Beiträge mit dem Schlagwort ‘Kunst’

Der dechiffrierte Ball

Ewa Hess am Dienstag den 16. Februar 2016

Liebe Leute, am Samstag brachte es die kluge Kunsthistorikerin Laurence Frey auf den Punkt. «Ich staune», sagte sie, «offensichtlich haben auch Intellektuelle Lust auf Karneval.» Und ja, tatsächlich. Das sonst in striktes Schwarz gekleidete Publikum kam zum Dada-Ball ins Kunsthaus – und war verkleidet. Was NICHT heisst, dass die in diesen Kreisen so wichtigen Distinktionsmerkmale einfach schwups über Bord geworfen wurden. Nein. Deshalb habe ich hier, und nur für euch, meine lieben Leserinnen und Leser, die knifflige Aufgabe unternommen, den geheimen Code der samstäglichen Dada-Verkleidung zu knacken. Auf, auf, folgt mir zum Dechiffrier-Ball!

Was: Dada-Ball
Wo: Kunsthaus Zürich
Wann: Samstag, 13. Februar 2016

Dadaglobes und hübsche Kisten: Das war der Dadaball

Dadaglobes und hübsche Kisten: Das war der Dada-Ball. Fotos: D. Milnor und E. Hess

Ich muss zuerst etwas beichten: Ich habe meinen Bachtin aus der Bücherkiste rausgeholt, um das Konzept des Karnevalesken aufzufrischen. Michail Bachtin, der russische Literaturphilosoph, sagt ja in seinem berühmten Rabelais-Essay, die subversive Kraft des karnevalesken Lachens liege darin, dass die Hierarchien durchbrochen würden. Die Groteske sei das befreite Lachen des Volks, das sich der Starre der herrschenden Ordnung punktuell entledige. Im bachtinschen Sinn war historisches Dada übrigens schon eine Verkörperung des Karnevals: von der Veräppelung der Obrigkeit bis zur amorphen Körperstruktur kam da alles vor.

Edelmann mit kampfstiefeln und Handy: Künstler und Ur-Dadaist Marc Divo, Hoher Besuch aus Basel: Beyeler-Kurator Raphael Bouvier mit Freund als die schicksten Dadaisten des Abends, dicht gefolgt vom Mann mit den Goldleggings

Edelmann mit Kampfstiefeln und Handy: Künstler und Ur-Dadaist Marc Divo (links), Besuch aus der Karneval-Hochburg Basel: Beyeler-Kurator Raphael Bouvier mit Freund als die schicksten Dadaisten des Abends (Mitte), dicht gefolgt vom Mann mit den Goldleggings (rechts)

Aber gut, wir schreiben 2016, die Strukturen sind längst zum digital gemixten Birchermüesli geworden, und wenn wir auch nicht leugnen können, dass es nach wie vor Herrschende und Beherrschte gibt, sind sie längst nicht mehr an ihren angestammten Plätzen, nämlich unten beziehungsweise oben, zu orten. Vielmehr turnen sie die soziale Leiter konstant rauf und runter, sodass allein die Benennung der Verhältnisse zum Kraftakt gerät, geschweige denn ihre Veräppelung. Ausserdem, meine Damen und Herren, falls wir von der Voraussetzung ausgehen, dass es Eliten gibt, dann ist das Kunsthaus bestimmt ihr angestammtes Zuhause. Wie veräppelt man die Verhältnisse, in denen man selber der Veräppelte sein sollte? Voilà, wir sind mitten im modernen Dada. Kostümmässig ergibt das einige Strategien, die ich mir hier erlaubt habe, zu karnevalistischen Clustern zu bündeln.

Ich bin Dada? Hugo B'Allah!

Ich bin Dada? Hugo B’Allah!

