Beiträge mit dem Schlagwort ‘Joseph Beuys’

Faust im Dunkeln

Ewa Hess am Mittwoch den 1. Juni 2016

Meine geschätzte Blogger-Kollegin Regina Pfister von «Brand New Life» hat den Finger auf den wunden Punkt gelegt: die Manifesta 11, die uns allernächstens ins Haus steht, zeigt gewisse ausbeuterische Tendenzen der Lokalbevölkerung gegenüber. Ich weiss nicht, welche Löhne die Wanderbiennale ihren festangestellten Mitarbeitern zahlt – es gibt eine Kerntruppe davon, locker an das Mutterhaus in Amsterdam gebunden – doch die lokalen Fachkräfte bekommen im Zürcher Vergleich offensichtlich wenig, also 3700 monatlich für einen befristeten Einsatz auf Hundertprozent-Basis. Die Frage ist natürlich auch, ob die Sizilianer (Manifesta 12 ist in Palermo) auch gleich viel bekommen? Das wäre dort mehr als hier. Und in St. Petersburg (Manifesta 10) mag das ein richtig guter Lohn gewesen sein.

Das Thema der Manifesta 11 in Zürich: Was die Menschen fürs Geld machen (und was auch ohne Geld, müsste man zufügen).

Vor allem aber ersetzt die Manifesta für die Zeit ihrer Dauer (also Juni bis September) die regulären Aufsichten der beteiligten Institutionen durch unbezahlte Freiwillige. Die «richtigen» Aufsichten müssen also in unfreiwilligen unbezahlten Urlaub, damit die Freiwilligen gratis ihre Arbeit machen können. Schon kurios. Und unerspriesslich! Für die Manifesta zu arbeiten, beschert nämlich einem im besten Fall internationale Kontakte und verwertbare Erfahrungen. Für Manifesta NICHT zu arbeiten, ist einfach nur Lohnausfall. Hätten sich die beurlaubten Aufsichten vielleicht als ihr eigener Gratisersatz melden sollen? Und diese Konstellation dann zu einem immateriellen Kunstwerk deklarieren?

Interessanter erscheint einem allerdings die Sache mit der Regina Pfister. Sie gibt es nämlich gar nicht. Es ist ein Pseudonym. So ist es auf dem Portal des «Brand New Life» ausgewiesen. Die Autorin oder der Autor hat sich nicht getraut, die Kritik unter dem eigenen Namen zu äussern. Zudem ist sie im Artikel gut versteckt – im zweiten Absatz in der Mitte. Trockene theoretische Ausführungen werden vorher und nachher abgespult. Nicht einmal anonym kommt die Kritik also direkt! Ist die Kunstwelt tatsächlich so restriktiv ihren einzelnen Akteuren gegenüber, dass sich diese nicht einmal im Dunkeln eine Faust zu machen trauen?

Geld kann Dir Liebe kaufen: Collage von Barbara Kruger. Heute könnte es auch umgekehrt gelten.

Geld kann dir Liebe kaufen: Collage von Barbara Kruger. Heute könnte es auch umgekehrt gelten.

Das gibt mir mehr zu denken als die Lohnpolitik der Manifesta. «Brand New Life» schreibt, dass bei ihnen jeder Regina Pfister sein darf, wenn er nicht mit dem eigenen Namen unterschreiben möchte. Offensichtlich besteht eine rege Nachfrage nach Anonymität. Dabei geht es auf dem Blog um die Kunstkritik! Himmelherrgott, der oft beweinte Niedergang des Kritikers liegt womöglich daran, dass sich niemand mehr traut, die allmächtigen Götter des Betriebs (sprich einflussreiche Künstler, Kuratoren, Mäzene) auch nur andeutungsweise anzugreifen.

Beuys meinte es richtig: Kunst = Kapital. Irgendwie ist seine Gleichung allzu sehr aufgegangen.

Beuys meinte es richtig: Kunst = spirituelles Kapital. Seine Gleichung ist aber gespenstisch aufgegangen.

Auf «Donnerstag» (den wirklich guten Blog gibt es jetzt nicht mehr) war das anonyme Schreiben offensichtlich auch sehr verbreitet. Und ich kann nicht anders, als festzustellen, dass auch ich hier auf «Private View» mit Giovanni Pontano einen anonym bleiben wollenden Kritiker auf der Blogroll habe. Doch weder mag ich mich besinnen, dass die Donnerstag-Leute jemals scharf ausgeteilt haben, noch hat Giovanni bisher je etwas Negatives hier veröffentlicht. Und er ist, wie das intelligente Menschen so sind, durchaus eine kritische Natur. Alle kennen sich eben in der kleinen Szene. Und zu sehr fürchtet man, die Betroffenen zu kränken.

