Beiträge mit dem Schlagwort ‘Maurizio Cattelan’

Die Zürcher Ladung

Ewa Hess am Mittwoch den 15. Juni 2016

Okay, liebe Leserinnen und Leser, Zürich hatte am vergangenen Wochenende seine Stunde (oder zwei). Der Kunsttross war da, bevölkerte kurz die Strassen, füllte Galerien und Museen, trank Bier und Champagner in den Bars, schaukelte auf dem Wasser. Und dann war der Spuk auch schon vorbei, sie zogen alle weiter, man vermutet sie nun in Basel. Und man kann nicht sagen, dass sich die Limmatstadt hat lumpen lassen! Im Gegenteil, meine Herrschaften, da war vielleicht was los: Manifesta, Art Weekend, Gasträume, Parallel Events und und und. Natürlich war Ihre Chronistin auch da und dort, hat am Löwenbräu geschnuppert und auf dem Reflections-Floss geschaukelt. Doch heute fragte ich mich – was blieb eigentlich all den Gästen von unserer Pracht? Und habe mich ein bisschen auf den Social Media umgesehen. Hier folgt also als ein kommentierter Feed: Zurich Art Weekend im Spiegel der Postings.

Liebling der Massen: der «Pavillon of Reflections» auf dem Zürichsee, hier während der Performance von Maurizio Cattelan, der Edith Hunkeler übers Wasser fahren lässt. Foto: Urs Jaudas

Liebling der Massen: Der «Pavillon of Reflections» auf dem Zürichsee, hier während der Performance von Maurizio Cattelan, der Edith Hunkeler übers Wasser fahren lässt. Foto: Urs Jaudas

 

1. Das Holzding auf dem See

Das beliebteste Sujet war natürlich die filigrane Struktur des «Pavillon of Reflections» genannten Flosses. Extra für die Manifesta erbaut, komplett mit Wasserkino und Bar. Es war die Silhouette, die von weitem an eine Art Mississippi-Dampfer erinnert, die mit Gusto gepostet wurde. Zumal die Stadt auch wettermässig alles gab. Mal schien strahlend die Sonne, mal gaben Gewitterwolken einen dramatischen Hintergrund ab. Schwäne gleiteten graziös vorbei und liessen sich willig fotografieren. Nicht einmal Maurizio Cattelans Performance mit dem Rollstuhl auf dem Wasser konnte der Idylle auch das Geringste anhaben. Man könnte direkt meinen, das «Reflections» im Titel bezöge sich hauptsächlich auf die schöne Spiegelung im Wasser.

 

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2. Die Gelitin-Performance im Cabaret Voltaire

Gelitin, das sind vier österreichische Berserker, die es gerne bunt treiben. Sie verstehen sich als Nachkommen des Wiener Aktionismus. Ihre Taten sind oft kühn – legendär ihr Auftritt in luftiger Höhe des damals noch existierenden World Trade Center. Gegenwärtig  haben sie eine Ausstellung bei Nicola von Senger an der Limmatstrasse vis-à-vis vom Löwenbräu. Die Vernissage ging einigermassen manierlich vonstatten, aber spät am Abend gaben die Gelitin mithilfe von Gips, Tüchern, Freundinnen, Grünpflanzen und weiterer ähnlicher Requisite eine Performance  im Cabaret Voltaire, also dem «Zunfthaus der Künstler». Es war orgiastisch – es blieb kein Stein auf dem anderen. Ausführlicher Fotobericht dazu auf der Website von Thomas Haemmerli hier.

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3. Die Artoons von Pablo Helguera

Obwohl die witzigen Zeichnungen, die im Rahmen der Manifesta-Schau ausgestellt sind, die Kunstwelt gewaltig auf die Schippe nehmen, fanden sie alle wunderbar. Der 45-jährige US-Künstler Pablo Helguera (geboren in Mexiko) weiss ganz genau, wovon er da berichtet, denn er ist in seinem Brotberuf Museumspädagoge am Moma NY. Auf den Cartoons sieht man irgendwo im Busch verirrte Biennale-Kuratoren, die in kompletter Verkennung der Realität nach Videobegleitung durch die Eingeborenen fragen, oder verirrte Theoretiker, die mit irrem Blick Foucault und Agamben suchen. Die Dinger sind nicht sooo neu, denn Helguera hat sie schon mehrmals gezeigt und publiziert, aber es gibt immer wieder neue Sujets, und sie sind einfach eine kleine Freude inmitten der geballten Kunst. Für nicht Ausstellungsgänger: Sie werden peu à peu jeden Samstag im «Magazin» veröffentlicht.

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Dieser Artoon von Helguera als Zugabe, weil er so gut zum Anlass passt.

