Beiträge mit dem Schlagwort ‘Nicolas Party’

Frieze. Spektakulär

TA Korrektorat am Dienstag den 21. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Michelle Nicol*

Die Londoner Kunstmessen Frieze und Frieze Masters zu besuchen, heisst, die optimale Mischung zwischen erhebenden Inhalten und schnöder Unterhaltung zu erleben. Wobei die Ereignisse ausserhalb der Messen den mindestens gleichen Stellenwert einnehmen.

Was: Kunstmessen Frieze und Frieze Masters
Wann: 15. bis 18. Oktober
Wo: London, Regent’s Park und überall in der Stadt

Betrachten wir die Gewichtung: 162 Aussteller präsentierten sich an der Frieze London, deren 127 an der Frieze Masters. Die Frieze zeigt ausschliesslich zeitgenössische Kunst und dazu Frieze Projects, eine Serie von eigens in Auftrag gegebenen Kunstwerken, sowie Frieze Talks bestehend aus Diskussionen, Reden, Vorträgen. Neu dieses Jahr: Live. Live ist eine Reihe von performativen Installationen mit echten Menschen, und es war sehr amüsant, auf dem Rundgang durch die Messe immer wieder auf turnende und sich auffällig gebärdende Individuen zu stossen.

Bunte Messe: Wiederaufgeführte Performance Franz Erhard Walthers «Sehkanal» von 1968, Carsten Höllers Würfel bei Gagosian, Büchels «Sleeping guard» bei Hauser & Wirth

Bunte Messe: Wiederaufgeführte Performance Franz Erhard Walthers, «Sehkanal» von 1968, Carsten Höllers Würfel bei Gagosian, Büchels «Sleeping Guard» bei Hauser & Wirth.

Frieze Masters übrigens, ebenfalls in einem Zelt im Regent’s Park lokalisiert, zeigt ausschliesslich Kunst, die vor dem Jahr 2000 produziert wurde. Dieser historische Aspekt gibt der Frieze Masters einen seriösen Anstrich, und schnell war klar: Die Frieze Masters ist die strenge ältere Schwester der ausgeflippten Frieze. Es ist kein Wunder, dass Victoria Siddall, Direktorin der Frieze Masters, neu auch für die Frieze verantwortlich zeichnet.

An der Frieze aufgefallen: Carsten Höllers farbenfrohe Präsentation für die Gagosian Gallery. Man weiss, dass der belgische Künstler Höller sich gerne über die urtümliche Menschenliebe für Kinder lustig macht. So war sein Stand einem fröhlichen Kinderpark nachempfunden – jedoch weiss der Kenner, dass es sich um ein Assortiment von Fallen handeln muss. Und dass der grosse Würfel, in welchen die lieben Kleinen durch die schwarzen Punkte hineinklettern können, mindestens einen Kinderschänder oder noch Wüsteres verbirgt.

Ebenfalls bunt und genauso beeindruckend: die Porträts von Nicolas Party bei Gregor Steiger, eine junge Galerie aus Zürich. Und nochmals Zürich: Bei Hauser & Wirth wähnte man sich in einem klassizistischen Salon, dank grün bespannten Wänden und kleinen runden Nummernplaketten, die jeweils ein Werk bezeichneten – das war so viel schicker als ein Namensschild aus Karton. Und da war der schlafende Wärter in der Ecke: einer der Live-Acts? Oder ganz einfach ein müder Wärter, übermannt vom Sandmännchen? (Es stellte sich heraus, dass es sich um ein Werk des Schweizer Künstlers Christoph Büchel handelte.)

Der britische Künstler Mark Wallinger, neu im Hauser&Wirth-Stall, hat den Messestand der Galerie kuratiert im Stil von Sigmund Freuds Londoner Kabinett, Galerist Gregor Staiger im Gespräch mit dem Künstler Nicolas Party, Steigers booth mit Werken von Party

Der britische Künstler Mark Wallinger, neu im Hauser-&-Wirth-Stall, hat den Messestand der Galerie kuratiert im Stil von Sigmund Freuds Londoner Kabinett (links), Galerist Gregor Staiger im Gespräch mit dem Künstler Nicolas Party (Mitte), Staigers Stand.

Und dann die Auktionen. Auch sie ein gewichtiger Faktor im Kunstprogramm. Das Auktionshaus Phillips eröffnete einen neuen, imposanten Sitz direkt am Berkeley Square. Man sagt, er habe 100 Millionen Pfund gekostet. Zur Feier des Anlasses kuratierte Francesco Bonami eine Skulpturenausstellung im Erdgeschoss, es gab ein gewichtiges Dinner am Montag und je eine Auktion am Mittwoch und Donnerstag. Mein Lieblingswerk: zwei Zeichnungen auf Häuschenpapier von Sigmar Polke aus dem Jahr 1968. Schätzpreis: 25’000–35’000 Pfund. Verkauft für 30’000 Pfund.

