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Scheitern, um zu gewinnen

Ewa Hess am Mittwoch den 11. Mai 2016

Seien wir ehrlich: Wir leben in einer Welt, in der nur das Gewinnen zählt. The winner takes it all, sang Abba. Das war eine Prophezeiung, auch wenn sich die Songzeile erst mal auf das Scheitern einer Liebe bezog.

Paradoxerweise haben sich die Gewinner der neuen ökonomischen Ordnung, die omnipotenten Multimillionäre, in eine Kunstrichtung verliebt, welche auffallend oft das Scheitern zum Thema macht: in die zeitgenössische Kunst. Diesen komplexen Sachverhalt machte das Auktionshaus Christie’s zum Thema einer Verkaufsveranstaltung – und gewann damit auf der ganzen Linie. Dies ist die Geschichte des «Bound to Fail»-Abendverkaufs von Christie’s, an dem am Sonntagabend in New York beinahe 80 Millionen Dollar umgesetzt und bis auf ein einziges alle Werke verkauft wurden.

Was: Evening Sale «Bound to Fail» von Christie’s
Wann: Sonntag, der 8.5.2016
Wo: Rockefeller Plaza, New York

Maurizio Cattelan, «Him» von 2001, verkauft für $17,189,000 (inkl. Käuferkommission). Das nur 1 Meter hohe Werk zeigt einen knienden Hitler, das Gesicht wie im Schmerz verzehrt. Bereut er? Bittet um Verzeihung? Oder bedauert er, nicht gesiegt zu haben? Cattelans Werk stellt wie immer viele Fragen, die mitten ins Gewissen zielen.

Maurizio Cattelan, «Him» von 2001, verkauft für $ 17’189’000 (inkl. Käuferkommission). Die nur einen Meter hohe Skulptur zeigt einen knienden Hitler, das Gesicht wie im Schmerz verzerrt. Bereut er? Bittet er um Verzeihung? Oder bedauert er, nicht gesiegt zu haben? Cattelans Werk stellt wie immer viele Fragen, die mitten ins Gewissen zielen. © Maurizio Cattelan (alle Werkabbildungen Courtesy Christie’s)

Früher war das so: Die Aktionshäuser verkauften, was ihnen gerade so an Kunst angeboten worden ist. Manchmal traf es den Nerv der Zeit und verkaufte sich gut, manchmal eben nicht.

Heute geht das oft anders. Begabte Auktionshaus-Kuratoren versuchen zu erahnen, was gerade ein wichtiges Thema sein könnte, und suchen aktiv nach Werken, die dazu passen. Dem Verkauf wird ein Titel verpasst, der die ganze Sache auf den Punkt bringt und eine Versteigerung in ein geschichtsträchtiges Ereignis verwandelt. Die erhöhte Intensität bleibt nicht ohne Einfluss auf die Kaufbereitschaft, wie gerade das Beispiel der «Bound to Fail»-Auktion zeigt.

Loïc Gouzer, Deputy Chairman Postwar and Contemporary, Christie's

Loïc Gouzer, Deputy Chairman Postwar and Contemporary Art, Christie’s

Der kluge Kopf hinter dem Event war diesmal ein Schweizer, der nur 35-jährige Genfer Loïc Gouzer, Christie’s «deputy chairman postwar and contemporary art», also eine Art Sparten-Vizedirektor, oder was der Titel auch immer heissen mag. Gouzer hat schon «Looking Forward to the Past» orchestriert, die berühmt gewordene kuratierte Auktion vom Mai 2015, an der Picassos «Les Femmes d’Alger» von 1955 für fast 180 Millionen Dollar verkauft und so zum am teuersten verkauften Kunstwerk wurden.

Gouzer, der aus einer reichen Familie kommt (die ursprünglich mit Austernverkauf ihr Geld gemacht hat und der ein Teil Genfs gehört), ist befreundet mit einigen der Darlings der neuen Schickeria und weiss, wie sie ticken. Mit Leonardo di Caprio verbindet ihn nicht nur Freundschaft, sondern auch das Engagement für die Umwelt, sie haben schon gemeinsam Werke erworben (Private View berichtete hier).

Gab der Auktion den Titel: Bruce Naumans Gusseisenskulptur von 1970 mit dem Titel «Henry Moore Bound To Fail». Sie zeigt Bruce Naumans auf dem Rücken zusammengebundene Hände. Ein Bild für die Ohnmacht, aber auch für die Kraft eines Künstlers, der aus seinem Handicap seine Stärke bezieht

Gab der Auktion den Titel: Bruce Naumans Gusseisenskulptur von 1970 mit dem Titel «Henry Moore Bound to Fail». Sie zeigt Bruce Naumans auf dem Rücken zusammengebundene Hände. Ein Sinnbild für die Fähigkeit eines Künstlers, gerade seine Schwäche in Stärke umzumünzen.