4. Die Prominenz in Sicht

Picabia-Ausstellung im Kunsthaus und Dada-Africa im Rietberg erfreuten sich – zu Recht – ebenfalls gesteigerter Aufmerksamkeit. Vereinzelte Nennungen weiterer Exponate und Kollaborationen lassen keinen weiteren grösseren Kunsttrend erkennen. Dafür trifft man doch immer gerne Stars unter den ausstellenden Künstlern. Michel Houellebecq und Maurizio Cattelan posierten graziös mit den hübschen Damen. Vergnügt wie selten lässt sich etwa Michel Houellebecq von der sympathischen Pressefrau der Manifesta, Nora Hauswirth, auf ihrem Velo kutschieren. Maurizio Cattelan machte Faxen für Diana Lira – in Zürich ist Cattelan längst zu Hause, hat doch der Galerist Nicola von Senger ihn ausgestellt, als noch kaum jemand den Namen kannte. Kurator Jankowski hielt als Fotosujet für Selfies willig hin und schien allgegenwärtig zu sein. Hans Ulrich Obrist war sogar doppelt anzutreffen! Erstens persönlich, zweitens als Grosskopf-Figur der Künstlergruppe «Big Head Brigade». Der Witz bei der Verkleidung war: unter dem Kopf von Obrist versteckte sich Jankowski!

Michel H. lässt sich von der Pressefrau der Manifesta Nora Hauswirth durch die Stadt kutschieren. Dabei bescheinigt ihm sein künstlerischer Check-up eine verhältnissmässig gute Gesundheit. Nächstes Projekt: künstlerischer Besuch eines Fitnessclubs, Herr Houellebecq

Maurizio Cattelan schneidet Faxen für die lustige und schöne Diana Lira - in Zürich ist Cattelan längst zuhause, hat doch der Galerist Nicola von Senger ihn ausgestellt, als noch kaum jemand den Namen kannte

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Chrisstian Jankowski als Hans Ulrich Obrist - eine Arbeit der Big Head Brigade

Christian Jankowski als Oberkurator Hans Ulrich Obrist – eine Arbeit der Big Head Brigade

Ein Prominenter seltsamer Art wurde von Andrei Below (Direktor des Garage-Museums in Moskau) im Helmhaus entdeckt und sorgte für Aufsehen in seinem Heimatland. Belov gelang es, den ehemaligen (und mittlerweile legendären) Bürgermeister von Moskau, Juri Luschkow (mit Glatze), mit seiner Gattin Jelena Baturina (mit grüner Hose) beim Betrachten eines Kunstwerks zu knipsen.

Im Helmhaus ausgespäht: Ex-Bürgermeister von Moskau Jurij Luzhkov (der Herr mit Glatze) mit steinreicher Gattin Jelena Baturina (grüne Hose)

Luschkow, muss man wissen, hat sich in Moskau vor allem mit seiner Vorliebe für schrecklich hässliche Skulpturen Surab Zeretelis zum Gespött der Bevölkerung gemacht. Eine davon steht immer noch mitten im Moskwa-Fluss und erschreckt die Touristen. Seine zweite Frau, Baturina, ist eine Bauunternehmerin und die reichste Frau Russlands – was um Himmels willen haben die beiden in Zürich an der Manifesta verloren?, fragte man sich in Moskau. Ein russischer Kommentator ist dann zum Schluss gekommen: Luschkow will den Schweizern Bienenhäuser andrehen (ein weiteres verspottetes Projekt Luschkows war die Ansiedlung von Bienenvölkern in Moskaus Pärken).

5. Das grosse braune Ding

Natürlich konnte das «Zurich Load» genannte grosse Minimalart-Kunstwerk von Mike Bouchet im Löwenbräu nicht unerwähnt bleiben. Doch der Gestank muss aggressiv machen, denn die meisten Kommentare sind schlecht gelaunt. Eigentlich erstaunlich! Wir mögen uns doch alle an den Erfolg von Charlotte Roches «Feuchtgebiete» erinnern und auch an die immer noch andauernde Begeisterung für Giulia Enders’ «Darm mit Charme». Wir leben eigentlich im Zeitalter der Verdauungseuphorie (der Bauch ist das bessere Hirn usw.).

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Warum machen also das Kunstwerk Bouchets und sein widerspenstiger Gestank alle so sauer? Meine Vermutung: atavistische Abneigung gegen die Ausscheidung anderer. In der Masse der Exkremente erkennt niemand seine eigene Duftnote, sondern nur die Markierung der anderen. Jedenfalls, das sollte hier doch auch gesagt sein: Es ist ein tolles Kunstwerk.

Formal überzeugend – in seiner porösen Ausbreitung, als ob es ein Stück Land Art wäre, mit seiner inhaltlichen Verdichtung (ja, so viel «produzieren» wir an einem Tag in Zürich). Es holt das Verdrängte ans Tageslicht, es zeigt auch, was Menschen fürs Geld tun (etwa die Mitarbeiter der Kläranlage, die täglich den Gestank ertragen), und es hat sogar Humor. Auch ist es nicht harmlos – und damit hat es vielen anderen der Manifesta-Joint-Ventures etwas voraus! Weil es eben stinkt, gegen alle Absicht, gegen die Bemühungen des Künstlers und allen Anstandsregeln zum Trotz.

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Maurizio Cattelan in Zürich

Ewa Hess am Mittwoch den 8. Juni 2016

Dieser Tage findet im Rahmen der Manifesta eine denkwürdige Performance statt: Edith Wolf-Hunkeler wird übers Wasser des Zürichsees rollen! Inszenieren wird die parareligiöse Kunstschau der italienische Starkünstler Maurizio Cattelan, der damit aus seiner sich selbst auferlegten Frühpensionierung zurückkommt. Private View hat sich mit Maurizio Cattelan über sein Projekt in Zürich und einiges andere mehr unterhalten…

(Manifesta)

Parareligiöse Kunstschau: Edith Wolf-Hunkeler rollt dieser Tage  über den Zürichsee. (Manifesta)

Maurizio Cattelan, sind Sie nun zurück als Künstler? War Ihr selbst ernannter Rückzug nur eine Finte?

