Beiträge mit dem Schlagwort ‘Mario Sala’

Das Judith-Evangelium

Ewa Hess am Dienstag den 2. Juni 2015

Am Anfang war das Wort. Wirklich? In der Krypta des Grossmünsters ist das Wort gerade Kunst geworden. Als eine Schrift an der Wand, von einer fleissigen Frauenhand angebracht. An der Eröffnung der jährlichen «Kunst in der Krypta»-Ausstellung bezeichnete sich der Eröffnungsredner Christoph Vögele als «Kunstvermittler, also Seelsorger». Ist entlang dieser Logik Kunst Gebet? Manchmal schon, finde ich. Was denken Sie?

Was: Die Installation «Prolog» in der Krypta des Grossmünsters in Zürich – «Kunst in der Krypta No 3»
Wo: In der Kellerkrypta der Kirche, dort, wo man die Statue Karls des Grossen bestaunen kann
Wann: Eröffnung war am Donnerstag, 28. Mai, die Ausstellung dauert bis am 2. Juli

Zürichs Wahrzeichen Grossmünster und seine von Karl dem Grossen bewachte  Krypta

Zürichs Wahrzeichen Grossmünster und die von Karl dem Grossen bewachte Krypta.

Liebe Leserinnen und Leser, vor genau einem Jahr habe ich von der Installation Mario Salas im Grossmünster berichtet (hier), die mich sehr beeindruckt hat. Und auch dieses Jahr hat Pfarrer Martin Rüsch eine denkwürdige Wahl getroffen. (Künstler Peter Radelfinger und Kuratorin Bigna Pfenninger waren auch  daran beteiligt). Kennen Sie Judith Albert? Die Künstlerin lebt jetzt in Zürich, stammt aber aus Obwalden; eine Aura der mythischen Bergregion umgibt sie wie der Duft einer frisch gemähten Heuwiese. Sie ist eine Poetin, ihre Videos sind oft wie kleine Gedichte, die sich den einfachen Sachen zuwenden. Faule Äpfel etwa, die sie am Strassenrand findet. Sie hebt sie auf und schneidet sie im Video mit ihrer schönen grossen Hand entzwei. Abstrakte Schönheit der fortschreitenden Verwesung marmoriert das Fruchtfleisch, das Fallobst wird zum Abbild von… Ja, wovon? Von der Vergänglichkeit des Lebens ebenso wie vom verschwenderischen Reiz des Unnützen. In letzter Zeit hatte Judith Albert in Gruppenausstellungen auch Auftritte als Neo-Dadaistin gehabt, etwa mit einem Video, in dem sie sich beinahe nackt und nur in Gesellschaft eines grossen Kraken räkelt.

Videoarbeiten von Judith Albert: Vallotton nachempfundene «Nude with an orange scarf”, 2009 und «Vanitas II», auch 2009

Videoarbeiten von Judith Albert: Vallotton nachempfundene «Nude with an Orange Scarf», 2009, und «Vanitas II», 2007.

In der Krypta zeigt sich Frau Albert als eine gewiefte Theologin, treibt sie doch ein raffiniertes Spiel mit der Heiligen Schrift und ihrer Auslegung. (Kein Wunder übrigens, sie hat schon mal, gemeinsam mit ihrem Team, die ästhetische Erneuerung der wunderbaren Solothurner Kathedrale betreut. Dort kann man den zentralen Tisch mit einem Tischtuch aus weissem Marmor bewundern. Das steinerne Tuch sieht mit seinen Bügelkanten und Stickereien so aus, als ob es gerade frisch aus dem Wäscheschrank käme, sehr schön.) Aber eben: In der Zürcher Krypta, unter den Wahrzeichen-Doppeltürmen… Ich weiss nicht, ob Sie schon mal dort waren. Es ist ein karger Raum mit Säulen, Bögen und diffus hereinscheinender Morgensonne, dominiert von einem grossen Kerl, Karl dem Grossen, Schwert und Zepter inklusive.