Zwei wunderbare Zeichnungen Polkes bei Phillips, das neue Phillips-Headquarters am Berkeley Square

Zwei wunderbare Zeichnungen Polkes bei Phillips, das neue Phillips-Headquarter am Berkeley Square.

Besonders schön sind die charmanten Ereignisse am Rande der Messe. Zum Beispiel das traditionelle Dinner von Sammlerin Valeria Napoleone zugunsten des unabhängigen Kunstortes Studio Voltaire. Valeria empfängt jeweils bei sich zu Hause, und so kann man ihre Kunst – sie sammelt ausschliesslich von Frauen Produziertes – vor Ort bewundern. Als Italienerin ist sie selbst eine ausgezeichnete Köchin, und ihr Personal kocht ihre Rezepte in Perfektion. Nur das Dessert, das macht sie selber. Kim Gordon, Popstar, Penny Martin von «Gentlewoman» (aktuell das beste Magazin der Welt), Clare Waight Keller, Kreativdirektorin von Chloé: Sie alle kosteten davon.

Bei Valeria Napoleone: Turner-Preis-Gewinner Jeremy Deller im Gespräch mit Sarah Douglas, art editor von Wallpaper, die Gastgeberin begrüsst den Direktor des Studio Voltaire Joe Scotland, mit der Musikerin Kim Gordon (Gründerin von Sonic Youth)

Bei Valeria Napoleone: Turner-Preis-Gewinner Jeremy Deller im Gespräch mit «Wallpaper»-Redaktorin Sarah Douglas (links), die Gastgeberin begrüsst den Direktor des Studio Voltaire, Joe Scotland (Mitte), Valeria Napoleone mit der Musikerin Kim Gordon (Gründerin von Sonic Youth).  © Dafydd Jones

Michelle* Michelle Nicol ist Kunsthistorikerin und Gründungspartnerin der Kreativagentur Neutral Zürich AG. Kuratorin, Kritikerin und Werberin. Bringt Kunst, Architektur und Marken zusammen.

Alarmstufe rot: Tanz, Puppe, tanz!

Ewa Hess am Dienstag den 17. Juni 2014

Liebe Leserin und Leser, remember? Wir sind immer noch im Kunst-Ausnahmezustand. Unter dem Namen Contemporary Art Weekend präsentieren Zürich und Basel den aus Übersee angereisten Gästen das Beste und Schönste, was es in Sachen Zeitgenössische Kunst zu bieten hat. Folgen Sie «Private View» auf dem Parcours der Superlative.

Am Donnerstag, 12. Juni, entschied sich unser Autor Giovanni Pontano nicht für die Eröffnung der «Gasträume» im Helmhaus, sondern für eine bisher wenig bekannte Adresse im Seefeld. Er hat es nicht bereut! Hier sein Bericht:

Wo: HACIENDA, Reinhardstrasse 18, 8008 Zürich
Wer: Keith Boadwee
Bis: 12.7.

Ein kurzer Bericht, bevor die Doppelbelastung mit der Fussball-WM Einzug hält: Oskar Weiss, Sohn des viel zu früh verstorbenen Künstlers David Weiss, ist auf bestem Weg, sich als Galerist zu etablieren. Zusammen mit zwei konspirativen Mitstreitern, dem Kurator Arthur Fink und dem Künstler Fabian Marti hat er in einem abgewrackten Raumensemble im Zürcher Seefeld in letzter Zeit eine Kadenz von Ausstellungen angeschlagen, die zu verfolgen allein anstrengend ist. Nur: Die Anstrengung lohnt. Und während gleichen Abends zahlreiche etabliertere Zürcher Galerien im Zuge des anrollenden ArtBasel-Schnellzuges ihre Schauen eröffnen, während auch die Stadt Zürich im Helmhaus sich selbst und ihre verordnete Kunstbeflissenheit feiert und ihre Gasträume vorstellt, scharen Fink/Marti/Weiss einen guten Teil der Szene um sich. Und dies low budget und mit Qualität und Originalität. Sogar ein kleiner Katalog liegt auf und enthält Essays von Nicole Eisenmann und Justin Liebermann.

«Hommage» an Cindy Sherman, Künstler Boadwee, Werk

«Hommage» an Cindy Sherman, Künstler Boadwee, Werk.

