einen echten Kriegsveteranen.

Abramovics «Luminosity», Nkangas Pflanzensängerinnen, Jonas' Spiegelcheck

Abramovics «Luminosity», Nkangas Pflanzensängerinnen, Jonas’ Spiegelcheck

Ich war allein mit dem Mann im Raum. Es passierte nichts. Die Spannung war dennoch kaum auszuhalten. Als ich rauskam, muss ich verstört ausgesehen haben. Der nette Sam Keller stand im Gang und sah das sofort. Er bot mir an, mich beim nächsten Raumbesuch zu begleiten. Doch im Raum von Otobong Nkanga erwies sich ein Beistand Gottseidank als unnötig, denn dort singen Frauen den Pflanzen auf ihrem Kopf wunderschöne Lieder vor. Dort möchte man bleiben, sich verstecken, auf den Boden legen, von den wunderbaren afrikanischen Gesängen einlullen lassen. Ein gemeinsames Performance-Schauen ist zudem nicht immer eine einfache Sache. In Joan Jonas’ Raum etwa (eine der ältesten, aber auch der stärksten Performances unter den 14) fühlte ich mich allein bereits unerträglich voyeuristisch, der nackten Blondine beim Bodycheck zuzuschauen. Dann kam Jacques Herzog herein. Ich hätte dem Architekten gerne viele Fragen gestellt, im Zusammenhang mit seinen vergangenen und künftigen Projekten, doch vor der Nackten… Wir nahmen beide Reissaus.

Die stärkste Erfahrung behält «14 Rooms» für den Schluss. Es ist das Werk eines mir bisher unbekannten jungen Künstlers Jordan Wolfson und nennt sich «Female Figure». Doch weiblich scheint einem das unheimliche Wesen, welches man im 15. Raum antrifft (Wolfsons Performance läuft als «Epilog»), nur auf den allerersten Blick. Der Hauptperformer ist in Tat und Wahrheit ein ganz und gar unheimlicher Roboter. Ich habe ein leicht wackliges, aber sonst ziemlich wahrheitsgetreues Video gedreht – also schauen Sie selbst! Video übrigens mit (zufälligem) Spezialauftritt von Lionel Bovier, dem Verleger @JRP Ringier. Eine von ihm kuratierte Schau läuft zur Zeit in der Kunsthalle Bern)

Am Freitagabend (wir sprechen immer noch vom 13. Juni) ging es in Zürich weiter: Nicolas Party bei Gregor Staiger, Vito Acconci bei Grieder Contemporary, Louise Bourgeois bei Hauser & Wirth, Pamela Rosenkranz bei Karma International

Der  in Glasgow lebende Westschweizer Nicolas Party hat in Gregor Staigers (und Marie Lusas) Galerie eine Ausstellung namens «Pastel» eingerichtet. Mit grosser Virtuosität mischt Party Wandmalerei, klassisches Stilleben und Landschaftsmalerei zu einem sehr eigenen Universum. Die Farben – von wegen Pastell! – und auch die Formen haben eine Kraft und Entschiedenheit, als ob es die postmoderne Verwirrung gar nie gegeben hätte.  Vielleicht ist Party darum auch so beliebt, dass seine Werke eine Sicherheit ausstrahlen, die man eigentlich für immer verloren glaubte.  Zur Ausstellung gibt es eine wunderbare Publikation und… Migrossäcke! Party hat eine Edition der Tragtaschen kuratiert. Alle möchten ein Büchlein oder wenigstens einen Migrossack signiert bekommen. «C’est comme chez Payot», scherzt der Künstler.

Party-Raum bei Gregor Staiger (im Vorderplan Raphael Gygax, Marie Lusa präsentiert die Publikation, Werke

Party-Raum bei Gregor Staiger (im Vorderplan Raphael Gygax), Marie Lusa präsentiert die Publikation, Werke.

Grieder Contemporary lockt mit einer Rarität. Der in London lebende Kurator Kenny Schachter hat dank seiner Freundschaft mit der 74-jährigen Kunstlegende Vito Acconci eine Schau aus dem privaten Archiv des US-Konzeptkünstlers zusammengestellt. Fotos und Notizen zu den ersten Aktionen des Künstlers, den man ohne zu übertreiben als einen der wichtigsten Impulsgeber der heutigen Zeit bezeichnen kann. Da übrigens wieder: frühe Performance! In einer beisst sich Acconci überall am Körper und fotografiert die Spuren seiner Zähne. Ich denke an Joan Jonas mit ihrem Spiegel – Der Mann beisst sich, die Frau spiegelt sich. Wäre das heute anders?

Werber James Wolfensberger vor dem Modell zu Acconcis «Clam Shelter», die Beissperformance, Kenny Schachter mit Kathrin Genovese

Werber James Wolfensberger vor dem Modell zu Acconcis «Clam Shelter», die Beissperformance, Kenny Schachter mit Kathrin Genovese.

Und hier geht es weiter zu den weiteren Photos des Zurich Contemporary Weekends: Valentin Carron, Eva Presenhuber, Peter Kirchenmann, Etienne Lullin, Pamela Rosenkranz, Karola Dankow, Adam Szymczyk, Giovanni Carmen, Filippo Leutenegger, Gigi Kracht und viele, viele andere mehr!