Keine Konkurrenz zu Karl, viel mehr eine leise Subversion

Keine Konkurrenz zu Karl, viel mehr eine leise Subversion

Pfarrer Rüsch hat uns später verraten, dass es für die Kunstinstallationen schwierig ist, die dominante Stellung Karls des Grossen in der Krypta zu konkurrieren. Mario Sala hat es letztes Jahr ganz gut geschafft, indem er seine Eierschalenschnüre von Karls Kopf zum heiligen Knäckebrot im Fenster spannte und so die Energie tatsächlich von der weltlichen Figur in Richtung einer Himmelsmacht lenkte. (Auch wenn die Eierschalen offensichtlich nicht bei allen Kirchgängern beliebt waren, hörte ich am Donnerstag – einigen waren sie zu trivial, sie liessen sie eher ans Rührei zum Frühstück denn an den Ursprung allen Lebens denken. Im Ei ist aber beiderlei Symbolik drin, wenn also manche ans Frühstück anstatt an Höheres dachten, wird das wohl an ihnen selbst gelegen haben.)

Judith Albert aber – halten Sie das für weibliche List, wenn Sie wollen – versucht es gar nicht erst mit der Konkurrenz. Ihre Videoarbeit «Prolog» ist von subtil-subversiver Natur. Zwei Bildschirme, diskret, doch perfekt in die Symmetrie der Säulen komponiert, zeigen die Hände der Künstlerin, die den ersten Satz des Johannesevangeliums aus Folienbuchstaben als eine Leuchtschrift «bastelt». «In the beginning was the Word» heisst der Satz – am Anfang war das Wort. Und hier schon geht es mit dem Vexierspiel los, denn Alberts Arbeit funktioniert auch als Bild. Die Buchstaben, die sie verwendet, klebt sie sich nämlich auf die Hand, und um sie in den Satz einzufügen, löst sie sie von der Hand mit einer Nadel. Ein sehr sinnlicher Vorgang, denn die Haut der Hand kommt ein bisschen mit, hebt sich, bevor die Buchstaben losgelöst werden. Der Loop ist acht Minuten lang, man könnte aber auch länger schauen, denn die Sache versetzt einen in eine leichte Trance.

«Prolog»: Buchstaben auf der Hand,  die Künstlerin und ihre Schwester Ruth, Jacqueline Burckhardt diskutiert mit Peter Radelfinger

«Prolog»: Buchstaben auf der Hand (Grafik der Begleitpublikation:Prill Vieceli Cremers), die Künstlerin und ihre Schwester Ruth, Jacqueline Burckhardt diskutiert mit Peter Radelfinger

Schon unten in der Krypta begannen die Diskussionen. Die Kunsthistorikerin Jacqueline Burckhardt, eine der beiden legendären Chefinnen der Kunstzeitschrift «Parkett» (die andere ist Bice Curiger), äusserte mir gegenüber einen leisen Zweifel, ob das Wort am Anfang überhaupt stehen kann, denn es müsse sich doch schon eine Form aus dem Chaos erheben, damit ein Nennungsprozess überhaupt in Gang kommen kann. Ich, die ich ganz und gar dem Wort gehöre, hielt dagegen. Mit dem Argument, dass eine Nennung die Form erst möglich mache. Frau Burckhardt wird übrigens am 2. Juli ein Publikumsgespräch im Grossmünster bestreiten.  Im Parkett-Verlag ist auch ein Buch über die Polke-Fenster des Grossmünsters herausgekommen. Man kann es hier bestellen. Oben, im Hauptraum der Kirche, ging es mit der Diskussion weiter. Christoph Vögele, der sympathische Konservator des Kunstmuseums Solothurn, wies uns darauf hin, dass Alberts Werk sehr präzis auf das Grossmünster zugeschnitten ist, gehörte doch die buchstabengetreue Auslegung der Bibel zu den Hauptanliegen Huldrych Zwinglis, der von hier aus die Deutschschweizer Reformation anführte.