Sagen wir es so: Ich habe für eine Weile meinen Tod als Künstler vorgetäuscht. Ich mache es nun meinem Landsmann Dante nach und komme nach einer Besichtigung der Hölle zurück zu den Lebenden. Und falls es wahr ist, dass man nicht richtig gelebt hat, bis man gestorben ist, bin ich bereit, mein neues Leben in Angriff zu nehmen.

Zürich wird nun in die Kunstgeschichte eingehen als der Ort, an dem Sie nach fünf Jahren erstmals ein neues Kunstwerk präsentieren. Warum ausgerechnet Zürich?

Der künstlerische Leiter der Manifesta 11, Christian Jankowski, ist ein guter Freund. Ich war glücklich über seine Nominierung und fand auch seine Idee der Joint Ventures mit den lokalen Arbeitskräften ganz toll. Mit Begeisterung nahm ich also seine Einladung an, ein neues Werk als eine Zusammenarbeit mit einer hier ansässigen Person zu präsentieren.

Ein Rollstuhl geht übers Wasser – ein starkes Bild! Drückt es die menschliche Allmachtsfantasie aus, oder ist es eher ein Kommentar zur Gebrechlichkeit der Jesusfigur?

Keins von beidem. Es handelt vielmehr von der Hoffnung. Der menschliche Fortschritt bezog seine Inspiration stets aus den Künsten. Was in Jules Vernes Roman «Von der Erde zum Mond» 1865 noch Science-Fiction gewesen war, war hundert Jahre später Realität. Wir Menschen legen die Latte unserer Ziele immer höher, erweitern unsere Grenzen. Die Rollstuhl-Metapher spricht über unsere Beschränkungen und auch über die Möglichkeit, sie zu überwinden. In wenigen Jahren werden wir alle das Wasser auf Rädern überqueren.

 Inwiefern war Zürich der richtige Ort für diese Metapher?

Die Stadt war immer ein intellektueller Freihafen: Erinnern wir uns an Richard Wagner, an James Joyce, den Dadaismus und das Cabaret Voltaire. Zürich ist der Ort der Wahl, um eine zweite Chance zu bekommen.

 

Sie arbeiten mit der Paralympikerin Edith Wolf-Hunkeler. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

(Manifesta)

Edith Wolf-Hunkeler. (Manifesta)

Wir suchten einen Menschen, der sich trauen würde, im Rollstuhl auf der Wasseroberfläche zu sitzen, und Frau Wolf-Hunkeler war genau die Person, die eine solche Herausforderung reizen könnte. Sie hat erst um eine Bedenkzeit gebeten, was absolut verständlich ist, und sagte dann zu. Ich fühle mich geehrt und beglückt, als ihr Gast an der Manifesta 11 mitzumachen. Die Art, wie sie an extreme Herausforderungen herangeht, hat meine ganze Bewunderung. Ich nehme an, dass dies einen Teil ihrer Sportlerinnenseele ausmacht.

 

Verraten Sie uns den Trick, wie es gemacht wird?

Würde ich gerne, aber das Technikteam arbeitet immer noch daran, Tag und Nacht. Ich muss gestehen, es ist nicht ganz ohne… Wie soll ich die Funktionsweise erklären… hm… Es hat jedenfalls etwas mit den Gesetzen von Archimedes zu tun.

Ist es als eine Liveperformance geplant, oder wird es fürs Publikum vor allem als ein Video zugänglich sein?

Es geht uns nicht darum, die Menge zu unterhalten, wir konzentrieren uns auf ein inspirierendes Bild. Falls das der Sicherheit nicht abträglich ist, streamen wir es live, sonst nicht. Das Liveerlebnis steht nicht im Zentrum.

Das Thema der Manifesta 11 heisst: «What People Do for Money…», was Menschen für Geld machen. Darin ist der Gedanke enthalten, dass sie egal was für Cash machen würden, aber auch, dass die bezahlte Arbeit die Gesellschaft auf konstruktive Weise prägt. Welches ist Ihr Verhältnis zur bezahlten Arbeit?

Meine Erfahrung mit der Arbeitswelt war ziemlich turbulent, bis ich entdeckt habe, dass nicht die Art der Arbeit das Problem war, sondern die Struktur der Anstellung: dass man von anderen Menschen abhängig ist und darum Sachen macht, die man gar nicht machen will. Aus meiner Sicht könnte also der Titel auch heissen: «Was Menschen manchmal tun, um zu vergessen, was sie lieber täten».

Sie zeigen dem Kapitalismus in Ihren Werken oft ironisch den «Stinkefinger». Sind Sie ein politischer Künstler?

