Beiträge mit dem Schlagwort ‘Oscar Murillo’

Leo, der Kunstfreund

Ewa Hess am Dienstag den 8. März 2016

Jetzt hat er auch noch die goldene Statuette. Aber, meine Damen und Herren, auch wenn der Oscar bestimmt eine sehr begehrte Skulptur für den Hollywoodschauspieler Leonardo DiCaprio war – das Schmuckstück seiner Kunstsammlung wird nicht der Goldmann werden. Denn Leo hat im Laufe der Jahre einen echten Schatz an wirklich hochkarätigen Werken zusammengetragen, der sich in jeder Hinsicht sehen lässt. Um seinen Triumph auf der Oscar-Bühne zu würdigen, wollen wir mal die Stationen seiner Sammeltätigkeit hier kurz zusammentragen. Rückblickend lässt sich jedenfalls sagen: Chapeau, Mr. DiCaprio. Mutige, intelligente Entscheide, gutes Netzwerk und ein sicheres Auge!

Zweimal Leonardo: Elizabeth Peyton malte den Hollywoodbeau mehrmals

Zweimal Leonardo: Elizabeth Peyton malte den Hollywoodbeau mehrmals. Das Bild rechts gehört der Emanuel-Hoffmann-Stiftung in Basel («Swan», 1998), das links wurde an Leonardos Charity-Auktion 2013 für eine Million Dollar verkauft.

Die Sammlung: Man sieht ihn an Kunstmessen und an Auktionen, immer low-key mit Jeans und einem tief ins Gesicht gezogenen Baseball-Käppi. Man hört da und dort von seinen Käufen. Und man weiss: Zwischen Pablo Picasso, Jean-Michel Basquiat, Frank Stella, Takashi Murakami und Robert Crumb verfügt LDC über einen Kunstgeschmack, der in die Breite geht und von Qualitätsbewusstsein zeugt. Auch Werke des Shootingstars Oscar Murillo oder des schrägen Surrealisten Salvador Dalí gehören zu seiner Sammlung. Er selbst wurde mehrmals von der 52-jährigen, hoch angesehenen amerikanischen Porträtmalerin Elizabeth Peyton gemalt, eins der Porträts verkaufte sich für eine Million Dollar an der von ihm 2013 organisierten Charity-Auktion (sie hiess «The 11th Hour Sale») zugunsten seiner Umweltstiftung.

Inspirierte seine Eltern zum Namen Leonardo: der Da Vinci

Inspirierte seine Eltern zum Namen: Leonardo da Vinci.

Sein Name Leonardo fiel seinen Eltern übrigens bei einem Besuch in Florenz ein, wie er der «Wall Street Journal»-Kunstreporterin Kelly Crow mal erzählte, als sie ein Gemälde von Leonardo da Vinci sahen. Im gleichen Interview verriet der Schauspieler auch, dass sein Vater mit einer Gruppe von Avantgardezeichnern in Los Angeles befreundet war, zu der auch Robert Williams und Robert Crumb («Fritz the Cat») gehörten. Sodass der kleine Leonardo bereits in den 70er- und 80er-Jahren den Geist der künstlerischen Avantgarde bei gemeinsamen Besuchen in Ateliers und Buchhandlungen mit seinem Vater einsog.

Selbst während der Dreharbeiten zu "The Revenant" (mit Bart und ungepflegten Locken, welche die Rolle verlangt) lässt es sich Leo nicht nehmen, Art Basel Miami Beach 2014 zu besuchen

Selbst während der Dreharbeiten zu «The Revenant» (mit Bart und ungepflegten Locken, welche die Rolle verlangte) lässt es sich Leo nicht nehmen, die Art Basel Miami Beach 2014 zu besuchen. (Fotos: E. Liu)