Augusto Giacometti und Sigmar Polke (links) haben die Fenster des Grossmünsters entworfen

Augusto Giacometti und Sigmar Polke (links) haben die Fenster des Grossmünsters entworfen

«Qualität des Kunstwerks ist das Allerwichtigste», sagte Pfarrer Rüsch, der zum Thema «Kunst im sakralen Raum» soeben einen Aufsatz im neuen «Visarte»-Heft veröffentlicht hat und bevor er Pfarrer wurde Kunst studiert hat. Damit wollte er wohl andeuten, dass, gerade wenn man in einer Kirche ausstellt, keine Kitschkunst erlaubt sei. Er hat gut reden! Sein bildlos wunderschönes Münster, wo man zwischen den wunderbaren Augusto-Giacometti-Fenstern und den neuen, nicht weniger erhebenden Sigmar-Polke-Fenstern betet, ist da ein stolzes Vorbild. Mir lag die Frage auf der Zunge, was der Grossmünster-Pfarrer zu Christoph Büchels Installation in Venedig sagt – Private View hat berichtet. Darf man das, eine Moschee in einer ehemaligen Kirche als Kunstprojekt einrichten? Wenn Sie sich dazu äussern mögen, Herr Pfarrer, bitte sehr. Es interessiert uns. Die Kommentarspalte heisst Sie willkommen.

Kunstmuseum-Solothurn-Chef und Eröffnungsredner Christoph Vögele im Gespräch mit Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch, Künstlerinnen Elodie Pong und Judith Albert

Kunstmuseum-Solothurn-Chef und Eröffnungsredner Christoph Vögele im Gespräch mit Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch, Künstlerinnen Elodie Pong und Judith Albert.

Wir standen um den Tisch mit Brot und Wein (wobei das Brot ein knusprig gebackenes Früchtebrot war) und kamen auch auf leichtere Themen. Die Künstlerin Elodie Pong und die Filmemacherin Anka Schmid waren da – Schmids schöner neuer Dokfilm über Frauen, die wilde Tiere zähmen, «Wild Women – Gentle Beasts», kommt im Herbst in die Kinos. Premiere war im April in Nyon – die Kritik war begeistert. Schmid und Peter Radelfinger, hat sich herausgestellt, haben gemeinsam an der ZHdK einen Kurs über den «Kuss im Film» bestritten. Ein gutes Thema! Auf meine Bitte hin haben die beiden Dozenten eine züchtige Demonstration des Seminarthemas gewagt. Peter Radelfinger hatte übrigens gerade die Vernissage seines neuen Buchs «Falsche Fährten» (Edition Patrick Frey) hinter sich. Ein denkwürdiges Buch, in das er alles reinpackt, was er seit Jahrzehnten so als «Material» sammelt. Fantastisch, doch der Titel weist schon darauf hin, dass das unmittelbare Erleben der Königsweg zur Erkenntnis ist und bleibt. Doch davon vielleicht ein anderes Mal, liebe Gemeinde.

Die Vorführung des Seminarthemas: «The kiss» by Anka Schmid & Peter Radelfinger

Die Vorführung des Seminarthemas: «The Kiss» by Anka Schmid und Peter Radelfinger.

Kunstalarm Stufe gelb!

Ewa Hess am Dienstag den 10. Juni 2014
Private View

«Untitled Horror» heisst Cindy Shermans Ausstellung im Kunsthaus. Nicht immer ist der Horror so subtil wie auf diesem Bild «Untitled #3» von 1981, wo man sich fragt: Ist es Schmerz? Angst? Trauer? Oder gar Lust? (Foto: Cindy Sherman / Metro Pictures, New York)

Liebe Leserinnen und Leser.

Sie wissen es und ich weiss es: Wir befinden uns in den zwei Wochen des Jahres, in welchen die Kunstwelt in einen Ausnahmezustand gerät. In den Tagen vor  ART passiert alles gleichzeitig: Die Museen und die Galerien machen ihre schönsten Ausstellungen auf, die Gäste aus Übersee jetten nach Europa, machen erst Venedig (dieses Jahr: Architekturbiennale!),  dann Zürich unsicher und strömen anschliessend nach Basel. Es ist ein süsser Wahn, in den die Kunstwelt gerade verfällt, und deshalb möchte «Private View» diese  ekstatischen Atemlosigkeit mit Ihnen teilen. Heute: ALARM GELB, nächsten Dienstag ALARM ROT. Und dann kommt die ART. Follow me!