Strategie 1: Der Buchstabe als Werkzeug des Widersinns

Ja, ich weiss, eigentlich ist die Schrift das Zuhause des Sinns. In der Sprache, vor allem der geschriebenen, werden wir zu Vernunftwesen. Als besonders neckisch erscheint also die Strategie der Umkehr, in der man die Buchstaben als Werkzeug des Unsinns verwendet. Wie das geht, haben die Dadaisten ja lustvoll vorgeführt. Die Strategie feierte im Kunsthaus Urstände – mit durchwachsenem komischen Erfolg. Den eigenen Schädel mit Dadaglobe anzuschreiben, mag auf den ersten Blick lustig sein, doch es mangelt der Sache am karnevalistischen Befreiungslachen. Es gab zwar noch einen Herrn, der mit einem iPad behängt war, das Unsinnsilben generierte, das sah cool aus, war aber überhaupt nicht lustig. Es gab ein Paar mit «DORT» am Rücken (und Kleiderbügel auf dem Kopf) – das wirkte eher sehnsuchtsvoll romantisch als widersinnig. Stellen wir also fest: Reiner Unsinn hat seine Provokationskraft verloren. Vielleicht weil wir in den Codes der Programme den Sinn des scheinbar Unsinnigen erleben. Punktum. Strategie gescheitert.

 

Expat-Füchse mit doppeldeutiger Botschaft, falscher Trump

Expat-Füchse mit doppeldeutiger Botschaft, falscher Trump.

Strategie 2: Politische Subversion in poetischer Form

In dieser Kategorie hätten wir den Donald-Trump-Verschnitt mit dem Käppi «Make America Great Again» auf dem Kopf und die Expat-Füchse mit ihren Transparenten «Immigrant Fox Hunt» und «Gold Lives Matter». Beides ambivalente Botschaften, die zwar nicht zum Lachen reizen, jedoch durchaus zum Nachdenken anregen. Die Goldfüchse waren fast einen Tick zu schön, um subversiv zu wirken, und ehrlich gesagt wären sie glaubwürdiger gewesen, wenn sie nicht konstant Selfies von sich geschossen hätten. Mein Liebling in der Gruppe der poetischer Politik war die bereits oben erwähnte Laurence Frey, die auf ihrem orientalischen Gewand das Schildchen «Hugo B’Allah» trug. Haha! Finden Sie es auch so lustig wie ich? Also da ist in kurzer Form alles veräppelt: die grassierende Dada-Verzückung des offiziellen Zürichs (Hugo balla balla), der formalistische Überwachungswahn der Amis (bei der Nennung des Schlüsselworts Allah wird das Abhörtonband eingeschaltet). Und es klingt sogar der unschuldig-verschmitzte Wortwitz der schweizerischen Mani-Matter-Tradition mit (dr Sidi Abdel Assar vo El Hama, der sich ja im Lied auf Pijama und Drama reimt). Dada-mässig schiesst Familie Frey den Vogel ab (den Verleger und Kabarettisten Patrick habe ich allerdings am Ball nicht gesichtet).

Vogel-Strauss-Politik oder Selbstbezichtigung? Köpfe und Käfige

Vogel-Strauss-Politik oder Selbstbezichtigung? Köpfe und Käfige.

Strategie 3: Kopf im Käfig

Warum bloss? Ich kam nicht drauf, warum so viele Kopfkäfige? Die zwei Brustkäfige mit Vögelchen muss man wohl dazuzählen. Vogel-Strauss-Politik? Wir sind selber hinter Gittern? Die zivilisatorischen Zwänge haben sich selbstständig gemacht, wir werden derer nicht mehr Herr? Eng verwandt übrigens mit Nr. 4: Kopf in der Kiste.

Anina Frei als intellektuelle Kiste, amorphe Kiste sowie Facebook-Kiste: Frevel gegen gottähnliche Technik?

Anina Frey in der intellektuellen Kiste, amorphe Kiste sowie Facebook-Kiste: Frevel gegen gottähnliche Technik?