Der jüngste Kauf: Jean-Pierre Roys «Nachlass». Niemand soll sagen, Leonardo würde auf Nummer sicher kaufen. An der gestern zu Ende gegangenen Armory-Kunstmesse in New York (bzw. an ihrer innovativeren Satellitenmesse Pulse) schlägt der frisch gekrönte Oscarpreisträger zu. Er kauft ein Werk von Jean-Pierre Roy, einem 42-jährigen Künstler aus Brooklyn, vertreten von der dänischen Galerie Poulsen. Das ist ein smarter Move – der gebürtige Kalifornier Roy, noch nicht sehr bekannt, doch bereits in namhaften Sammlungen vertreten (etwa bei Zabludowicz in London), ist auch Lehrer an der New Yorker Art Academy und somit ein Beeinflusser künftiger Generationen. Seine postapokalyptischen Gemälde sind starke figurative Tableaus an der Schnittstelle zwischen Malerei und expressiver Street-Art. Zudem ist der Kauf Leonardos ein leidenschaftliches Zeichen des Gefallens – er sah das Werk von jemandem auf Instagram gepostet, griff zum Telefon und sicherte es sich, bevor er die Messe besuchen konnte. Thematisch liegt es ebenfalls ganz auf der Linie des Sammlers, indem es im Titel («Nachlass», auf Deutsch, was in Amerika immer irgendwie existenziell klingt) und in der Bildsymbolik (ausgetrocknete Erde, gelbe, vielleicht giftige Dämpfe, ein menschlicher Riese, der unter dem Gewicht eines geometrisch-technoiden Gebildes zusammenzubrechen scheint) Elemente einer nahenden Umweltkatastrophe trägt. Ein Thema, für das sich DiCaprio öffentlich engagiert. Alles richtig gemacht bei diesem Kauf, Mr. DiC.

Auf Instagram gesichtet, per Telefon gekauft: Leonardo DiCaprios jüngste Erwerbung, Jean-Pierre Roys «Nachlass»

Auf Instagram gesichtet, per Telefon gekauft: Leonardo DiCaprios jüngste Erwerbung, Jean-Pierre Roy, «Nachlass».

Die Abstraktion. Auch wenn man von einem Hobbykunstliebhaber erwarten würde, dass er der klaren Symbolik den Vorzug gibt, weiss Leonardo die Schönheit des Abstrakten zu schätzen. Er hat etwa tolle Werke von Frank Stella, erst letztes Jahr kaufte er bei der Galerie Marianne Boesky ein schönes Werk, «Double Gray Scramble» von 1973. Zudem sind die Werke, die er kauft, nicht irgendeine Position im Werk des jeweiligen Künstlers. Boesky etwa brachte zur Messe jüngere und populäre Stahlskulpturen Stellas. DiCaprio entschied sich aber für das frühe geometrische Werk, das durch starke Farben und minimalistische Formgebung auffällt.

 

Letztes Jahr an der Art Basel Miami beach für eine Million Dollar gekauft: Frank Stella, Double Gray Scramble (1973)

Letztes Jahr an der Art Basel Miami Beach für fast eine Million Dollar gekauft: Frank Stella, «Double Gray Scramble» (1973).

Die Authentizität. Beraten von seinen Freunden, etwa den Grosshändlern Nahmad oder Mugrabi, kauft der «Great Gatsby»-Darsteller immer ganz Spezielles. Man weiss zum Beispiel, dass er an der letztjährigen Art Basel in Basel bei der Zürcher Galerie Gmurzynska die Zeichnung «Fillette» von Picasso bewundert und vielleicht auch gekauft hat, ein ungewöhnliches Werk von hoher Ausdruckskraft. Der Latino-Künstler Oscar Murillo, von einigen für eine Eintagsfliege des Kunstmarkts gehalten, muss auf DiCaprio mit seiner expressiven malerischen Geste Eindruck gemacht haben. Die Spekulation von «Vanity Fair» könnte stimmen, dass Murillos  Zeichnung «Untitled – Drawings off the Wall», die an der Phillips-Auktion «Under the Influence»  2014 den Rekordpreis von 401’000 Dollar erzielte, an DiCaprio ging. Der Kauf würde zu seiner Vorliebe für «besessene» Werke gut passen.

Pablo Picasso, «Fillette», 1939-40 (Foto: gmurzynska.com), Oscar Murillo, «Untitled - Drawings off the Wall». 2011 (Foto: phillips.com)

Pablo Picasso, «Fillette», 1939–40 (Foto: Gmurzynska.com), Oscar Murillo, «Untitled – Drawings off the Wall», 2011 (Foto: Phillips.com).

