Beiträge mit dem Schlagwort ‘Marina Abramovic’

Achtung, Hexen!

Ewa Hess am Mittwoch den 28. Juni 2017

Es war vorletzte Woche in Basel. Just als wir den Kunstbrocken, die uns der Parcours-Kurator Samuel Leuenberger gestreut hatte, quer durch die Stadt nachspürten, ging mir ein Licht auf. Ich roch es förmlich in der Luft: Die Hexen waren wieder voll da. Gut, es könnte sein, dass da ein atavistischer Instinkt in mir wach wurde, weil die sommerliche Sonnenwende vom 21. Juni nahte. Aber, und das ist um einiges wahrscheinlicher, der Gedanke könnte sich eingeschlichen haben, weil die Hexen eigentlich nie so richtig weg vom Fenster waren. Als ich also die tollen und lustigen Performances von Marvin Gaye Chetwynd in Basel sah (übrigens an einem Ort, der sich lustigerweise Elftausendjungfern nennt, was einen apokryphen Hintergrund hat), wusste ich: Es ist wieder Hexenzeit. Wie damals, in den Seventies. Und die Frage ist: Was ist jetzt anders?

Marvin Gaye Chetwynd in Basel: «The Green Room & Science Lab», eine Mischung zwischen Chemielabor und Hexenküche. Foto via Instagram

Marvin Gaye Chetwynd, muss man wissen, die wir bis vor wenigen Jahren auch als Spartacus Chetwynd kannten, ist eine Londoner Kulturfigur. Ihr richtiger Vorname ist Alalia, was in meinen Ohren sehr schön klingt. In ihren eigenen übrigens auch. Die Künstlerin, die vor einigen Jahren für den Turner-Preis nominiert war, ändert ihre Vornamen als eine Art Zauberritual. Um stärker zu sein oder vielleicht (mit Marvin Gaye) beschwingter. Am Rande der Art Basel hat die 44-jährige Britin mit ihrem «The Green Room & Science Lab» eine echte Hexenkammer kreiert, in der sie zweimal pro Tag geheime Rituale aufführte. In Zürich hat sie übrigens zurzeit eine wunderbare Ausstellung in der Galerie Gregor Staiger im Löwenbräu.

Marvin Gaye Chetwynds Installation «The Stagnant Pool» in der Galerie Gregor Staiger in Zürich, bis 8. Juli

Geheime Rituale? Man kann eine Performance nicht wirklich geheim nennen, ansonsten hat sie aber viele Attribute einer magischen Handlung. Und ihre Popularität steigt seit einigen Jahren kontinuierlich, sodass manche schon fürchten, die bildende würde sich in eine performative Kunst verwandeln.

Natürlich besinnen sich die Künstlerinnen und Künstler im Zuge dieses neu erwachten Interesses auf die uralte Tradition der Magie und der Hexerei. Was war die berühmte Parforce-Tour «The artist is present» im Grunde anderes als ein magisches Ritual, mit der Oberhexe Marina Abramovic die Besucher des Moma mit ihrem starren Blick zur Selbsteinkehr zwang?

Kollektiv WITCH bei der «rituellen Performance für Mietrechte» in Chicago, Februar 2016. Foto via Flickr

Aber auch immer mehr junge Künstler wenden sich der Hexerei zu, indem sie Hexenzirkel aufsetzen, Beschwörungsformeln aufschreiben und Workshops für Magie sowie Feminismus aufsetzen. Im Februar berichtete man über ein Performance-Kollektiv aus Chicago, genannt WITCH, das eine «rituelle Performance» aufführte, um gegen unfaire Mietpraktiken in seinem Quartier zu protestieren.

«Hexe» Juliana Huxtable, fotografiert von Alex John Beck für das Portal Artsy.

Die Künstlerin, Dichterin und Musikerin Juliana Huxtable bezeichnet sich selbst als «Cyborg, Fotze, Priesterin, Hexe und Nuwaubianische Prinzessin». Nuwaubian Nation war ein religiöser Kult, welcher schwarzen Nationalismus, UFO-Theorien und ägyptische Ikonografie zusammenbrachte.