Strategie 4: Kopf in der Kiste

Dass die Berichterstatterin des nationalen Fernsehens in einer Kiste kam, lässt sich ja noch erklären. Bei SRF symbolisiert schon seit einer Weile ein Packkarton die Intellektualität schlechthin, wie man dem Logo des «Literaturclubs» entnehmen kann. Wenn also Anina Frey in einer Kiste kommt, will sie damit zeigen, dass sie heute Abend nicht als Klatschreporterin unterwegs ist, sondern als karnevaleske Hinterfragerin. Warum aber so viele andere in Kisten kamen? Ich habe eine Erklärung, aber sie ist sehr vollmundig: Seit Gott in öffentlicher Wahrnehmung in die Richtung eines (nicht immer erfolgreichen) Sozialarbeiters gerutscht ist, hat die Technik alle gottähnlichen Funktionen übernommen: Sie lenkt uns, sie sieht uns mit göttlichem Auge von überall her, sie kennt unsere Sünden sowie Schwächen, und manchmal verzeiht sie sie uns auch (dank der Löschtaste) – und so weiter. Kopf in der Kiste ist also eine subtile Veräppelung unseres Herrn, des Computers. Verwegen!

 

Kamel und Perücke: Die Klassiker

Kamel und Perücke: Die Klassiker.

Strategie 5: Klassisch Karnevaleskes

Geht auch! Als Kamel verkleidet oder mit roten Haaren – ein kluger Kopf braucht doch keine Kompliziertheiten, um anzudeuten: Heute mache ich mich über meine alltägliche Perfektion lustig. Unter der roten Perücke, bin ich mir fast sicher, steckte der Kult-Fotograf Walter Pfeiffer. Bien joué.

Ein haariges Ding aus der «Adams Family», Butt plug auf dem Kopf, Mr. Penis

Ein haariges Ding aus der «Adams Family», Butt Plug auf dem Kopf, Mr. Penis.

Strategie 6: Camp

Hier verlassen wir das Königreich Bachtins und treten in die Republik von Susan Sontag ein. Schlechter Geschmack als die ultimative Subversion des guten Geschmacks, der gerade in Zürich doch wirklich etwas penetrant Wohnungen, Bürointerieurs und Kleiderschränke beherrscht. Finde ich lustig! Aufblasbarer Penis, haariger «Cousin It» aus der «Adams Family» oder ein Zombie mit dem Sexspielzeug «Butt Plug» auf dem Kopf – hallo, ihr Camp-Dadaisten! Bestes Lachen ist primitives Gelächter, aber da sind wir wieder bei Bachtin. Ah, und übrigens, der Oberdadaist Stefan Zweifel entschloss sich auch für diese Strategie und kam in goldenen Leggings sowie einer räudigen Pelzjacke. Sah gut aus.

Duschbrigade, Damen aus den 50-ies, die Himmelblauen und die beiden Frida Kahlos

Die lustige Duschbrigade, die Damen aus den 50ies, die Himmelblauen sowie die beiden Frida Kahlos (die Kommunikations-Fachfrauen Barbara Brandmaier und Claudia Wintsch Lautner).

Strategie 7: Falscher Film

Verwandt mit 6, aber ehrlich gesagt ein bisschen weniger lustig. Man schert sich nicht um Dada, sondern folgt in seiner Verkleidung einem ganz anderen Thema. Interessanterweise vor allem eine Gruppenstrategie. Dazu gehörten: zwei Frida Kahlos. Die drei Damen aus den Fifties. Die drei Damen mit Ballonengirlanden, direkt von einem Kindergeburtstag. Die drei Herren in himmelblauen Wolkenanzügen. Die drei Duschvorhänge – die waren allerdings sehr lustig, weil die Idee so einfach war und der «amorphe Körper» eine moderne Interpretation fand, die erst noch einen anderen Gott unserer Zeit, die Körperhygiene, veräppelte. Und ja, auch der Herr im Marihuana-Anzug war lustig. Wahrscheinlich weil er selbst stets kicherte.

Immer schon Dada gewesen: DJ Untitled Campologo, Les Reines Prochaines

Immer schon Dada gewesen: DJ Untitled Campolongo, Les Reines Prochaines.