«L.O.V.E» (2010) (Courtesy Galerie Perrotin)

«L.O.V.E» (2010)
(Courtesy Galerie Perrotin)

Es geht nicht darum, politische Werke zu machen, sondern sie auf eine politische Weise zu konzipieren. Um als Künstler politisch engagiert zu sein, muss man weder einer Partei angehören oder, schlimmer noch, nur gesellschaftliche Probleme ansprechen. Als Künstler ist man in der gleichen Pflicht wie jeder andere Bürger. Natürlich kann man auch seine Reputation in die Waagschale werfen, um gute Initiativen zu unterstützen. Ich ziehe es vor, den Mund zu halten und starke Bilder in die Welt zu setzen.

Falls eine Partei, welche wäre die Ihre?

«Untitled» (1997) (Courtesy Galerie Perrotin)

«Untitled» (1997)
(Courtesy Galerie Perrotin)

Parteien sind ein wandelbares Konstrukt. Während einer Wahlkampagne scheinen ihre Profile deutlich, ihre wahre Arbeit verrichten sie aber im Parlament, wo es um Kompromisse geht. Es ist, als ob man in einer Gruppe von einem Dutzend Menschen ins Restaurant ginge und sich auf ein Menü einigen müsste… fast unmöglich, alle glücklich zu machen. Aber, wie ein Weiser mal sagte, die Demokratie ist die schlimmste Regierungsform, ausser man zieht alle anderen Regierungsformen in Betracht.

Ihre Prognose für die Welt: Orwells Schreckensvision der totalen Kontrolle oder eine Erneuerung von der Basis her?

Wir stehen tatsächlich an einer Weggabelung. Die Nationen auf einer Seite, die Unternehmen auf der anderen – und alle sind miteinander verbunden. Alles ist legal, sogar dass die NSA jeden lückenlos bespitzelt. Es ist subtiler als Orwells Vision, weil wir auch noch überzeugt sind, dass wir frei sind und unabhängig entscheiden können. Es wird aber alles registriert und nicht selten manipuliert. Nicht umsonst sind Daten das Gold unserer Zeit.

Apropos Gold: Was hat es eigentlich mit Ihrer Klosett-Obsession auf sich? Sie planen jetzt ein neues Werk für Guggenheim New York, eine Toilette aus reinem Gold. Und die Zeitschrift, die Sie gemeinsam mit dem Fotografen Pierpaolo Ferrari herausgeben, heisst «Toilet Paper»…

Wir sind das, was von unserem Verdauungsprozess zurückbleibt. Toilette hat mehr mit unserem inneren Selbst zu tun, als es auf den ersten Blick erscheint.

Schon der andere grosse italienische Inspirator Piero Manzoni hat mit seinem «Merda d’artista» provoziert. Ist es auch eine Anspielung auf den arbiträr agierenden Kunstmarkt?

Manzonis Werk trägt für mich ökumenische Züge und hat mit Kunstmarkt nichts zu tun.

Ökumenisch? In welcher Weise?

Wie der Priester während der katholischen Messe den Gläubigen den Leib Christi austeilt, hat Manzoni Teile seines Körpers verteilt: seinen Atem, seine Fingerabdrücke und auch seine Exkremente.

Aber Herr Cattelan, Ihre goldene Toilette für Guggenheim trägt den Titel «America». Das kann doch nur ironisch gemeint sein, oder?

 «America» gibt dem Museumsbesucher die Gelegenheit, einen spirituellen Moment von reiner Kontemplation an einem abgesonderten Ort des Museums zu erleben…

 … ja, auf dem Klo, es soll nämlich voll funktionsfähig sein und für die Erledigung der Bedürfnisse zur Verfügung stehen…

Genau! Mit welchem anderen Kultobjekt darf sich der Besucher in einem Museum auf ein stilles Örtchen zurückziehen? Und eine intime Handlung damit vollziehen?

«Good versus evil» (2003). (Courtesy Galerie Perrotin)

«Good Versus Evil» (2003). (Courtesy Galerie Perrotin)

Ihre Werke wirken oft auf den ersten Blick als eine Provokation und zeigen erst mit der Zeit  ihre volle philosophische Komplexität. Absicht?

Natürlich ist es Absicht. Ich gehe dabei nicht anders vor als Sie bei Ihrer Redaktionsarbeit: Ich sammle die Informationen, überprüfe sie, gehe dann tiefer mit der Recherche, bis ich mir eine Meinung gebildet habe und versuchen kann, ihr eine adäquate Form zu geben. Reine Provokation wäre in zwei Tagen vergessen, ein gutes Werk wird mit der Zeit immer besser.

Sind Sie eigentlich ein gläubiger Mensch?

Ich glaube zumindest an die Religion. Der Mensch ist ein religiöses Wesen, das zeichnet ihn aus unter den anderen Tieren. Dieses Charakteristikum kann nicht missachtet werden, wenn man über Menschen nachdenkt.

Sie haben einst Papst Johannes Paul II. von einem Meteorit erschlagen dargestellt. Was halten Sie von Franziskus?

Die Päpste sind auch Kinder ihrer Zeit – Wojtyla war wie ein Filmstar, vergleichbar mit Ronald Reagan in der gleichen Zeitspanne. Ratzinger stand in gewisser Weise neben sich, und Franziskus benutzt Medien ziemlich bewusst, um relevante Inhalte ins Gespräch zu bringen.