Gezeigt wird der kalifornische Künstler Keith Boadwee, Jahrgang 1961, Professor für Kunst in San Francisco, mit einem track record also und hier dennoch – zumindest mir – völlig unbekannt. Fabian Marti hat den Künstlerkollegen, der präsent ist, in Los Angeles kennengelernt und eingeladen. So schnell geht’s, wenn’s passt, und so wird ganz nonchalant eine Art Retrospektive seiner Fotografien von 1989 bis 2013 präsentiert. Mit viel Humor wird Schauerliches bis fürchterlich Obszönes in Szene gesetzt, immer sind es Selbstporträts, oft auch nur von gewissen – sie wissen schon – Körperteilen. Dass Boadwee Assistent von Paul McCarthy in Los Angeles war, das lässt sich nicht verleugnen. Und eine Fotografie als Hommage an seine gute Künstlerfreundin Cindy Sherman schlägt frech den Bogen zur laufenden Ausstellung im Kunsthaus. Trotz vieler Zitate strahlen die Werke eine frische Eigenständigkeit aus. Der Kunstraum ist mit dieser Ausstellung prima positioniert, wenn ambitionierte Sammler vor der Messe in Basel die Zürcher Untergrund-Szene auf der Suche nach Entdeckungen durchforsten.

Am Freitag, dem 13. besuchte Ewa Hess in Basel die Preview von «14 Rooms». Starker Tobak! Hat man nicht unbedingt erwartet, denn einige der dort gezeigten Performances haben wir ja auch schon früher gesehen – das «Touch»-piece von Yoko Ono oder «Luminosity», die nackte Frau im Sattel von Marina Abramovic. Aber. Wow!

Wo: Basel, Messehalle 3
Was: «14 Rooms», also 14 lebende Skulpturen
Bis: 22.6.

«14 Rooms» hat viele Väter:  Hans Ulrich Obrist, den sogenannten Überkurator, und Klaus Biesenbach, den deutschen MoMA-Kurator, dessen Blondkopf überall dort auftaucht, wo etwas noch nie Dagewesenes geschieht. Dann Sam Keller von der Fondation Beyeler, den Garanten für Qualität und Stil, und Marc Spiegler natürlich, weil die ganze Sache zur Art Basel gehört, und nicht zuletzt auch George Delnon, den Direktor des Basler Theaters, weil in den vierzehn Räumen ja performt wird. Als architektonischer Zeremonienmeister fungiert Jacques Herzog. Performance, heisst die zentrale These,  ist das Gegenstück zu den Social Media. Weil eben – Menschenkontakt. Hautnah.

Photocall mit Sam Keller (kurze Hose) und Joan Jonas (läuft ins Bild), der Gang, Podium mit Biesenbach, Obrist, Herzog

Photocall mit Sam Keller (kurze Hose) und Joan Jonas, der 14-Räume-Gang, Podium mit Biesenbach, Obrist, Herzog.

Die Performancekunst hat auch viele Mütter. Die Performerinnen der frühen Jahre waren oft Frauen – da gab es nicht nur die Queen Marina Abramovic, sondern auch Valie Export, Joan Jonas, Yoko Ono. Daran erinnert «14 Rooms» und bringt die alten berühmten Performances zurück. Die stärkste bleibt «Mirror Check» von Joan Jonas aus dem Jahr 1970: Eine junge nackte Frau untersucht jeden Zentimeter ihres Körpers mit einem Taschenspiegel. Die Nackte von Marina Abramovic, die stundenlang auf einem Velosattel im Scheinwerferlicht schwebt («Luminosity», Raum 12), ist bekannter und plakativer. In der Performance sind aber die kleinen Gesten oft effektiver.

Wie geht das aber? Performances wiederaufführen, und erst noch von anderen? In Basel geht das so: Links und rechts von dem langen Gang, der nach oben offen ist und nach hinten unendlich scheint (weil von einem Spiegel abgeschlossen) sind 14 Türen angebracht. Man dreht eine archaische Türklinke, geht in ein Räumchen hinein und ist mit einer Präsenz konfrontiert. Es sind echte Menschen, Performer, die sich abwechseln, die in jedem der 14 Räume ein kleines Drama vorführen. Als erstes bin in in den Raum von Santiago Sierra geraten. Dort steht ein Mann in der Ecke und starrt in die Wand. Man erfährt vor dem Eingang: es handelt sich um einen echten Kriegsveteranen.