Strategie 8: Immer schon Dada gewesen

Auf beiden Musikbühnen aufs Glaubhafteste und ohne Verkleidung vertreten. In der Person von DJ Untitled Campolongo, der bei seinen unkorrumpierbaren Ansichten zum unabhängigen (Musik-)Stil und (Lebens-)Schneid nie Kompromisse machte. Und in der Band Les Reines Prochaines, die sich schon immer wenig um Moden und Konventionen scherten und mit neo-dadaistischen Texten ganz eigene Musik machten.

Voilà, so viel dazu, was der Dada-Ball zur Analyse unserer gegenwärtigen Lage leistete. Die bunten Luxemburgerli füllten nach Mitternacht die verbleibenden Theorielücken.

Rausch? Von wegen, dieser Wolf hat sein Schafspelz für die Performance schon mitgebracht

Rausch? Von wegen, dieser Wolf hat seinen Schafspelz für die Performance schon mitgebracht.

«Habe ich nun alle beleidigt?»

Ewa Hess am Dienstag den 3. November 2015

Liebe Leute, ich bin besorgt. Seit Monaten führt die Zeitschrift «The Art Newspaper» die Umfrage unter den prominenten Kuratoren und Künstlern durch. Die Frage: Wozu dient Kunst? Ich las das bisher nicht, denn (Sie kennen mich vielleicht schon ein bisschen), Definitionshuberei interessiert mich weniger als lebendige Kunst. Da ich aber heute etwas Zeit hatte, schaute ich in die Serie hinein und bin echt erschrocken. Diese Menschen – lauter ernst zu nehmende Kuratoren und Kunstkenner – schlagen Alarm. Es geht ihnen auch gar nicht um die Definitionsfrage an sich, sondern um den aktuellen Zustand des Kunstbetriebs.

Neil McGregor, der Direktor des British Museum, schreibt, dass es erst der brutalen Zerstörungen im Irak und in Syrien bedurft habe, um uns den Sinn der grossen Kunstdenkmäler vergangener Zeiten ins Bewusstsein zu rufen, deren Ruf durch die Aufklärung ramponiert gewesen sei.

Chris Dercon, der zurücktretende Chef der Tate Modern, stellt nüchtern fest, dass die steigenden Preise der Kunstwerke nicht von einer Steigerung ihres gesellschaftlichen Werts begleitet worden seien (er wechselt bald folgerichtig in die Theaterbranche nach Berlin. Mal sehen, ob er dort den kulturellen Einfluss ausüben kann, den er in der von vier Millionen Menschen jährlich besuchten Tate Modern nicht konnte).

Der chinesische Künstler Xu Bing vergleicht Kunst mit einem Tumor – der durch sein Wachstum den krankhaften Zustand des Gesamtorganismus offenbart (!).

Und der italienische Nobelpreisträger Dario Fo sagt, dass unsere gegenwärtige Kultur in Desinformation gründe. Dass eine Leere, eine Langeweile, ein Mangel an Involviertheit herrschten und vor allem die Unlust, etwas wirklich Neues zu entdecken.

Der Klagechor: Neil McGregor, Chris Dercon, Xu Bing, Robert Storr, Dario Fo

Der Klagechor: Neil McGregor, Chris Dercon, Xu Bing, Robert Storr, Dario Fo.

Einer hat aber dem Ganzen die Krone aufgesetzt: Der amerikanische Kurator und Kunsthistoriker Robert Storr. Der ehemalige Chef der 52. Biennale in Venedig, heute 66 Jahre alt, hat einen apokalyptischen Text verfasst, dunkel und ehrlich wie ein schwarzer Diamant. Ich habe ihn hier übersetzt. Lesen Sie ihn selbst:

«Wie noch nie wird Kunst von allen Seiten bedrängt.

Von einer Seite greifen sie brutale ideologische Bilderstürmer an. Die Taliban und die Isis sind nur die schlimmsten unter ihnen. In ihrem Gefolge die Marodeure, sie plündern die archäologischen Stätten, Landhäuser und Kirchen. Diese «bad guys» tragen Schwarz (Turbane, Masken, Helme, geschneiderte Anzüge).