Paris Hilton, die jetzt öfter in New York anzutreffen ist, seitdem sie das Kühestreicheln in Schindellegi aufgegeben hat, hauchte nach der Auktion am Sonntag den anwesenden Reportern ins Mikrofon, dass «Loïc ein sehr guter Freund» von ihr sei. Kelly Crow, die allwissende Auktionsberichterstatterin des «Wall Street Journal», twitterte zudem, dass sie den Hollywood-Beau Christian Slater in der Menge gesichtet habe. Dabei fand die Auktion ungewöhnlicherweise an einem Sonntag, und das schon um 17 Uhr, statt. Manche kamen ausser Atem, weil sie die letzten Cocktails der Kunstmesse «Frieze» noch austrinken mussten.

Bildersuche per Instagram

Bildersuche per Instagram.

Man kann nicht sagen, dass Gouzer nicht wusste, was er wollte. Er wusste es ganz genau. Nach Werken seiner Wahl suchte er unter anderem auf Instagram, vor aller Augen.

Zu Martin Kippenbergers Skulptur «Martin, ab in die Ecke und schäm dich» schrieb Gouzer auf Instagram etwa: «would kill to have it in #boundtofail auction and ready to offer significant money for it – any ideas?» Worauf die Sammlerin und Art Advisor Eleanor Cayre kommentierte: «Finde es, Loïc, ich gebe eine Garantie dafür!» Womit sie auf die Gepflogenheit anspielte, dass man den Anbietern einen Preis im Voraus verspricht, egal wie die Auktion dann läuft.

Nun, diesen Kippenberger fand Loïc nicht, dafür den schönen gekreuzigten Frosch «Zuerst die Füsse», der dann auch für 1,325 Millionen Dollar verkauft wurde, eine gute halbe Million höher als geschätzt.

Martin Kippenbergr, «Zuerst die Füsse»., mit Autolack bemalte Holzskulptur, 1990, verkauft für $1,325,000. «Fred the Frog», des Künstlers Alter ego, hängt häretisch am Kreuz. Was für grosse Entrüstung der Kirchekreise sorgte, ist im Grunde ein trauriges Selbstbildnis des Künstlers selbst, mit Bierkrug und Spiegelei. Kippenberger, der sich selbst nie ernst nahm, beeinflusst nach wie vor ganze Generationen von Künstlern.

Martin Kippenberger, «Zuerst die Füsse», mit Autolack bemalte Holzskulptur, 1990, verkauft für $ 1’325’000. «Fred the Frog» des Künstlers Alter ego hängt häretisch am Kreuz. Was für grosse Entrüstung der Kirchenkreise sorgte, ist im Grunde ein trauriges Selbstbildnis des Künstlers selbst, mit Bierkrug und Spiegelei. Kippenberger, der sich selbst nie ernst nahm, beeinflusst nach wie vor ganze Generationen von Künstlern.

Aus Schweizer Sicht höchst erfreulich: Natürlich hat der Genfer eine bessere Kenntnis der Schweizer Szene als die Amis. Und placierte in seiner illustren Verkaufsschau einige CH-Helden, die ein glorreiches Werk aufweisen, aber noch nicht die exorbitanten Preise der deutschen Grossmeister erzielen. So setzte «Bound to Fail» (oder, wie manche spotteten, «Bound to Sell») Marktrekorde für die helvetischen Stars John Armleder und Olivier Mosset. Höchste Zeit, dass ihr Werk auch preislich zum Weltniveau aufschliesst.

Schweizer Maximalismus und Minimalismus schliesst preislich auf. Links: John Armleder, «Chabasite» von 2003, Acryl auf Leinwand, verkauft für $221,000 . Rechts: Olivier Mosset, Untitled von 1969, verkauft für $137,000 .

Schweizer Maximalismus und Minimalismus schliesst preislich auf. Links: John Armleder, «Chabasite» von 2003, Acryl auf Leinwand, verkauft für $ 221’000. Rechts: Olivier Mosset, Untitled von 1969, verkauft für $ 137’000.

Auch einige Italiener profitierten von der dekadenten europäischen Stimmung (in der düstere Vorahnungen des Versagens gefeiert werden). Der kleine kniende Hitler von Maurizio Cattelan, eine Skulptur namens «Him», kroch langsam von den geschätzten 10 bis auf 15,2 Mio. Dollar (17,2 mit Käuferkommission).