 

Eine Persiflage des Kunstblogs "vonhundert" nach einem Plakat von Klaus Staeck, 1972, Orginaltext: "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen"

Eine Persiflage des Kunstblogs «vonhundert» nach einem Plakat von Klaus Staeck, 1972, Orginaltext: «Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen».

Gerade in der Bloggerszene ist ein so ängstliches Verhalten mehr als auffällig. Ein Blog, das steht eigentlich für die schreierische Freiheit des Internets. Blogs, das sind Meinungen, manchmal auch etwas zu wenig begründet. Wenn sich die Kunstblogger nun im huis clos, dem geschlossenen Kreis des internationalen Kunstgeschehens, keine direkte Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu äussern trauen … Dann ist das, glaubt mir, nicht nur für die Ängstlichen selbst, sondern auch für uns alle, die wir mit der Kunst zu tun haben, die komplette Bankrotterklärung.

Magisches Eis für Paris

Ewa Hess am Dienstag den 24. November 2015

Liebe Leserinnen und Leser, wie klingt das Eis, wenn es schmilzt?

Es zischt ganz leise. Hören Sie hier mal rein: «Ice Watch». Für ihr Projekt haben der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson und der Geologie-Professor Minik Rosing zwölf Eisklumpen beim Nuuk-Fjord in Grönland gefischt. Es war keine schwierige Sache, denn im Land des ewigen Eises verflüssigt sich zurzeit gerade sowieso alles. Ständig brechen Brocken von der Eiskappe ab. Mit einem Lasso kann man mit einigem Geschick so eine Eisscholle schnell einfangen.

Eliasson und Rosing haben die Eisbrocken in grosse Kühlschränke gepackt, in welchen man sonst Crevetten auf die Reise zum Supermarkt schickt und nach Paris verschifft. Hier hätten diese während der Klimakonferenz Cop21 auf der Place de la République in Paris gut sichtbar vor sich hin schmelzen sollen. Man stelle sich vor: zwölf eisige Riesen (sie wiegen gemeinsam 80 Tonnen) in Uhrenformation dahinschmelzend – ein starkes Sinnbild dafür, dass es klimatisch fünf vor zwölf ist.

Eisernte im Nuuk-Fjord, Transport der Blöcke, Olafur Eliassons «Ice Watch» von 2013 in Kopenhagen

Eisernte im Nuuk-Fjord, Transport der Blöcke, Olafur Eliassons «Ice Watch» von 2013 in Kopenhagen.

Klar ist nach den Anschlägen in Paris jetzt alles anders, und die Klimakonferenz selbst ist mit mehreren Fragezeichen versehen. Ihre Durchführung vom 30. November bis zum 11. Dezember wird zwar bekräftigt, doch es ist unsicher, ob einige Teilnehmer vielleicht doch die Teilnahme absagen. Oder kommen, im Gegenteil, mehr? Wird man eher bereit sein, über das Klima zu diskutieren? Oder wird die klimatische Bedrohung von der terroristischen überschattet?

Ich habe Olafur Eliasson und einige andere Protagonisten der Kunst-&-Design-Bewegung im Zusammenhang mit dem Klimawandel am Wochenende in Wien getroffen. Warum engagieren sich so viele Künstler für die Verteidigung des Klimas? Eine Frage, über die man nicht lange nachzudenken braucht. Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen der Schönheit der klimatischen Offenbarungen und der künstlerischen Kreativität, so viel ist sicher. Die wechselnden Gezeiten, die visuelle Kraft von vergänglichen Wetterbildern, die Leichtigkeit des Wolkenhimmels, die Dramatik eines Gewitters, das Anrollen einer Ozeanwelle… Muss man noch mehr Beispiele aufzählen? Der Planet, die Mutter aller Künstlerinnen und Künstler, verschwendet sich an uns. Gut, dass es parallel zur Cop21 die Sektion ArtCop21 gibt, eine Art weltweites Festival, das im Dezember in Paris kulminieren soll.

Francesca von Habsburg mit dem «Stay»-Panel an der Eröffnung der Schau von Olafur Eliasson in Wien, Eliassons Sonne im Winterpalais, Eliasson beim Vortrag in der Ausstellung

Francesca von Habsburg mit dem «Stay»-Plakat an der Eröffnung der Schau von Olafur Eliasson in Wien, Eliassons Sonne im Winterpalais des Prinzen Eugen, Eliasson beim Vortrag in der Ausstellung.