Andere tragen Weiss. Sie «machen es richtig, um Gutes zu tun». Dabei lieben sie die Kunst zu Tode. Angeführt wird diese Truppe von den Oligarchen aller Art, die Trophäenkäufe von den Messen in die Freihafenlager verfrachten und von dort in Privatmuseen und wieder zurück in einer Art Perpetuum mobile des unsichtbaren Kapitalüberflusses. An ihnen kleben die Schmeichler, die sie «inspirieren», und «Berater», die ihre Transaktionen schmieren. Dicht gefolgt von einer Armee von Kunsthändlern, Auktionatoren und Mittelsmännern (-frauen) diverser Couleur, welche die Eigenschaften der Kunstwerke – und ihre Preise – unermüdlich aufschäumen.

Danach folgt das Feld des Nonprofitvolks. Staatlich besoldete und im Privatsektor eingenistete Kulturbürokraten, Museumsdirektoren Kuratoren und Pädagogen, Biennalen-Wiederholungstäter, die einen nimmer endenden Zyklus von Ausstellungen, Bühnenevents, Kommissionen und Interventionen ausrollen und damit nolens volens die Aktien des gerade Angesagten manipulieren. Masslos produktiv, sind diese Kulturfabrikanten auch ihr eigenes Kulturproletariat.

In einer losen Formation, Tinte spritzend, digital schnaufend, erscheint danach ein Schwarm von Journalisten, Kritikern und Wissenschaftern. Sie bieten Sprache und Ideen feil, kommentieren am Laufmeter das Fortschreiten des Desasters und stellen mit ihrem Getöse sicher, dass ein bombastischer Diskurs über jedes Engagement und jede Einsicht triumphiert.

Habe ich nun alle beleidigt? Ich hoffe es. Muss ich mich entschuldigen? Nein, weil nur einer, der mittut, die anderen Mitläufer auch erkennen kann. Wir sind alle für dieses Unglück verantwortlich, sind alle schuldig, diese Monster geschaffen zu haben und selber zu Monstern geworden zu sein. Jeder, jede von uns hat in seiner eigenen Weise dazu beigetragen, dass ein authentisches Erleben von Kunst fast unmöglich erscheint, dass es uns selbst nicht möglich ist, eigene Gedanken und Gefühle zu erforschen, ohne zu erschrecken, ohne Wut oder Ekel zu empfinden, ohne sich der eigenen Mittäterschaft bewusst zu werden. Wir müssen dieses Karussell anhalten. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, auf das ästhetische Äquivalent des hippokratischen Eids zu schwören: vor allem dem Patienten keinen weiteren Schaden zuzufügen.»

Lauter Monster und Missgeburten: Antonius-Altar (Detail) von Hieronymus Bosch

Lauter Monster und Missgeburten: Antonius-Altar (Detail) von Hieronymus Bosch.

Wow. Ist es wirklich so schlimm? Andererseits: Das Dunkle, Grandiose des Textes empfinde ich persönlich als tröstend. Man kann dieses Schlachtgemälde direkt vor seinem geistigen Auge sehen: die Bösewichte in Schwarz und die Pharisäer in Weiss, um sie herum die schnaufenden Tintenspritzer, die schmierigen Aufschäumer. Eine herrliche Dystopie, in der keiner von Schuld frei ist. Als wäre es ein Gemälde von Hieronymus Bosch.

Das ist eben das Gute an der Kunst: Auch wenn sie die Hölle ausmalt, berührt sie manchmal den Himmel.

Sam kam spät

Claudia Schmid am Dienstag den 27. Januar 2015

Eine Materialschlacht dreier Nachwuchskünstler, Schoggi an der Wand, wenig Bier, warme Würste und ein später Porschefahrer Sam Keller – die erste Ausstellung im Kunsthaus Baselland war ein gemütliches Get-Together nach der Winterpause.