«La nona ora» (1999). (Courtesy Galerie Perrotin)

«La nona ora» (1999). (Courtesy Galerie Perrotin)

Sind Sie noch oft in Italien?

Ich reise viel und verbringe viel Zeit sowohl in Italien wie in den USA.

Die Politik welches Ihrer beiden Heimatländer beschäftigt Sie mehr?

Beide machen mir Bauchweh.

Donald Trump wirkt manchmal wie eine Kunstfigur, von einem sehr ironischen Künstler erfunden. Zum Beispiel von Ihnen. Das waren aber nicht Sie, zufällig?

Sie machen sich lustig, aber wir Italiener sind durch all das schon mit Berlusconi gegangen. Nur dass im amerikanischen Massstab die Gefahr noch viel grösser ist. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Nein, das war nicht ich! Trump macht auf mich eher den Eindruck, als ob er von einem sadistischen Drehbuchautor erfunden worden wäre. Sie wissen, eine Figur aus einer dieser trashigen Fernsehshows: «Americas Next President». Er ist die Antwort auf unseren unstillbaren und immer noch wachsenden Hunger auf Entertainment. Erinnern Sie sich noch an den Film «Network»?

«Untitled» (2001). (Courtesy Galerie Perrotin)

«Untitled» (2001). (Courtesy Galerie Perrotin)

In dem ein Nachrichtensprecher in seiner unautorisierten Ansprache an die Nation den Menschen rät, den Kopf aus dem Fenster zu strecken und zu schreien: «I’m as mad as hell and I’m not going to take it anymore»?

Ja. Der Film ist 40 Jahre alt und aktueller denn je. Manchmal spitze ich die Ohren und hoffe, den Satz von immer mehr Menschen zu hören.

An english version of the interview can be found hereDas Interview ist in einer gekürzten Version am 22.5. auch in der «SonntagsZeitung» erschienen. Die Manifesta11 beginnt mit den Preview-Days am Donnerstag, dem 9. + 10.6. und öffnet fürs Publikum am Samstag, dem 11.6. Eröffnungsprogramm hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Scheitern, um zu gewinnen

Ewa Hess am Mittwoch den 11. Mai 2016

Seien wir ehrlich: Wir leben in einer Welt, in der nur das Gewinnen zählt. The winner takes it all, sang Abba. Das war eine Prophezeiung, auch wenn sich die Songzeile erst mal auf das Scheitern einer Liebe bezog.

Paradoxerweise haben sich die Gewinner der neuen ökonomischen Ordnung, die omnipotenten Multimillionäre, in eine Kunstrichtung verliebt, welche auffallend oft das Scheitern zum Thema macht: in die zeitgenössische Kunst. Diesen komplexen Sachverhalt machte das Auktionshaus Christie’s zum Thema einer Verkaufsveranstaltung – und gewann damit auf der ganzen Linie. Dies ist die Geschichte des «Bound to Fail»-Abendverkaufs von Christie’s, an dem am Sonntagabend in New York beinahe 80 Millionen Dollar umgesetzt und bis auf ein einziges alle Werke verkauft wurden.

Was: Evening Sale «Bound to Fail» von Christie’s
Wann: Sonntag, der 8.5.2016
Wo: Rockefeller Plaza, New York

Maurizio Cattelan, «Him» von 2001, verkauft für $17,189,000 (inkl. Käuferkommission). Das nur 1 Meter hohe Werk zeigt einen knienden Hitler, das Gesicht wie im Schmerz verzehrt. Bereut er? Bittet um Verzeihung? Oder bedauert er, nicht gesiegt zu haben? Cattelans Werk stellt wie immer viele Fragen, die mitten ins Gewissen zielen.

Maurizio Cattelan, «Him» von 2001, verkauft für $ 17’189’000 (inkl. Käuferkommission). Die nur einen Meter hohe Skulptur zeigt einen knienden Hitler, das Gesicht wie im Schmerz verzerrt. Bereut er? Bittet er um Verzeihung? Oder bedauert er, nicht gesiegt zu haben? Cattelans Werk stellt wie immer viele Fragen, die mitten ins Gewissen zielen. © Maurizio Cattelan (alle Werkabbildungen Courtesy Christie’s)

Früher war das so: Die Aktionshäuser verkauften, was ihnen gerade so an Kunst angeboten worden ist. Manchmal traf es den Nerv der Zeit und verkaufte sich gut, manchmal eben nicht.

Heute geht das oft anders. Begabte Auktionshaus-Kuratoren versuchen zu erahnen, was gerade ein wichtiges Thema sein könnte, und suchen aktiv nach Werken, die dazu passen. Dem Verkauf wird ein Titel verpasst, der die ganze Sache auf den Punkt bringt und eine Versteigerung in ein geschichtsträchtiges Ereignis verwandelt. Die erhöhte Intensität bleibt nicht ohne Einfluss auf die Kaufbereitschaft, wie gerade das Beispiel der «Bound to Fail»-Auktion zeigt.