Olafur Eliasson jedenfalls ist zuversichtlich, dass es mit dem «Ice Watch» in Paris klappt. Die Eisblöcke hängen zwar zurzeit irgendwo auf der Route zwischen Grönland und Frankreich in ihren grossen Kühlschränken fest, doch Eliasson sagt: «Das wird schon werden.» «Alles, was unsere kulturelle Identität ausmacht, fällt der Wut der IS-Terroristen zum Opfer», sagt der Künstler, der mit seinem grandiosen «The Weather Project» 2003 in der Tate Modern berühmt geworden ist. «Ich spüre einen starken Willen aller, sich diesem aggressiven Furor entgegenzusetzen und dem Ausdruck freier Meinung im öffentlichen Raum eine Chance zu geben.» Anstelle von Blumen, sagt Eliasson, möchte er seine «magischen Eisblöcke» am leidgeprüften Pariser Platz niederlegen. Er ist überzeugt, dass dem Eis aus der Antarktis ein besonderes Glühen innewohnt. «Die Menge Eis, die unterwegs nach Paris ist», sagt Eliasson, «ist übrigens nur ein Zehntel dessen, was in Grönland in einer Sekunde wegschmilzt.» Die kühle Präsenz der Eisblöcke könne kalte Datenmengen auf eine emotionale Weise den Menschen klarmachen.

Beuys Eicheln wachsen weiter, der Künstler an der Schaufel 1982, Radical Action Reaction im Jardin des Plantes

Beuys Eicheln wachsen weiter (links), der Künstler mit einer Schaufel 1982 (Mitte), der Vorhang für einen Baum: So soll der Vorhang der «Radical Action Reaction» im Jardin des Plantes aussehen.

Der Deutsche Joseph Beuys war übrigens einer der Ersten, die sich künstlerisch für das Thema Umwelt starkmachten. Er pflanzte 1982 zur Documenta 7 exakt 7000 Eichen in Kassel. Ziel des Projektes war in seinen eigenen Worten «Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung». Diese Idee nimmt jetzt anlässlich der Cop21 das englische Künstlerpaar Ackroyd und Harvey wieder auf: mit seiner monumentalen Installation «Radical Action Reaction». Die beiden Engländer lassen aus den Eicheln der ursprünglichen Beuys-Eichen in Kassel weitere Eichengenerationen zu Bäumchen heranwachsen und pflanzen sie überall in Frankreich. Im Jardin des Plantes in Paris bauen sie zusätzlich einen monumentalen Vorhang aus Gras, um dem Baum, der grünen Lunge des Planeten, einen effektvollen Auftritt zu verschaffen.

Auch mit von der Partie an der Cop21 in Paris ist die TBA21 Foundation von Francesca von Habsburg, die mit ihrer Ankündigung, von Wien nach Zürich umzuziehen (hier nachzulesen), zuletzt für viel Wirbel gesorgt hat. Von Habsburgs eigenes Forschungsprojekt, «The Current», eine Abfolge von Expeditionen in die Südsee, wird in Paris vorgestellt. An Bord des Stiftungsschiffs Dardanella kommen Wissenschafter und Künstler zusammen, um der Rettung der Ozeane gemeinsam Auftrieb zu geben. Einige Expeditionen fanden schon statt, weitere werden folgen.

In Wien will man natürlich die tatkräftige Mäzenin gerne behalten. An der Eröffnung der Ausstellung «Baroque, Baroque», welche Eliasson im Winterpalais des Prinzen Eugen eingerichtet hat, wurde der Kunstpatronin das Bittplakat «Stay» überreicht – «Bleib»– mit den Unterschriften von Kulturpersönlichkeiten der österreichischen Kapitale, was sie sichtlich gefreut hat.

Kurator Damian Christinger in der Installation des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, «The Current» in action

Kurator Damian Christinger in der Installation des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, «The Current» in Aktion.

Die Gespräche mit der Zürcher Stadtverwaltung gehen dennoch weiter – ergebnisoffen, wie es aus dem Umkreis der Stiftung heisst. Eine weitere Verbindung der TBA21 zu Zürich wird auf jeden Fall künftig in der Person des Kurators Damian Christinger aufrechterhalten. Der bisherige Galerist der Zürcher Galerie Christinger de Mayo, der mit seiner interdisziplinären Schau «Das Fremde ist nur in der Fremde fremd» 2014 im Rietberg-Museum aufgefallen ist, wird 2016 eine «The Current»-Expedition leiten. Die aktuelle Ausstellung von Monica Ursina Jäger ist die letzte seiner Galerie an der Ankerstrasse.