Zürich
Haus Konstruktiv
Mittwoch Abend

Künstlerin Nika Spalinger mit Freundinnen, Designer Alfredo Häberli mit Gattin, die «Angeschlagene Moderne»

Kuratorin Yvonne Volkart, Künstlerinnen Judith Albert und Nika Spalinger (Bild links), Designer Alfredo Häberli mit Gattin Stefanie, die «Angeschlagene Moderne»

Am Mittwoch, 5. 6.,  stellt das Haus Konstruktiv gleich drei neue Schauen vor. Ich fasse mich kurz, da noch ganz viele Anlässe auf uns warten. Der US-Slowene Tobias Putrih misst sich mit Kasimir Malewitsch, der Deutsche Florian Dombois nimmt es auf mit der Moderne aus der Sammlung des Hauses auf. Beide gehen aus den Kämpfen als Verlierer heraus. Ich will nicht in Abrede stellen, dass dieses Verlieren auch programmatisch sein könnte. Während Putrih das Schwarze Quadrat (bzw die ihm vorangegangene Oper) in einer dämmrigen Installation, die New Age Assoziationen weckt, thematisiert, bringt Dombois mit Schlagwerkzeugen Klassiker zum klingen. So richtig klar wird das alles nicht – könnte das auch an der Präsentation liegen? Die Kartonobjekte Putrihs, welche sein Konzept in eine klare Form überführen sollten, sprechen wenig an. Da ist die dritte Schau – wunderbare Bilder von Auguste Herbin – richtig erholsam. Herbin, ein französischer Pionier der Abstraktion (1882-1960), trifft mit seinen Farben und Formen direkt ins Auge. Paff. Danke. Die Vernissagengäste – Medienleute, Künstler, Galeristen, Fotografen und Designer sind dennoch wohlwollend angetan. Der innere Kreis diniert im Museum drin, die anderen trinken ihr Bier an der Freiluftbar vor dem Haus aus.

Tagi-Online-Chef Michael Marti, Haus-Konstruktiv-Präsident Andreas Durisch, ein Werk von Auguste Herbin, Künstlerin Claudia Comte

Mitglied der Tagi-Chefredaktion Michael Marti, Haus-Konstruktiv-Präsident Andreas Durisch, ein Werk von  Herbin, Künstlerin Claudia Comte

Rapperswil
Alte Fabrik
Mittwoch Abend

Das optische Unbewusste: Die zwei Jungkuratoren Fredi Fischli und Nils Olsen, die zur Zeit viele Institutionen beglücken (ihr eigenes Offspace Studiolo, gta-Ausstellungen), zeigen ihr ehrgeizigstes Programm im Rahmen eines einjährigen Stipendiums der Gebert Stiftung für Kultur in Rapperswil. Die jüngste Schau «Das optische Unbewusste» begeistert den «Private View»-Autor Giovanni Pontano so sehr, dass wir ihr einen separaten Beitrag widmen.

Zürich
Kunsthaus
Donnerstag Abend

«Untitled Horror» von Cindy Sherman: Zürich gilt als eine Weltstadt, fast so etwas wie klein New York – abgebrüht und  Seltsamkeiten gewohnt. Dennoch erstaunlich, dass  die Schau, welche das Kunsthaus am Donnerstag, dem 6.6., frohgemut eröffnet, nicht zumindest für ein gewisses Unbehagen sorgt. Der Titel «Untitled Horror» ist nämlich alles andere als übertrieben.

Eine Erregung bleibt aber komplett aus. Im Gegenteil sogar. Die fröhliche Vernissagenschar scheint gegen den in Cindy Shermans Bildern sehr – sehr! – drastisch dargestellten Horror komplett immun zu sein. Mit Puppengliedern nachgestellte Vergewaltigungsszenen, explizite Anspielungen an pornografische Grobheiten, aus Knetmasse nachgeformte Genitalien… Widerlich schimmelnde Lebensmittel und Porträts von Mitleid erregenden Frauengestalten sind in diesem Reigen schon fast eine Erholung. Den Vernissagengästen weicht indes das Lächeln nicht vom Gesicht. So, als ob sie gar nicht sähen, was da die Wände ziert. Ein Herr fotografiert mitten im Saal artig sitzende Kinderchen, echte Damen ohne Alter bewundern fotografierte Karikaturen von Damen ohne Alter, kunstbeflissene Bürgerinnen bleiben ehrfurchtsvoll von den monströsen Genitalien stehen.