Loïc Gouzer, Deputy Chairman Postwar and Contemporary, Christie's

Loïc Gouzer, Deputy Chairman Postwar and Contemporary Art, Christie’s

Der kluge Kopf hinter dem Event war diesmal ein Schweizer, der nur 35-jährige Genfer Loïc Gouzer, Christie’s «deputy chairman postwar and contemporary art», also eine Art Sparten-Vizedirektor, oder was der Titel auch immer heissen mag. Gouzer hat schon «Looking Forward to the Past» orchestriert, die berühmt gewordene kuratierte Auktion vom Mai 2015, an der Picassos «Les Femmes d’Alger» von 1955 für fast 180 Millionen Dollar verkauft und so zum am teuersten verkauften Kunstwerk wurden.

Gouzer, der aus einer reichen Familie kommt (die ursprünglich mit Austernverkauf ihr Geld gemacht hat und der ein Teil Genfs gehört), ist befreundet mit einigen der Darlings der neuen Schickeria und weiss, wie sie ticken. Mit Leonardo di Caprio verbindet ihn nicht nur Freundschaft, sondern auch das Engagement für die Umwelt, sie haben schon gemeinsam Werke erworben (Private View berichtete hier).

Gab der Auktion den Titel: Bruce Naumans Gusseisenskulptur von 1970 mit dem Titel «Henry Moore Bound To Fail». Sie zeigt Bruce Naumans auf dem Rücken zusammengebundene Hände. Ein Bild für die Ohnmacht, aber auch für die Kraft eines Künstlers, der aus seinem Handicap seine Stärke bezieht

Gab der Auktion den Titel: Bruce Naumans Gusseisenskulptur von 1970 mit dem Titel «Henry Moore Bound to Fail». Sie zeigt Bruce Naumans auf dem Rücken zusammengebundene Hände. Ein Sinnbild für die Fähigkeit eines Künstlers, gerade seine Schwäche in Stärke umzumünzen.

Paris Hilton, die jetzt öfter in New York anzutreffen ist, seitdem sie das Kühestreicheln in Schindellegi aufgegeben hat, hauchte nach der Auktion am Sonntag den anwesenden Reportern ins Mikrofon, dass «Loïc ein sehr guter Freund» von ihr sei. Kelly Crow, die allwissende Auktionsberichterstatterin des «Wall Street Journal», twitterte zudem, dass sie den Hollywood-Beau Christian Slater in der Menge gesichtet habe. Dabei fand die Auktion ungewöhnlicherweise an einem Sonntag, und das schon um 17 Uhr, statt. Manche kamen ausser Atem, weil sie die letzten Cocktails der Kunstmesse «Frieze» noch austrinken mussten.

Bildersuche per Instagram

Bildersuche per Instagram.

Man kann nicht sagen, dass Gouzer nicht wusste, was er wollte. Er wusste es ganz genau. Nach Werken seiner Wahl suchte er unter anderem auf Instagram, vor aller Augen.

Zu Martin Kippenbergers Skulptur «Martin, ab in die Ecke und schäm dich» schrieb Gouzer auf Instagram etwa: «would kill to have it in #boundtofail auction and ready to offer significant money for it – any ideas?» Worauf die Sammlerin und Art Advisor Eleanor Cayre kommentierte: «Finde es, Loïc, ich gebe eine Garantie dafür!» Womit sie auf die Gepflogenheit anspielte, dass man den Anbietern einen Preis im Voraus verspricht, egal wie die Auktion dann läuft.

Nun, diesen Kippenberger fand Loïc nicht, dafür den schönen gekreuzigten Frosch «Zuerst die Füsse», der dann auch für 1,325 Millionen Dollar verkauft wurde, eine gute halbe Million höher als geschätzt.

Martin Kippenbergr, «Zuerst die Füsse»., mit Autolack bemalte Holzskulptur, 1990, verkauft für $1,325,000. «Fred the Frog», des Künstlers Alter ego, hängt häretisch am Kreuz. Was für grosse Entrüstung der Kirchekreise sorgte, ist im Grunde ein trauriges Selbstbildnis des Künstlers selbst, mit Bierkrug und Spiegelei. Kippenberger, der sich selbst nie ernst nahm, beeinflusst nach wie vor ganze Generationen von Künstlern.

Martin Kippenberger, «Zuerst die Füsse», mit Autolack bemalte Holzskulptur, 1990, verkauft für $ 1’325’000. «Fred the Frog» des Künstlers Alter ego hängt häretisch am Kreuz. Was für grosse Entrüstung der Kirchenkreise sorgte, ist im Grunde ein trauriges Selbstbildnis des Künstlers selbst, mit Bierkrug und Spiegelei. Kippenberger, der sich selbst nie ernst nahm, beeinflusst nach wie vor ganze Generationen von Künstlern.

Aus Schweizer Sicht höchst erfreulich: Natürlich hat der Genfer eine bessere Kenntnis der Schweizer Szene als die Amis. Und placierte in seiner illustren Verkaufsschau einige CH-Helden, die ein glorreiches Werk aufweisen, aber noch nicht die exorbitanten Preise der deutschen Grossmeister erzielen. So setzte «Bound to Fail» (oder, wie manche spotteten, «Bound to Sell») Marktrekorde für die helvetischen Stars John Armleder und Olivier Mosset. Höchste Zeit, dass ihr Werk auch preislich zum Weltniveau aufschliesst.