Und eine fotografische Arbeit der 45-jährigen italienischen Künstlerin Paola Pivi ging für 227’000 Dollar weg, auch für sie ein Marktrekord. Es bleibt mir persönlich komplett unverständlich, warum ein sehr schönes Kartoffelfeld von Sigmar Polke nicht verkauft wurde – es war das einzige Werk, auf dem das Auktionshaus sitzen blieb. Ich hätte es sehr gern gekauft, wenn ich eine schwerreiche Sammlerin wäre (bin aber weder das eine noch das andere).

Paola Pivi, «Untitled (Donkey)», Fotoprint, 2003, verkauft für $227,000 . Mitten im blauen Ozean eine verlorene Kreatur. Wo gehört sie hin? Wird sie jemand retten? Eine simple Metapher, die viele unserer Ängste anspricht.

Paola Pivi, «Untitled (Donkey)», Fotoprint, 2003, verkauft für $ 227’000. Mitten im blauen Ozean eine verlorene Kreatur. Wo gehört sie hin? Wird sie jemand retten? Eine simple Metapher, die viele unserer Ängste anspricht.

Das war also der Anfang der Frühlingsauktion-Saison in New York. Obwohl die Preise angesichts des komplexen Themas moderat blieben (im Vergleich zu den exorbitanten Zuschlägen an anderen kuratierten Auktionen), muss man sagen, dass das Event alles andere als eine Niederlage war. Im Gegenteil, man müsste fast eine andere Songzeile, die von Bob Dylan, bemühen, der einst sang «there’s no success like failure» (wenn auch bei Dylan die Aussage sofort ins Gegenteil verkehrt wird, «but failure’s no success at all»).

Aber zurück zur Auktion – sie zeigte, dass eine Abkühlung des Kunstmarktes auch ihre guten Seiten hat. Sie erlaubt den Anbietern und den Käufern, die schwierigen Kunstwerke so richtig aufs Pedestal zu stellen, auch wenn sie nicht die absoluten Preiskönige sind. Richtig so, denn das Schwierige, das Dunkle und das mit der Welt Unversöhnte bleibt nun mal der Stoff, aus dem die beste Kunst schöpft.

Schweizer Qualität bei Sotheby's Auktion am 31. Mai in Zürich: John Armleder (OHNE TITEL (U 39), 1991, Lack, Bronzelack und Firnis auf Leinwand 300 x 180 cm) und Diego Giacomettis "Chat maitre d'hotel»

Überlegene Schweizer Qualität bei der Sotheby’s-Auktion am 31. Mai in Zürich: John Armleders wunderbares Werk von 1991 (Lack und Firnis auf Leinwand, 300 x 180 cm), Diego Giacomettis witzige Skulptur «Chat maître d’hôtel»

Post Scriptum: Für uns Schweizer war übrigens die Botschaft, welche diese New Yorker Auktion vermittelt hat, auch in materieller Hinsicht «good news». An den kommenden Auktionen der Schweizer Kunst in Zürich werden nämlich Ende Mai Werke von Armleder, Mosset und anderen angeboten, die qualitativ über den in New York verkauften stehen. Für die hiesigen Sammler ein nicht zu unterschätzender Hinweis aus Übersee.


Ein kleiner Einblick ins Auktionsgeschehen (Courtesy Christie’s).

Picasso-Manie

Ewa Hess am Dienstag den 13. Oktober 2015

Liebe Leserinnen und Leser von Private View, nach dem etwas moderaten Anfang nimmt der Kunstherbst an Tempo zu. Die grossen Herbstmessen und Herbstauktionen stehen vor der Tür! Die Londoner Frieze (und natürlich ihre edlere Schwester Frieze Masters) beginnen am 14. Oktober, und die Woche darauf geht in Paris die FIAC (22. bis 25. Oktober) los. Und mit ihr, erstmals, die junge freche Messe Paris Internationale, mitbegründet von der Galerie Gregor Staiger. Also von Gregor Staiger und der Grafikdesignerin Marie Lusa, der Jurassierin in Zürich, die der Messe auch einen beflügelten visuellen Auftritt verpasst (Paris Internationale, 45, Avenue d’Iéna – 20. bis 24. Oktober).

Logo von Aaaaaaah!!! Design: Studio Marie Lusa

Logo von Aaaaaaah!!! Paris Internationale. Design: Studio Marie Lusa

Ja, ich weiss, ich habe auch schon über Messen geklagt. Aber mit den Messen ist es ein bisschen wie mit Picasso: Man klagt, bis man eines Besseren belehrt wird. Denn eigentlich zürnt man dem Übervater der modernen Kunst, so überpräsent zu sein – bis man wieder einige Bilder von ihm sieht, die einen einfach umhauen. In Paris geht es einem in der  «Picasso Mania» (im Grand Palais) so: Diese unglaublichen Bildnisse von Marie-Thérèse Walther! Man muss sie einfach lieben.