Dame schaut Dame, «Untitled horrors», Fototermin vor Cindy

Dame betrachtet Dame, «Untitled horrors», Fototermin vor Cindy

Verstehen Sie mich richtig: Ich selbst gehöre zu den glühenden Bewundererinnen der US-Fotokünstlerin, die sich ihr Leben lang um nichts, das schwierig, zweideutig oder lächerlich war, in ihrer Kunst gedrückt hat. Und ich will die Auswahl alles andere als kritisieren. Dass sie vor allem das Schlimme aus dem Werk der Künstlerin hier in Zürich ausbreitet, ist Programm. Ich verstehe: diese Auswahl ist eine Antwort auf die US-Retrospektive, die gerade das Schlimme auszuklammern versucht hat.

Ich kann nur diese seltsame Teflonschicht nicht verstehen, welche das Kunsthaus-Publikum vor der drängenden Aussage dieser Darstellungen zu schützen scheint. Die Menschen scheinen komplett unberührt. Das liege an der Präsentation, hat inzwischen mein Kollege Samuel Herzog in der NZZ vermutet. Weil die Bilder so «kreativ» gehängt sind, nicht in strengen Serien, sondern kunterbunt durcheinander, würden sie wie eine Jahrmarkt-Geisterbahn wirken und dadurch ihren Schrecken verlieren. Wirklich? Mich haben manche von ihnen dennoch bis tief in den Schlaf verfolgt.

Zürich
Grossmünster-Krypta
Donnerstag Abend

Mario Sala alias Anthonycells: Was für ein Szenenwechsel! Nur wenige Schritte vom Kunsthaus mit seiner seltsamen Szenerie tritt man im Grossmünster in eine heilige Stille hinein. Stille? Nein, man hört Klänge. Es ist Tom Combo an der Orgel. Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch hat gemeinsam mit dem Kurator Giovanni Carmine eine Installation des Schweizer Künstlers Mario Sala in der Krypta vorgestellt. Die Leserinnen und Leser von «Private View» erinnern sich an seine Ausstellung bei Nic von Senger.

Karl der Grosse mit «Tageslichtverstärkern» aus Eierschalen, unser tägliches Knäckebrot als Glasfenster

Karl der Grosse mit «Tageslichtverstärkern» aus Eierschalen,  Knäckebrot als Epiphanie

Ich sage nur eins: Wunderbar! Mit leichter Hand hat Anthony Cells, das Alter Ego des Künstlers, in der kargen Krypta eine archaische Kunstinstallation angebracht. Simple Lebensmittel weisen den Augen den Weg zum Himmel. Einer Spur aus  Eierschalen folgend, die der Künstler «Tageslichtverstärker» nennt, erhebt sich der Blick bis zum schmalen Fenster, in dem eine Scheibe schwedischen Knäckebrots so vergeistigt ihr löchriges Rund im Abendlicht präsentiert, dass einem fast die Tränen kommen. Eine Epiphanie! Und es ist Pfingsten!  Es lebe die Kunst in der Krypta. Amen.

Venedig
Giardini
Freitag Nachmittag

Architekturbiennale: Die «Private View» Sonderkorrespondentin Michelle Nicol schreibt: «Ich habe die Architektur-Biennale besucht und ich möchte, dass Rem Koolhaas für immer der Dirigent, nein der Rockstar, der Dinge ist, die mich umgeben. ..» Aber lesen Sie selbst! Wir widmen der Architekturbiennale, die, was den Schweizer Pavillon anbelangt, am Freitag, 6. 6., vom Bundesrat Alain Berset im Beisein des Alt-Bundesrats Moritz Leuenberger eröffnet wurde, einen gesonderten Beitrag.

Zürich
Spiralgarage an der Badenerstrasse 415
Pfingstsonntag

Gruppenausstellung Guyton Price Smith Walker: Hier mal eine kühne Behauptung: Die Kraft des Idealismus kann es mit jeder wirtschaftlichen Übermacht aufnehmen. Wetten? Jedenfalls, das non-kommerzielle «artist-run-off-space» Plymouth Rock, über das wir auch schon berichtet haben (hier), erfreut sich an dem fantastisch sonnigen Pfingstsonntag in Zürich, an dem die ganze Welt in den See zu springen scheint, eines interessierten Publikumzustroms.