WAS: Vernissage Jahresauftakt-Ausstellung mit Jan Hostettler, Oliver Minder, Katharina Anna Wieser und Kilian Rüthemann
WO: Kunsthaus Baselland
WANN: 22. Januar, 18.30 Uhr (bis 12.4., Rüthemann bis Ende Jahr)

Beim St.-Jakob-Stadion, der Heimstätte des FCB, herrscht zurzeit gähnende Leere: Noch ist Saisonpause, und so verirrt sich kaum jemand an den Stadtrand bei Muttenz. Dank der Vernissage im Kunsthaus Baselland, nur wenige Meter vom «Joggeli» entfernt und auf Muttenzer Boden stationiert, pilgerten am Donnerstag Kunstfreunde in das tötelige Quartier.

Abends in Muttenz: Künstler Jan Hostellter vor seinem Kunstwerk aus Wachs, Hausherrin Ines Goldbach mit dem Fondation-Beyeler-Chef Sam Keller, Künstler Oliver Minder vor seinem «Birkenwald»

Abends in Muttenz: Künstler Jan Hostettler vor seinem Kunstwerk aus 200 Litern mit grünem Malachit gefärbtem Paraffin, Hausherrin Ines Goldbach mit dem Fondation-Beyeler-Chef Sam Keller, Künstler Oliver Minder vor seinem «Birkenwald».

Dort eröffnete Direktorin Ines Goldbach die erste Ausstellung des Jahres – und es kamen viele. Etwa Annette Schönholzer, seit kurzem nicht mehr Co-Chefin der Art, sondern selbstständig als Beraterin tätig, oder Chus Martinez, die neue Leiterin des Kunstinstitutes an der neu gebauten HGK Basel im Dreispitz. Die kleine Katalanin mit besten Kontakten und Nike-High-Heels sollte man im Auge behalten: Sie gleist derzeit Synergien und Plattformen auf, um dank der Kunstschule und Nachwuchsszene die Basler Kunstszene aufzurütteln. «Es ist alles sehr eingespielt und ‹classy› hier, es muss sich was bewegen!», sagt sie. Und musste gleichzeitig lachen, weil sie an diesem Abend wie fast alle eine dunkle, wattierte Jacke trägt. Individualistische Kunstszene? In Basel gibt man sich modetechnisch gesehen konformistisch.

Links: Die neue Kunstleiterin der HGK Basel Chus Martinez (in schwarz) mit Nadja Solari, Mitte: Kuhfell-Monochromie von Oliver Minder, rechts: Kilian Rüthemann

Links: Die neue Kunstinstitutsleiterin der HGK Basel, Chus Martinez (in Schwarz), mit Nadja Solari, Mitte: Kuhfell-Monochromie von Oliver Minder, rechts: Kilian Rüthemann.

Die Ausstellung war allerdings ganz in Martinez’ Sinn: Ihre Kollegin Goldbach holte für die Ausstellung drei Nachwuchskünstler, alle nicht älter als 34  – sowie den mehrfach preisgekrönten Kilian Rüthemann (35). Er ist dieses Jahr für die Gestaltung des Aussenraumes verantwortlich. In einem ersten Schritt hat er eine riesige Plane an der Aussenwand mit einem «Schoggisujet» angemalt; im Frühling wird er auch den Vorplatz bespielen. Das im Graffiti-Stil gemalte Gemälde, das an Schokolade erinnert, lässt einem förmlich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Wer das Kunsthaus nicht kennt, könnte meinen, es sei das Werbeplakat einer Basler Schoggifabrik.

Auch drinnen wurden die Sinne angesprochen. Katharina Anna Wieser, wie die anderen ausstellenden Künstler in Basel wohnhaft, verbindet die oberen Räume des Kunsthauses zu einem einzigen Kunstwerk: Eine schräge, begehbare, pyramidenförmige Rampe aus Holzlatten, die fein nach Terpentin riecht, schmiegt sich durch die Kabinetträume. Die Rampe ist begehbar, ja verlangt geradezu, beschritten zu werden. Da stakst man also über die Schräge und ist wie die Räume Teil des Kunstwerks.