Freundschaften mit Künstlern. Wie jeder echte Sammler, pflegt DiCaprio lebenslangen Kontakt mit gewissen von ihm geschätzten Künstlern. Den amerikanischen Tiermaler Walton Ford, 56, hat er beim Besuch einer Ausstellung in Berlin entdeckt und suchte über die Galerie Paul Kasmin in New York den Kontakt zu ihm. Seither besucht der Sammler den Künstler des öfteren in seinem Atelier. Er lässt sich auch gerne vor seinen Werken fotografieren. Waltons Gemälde von Tigern verkaufte DiCaprio sehr erfolgreich an seiner Auktion der 11ten Stunde und er stellt ihn gerne seinen Millionärsfreunden vor. Erst kürzlich (Oktober 2015) hat er an einer New Yorker Auktion (sie fand zu Gunsten von gefährdeten Schildkröten statt) gemeinsam mit dem Deputy Chairman von Christie’s, Loic Gouzer, ein Werk Waltons für eine halbe Million Dollar erstanden. An der Auktion im Bowery-Hotel nahmen übrigens auch Ted Danson, Richard Branson, Patti Smith, Naomi Watts, Liev Schreiber, und Robert Kennedy Jr. teil. Indem DiCaprio vor all diesen illustren Augen das grosse Aquarell seines Freundes für einen Rekordpreis erstand, tat er ebenfalls etwas für das Ansehen des Malers in der Well-Doing-Super-Rich-Community. DiCaprio kam zum Event laut «New York Post» mit seinem üblichen Käppi, einer elektronischen Vapo-Zigarette und machte «funny faces», als der Auktionator erklärte, das Werk gehe an «den Mann mit Baseballmütze».

Im Uhrzeigersinn: Das Werk «Tigerin» von Walton Ford, sein Aquarell «Paciific Theatre», Di Caprio bei seiner Auktion der «11th Hour» und beim Besuch in Fords Atelier

Im Uhrzeigersinn: Das Werk «Tigerin» von Walton Ford, sein Aquarell «Pacific Theatre», Di Caprio bei seiner Auktion der «11th Hour» und beim Besuch in Fords Atelier (Fotos: wsj.online, Christie’s)

Wie man also sieht, ist Leo nicht nur ein unerschrockener Bär-Bekämpfer, sondern auch ein ernstzunehmender Freund der Künste mit einem guten Gespür für kommende Trends. Das Online-Magazin Artnetnews zählt ihn übrigens zu den «20 innovativsten Sammlern» weltweit. Der Schweizer Urs Fischer und der Deutsche Andreas Gursky gehören übrigens ebenfalls zu Leos erklärten Lieblingen. Das nur so, als Tipp, falls Sie im Zweifel sein sollten, wohin mit den überzähligen Millionen.

Zum Teufel mit dem Hollywoodgebiss!

Ewa Hess am Dienstag den 13. Januar 2015

Immer wenn die Jahreszahl im Kalender auf die neue Nummer einrastet, lichtet sich der Nebel der unmittelbaren Gegenwart ein ganz klein wenig, und man sieht das vergangene Jahr etwas deutlicher im Rückspiegel. Darum, liebe Leserin, lieber Leser, schlage ich zu Anfang des Jahres eine kleine Rückschau vor. Betrachten wir kurz einige Auffälligkeiten der Kunstwelt 2014. Auf dass wir die Augen besser für die kommenden Entwicklungen justieren können.

Erstens nehmen wir das Phänomen «Crapstraction» ins Visier, für das es bereits eine deutsche Entsprechung, «Kackstraktion», gibt. Der Hauptkritiker des Trends, das ehemalige «Village Voice»- und jetzige «NY Magazine»-Kunstorakel Jerry Saltz, nennt die Sache auch den Zombie-Formalismus. Kurz gefasst, geht es darum, dass viele neuen Künstler komplett abstrakt malen. Während aber die Abstraktion einst ein heiss umkämpftes Feld der Innovation war, wirkt sie heute oft beliebig. Erschwerend kommt dazu, dass sich diese Art von Malerei, sobald sie in Verbindung mit einem angesagten Namen auftritt, sehr gut verkaufen lässt. Weil sie dekorativ aussieht. Und weil sie sich auf dem Bildschirm gut abbilden lässt – in einer Zeit, in der immer mehr Kunst übers Internet verkauft wird, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Zudem wirkt sie «seriöser» als viele in der Pop-Art wurzelnde Exzentrizitäten der 90er- und Nullerjahre (etwa die schrillen Werke von Jeff Koons, Takashi Murakami oder Damien Hirst). Das Erschreckende daran: Viele dieser Werke sehen zum Verwechseln ähnlich aus. Hier sieht man in etwa, was gemeint ist:

Top row, from left: All You Hear Is Beads Rattling (2012), by Leo Gabin; Untitled #0904 (2009), by John Bauer; Untitled (JS06198) (2006), by Josh Smith. Bottom row: ST-AA (Transfer Series) (2013), by Angel Otero; Big Squid Ink (2014), by Jamie Sneider; I (2011), by Rosy Keyser.

Obere Reihe, von links: Leo Gabin, John Bauer, Josh Smith. Untere Reihe: Angel Otero, Jamie Sneider, Rosy Keyser (Zusammenstellung von Jerry Saltz)

Gemeint sind vor allem Maler wie der in London lebende Kolumbianer Oscar Murillo oder der New Yorker Lucien Smith: noch nicht 30, explodierende Preise, viel Potenzial, aber noch auf der Suche nach dem wirklich Eigenen. Können aber diese Maler etwas dafür, dass ihre Ausflüge in die Welt der Abstraktion weggehen wie warme Semmeln? Andererseits, wenn sich die malerischen «Fingerübungen» so gut verkaufen, kann das schon einen Maler vom Weg abbringen. Somit ist Kackstraktion eine Hürde, die ein echter Maler heute nehmen muss.

Oscar Murillo in seinem Atelier

Oscar Murillos Atelier

Dann gab es auch das Phänomen Ermüdungserscheinungen. Zu den neuen Wörtern, welche durch die englischsprachigen Medien 2014 geisterten, gehören Fairtigue und Biennihilism. Das erste ist aus Fair und Fatigue zusammengesetzt und bedeutet die physische Erschöpfung, welche sich des internationalen Kunsttrosses bemächtigt angesichts der gewaltig angeschwollenen Anzahl von wichtigen Kunstmessen. Was es aber auch bedeuten könnte: dass das grosse Publikum der Messen überhaupt langsam müde wird. Was eine sehr gute Sache wäre, denn dann könnten die Leute, die professionell mit Kunst handeln, wieder in aller Ruhe an den Messen ihrem Gewerbe nachgehen. Und die Galerien könnten wieder zu Hause die Sammlerinnen und Sammler bedienen – sich vielleicht sogar die monströsen Kosten der vielen Messen sparen. Der Auseinandersetzung mit der Kunst käme das bestimmt zugute. Also, Leute: Werdet müde und kommt zur Vernunft.

Mit Biennihilism hingegen ist der fahrige bis verzweifelte Geisteszustand zu umschreiben, in den man durch die langen Reihen von hochakademischen «Conversations» und «Talks» als Rahmenprogramm von Biennalen kommt. Auch diese haben eine exponentielle Ausweitung der Kampfzone erfahren. Hierzu ein Vorschlag: Talks jurieren. Seit die Unternehmen die Intellektualität als eine dem Sport ebenbürtige Form des Marketings entdeckt haben, haben diese Endlos-Talks einen schalen Nachgeschmack.

Rechts Bowie jetzt, Mitte Jessine Heins Skulptur, links alter Exzentriker Bowie

Jessine Heins Skulptur (Mitte), links und rechts Bowie früher und jetzt

Und zuletzt, als eine Art Fazit, möchte ich auf ein mir im Januar aufgefallenes Kunstwerk der deutschen Künstlerin Jessine Hein hinweisen. Sie hat aus Acryl und Gips eine Skulptur gefertigt, welche die Originalzähne von David Bowie zeigt. Die krummen Beisser des skurrilen Individualisten waren sein Markenzeichen. Jetzt hat er sie durch zwei Reihen makelloser weisser Zähne ersetzt. Hein hat in den Tiefen des Internetarchivs gegraben und mithilfe eines Zahntechnikers das Originalgebiss von Ziggy Stardust verewigt. Als ein verschwundenes Mahnmal der Unangepasstheit, sozusagen. In diesem Sinne, Leute: Behalten wir unsere Zähne! Zum Teufel mit dem charakterlosen Hollywoodgebiss.