Porträts von Marie-Thérèse Walther: «Marie Thérèse accoudée" von 1939 und «Marie-Thérèse au béret bleu» von 1937 © Succession Picasso 2015 / Photo Béatrice Hatala

Porträts von Marie-Thérèse Walther: «Marie Thérèse accoudée» von 1939 und «Marie-Thérèse au béret bleu» von 1937 © Succession Picasso 2015 / Photo Béatrice Hatala

Die Ausstellung heisst so wie sie heisst, weil sie alle die Hommages der späteren Künstlergenerationen an den grossen spanischen Silberrücken Pablo versammelt. Enkelin Diana Widmaier Picasso half bei der Auffindung der Bilder – sie ist Kunsthistorikerin (und die Tochter von Maya, die ihrerseits aus der Verbindung von Marie-Thérèse und Picasso stammt). Das Gute an der Ausstellung: Sie weiss die kunsthistorischen Trouvaillen mit einem (augenzwinkernd zur Kenntnis genommenen) Celebrity-Kult zu vereinen. Und – das geschieht auf eine wohltuend intelligente Art und Weise. Hier schon mal einige der Ehrerbietungen. Sind diese Grüsse von grossen Malern über Generationen hinweg nicht einfach herrlich?

Maurizio Cattelans Skulptur vor Pei-Ming Yans Porträt, rechts Jasper Johns Reverenz

Maurizio Cattelans Skulptur vor Pei-Ming Yans Porträt, rechts Jasper Johns Reverenz

Wunderbare Malergrüsse: Roy Lichtensteins «Woman with flowered hat» und Martin Kippenbergers «Untitled» von 1988

Wunderbare Malergrüsse: Roy Lichtensteins «Woman with flowered hat» und Martin Kippenbergers «Untitled» von 1988

Meister Picasso selbst lacht bestimmt triumphierend aus dem Grab heraus – er wusste ja schon immer, dass er der Grösste ist. Ich kann mir vorstellen, dass er auch über den spektakulären Verkauf seiner «Algier-Frauen» im Mai dieses Jahres herzhaft lachen musste. Und bestimmt hat er es mit der im Jenseits verliehenen Macht verfügt, dass just zu den Novemberauktionen schon wieder ein verrücktes Bild von ihm auftaucht, diesmal bei Sotheby’s.

Pablo Picasso: «La Gommeuse» von 1901 und ihre Rückseite

Kommt am 5. 11. in New York unter den Hammer: «La Gommeuse» von 1901 und ihre Rückseite

Es handelt sich dabei um eines der sehr seltenen Gemälde aus der blauen Periode – es ist das erste Mal seit 28 Jahren, dass überhaupt eines in einer Auktion auftaucht. Es heisst «La Gommeuse» und stellt eine Nachtclubtänzerin dar. Picasso malte es 1901 mit 19 Jahren, da war er erst seit einem Jahr in Paris. Und als ob das nicht genug der Seltenheit wäre, hat der bisherige Besitzer des Bildes, der US-Milliardär Bill Koch, bei einer erst im Jahr 2000 durchgeführten Restauration entdeckt, dass sich auf der Rückseite ein zweites Gemälde von Picasso versteckte! Dieses zweite Bild ist ein seltsames Porträt von Pere Mañach, Picassos Wohnungsgefährten in Paris. Es ist zum Totlachen: Pablo, der Witzbold, zeigt den Kollegen als einen Weichling, der untenrum wie ein Mädchen aussieht und Pipi macht in einem stilisierten Blumenbeet. Wenn man bedenkt, dass das Porträt mal der Kinolegende Josef von Sternberg gehört hat, der das Bild just in dem Jahr gekauft hat, in dem er Marlene Dietrich für den «Blauen Engel» entdeckt hat, läuft doch auch vor unserem geistigen Auge sofort ein Film ab, nicht wahr? Wir sehen die laszive Lola aus dem «Blauen Engel» und den lächerlichen Professor Unrat. Obwohl man sagen muss, dass die «Gommeuse» noch authenthischer aussieht als die dralle Preussin Dietrich nachher im Film.

Die "Gommeuse" als Vorbild? Marlene Dietrich als Nachtclub-Tänzerin Lola Lola

Die «Gommeuse» als Vorbild? Marlene Dietrich als Nachtclubtänzerin Lola Lola

Das wundersame Doppelgemälde ist auf 60 Millionen Dollar geschätzt. Doch, ehrlich gesagt, nachdem die Algier-Frauen, die ja nicht einmal etwas Besonderes sind, im Mai diesen absurden Rekord von 178 Millionen Dollar gesetzt haben, könnte auch mit diesem Bild noch einiges passieren. Koch hat es übrigens 1984 auch bei Sotheby’s erstanden, damals für 1,4 Millionen Pfund.