Natürlich erinnert das an die Zeit, als die Frauenbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts die Geschichten über Hexenverbrennungen des Mittelalters zum Symbol der Frauenunterdrückung gemacht haben, ein Zeichen all der Schmerzen, die Frauen im Patriarchat zugefügt wurden. In den späteren 1960ern hiess eine der Frauenbefreiungsgruppen in den USA  W.I.T.C.H., sie wollte den Kapitalismus mit Hexenpraktiken ausräuchern.

Insignien der Nuwaubian Nation, via unnm.org

Die Aktivistin Barbara Ehrenreich (heute 75), wir erinnern uns, hielt Hexen für Heilerinnen, die vom erstarkenden Beruf der Ärzte zwecks Konkurrenzbeseitigung brutal zum Schweigen gebracht wurden. Und wir (oder die älteren unter uns) erinnern uns an die deutsche Filmemacherin Luisa Francia, die die Hexenverteufelung als einen Frontalangriff auf die weibliche Sexualität entlarvte und mit Hexentarot in der feministischen Szene der 80er-Jahre Erfolge feierte.

Künstlerische «Oberhexe» Marina Abramovic 2010 bei ihrer langen (sie dauerte 2.5 Monate) Performance «The Artist Is Present» im MoMA, Foto: Wikimedia commons

Eigentlich kein Wunder, dass jetzt, da die Errungenschaften der Seventies wie Gleichberechtigung der Frauen, Rassengleichheit und Menschenrechte allgemein an vielen Krisenherden der Erde in Gefahr geraten (womit auch die USA mitgemeint sind), die Hexen wieder stärker in Erscheinung treten. Zumal in der Ära der technologischen Machbarkeit der Angriff des «Systems» auf das, was die Hexen symbolisch verkörpern, nämlich die freie Entfaltung des weiblichen (oder des «anderen» Körpers) eine neue Dimension bekommen könnte. Denn wer weiss, wie lange genormte menschliche Ersatzkörper vom Fliessband eine SF-Fantasie bleiben.

Es gibt viel zu tun

Ewa Hess am Mittwoch den 11. Januar 2017

Das neue Jahr hat, wenn ich von mir auf die restliche Welt schliessen soll, rasant angefangen. Es gibt viel zu tun! Würde mich jemand fragen, was ich mir zum neuen Jahr so wünschte, käme die Antwort postwendend: Energie.

Und als ich mir den Film «The Space in Between» anschaute, in dem die Performance-Künstlerin Marina Abramovic nach Brasilien reist, um magische Rituale des Urwalds zu erforschen, fiel mir darin in diesem Zusammenhang eine Szene auf. (Der Film wird übrigens heute Mittwoch um 20 Uhr in der offenen Kirche St. Jakob am Stauffacher in Zürich gezeigt, und ich mache eine kleine Einführung.)

Deutsch-Schweizer Premiere: Marina Abramovic auf Besuch bei den Schamanen.

Die Szene, die mich beim Schauen zum Nachdenken gebracht hat, geht so: Da sitzt eine ganz alte brasilianische Frau, sie ist gerade 108 Jahre alt, und erzählt, erzählt, erzählt. Sie erzählt der ja auch nicht gerade energiearmen Performerin Abramovic dies und das und dann nochmals etwas … Man hört zu, verfällt aber auch ein bisschen in Trance, weil der Vortrag auf Brasilianisch-Portugiesisch schön monoton und melodiös dahinplätschert. Es geht wohl um das Leben der «Mutter Töchterchen» (Mae Filhinha) genannten Alten in der südbrasilianischen Stadt Cachoeira (in der Nähe von Bahia) und auch um ihre Vorstellung von einer wohlgefügten Weltordnung.

Die Matriarchin klärt die Künstlerin über die Tatsachen des Lebens auf: Mae Filhinha, 108 Jahre alt. Fotos: Portal A Ponte

Die Künstlerin Abramovic, die auf einer Art Pilgerreise ist, weil sie gerade mit Herzschmerz zu kämpfen hat (nachdem sie ihre zweite grosse Liebe nach Ulay, nämlich ihr italienischer Ehemann Paolo Canevari, verlassen hat), gibt sich alle Mühe, geduldig zuzuhören. Schliesslich will sie hier in Brasilien etwas lernen! Doch dann geht ihr quirliges Temperament mit ihr durch, und sie ruft der Übersetzerin zu: Frag sie, woher sie in ihrem Alter so viel Energie hat! Wobei man sagen muss, dass Marina Abramovic selbst mit ihren mittlerweile 70 Jahren gut beieinander zu sein scheint und diese Frage bestimmt auch nicht selten zu hören bekommt.