Der amerikanische Beuys

Giovanni Pontano am Dienstag den 24. März 2015

Das Werk des US-Amerikaners Paul Thek zählt zu den herausragenden Werken der Kunst nach 1945. Theks Einzigartigkeit für die Kunstgeschichte dieser Zeit ist vergleichbar mit derjenigen von Joseph Beuys. Ebenso wie dieser sprengte er den Werkbegriff und erweiterte die Wahrnehmung von Kunst und Leben. Thek gilt als Paradebeispiel eines «artist’s artist», der seit jeher junge Künstler beeinflusste, aber nicht die gebührende Anerkennung im Kunstmarkt fand.

Was: «Paul Thek – Ponza and Roma»
Wo: Mai 36 Galerie, Rämistrasse 37, Zürich
Wann: Vernissage am Samstag, 21.3., Ausstellung bis 25.4.

Doch seit ein paar Jahren erreicht diese lange nur Insidern bekannte Position weitherum Beachtung. Theks erste grosse Retrospektive fand 2010 im Whitney Museum in New York statt, 2015 zeigt das Boijmans-van-Beuningen-Museum in Rotterdam seine Arbeiten, und die umfangreichste Sammlung von Theks Werken befindet sich heute in dem wunderbar von Peter Zumthor architektonisch konzipierten Kolumba-Museum in Köln. Eine wichtige Ausstellung fand, lange ists her, im Jahr 1995 in der Kunsthalle Zürich statt. Höchste Zeit also für ein Lebenszeichen in Zürich, die Galerie Mai 36 mit ihrem feinen Gespür und ihrem Anspruch an Qualität ist hierfür zweifellos der richtige Ort. Es ist eine Ausstellung von musealem Format. Die meisten Arbeiten wurden zusammengetragen aus privaten Sammlungen oder aus Museumsbesitz, nur weniges ist überhaupt käuflich erwerbbar.

Unmittelbare Lebenskraft

Unmittelbare Lebenskraft: Theks Bilder «Pompeian Grapes», «Fleurs de mal», «Ponza Landscape», alle 1975.

Die ganze Karriere über hat Paul Thek (1933–1988) seine Kunst geflutet mit persönlichen Erfahrungen über die teils heitere, teils traurige Eigentümlichkeit, lebendig zu sein. Die zauberhafte Serie von Arbeiten, die in Italien entstanden sind, zählt eindeutig zur ersten Kategorie, der heiteren. Erschöpft vom Künstlerleben in New York und von grossen internationalen Erfolgen – gleich an zwei aufeinanderfolgenden Ausgaben der Documenta in den Jahren 1968 und 1972 nahm Thek teil –, zog sich der Künstler nach Rom, im Besonderen aber auf die kleine, südlich von Rom gelegene Insel Ponza zurück. Später kam er immer und immer wieder an denselben Fleck Erde zurück. Von diesen Reisen legt die intime Ausstellung bei Mai 36 Zeugnis ab.

Meer, Meer und immer wieder Meer

Meer, Meer und  Meer: Weitere 1975 auf Ponza entstandene Bilder Paul Theks.

Paul Thek selbst schreibt in einem Brief über seine Arbeit in Ponza, dass dort «eternal painting», eine Malerei für die Ewigkeit, möglich sei, so positiv färbe die Landschaft auf ihn ab. Und das trifft zu, die Werke zeugen von einer unmittelbaren Kraft des Erlebens. Die Natur würde ihn «spirituell und kreativ» nähren, beschreibt der Künstler diesen Zustand. Ohne die Lieblichkeit und Ursprünglichkeit von Ponza, steht in einem der wie Reliquien ausgestellten Skizzenbücher, würde er nicht leben können. Diese Urkraft ist in der Ausstellung spürbar. Der Künstler verwandelt vermeintlich banale Gegenstände wie etwa eine Tomate in eine Abbildung romantischer Sehnsucht nach dem Leben.

Eine intime Ausstellung von musealer Bedeutung

Eine intime Ausstellung von musealer Bedeutung: Aufzeichnungen Theks und Selbstporträtstudien von 1970.

Die Stillleben strahlen eine zarte Gelassenheit aus, mäandrieren aber auch zwischen Symbolik und Objekt, zwischen Verwundbarkeit und Schönheit. Eine noch intensivere Wahrnehmung lassen die Landschaftsabbildungen zu. Meer, immer wieder Meer und dazu die wilde und gleichzeitig liebliche Natur der zerklüfteten Insel. Man kann lange vor diesen Bildern verweilen: Es sind nicht nur Abbildungen, sondern gemalte Erfahrungen von Erlebtem und nun Vergangenem. Ein wunderbarer Tag am Strand stirbt, wenn er für unser Auge nicht mehr sichtbar ist. Der Künstler hält die Essenz davon am Leben.