Schweizer Maximalismus und Minimalismus schliesst preislich auf. Links: John Armleder, «Chabasite» von 2003, Acryl auf Leinwand, verkauft für $221,000 . Rechts: Olivier Mosset, Untitled von 1969, verkauft für $137,000 .

Schweizer Maximalismus und Minimalismus schliesst preislich auf. Links: John Armleder, «Chabasite» von 2003, Acryl auf Leinwand, verkauft für $ 221’000. Rechts: Olivier Mosset, Untitled von 1969, verkauft für $ 137’000.

Auch einige Italiener profitierten von der dekadenten europäischen Stimmung (in der düstere Vorahnungen des Versagens gefeiert werden). Der kleine kniende Hitler von Maurizio Cattelan, eine Skulptur namens «Him», kroch langsam von den geschätzten 10 bis auf 15,2 Mio. Dollar (17,2 mit Käuferkommission).

Und eine fotografische Arbeit der 45-jährigen italienischen Künstlerin Paola Pivi ging für 227’000 Dollar weg, auch für sie ein Marktrekord. Es bleibt mir persönlich komplett unverständlich, warum ein sehr schönes Kartoffelfeld von Sigmar Polke nicht verkauft wurde – es war das einzige Werk, auf dem das Auktionshaus sitzen blieb. Ich hätte es sehr gern gekauft, wenn ich eine schwerreiche Sammlerin wäre (bin aber weder das eine noch das andere).

Paola Pivi, «Untitled (Donkey)», Fotoprint, 2003, verkauft für $227,000 . Mitten im blauen Ozean eine verlorene Kreatur. Wo gehört sie hin? Wird sie jemand retten? Eine simple Metapher, die viele unserer Ängste anspricht.

Paola Pivi, «Untitled (Donkey)», Fotoprint, 2003, verkauft für $ 227’000. Mitten im blauen Ozean eine verlorene Kreatur. Wo gehört sie hin? Wird sie jemand retten? Eine simple Metapher, die viele unserer Ängste anspricht.

Das war also der Anfang der Frühlingsauktion-Saison in New York. Obwohl die Preise angesichts des komplexen Themas moderat blieben (im Vergleich zu den exorbitanten Zuschlägen an anderen kuratierten Auktionen), muss man sagen, dass das Event alles andere als eine Niederlage war. Im Gegenteil, man müsste fast eine andere Songzeile, die von Bob Dylan, bemühen, der einst sang «there’s no success like failure» (wenn auch bei Dylan die Aussage sofort ins Gegenteil verkehrt wird, «but failure’s no success at all»).

Aber zurück zur Auktion – sie zeigte, dass eine Abkühlung des Kunstmarktes auch ihre guten Seiten hat. Sie erlaubt den Anbietern und den Käufern, die schwierigen Kunstwerke so richtig aufs Pedestal zu stellen, auch wenn sie nicht die absoluten Preiskönige sind. Richtig so, denn das Schwierige, das Dunkle und das mit der Welt Unversöhnte bleibt nun mal der Stoff, aus dem die beste Kunst schöpft.

Schweizer Qualität bei Sotheby's Auktion am 31. Mai in Zürich: John Armleder (OHNE TITEL (U 39), 1991, Lack, Bronzelack und Firnis auf Leinwand 300 x 180 cm) und Diego Giacomettis "Chat maitre d'hotel»

Überlegene Schweizer Qualität bei der Sotheby’s-Auktion am 31. Mai in Zürich: John Armleders wunderbares Werk von 1991 (Lack und Firnis auf Leinwand, 300 x 180 cm), Diego Giacomettis witzige Skulptur «Chat maître d’hôtel»

Post Scriptum: Für uns Schweizer war übrigens die Botschaft, welche diese New Yorker Auktion vermittelt hat, auch in materieller Hinsicht «good news». An den kommenden Auktionen der Schweizer Kunst in Zürich werden nämlich Ende Mai Werke von Armleder, Mosset und anderen angeboten, die qualitativ über den in New York verkauften stehen. Für die hiesigen Sammler ein nicht zu unterschätzender Hinweis aus Übersee.


Ein kleiner Einblick ins Auktionsgeschehen (Courtesy Christie’s).

Picasso-Manie

Ewa Hess am Dienstag den 13. Oktober 2015

Liebe Leserinnen und Leser von Private View, nach dem etwas moderaten Anfang nimmt der Kunstherbst an Tempo zu. Die grossen Herbstmessen und Herbstauktionen stehen vor der Tür! Die Londoner Frieze (und natürlich ihre edlere Schwester Frieze Masters) beginnen am 14. Oktober, und die Woche darauf geht in Paris die FIAC (22. bis 25. Oktober) los. Und mit ihr, erstmals, die junge freche Messe Paris Internationale, mitbegründet von der Galerie Gregor Staiger. Also von Gregor Staiger und der Grafikdesignerin Marie Lusa, der Jurassierin in Zürich, die der Messe auch einen beflügelten visuellen Auftritt verpasst (Paris Internationale, 45, Avenue d’Iéna – 20. bis 24. Oktober).