Draussen Sonne, drinnen Kunst: Plymouth Rock, Mitchell Anderson

Plymouth Rock, Mitchell Anderson vor Emanuel Rossettis Werk

Mitchell Anderson, der Texaner in Zürich und Betreiber des Kunst-Garagenhäuschens, hat eine wunderbare Gruppenausstellung zusammengestellt, die sich mit verschiedenen Stufen der Appropriation beschäftigt. Junge Kunstcracks sind hier mit ihren Werken vertreten: Tobias Madison steuert verliebte Tiger bei, Hannah Weinberger ein Soundpiece und Emanuel Rossettis futuristische Loops erinnern an Landschaften der Zukunft. Wunderbar witziges Stück: Vittorio Brodmanns «A couple of problems» stammt aus der eigenen Sammlung des Kunstspace-Betreibers. Verkauft wird hier nix, man kann sich, wenn man etwas will, an die Künstler selber wenden. Sie kommen im Verlauf des Nachmittags vorbei, sitzen mit ihrem Bierchen vor dem Häuschen und erleuchten mit guter Laune den dunklen Innenraum der Garage. Mitchells Miete für das Häuschen läuft übrigens im August aus. Wer also das witzige Kunstkabinett noch erleben will, muss sich unbedingt beeilen.

Der Teufel in seinem Kopf

Ewa Hess am Dienstag den 13. Mai 2014
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«Pioneer 48» von Mario Sala in der Galerie Nicola von Senger.

«Mind fuck» ist ein Begriff, der zu Unrecht abschätzig klingt. Erstens muss jeder mit dem F-Wort zu bezeichnende Akt auch unbedingt einen «Mind»-Anteil haben, soll er so richtig gelingen. Und zweitens ist eine erst mal im Hirn anschwellende Leidenschaft auch eine wilde Sache. Diese intellektuelle Wildheit gehört zu Nicola von Sengers Galerieprogramm, und der ist auch Mario Sala, dessen «Anthony Cells» am Freitag eröffnete, komplett verfallen. Im besten Sinn! Im Kopf des 49-jährigen Winterthurer Künstlers ist der Teufel los. Nein, Entschuldigung, natürlich nicht der Teufel, sondern der heilige Antonius, genannt «Anthony Cells». Diese erfundene Figur steht im Zentrum eines schwindelerregenden Universums, das sich in Salas Werken bruchstückhaft manifestiert.

Mario Sala und die «apokalyptische Raumecke»

Mario Sala und die «apokalyptische Raumecke».

Der Künstler erklärt mir die Auslegeordnung der kleinen Schau mit vor innerer Aufregung glühenden Wangen. Da haben wir also einerseits den «Trigger». Das ist die grosse Skulptur in der Mitte des Galerieraums. Ihr Rückgrat ist eine Angelrute. Diese steht auf einem Fundament aus Sägespänen und ist ganz und gar mit Schwämmchen ummantelt. Oben, weit über den Köpfen der Besucher, wird sie von einem nassen Schwammkopf gekrönt, weshalb sie sich auch weniger oder stärker neigt – je nach Trocknungszustand des saugfähigen Kopfes.

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Alles klar? Nein? Macht nichts, es sieht fantastisch schön aus. Links: «Piece 03», 2014, Autolack auf Aluminium. Rechts: «Trigger 03», 2014, Schwamm, Metall, Angelrute, Teppich, Sägemehl, Wasser.

Rund um dieses Objekt, das entweder aus dem Weltall oder aus der Fernsehserie «Stark Trek» stammen könnte (und zwar aus den ersten Staffeln mit Cpt. Kirk, zum Beispiel aus der legendären Episode mit den schwammartigen «Tribbles» – remember?), gibt es verschiedene Arten von Werken, etwa die «Pioneers», pastose Leinwandbilder, oder «Pieces», Autolack auf Aluminium, oder «Forms», die wie Collagen daherkommen.

Jede Sorte gehört einer imaginierten Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart an, jedenfalls einer Parallelwelt, die sich in dieser Zelle des heiligen Antonius («Anthony Cells» = Anthony’s Cell?) materialisiert. Alles klar? Nein? Macht nichts: Es sieht fantastisch schön aus. Und zwar jede Sorte! Die abstrakten Ölbilder sind auf pastellfarbene Art expressiv. Die Pieces leuchten elegant mit ihren kühlen Oberflächen. Die Collagen faszinieren mit einer Vielzahl von Details. Und die in einer Ecke der Galerie installierte apokalyptische Zersetzung scheint die Anwesenheit des Trigger-Aliens zu rechtfertigen.