«Guter Tod»: 2014, zwei Jahre nach der Beendigung des Films, starb Narcisa Cândido da Conceição, genannt Mae Filhinha, 110-jährig.

Die Übersetzerin flüstert dann der Alten die Frage ins Ohr, worauf diese komplett aus dem Konzept kommt. «Was?», fragt Mae Filhinha und schaut verwundert, «woher ich was habe?» «Energie!», rufen jetzt Marina Abramovic und die Übersetzerin gemeinsam. Erst jetzt dämmert es der langjährigen Mitschwester der frommen Bruderschaft «Guter Tod» (Boa Morte), was die beiden Fremden meinen. Die 108-Jährige wischt die Frage mit einer kleinen Handbewegung weg und gibt beiläufig Antwort, etwa so, wie man einem ahnungslosen Kind das Selbstverständliche erläutert: na, natürlich von Gott.

Woher kommt die Energie? Eine Pilgerreise als Performance (Filmbild).

Dieses durchaus lustige Aufeinanderprallen von verschiedenen Energie- und Lebenskonzepten erinnerte mich an die Lektüre von einigen Aufsätzen John Bergers, die ich anlässlich seines Todes letzte Woche in Angriff nahm. Der britische Kunsthistoriker und Schriftsteller wurde in den Nachrufen als ein überzeugter Marxist verabschiedet, wobei ein anderes Merkmal seiner Weltauffassung komplett unterging. Denn niemandem, der mit seinem Werk vertraut war, konnte seine mystische Neigung verborgen bleiben, die in jeder Zeile seines Werks durchscheint. Ein überirdisches Leuchten der «Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit» pulsiert in allem, was Berger so schrieb und dachte; seine Beobachtungsgabe und seine Ehrlichkeit waren dadurch nicht etwa geschmälert, sondern im Gegenteil, gestärkt.

Marina Abramovic unterzieht sich einer radikalen Pflanzenkur im Urwald (Filmbild).

In diesen Aufsätzen, die ich also letzte Woche las (dazu schrieb ich in der SonntagsZeitung auch eine Kolumne, hier nachzulesen), sinniert Berger über das Verschwinden der Spiritualität aus unserem Lebenszusammenhang und über das Problem, welches dieses Verschwinden für den modernen Menschen bedeutet. Doch ist die Spiritualität wirklich verschwunden? Ich meine: nein. Was sonst, wenn nicht die Auseinandersetzung mit der Transzendenz sichert nämlich der Kunst den unerschütterlich festen Platz, den sie in der modernen, ansonsten gnadenlos materialistischen Welt erhält?

«Die Beziehung zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir wissen, ist nie geklärt. Jeden Abend sehen wir die Sonne untergehen. Wir wissen, dass die Erde sich von ihr wegdreht. Und doch wird das Wissen, die Erklärung, dem Anblick nie wirklich gerecht.» Foto: azquotes

Es stimmt zwar, wir haben den Platz Gottes eigentlich der Technik überlassen. Sie hat auch alle Merkmale, um seine Funktionen in unserem Weltbild zu übernehmen: Sie sieht uns von überallher, auch von oben, sie nimmt unsere Taten und Untaten zur Kenntnis und verzeiht uns oft gütig das inkompetente Wirrwarr, welches wir auf dieser Erde tagein, tagaus veranstalten. (Manchmal straft sie uns auch dafür.) Den moralischen Sinn können aber die Technik und ihr Verwandter, der Algorythmus, nicht liefern, und gerade dieser ist es, dem Menschen wie Mutter Filhinha ihre unerschütterliche Ruhe zu verdanken haben.

Bewusstseinserweiternde Drogen als eine Vorstufe der Kunst: Abramovic auf Ayahuasca (Filmbild).