Abramovics «Luminosity», Nkangas Pflanzensängerinnen, Jonas' Spiegelcheck

Abramovics «Luminosity», Nkangas Pflanzensängerinnen, Jonas’ Spiegelcheck

Ich war allein mit dem Mann im Raum. Es passierte nichts. Die Spannung war dennoch kaum auszuhalten. Als ich rauskam, muss ich verstört ausgesehen haben. Der nette Sam Keller stand im Gang und sah das sofort. Er bot mir an, mich beim nächsten Raumbesuch zu begleiten. Doch im Raum von Otobong Nkanga erwies sich ein Beistand Gottseidank als unnötig, denn dort singen Frauen den Pflanzen auf ihrem Kopf wunderschöne Lieder vor. Dort möchte man bleiben, sich verstecken, auf den Boden legen, von den wunderbaren afrikanischen Gesängen einlullen lassen. Ein gemeinsames Performance-Schauen ist zudem nicht immer eine einfache Sache. In Joan Jonas’ Raum etwa (eine der ältesten, aber auch der stärksten Performances unter den 14) fühlte ich mich allein bereits unerträglich voyeuristisch, der nackten Blondine beim Bodycheck zuzuschauen. Dann kam Jacques Herzog herein. Ich hätte dem Architekten gerne viele Fragen gestellt, im Zusammenhang mit seinen vergangenen und künftigen Projekten, doch vor der Nackten… Wir nahmen beide Reissaus.

Die stärkste Erfahrung behält «14 Rooms» für den Schluss. Es ist das Werk eines mir bisher unbekannten jungen Künstlers Jordan Wolfson und nennt sich «Female Figure». Doch weiblich scheint einem das unheimliche Wesen, welches man im 15. Raum antrifft (Wolfsons Performance läuft als «Epilog»), nur auf den allerersten Blick. Der Hauptperformer ist in Tat und Wahrheit ein ganz und gar unheimlicher Roboter. Ich habe ein leicht wackliges, aber sonst ziemlich wahrheitsgetreues Video gedreht – also schauen Sie selbst! Video übrigens mit (zufälligem) Spezialauftritt von Lionel Bovier, dem Verleger @JRP Ringier. Eine von ihm kuratierte Schau läuft zur Zeit in der Kunsthalle Bern)

Am Freitagabend (wir sprechen immer noch vom 13. Juni) ging es in Zürich weiter: Nicolas Party bei Gregor Staiger, Vito Acconci bei Grieder Contemporary, Louise Bourgeois bei Hauser & Wirth, Pamela Rosenkranz bei Karma International

Der  in Glasgow lebende Westschweizer Nicolas Party hat in Gregor Staigers (und Marie Lusas) Galerie eine Ausstellung namens «Pastel» eingerichtet. Mit grosser Virtuosität mischt Party Wandmalerei, klassisches Stilleben und Landschaftsmalerei zu einem sehr eigenen Universum. Die Farben – von wegen Pastell! – und auch die Formen haben eine Kraft und Entschiedenheit, als ob es die postmoderne Verwirrung gar nie gegeben hätte.  Vielleicht ist Party darum auch so beliebt, dass seine Werke eine Sicherheit ausstrahlen, die man eigentlich für immer verloren glaubte.  Zur Ausstellung gibt es eine wunderbare Publikation und… Migrossäcke! Party hat eine Edition der Tragtaschen kuratiert. Alle möchten ein Büchlein oder wenigstens einen Migrossack signiert bekommen. «C’est comme chez Payot», scherzt der Künstler.

Party-Raum bei Gregor Staiger (im Vorderplan Raphael Gygax, Marie Lusa präsentiert die Publikation, Werke

Party-Raum bei Gregor Staiger (im Vorderplan Raphael Gygax), Marie Lusa präsentiert die Publikation, Werke.

Grieder Contemporary lockt mit einer Rarität. Der in London lebende Kurator Kenny Schachter hat dank seiner Freundschaft mit der 74-jährigen Kunstlegende Vito Acconci eine Schau aus dem privaten Archiv des US-Konzeptkünstlers zusammengestellt. Fotos und Notizen zu den ersten Aktionen des Künstlers, den man ohne zu übertreiben als einen der wichtigsten Impulsgeber der heutigen Zeit bezeichnen kann. Da übrigens wieder: frühe Performance! In einer beisst sich Acconci überall am Körper und fotografiert die Spuren seiner Zähne. Ich denke an Joan Jonas mit ihrem Spiegel – Der Mann beisst sich, die Frau spiegelt sich. Wäre das heute anders?

Werber James Wolfensberger vor dem Modell zu Acconcis «Clam Shelter», die Beissperformance, Kenny Schachter mit Kathrin Genovese

Werber James Wolfensberger vor dem Modell zu Acconcis «Clam Shelter», die Beissperformance, Kenny Schachter mit Kathrin Genovese.

Und hier geht es weiter zu den weiteren Photos des Zurich Contemporary Weekends: Valentin Carron, Eva Presenhuber, Peter Kirchenmann, Etienne Lullin, Pamela Rosenkranz, Karola Dankow, Adam Szymczyk, Giovanni Carmen, Filippo Leutenegger, Gigi Kracht und viele, viele andere mehr!