Logo von Aaaaaaah!!! Design: Studio Marie Lusa

Logo von Aaaaaaah!!! Paris Internationale. Design: Studio Marie Lusa

Ja, ich weiss, ich habe auch schon über Messen geklagt. Aber mit den Messen ist es ein bisschen wie mit Picasso: Man klagt, bis man eines Besseren belehrt wird. Denn eigentlich zürnt man dem Übervater der modernen Kunst, so überpräsent zu sein – bis man wieder einige Bilder von ihm sieht, die einen einfach umhauen. In Paris geht es einem in der  «Picasso Mania» (im Grand Palais) so: Diese unglaublichen Bildnisse von Marie-Thérèse Walther! Man muss sie einfach lieben.

Porträts von Marie-Thérèse Walther: «Marie Thérèse accoudée" von 1939 und «Marie-Thérèse au béret bleu» von 1937 © Succession Picasso 2015 / Photo Béatrice Hatala

Porträts von Marie-Thérèse Walther: «Marie Thérèse accoudée» von 1939 und «Marie-Thérèse au béret bleu» von 1937 © Succession Picasso 2015 / Photo Béatrice Hatala

Die Ausstellung heisst so wie sie heisst, weil sie alle die Hommages der späteren Künstlergenerationen an den grossen spanischen Silberrücken Pablo versammelt. Enkelin Diana Widmaier Picasso half bei der Auffindung der Bilder – sie ist Kunsthistorikerin (und die Tochter von Maya, die ihrerseits aus der Verbindung von Marie-Thérèse und Picasso stammt). Das Gute an der Ausstellung: Sie weiss die kunsthistorischen Trouvaillen mit einem (augenzwinkernd zur Kenntnis genommenen) Celebrity-Kult zu vereinen. Und – das geschieht auf eine wohltuend intelligente Art und Weise. Hier schon mal einige der Ehrerbietungen. Sind diese Grüsse von grossen Malern über Generationen hinweg nicht einfach herrlich?

Maurizio Cattelans Skulptur vor Pei-Ming Yans Porträt, rechts Jasper Johns Reverenz

Maurizio Cattelans Skulptur vor Pei-Ming Yans Porträt, rechts Jasper Johns Reverenz

Wunderbare Malergrüsse: Roy Lichtensteins «Woman with flowered hat» und Martin Kippenbergers «Untitled» von 1988

Wunderbare Malergrüsse: Roy Lichtensteins «Woman with flowered hat» und Martin Kippenbergers «Untitled» von 1988

Meister Picasso selbst lacht bestimmt triumphierend aus dem Grab heraus – er wusste ja schon immer, dass er der Grösste ist. Ich kann mir vorstellen, dass er auch über den spektakulären Verkauf seiner «Algier-Frauen» im Mai dieses Jahres herzhaft lachen musste. Und bestimmt hat er es mit der im Jenseits verliehenen Macht verfügt, dass just zu den Novemberauktionen schon wieder ein verrücktes Bild von ihm auftaucht, diesmal bei Sotheby’s.

Pablo Picasso: «La Gommeuse» von 1901 und ihre Rückseite

Kommt am 5. 11. in New York unter den Hammer: «La Gommeuse» von 1901 und ihre Rückseite

Es handelt sich dabei um eines der sehr seltenen Gemälde aus der blauen Periode – es ist das erste Mal seit 28 Jahren, dass überhaupt eines in einer Auktion auftaucht. Es heisst «La Gommeuse» und stellt eine Nachtclubtänzerin dar. Picasso malte es 1901 mit 19 Jahren, da war er erst seit einem Jahr in Paris. Und als ob das nicht genug der Seltenheit wäre, hat der bisherige Besitzer des Bildes, der US-Milliardär Bill Koch, bei einer erst im Jahr 2000 durchgeführten Restauration entdeckt, dass sich auf der Rückseite ein zweites Gemälde von Picasso versteckte! Dieses zweite Bild ist ein seltsames Porträt von Pere Mañach, Picassos Wohnungsgefährten in Paris. Es ist zum Totlachen: Pablo, der Witzbold, zeigt den Kollegen als einen Weichling, der untenrum wie ein Mädchen aussieht und Pipi macht in einem stilisierten Blumenbeet. Wenn man bedenkt, dass das Porträt mal der Kinolegende Josef von Sternberg gehört hat, der das Bild just in dem Jahr gekauft hat, in dem er Marlene Dietrich für den «Blauen Engel» entdeckt hat, läuft doch auch vor unserem geistigen Auge sofort ein Film ab, nicht wahr? Wir sehen die laszive Lola aus dem «Blauen Engel» und den lächerlichen Professor Unrat. Obwohl man sagen muss, dass die «Gommeuse» noch authenthischer aussieht als die dralle Preussin Dietrich nachher im Film.

Die "Gommeuse" als Vorbild? Marlene Dietrich als Nachtclub-Tänzerin Lola Lola

Die «Gommeuse» als Vorbild? Marlene Dietrich als Nachtclubtänzerin Lola Lola

Das wundersame Doppelgemälde ist auf 60 Millionen Dollar geschätzt. Doch, ehrlich gesagt, nachdem die Algier-Frauen, die ja nicht einmal etwas Besonderes sind, im Mai diesen absurden Rekord von 178 Millionen Dollar gesetzt haben, könnte auch mit diesem Bild noch einiges passieren. Koch hat es übrigens 1984 auch bei Sotheby’s erstanden, damals für 1,4 Millionen Pfund.