Spektakuläre junge Kunst: Kilian Rüthemanns viskose Schoggi-Fassade, Anna Katharina Wiesers «Rampe», Hostettlers Paraffinobjekt

Spektakuläre junge Kunst: Kilian Rüthemanns fliessende Schoggi-Fassade, Anna Katharina Wiesers «Rampe», Hostettlers «ausgelaufenes» Paraffinobjekt.

Dass der Raum nicht einfach «Hülle» für die Kunst, sondern Teil der Interventionen ist und die Werke aller Künstler verbindet, ist eine grosse Stärke dieser Ausstellung. Dass die Arbeiten den riesigen Räumen des Kunsthauses standhalten, ist genauso eine Leistung. So ist auch die temporäre Installation von Jan Hostettler im Untergeschoss Teil der Räumlichkeiten. Durch den horizontalen Schlitz einer neu aufgebauten, weissen Wand lies Hostettler 200 Liter flüssiges, mit grünem Malachit gefärbtes Paraffin laufen. Die Wand ist mit Wachs überzogen, ein Teil des Ausstellungsbodens ebenfalls. Das technisch genau Geplante, aber zufällig Herausgekommene ist eine Spezialität des Solothurners – wie die Wände im anderen Raum, in die er Löcher gebohrt und aus denen schwarze Tusche gelaufen ist.

Kunstwerk als Rampe: Katharina Anna Wieser auf ihrer Holschräge, Kunsthus Baselland in voller Grösse, nicht mehr Mme ART Annete Schönholzer mit Andreas Bicker

Kunstwerk als Rampe: Künstlerin Katharina Anna Wieser auf ihrer Holzschräge (l.), Einblick ins hell erleuchtete Kunsthaus Baselland (Mitte). Rechts: Annette Schönholzer, ehemalige Co-Chefin der Art, mit Art-Generalmanager Andreas Bicker.

Mit Sepiatusche arbeitet Oliver Minder. Er hat damit verschiedene, grossformatige Polyester-Oberflächen übermalt. Bewegt man sich vor den Bildern, verändert sich die Struktur der Sepiafarbe; sie glänzt mal oder bleibt matt. Neben diversen «Fellbildern» arbeitet Minder auch mit Birkensaft, den er in Finnland entdeckt hat. Er bemalte damit weisse Leinwände mit den Logos verschiedener skandinavischer Black-Metal-Bands. Auch da muss man den Kopf drehen und gut schauen, und immer wieder verändert sich die Struktur des Gemalten.

In Sachen Mode gibt man sich Basel pragmatisch, die wattierte Jacke ist Programm (Links), Teenagerarbeit am Grill (Mitte), Schoggi-Kunstwerk von Rüthemann an der Fassade

In Sachen Mode gibt man sich pragmatisch: Die wattierte Jacke ist Programm (links), Teenagerarbeit am Grill (Mitte), Rüthemann-Fassade in der Nacht.

Lange hielten es die Gäste trotz der tollen Ausstellung nicht in den Räumen des Kunsthauses aus. Sie waren so hell erleuchtet, dass man jeden Pickel und jede Falte der Gäste sah. Deshalb froren sie lieber draussen in der Kälte, während Bier (es gab zu wenig) und Würste (schön wärmend) serviert wurden. Die Kinder des Buchhalters des Museums, fünf lustige Teenager, grillierten das Fleisch, schnitten Brot, drückten hastig den Senf für die Gäste aus und unterhielten sich dabei über gemeinsame Teenie-Freunde. Das war nochmals eine Performance für sich, wie einige anwesende Künstler, darunter Johannes Willi oder Livio Baumgartner, bemerkten.

Der letzte Gast kam kurz vor dem Ende gegen 21 Uhr – fast unbemerkt: Sam Keller fuhr mit seinem Vintage-Porsche vor, begutachtete 10 Minuten lang die Schau, machte Goldbach ein Kompliment und brauste wieder davon. So macht man das. Wo käme man da sonst hin?