Und den Sinn, auch in moralischer Hinsicht, verhandeln wir ganz klar in der kollektiven Beschäftigung mit Kunst. So kann man zwar der zeitgenössischen Kunst einiges zu ihren Ungunsten nachsagen: Sie sei das Gefäss, in das die leicht erworbenen Millionen der Neureichen fliessen, und auch ein Steuerversteck, sie sei unverständlich, überflüssig, zu komplex oder zu simpel, zu explizit oder zu negativ, zu geheimniskrämerisch oder zu einladend. Vielleicht ist sie das alles auch. Aber das erklärt noch nicht, warum junge Menschen gerne in den Museen abhängen, warum keine der jüngsten Krisen die Begeisterung für Kunst zu schmälern vermochte oder warum Menschen, denen es an nichts zu fehlen scheint, Bilder und Skulpturen voller Schmerz und Qual in ihre Wohnungen hängen und stellen.

Künstler machen Schmerz zum Thema: Werke von Martin Kippenberger, Louise Bourgeois, Francis Bacon. Fotos: «Hamburger Wochenblatt», uminuscula, Wikipedia

Marina Abramovics Besuch bei den brasilianischen Schamanen, der im Film geschildert wird, fand nach ihrer MoMA-Schau «The Artist Is Present» statt. Die Intensität von Abramovics Auftritt in jenen drei Monaten im Frühling 2010, als sie Tage, Wochen und Monate unbeweglich auf einem Stuhl im Museum of Modern Art in New York sass und den 300’000 Menschen, die ins Museum kamen, einfach nur in die Augen schaute, bis sie weinten oder lachten und bis sie verändert und bewegt wieder weggingen – eine gründlichere Vorbereitung auf die Begegnung mit dem archaischen Spiritualismus Brasiliens könnte man sich wohl kaum vorstellen. Und auch keine bessere Erklärung dafür, dass wir die irrationale Seite unserer Existenz erforschen sollten.

Mehr dazu, liebe Gemeinde, heute Mittwoch (11.1.2017) um 20 Uhr im St. Jakob und natürlich wie gewohnt wöchentlich auf diesem Kanal. Die Premiere des Films «The Space in Between» haben wir den Ethnologen Claudio Bucher, David Suivez sowie Patrick Schwarzenbach (Pfarrer Offene Kirche St. Jakob) zu verdanken.

 

 

Die Sache mit dem Blut

Ewa Hess am Dienstag den 8. Dezember 2015

Die blutige Messerattacke an der Art Basel Miami Beach passt so gut in dieses gewalttätige Jahr, dass man sie ebenfalls für einen Terrorakt halten könnte. Um einen solchen scheint es sich jedoch nicht zu handeln. Viel eher war es eine geistig verwirrte Tat der New Yorker Studentin Siyuan Zhao (man vermutet psychische Probleme). Es ging blitzschnell, die hübsche kleine Person im geblümten Kleid und karierter Hose holte ihr hochwertiges Papierzuschneidemesser der Marke X-Acto hervor und stach dreimal auf eine andere Frau ein. Die Messe wurde nicht unterbrochen und konnte mit einem Besucherrekord und den Meldungen von lukrativen Verkäufen abgeschlossen werden.

Art Basel Miami Beach: Die Installation «Swamp of Sagitarius», die Künstlerin Naomi fisher (zweite von links), der Angriff, der wie eine Performance wirkte

Art Basel Miami Beach: Die Installation «Swamp of Sagitarius», die Künstlerin Naomi Fisher (Zweite von links), der Angriff, der wie eine Performance wirkte.