Galerist spricht mit einem alten Schulfreund (l.), Helmhaus-Chef Simon Maurer (r.)

Galerist spricht mit einem alten Schulfreund (l.), Helmhaus-Chef Simon Maurer (r.).

Dass man hier auch Ian Anüll trifft, den seit den 70er-Jahren stetig klugen Konzept- und Installationskünstler, erstaunt nicht. Auch er rekonstruiert gerne die Realität auf eine sprechende Art. Der 66-jährige Ungezähmte trägt immer noch ein Copyright-Zeichen auf dem Schneidezahn, eine Konsumkritik am eigenen Leibe. Er besitzt mehrere Werke Salas, verrät er, und verfolge dessen Entwicklung mit Spannung. Simon Maurer, Helmhaus-Chef, kommt natürlich vorbei – er zeigte schon sowohl Sala als auch Anüll. Das grosse beige «Piece 3» zieht seinen Blick immer wieder wie magisch an (zum Verkauf stünde es ja, allerdings für stolze 34’000 Franken).

Künstler Ian Annül, Salas Objekt «Smithereen»

Künstler Ian Anüll, Salas Objekt «Smithereen».

Ein Sala-Sammler führt seine Verhandlungen mit dem Galeristen unten vor der Haustüre. Es gehe um eine Skulptur, die gar nicht in der Ausstellung drin ist, verraten die beiden Gutgelaunten. Oliver Onkel (Kitesurfer und ein Neffe der Psychologin Julia) trägt eine farbige Halskette und einen schwarzen Knopf im Ohr, was ihm ein verwegenes Aussehen eines (etwas athletischeren) Jack Sparrow verleiht.

Galerist Nic von Senger, Sammler Oliver Onken (l.). Architektin Katharina Werner mit Hund Boss

Galerist Nic von Senger, Sammler Oliver Onken (l.). Architektin Katharina Werner mit Hund Boss.

Die Vernissage ist gut besucht, Galerist Peter Kilchmann kommt mit seinem Verlobten Alessandro Pascarella (sie heiraten im Juli). Die Fotografin Claudia Luperto spricht mit Ludmilla Sala, der Frau des Künstlers, und dem Architekten Peter Kunz (Erbauer von u.a. den schönen Garagenateliers in Herdern). Luperto hat mit einer Fotoserie über Kunz’ Bauten eine Teilnahme an der EWZ-selection gewonnen.

Fotografin Claudia Luperto, die Frau des Künstlers, Ludmilla Sala-Etter, Architekt Peter Kunz (l.). Galerist Kilchmann mit Mario Sala (r.)

Fotografin Claudia Luperto, die Frau des Künstlers, Ludmilla Sala-Etter, Architekt Peter Kunz (l.). Galerist Kilchmann mit Mario Sala (r.).

Auffallend ist die Hundedichte. Die Architektin Katharina Werner wird begleitet vom Boxer Boss – der sympathische Lefzenträger trägt das gleiche Halstuch wie der Künstler (Zufall!). Der kleine weiss-schwarze Vierbeiner, der mit von Sengers Schulfreund kam, gerät kurzfristig in den Verdacht, die zentrale Skulptur «begossen» zu haben. Aber nein, die ist ja nass, die Pfütze produziert sie selber.

Vor der Galerie gehen die Gespräche weiter, bei Bier und Weisswein. Man bewundert die schöne Marmortreppe im ehemaligen Bürohaus vis-à-vis des Löwenbräus und irgendwie ist es auch nett, dass hier nicht alles auf piekfein renoviert ist wie auf der anderen Seite der Strasse. Kurz und gut, ein Abend, der selbst den heiligen Antonius in Versuchung brächte, ein schönes Objekt für seine Zelle zu kaufen («Anthony Cells»= Anthony sells?).

Die schöne Treppe! (Bild: Simon Maurer, alle anderen Bilder Ewa Hess oder zvg)

Die schöne Treppe! (Bild: Simon Maurer, alle anderen Bilder Ewa Hess oder zvg).