Mir gab die Geschichte mit der Papiermesserattacke zu denken. Die junge Frau soll etwas von «Ich musste sie bluten sehen» gemurmelt haben. Es war fast eine Autoaggression, denn die Angegriffene hat wie eine ältere Schwester der Angreiferin ausgesehen: auch bildhübsches asiatisches Gesicht, lange dunkle Haare, braves Outfit. Viele hielten den ganzen Spuk für eine Performance, zumal sich die Szene in der Nähe der Installation «Swamp of Sagitarius» ereignet hatte. In dieser Ecke der Messe, genannt Nova, fungierte der astrologisch angehauchte «Sumpf des Schützen» als eine Art Oase, wo man auf bequemen Stühle inmitten wohlriechender Wachsskulpturen sass und sich in Sachen Kunstkauf anhand von Horoskopzeichnungen  beraten lassen konnte (das war ironisch gemeint, wohlverstanden). Der Mastermind hinter der «Sumpf»-Installation war Naomi Fisher, aufstrebende Künstlerin aus Miami. Fisher ist bereits mit einigen Performances aufgefallen, eine von ihnen hiess sogar «What’s a Little Blood Amongst Friends». Das wusste allerdings die Amok laufende Kunststudentin mit ihrem Papiermesser wohl nicht. Die Verletzungen mit der kurzen X-Acto-Klinge waren übrigens (und Gott sei Dank) nicht tief, und das Opfer konnte bereits aus dem Spital entlassen werden.

«Was hat aber diese Faszination mit dem Blut auf sich?», fragte ich mich. Denn in der Tat gehört der signalfarbene Lebenssaft oft zu den Mitteln, mit welchen die Performance-Künstler (und, fast öfter noch, Künstlerinnen) die Dringlichkeit ihrer Botschaft erhöhen. Die Übermutter der performativen Kunst, Marina Abramovic, hat sich einige Male blutig verletzt während ihrer Performances; der weissbärtige Österreicher Hermann Nitsch zog es vor, literweise Rinderblut zu vergiessen; der Engländer Marc Quinn formte seinen Kopf aus dem geronnenen Eigenblut (die Skulptur muss in einem gläsernen Kühlschrank ausgestellt werden) und Phil Hansen klagte den koreanischen Diktator Kim Jong-il mit Blut auf Bandagen an. Abramovic pflegt stolz zu beteuern, wenn sie von ihren Performances spricht: «Das Messer ist echt, das Blut ist echt, und die Gefühle sind echt.» Echtes Blut soll im Gegensatz zu Ketchup in Film und Theater die Kunst als die existenziellste aller performativen Sparten ausweisen.

eigenblut: Marc Qinns «Self», Literweise Rinderblut: Hermann Nitschs «Orgien Mysterien Theater», Marina Abramovics «Der Kuss»

Eigenblut: Marc Quinns «Self», literweise Rinderblut: Hermann Nitschs «Orgien-Mysterien-Theater», Marina Abramovics Rasierklingen-Performance «The Lips of Thomas».

Es mag ein Zufall sein, dass Siyuan Zhao ausgerechnet an der Kunstmesse den Stimmen in ihrem Kopf, die Blut forderten, Folge leistete. Ende des Jahres 2015, in dem so viel echtes Menschenblut mutwillig vergossen worden ist, wird es einem dennoch in Erinnerung an all die blutigen Performances mulmig. Auch das bringt uns das traurige Ereignis in der Ferienstadt Miami zu Bewusstsein: dass diese Bilder, welche nun in den kranken Köpfen spuken, schon längst da waren. Gehören sie zu der archaischen Ausstattung des menschlichen Geistes? Möglich.

Private View

Blutige Kunst: Werk des österreichischen Künstlers Hermann Nitsch. Foto: Keystone

Jedenfalls beklagen wir, gerade an den zu den wichtigsten Kunstevents gewordenen Messen, die schwindende Authentizität des Kunstgeschehens. Andererseits hat sich aber die Gewalt, das Leiden, welches die Künstler seit Jahrzehnten als ein Werkzeug der Intensität angewandt haben, auf eine unheimliche Art und Weise verselbstständigt. Die Bilder von Verletzungen, ja, wenn man an Nitsch denkt, sogar von den ästhetisierten Massakern, spuken in den Köpfen. Vielleicht haben sie das schon immer, aber ausgerechnet jetzt scheinen sie mit kranker Gewalt in die freie Wildbahn hinauszubrechen.

Das Reiszählprotokoll

Ewa Hess am Dienstag den 6. Mai 2014
Hallo, Reis! (Die schwarzen sind Beluga-Linsen)

Hallo, Reis! (Die schwarzen sind Beluga-Linsen.)

Sechs Stunden lang Reiskörnchen zählen? Das geht – vor allem unter der Anleitung der Mrs. Performancekunst Marina Abramovic herself. Aber Achtung – es bringt das Gehirn ganz schön ins Schleudern. Ein Bericht des modernen Aschenputtels aus Genf.

Marina Abramovic wurde gerade vom Magazin «Time» als eine der hundert einflussreichsten Menschen der Welt gekürt – ja, der Welt, nicht nur der Kunstwelt. Am 1. Mai steht sie als strenge Lehrerin vor ihrer Klasse, also vor uns, im Centre d’Art Contemporain in Genf. Ganz in schwarz, begleitet vom Direktor Andrea Bellini, sagt sie uns, warum wir Reis zählen sollen: Weil es ein wichtiges Beispiel dessen ist, was sie «immaterial and long durational work» nennt. Ein langes Ritual, welches unser Hirn aus der zerstückelten Hektik des modernen Alltags befreien wird.

Andrea Bellini, Direktor des Centre d'Art Contemporain und Marina Abramovic

Andrea Bellini, Direktor des Centre d’Art Contemporain, und Marina Abramovic.

Nach der Ansage entschwindet die Leitung. Fortan werden wir von jungen Damen in weissen Kitteln überwacht – auf ihrer Brust prangt der Schriftzug MAI, Marina Abramovic Institute. Es ist das geplante Performance-Zentrum in der Ortschaft Hudson unweit New Yorks, wo Marina ihre Kunst an jüngere Generationen weitergeben will. 600’000 Dollar hat sie dafür schon per Kickstarter gesammelt. Rem Koolhaas baut es. Man muss sich das MAI als ein Zauberberg-Sanatorium vorstellen, in dem Menschen in bequemen Rollstühlen und mit Klangschutz auf den Ohren Performances anschauen, Reis zählen, Wasser trinken oder andere Rituale effektuieren und am Ende in eine Trance verfallen, einen reinigenden Schlaf. In diesem Zustand werden sie in einen Aufwachraum gekarrt, wo sie in ihren druckfreien Sesseln in den Armen des Schalfgottes Morpheus schwelgen und sich erneuern werden.

Aufsicht im MAI-Kittel, Struktur von Daniel Libeskind.

Aufsicht im MAI-Kittel, Struktur von Daniel Libeskind.

Uns aber hier in Genf soll kein Schlaf vergönnt werden, und von druckfrei kann bei der Sitzstruktur auch keine Rede sein. Die vom Stararchitekt Daniel Libeskind entworfene, labyrinthisch verwinkelte lange Sitzbank gemahnt eher an mönchische Exerzitien. Was genau wir mit dem weiss-schwarzen Häufchen anstellen sollten, wird nicht verraten. Trennen? Verlesen? Gezähltes notieren? Man weiss es nicht, aber: Los gehts!

Los gehts! Auch eine Familie ist dabei

Los gehts! Auch eine Familie ist dabei

11.15 Uhr Beherzt treffe ich die ersten Entscheidungen. Ich werde nur weisse Körnchen zählen. Ein Strich gleich 10 Körnchen. Mein Finger kommt mir dick wie eine Wurst vor.

11.20 Uhr Oh mein Gott, geht das langsam. Soll ich die zerbrochenen Körnchen auch zählen? Ich schaue verstohlen links und rechts – alle trennen weiss von schwarz. Also gut. Apartheid.

11.36 Uhr Ich habe schon genug. Die rechts hat schon zwei sauber getrennte Berge. Warum ist die so schnell? Der Tastsinn hat sich aufs Kornfassen eingestellt.

11.40 Uhr Ich entscheide mich nachträglich fürs Aussortieren der zerbrochenen Körner. Die Arbeit wirft mich um eine Viertelstunde zurück, aber das weisse Häufchen sieht jetzt richtig sauber aus.

11.45 Uhr Hallo, es ist kein Wettrennen! Mahnt Marina Abramovic in meinem Kopf. Die echte Marina wird unterdessen im Nebenraum für einen Fernsehauftritt geschminkt. Das flüstert ein Zuschauer meiner Sitznachbarin von links zu. Wie ich später erfahre, ist sie eine Journalistin der Tribune de Genève und der Zuschauer ist ihr Fotograf. Peinlich, wie mir die mondäne Unterbrechung willkommen erscheint.

12 Uhr Schicke heimlich eine Bildmessage mit dem Reis-Smiley an einen Freund. Die Aufseherin im weissen Kittel blickt streng – Gottseidank ist die Liebeskind-Bank blickdicht.

12.15 Uhr Schaue aus dem Fenster – keine Tauben in Sicht? Es ist erst eine Stunde vergangen und ich habe schon die Nase voll.

12.30 Uhr Die Dinger fallen ständig in eine Ritze zwischen zwei Spannplatten. Ich bastle mir aus Papier einen Ritzenfüller. Perfekt.

Was bedeutet ein Strich? Das Reiszählen macht nicht nur glücklich.

Was bedeutet ein Strich? Das Reiszählen macht nicht nur glücklich.

12.45 Uhr Ich ernte böse Blicke von links und rechts. Stimmt wohl schon, ich bin die schlimmste Zapplerin in der Reihe. Ich muss unauffälliger mit dem Notizblock hantieren.

13 Uhr Ich habe Hunger. Riecht es hier nach gekochtem Reis? Die immer neuen Zuschauer nerven. Sind wir etwa ein Zoo?

13.15 Uhr Die von links drosselt ihr Tempo. Ha, alter Fehler der Marathon-Neulinge, sofort Gas geben. Ich beruhige mich und hoffe auf bald einsetzende Reiszähltrance.

13.30 Uhr Der Hunger stört. Solle ich das Strichblatt auch schöner gestalten?

13.45 Uhr Die rechts hat schon 10 mal so grosses Häufchen. Aber ich notiere meine Gedanken. Bewusstsein, Bewusstsein! Kann übrigens exakt fünf Reiskörner mit einer Fingerbewegung vom Haufen abtrennen.

14 Uhr Die rechts von der rechts zählt mit den Daumen. Das muss die neue Generation sein, die schreiben auf ihren Handys mit den Daumen. Präzisionsdaumen – bestimmt ein evolutionärer Vorteil!

14.05 Uhr Zähle Menschen statt Reis. An die 30 sind es, ca 17 Frauen, 13 Männer. Die ersten zeigen Ermüdungserscheinungen.

14.15 Uhr Die rechts geht!!!! Eine zweite folgt.

14.30 Uhr Die rechts von rechts gähnt. Hm. Ich wusste es ja. Schöpfe einen zweiten Atem. Bin bald bei 1500 Körnchen.Vierte Person geht.

15 Uhr Oh, das war wohl eine Trance. Habe eine halbe Stunde nicht auf die Uhr geschaut. Der Saal hat sich ziemlich geleert!

Daas allmähliche Verschwinden der Reiszähltruppe (11 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr, 16 Uhr).

Das allmähliche Verschwinden der Reiszähltruppe (11 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr, 16 Uhr).

15. 15 Uhr Was bedeutet ein Strich? Nicht philosophisch, sondern ganz konkret, 10 oder 100 Körner? Ich hätte es notieren sollen.

15.30 Uhr Seit die rechts weg ist, habe ich mehr Platz für meine Werkstatt. Beginne aufs Tageswerk stolz zu sein.

15.45 Uhr Ich denke, dass es der Aufsicht langweilig sein muss. Unbewusst muss ich meine Beschäftigung für Unterhaltung halten! Bin ich schon erneuert?

16 Uhr Ich entwickle eine sehr persönliche Beziehung zu den Reiskörnchen. Eigentlich eine Sauerei, dass ich die Krummen und die Unvollständigen aussortiert habe. Reintegrieren?

16.45 Uhr Huh, nochmals eine Trance! Sogar der Hunger ist vergessen.

17 Uhr Geschafft! Ich stehe auf und gehe im Saal herum. Was für Muster da sichtbar werden! Was in den Köpfen passiert ist, bleibt opak, schwarz wie die Beluga-Linsen.

Die Muster! Hirnstromzeichnungen bleiben zurück

Die Muster! Hirnstromzeichnungen?