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Es gibt viel zu tun

Ewa Hess am Mittwoch den 11. Januar 2017

Das neue Jahr hat, wenn ich von mir auf die restliche Welt schliessen soll, rasant angefangen. Es gibt viel zu tun! Würde mich jemand fragen, was ich mir zum neuen Jahr so wünschte, käme die Antwort postwendend: Energie.

Und als ich mir den Film «The Space in Between» anschaute, in dem die Performance-Künstlerin Marina Abramovic nach Brasilien reist, um magische Rituale des Urwalds zu erforschen, fiel mir darin in diesem Zusammenhang eine Szene auf. (Der Film wird übrigens heute Mittwoch um 20 Uhr in der offenen Kirche St. Jakob am Stauffacher in Zürich gezeigt, und ich mache eine kleine Einführung.)

Deutsch-Schweizer Premiere: Marina Abramovic auf Besuch bei den Schamanen.

Die Szene, die mich beim Schauen zum Nachdenken gebracht hat, geht so: Da sitzt eine ganz alte brasilianische Frau, sie ist gerade 108 Jahre alt, und erzählt, erzählt, erzählt. Sie erzählt der ja auch nicht gerade energiearmen Performerin Abramovic dies und das und dann nochmals etwas … Man hört zu, verfällt aber auch ein bisschen in Trance, weil der Vortrag auf Brasilianisch-Portugiesisch schön monoton und melodiös dahinplätschert. Es geht wohl um das Leben der «Mutter Töchterchen» (Mae Filhinha) genannten Alten in der südbrasilianischen Stadt Cachoeira (in der Nähe von Bahia) und auch um ihre Vorstellung von einer wohlgefügten Weltordnung.

Die Matriarchin klärt die Künstlerin über die Tatsachen des Lebens auf: Mae Filhinha, 108 Jahre alt. Fotos: Portal A Ponte

Die Künstlerin Abramovic, die auf einer Art Pilgerreise ist, weil sie gerade mit Herzschmerz zu kämpfen hat (nachdem sie ihre zweite grosse Liebe nach Ulay, nämlich ihr italienischer Ehemann Paolo Canevari, verlassen hat), gibt sich alle Mühe, geduldig zuzuhören. Schliesslich will sie hier in Brasilien etwas lernen! Doch dann geht ihr quirliges Temperament mit ihr durch, und sie ruft der Übersetzerin zu: Frag sie, woher sie in ihrem Alter so viel Energie hat! Wobei man sagen muss, dass Marina Abramovic selbst mit ihren mittlerweile 70 Jahren gut beieinander zu sein scheint und diese Frage bestimmt auch nicht selten zu hören bekommt.

«Guter Tod»: 2014, zwei Jahre nach der Beendigung des Films, starb Narcisa Cândido da Conceição, genannt Mae Filhinha, 110-jährig.

Die Übersetzerin flüstert dann der Alten die Frage ins Ohr, worauf diese komplett aus dem Konzept kommt. «Was?», fragt Mae Filhinha und schaut verwundert, «woher ich was habe?» «Energie!», rufen jetzt Marina Abramovic und die Übersetzerin gemeinsam. Erst jetzt dämmert es der langjährigen Mitschwester der frommen Bruderschaft «Guter Tod» (Boa Morte), was die beiden Fremden meinen. Die 108-Jährige wischt die Frage mit einer kleinen Handbewegung weg und gibt beiläufig Antwort, etwa so, wie man einem ahnungslosen Kind das Selbstverständliche erläutert: na, natürlich von Gott.

Woher kommt die Energie? Eine Pilgerreise als Performance (Filmbild).

Dieses durchaus lustige Aufeinanderprallen von verschiedenen Energie- und Lebenskonzepten erinnerte mich an die Lektüre von einigen Aufsätzen John Bergers, die ich anlässlich seines Todes letzte Woche in Angriff nahm. Der britische Kunsthistoriker und Schriftsteller wurde in den Nachrufen als ein überzeugter Marxist verabschiedet, wobei ein anderes Merkmal seiner Weltauffassung komplett unterging. Denn niemandem, der mit seinem Werk vertraut war, konnte seine mystische Neigung verborgen bleiben, die in jeder Zeile seines Werks durchscheint. Ein überirdisches Leuchten der «Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit» pulsiert in allem, was Berger so schrieb und dachte; seine Beobachtungsgabe und seine Ehrlichkeit waren dadurch nicht etwa geschmälert, sondern im Gegenteil, gestärkt.

Marina Abramovic unterzieht sich einer radikalen Pflanzenkur im Urwald (Filmbild).

In diesen Aufsätzen, die ich also letzte Woche las (dazu schrieb ich in der SonntagsZeitung auch eine Kolumne, hier nachzulesen), sinniert Berger über das Verschwinden der Spiritualität aus unserem Lebenszusammenhang und über das Problem, welches dieses Verschwinden für den modernen Menschen bedeutet. Doch ist die Spiritualität wirklich verschwunden? Ich meine: nein. Was sonst, wenn nicht die Auseinandersetzung mit der Transzendenz sichert nämlich der Kunst den unerschütterlich festen Platz, den sie in der modernen, ansonsten gnadenlos materialistischen Welt erhält?

«Die Beziehung zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir wissen, ist nie geklärt. Jeden Abend sehen wir die Sonne untergehen. Wir wissen, dass die Erde sich von ihr wegdreht. Und doch wird das Wissen, die Erklärung, dem Anblick nie wirklich gerecht.» Foto: azquotes

Es stimmt zwar, wir haben den Platz Gottes eigentlich der Technik überlassen. Sie hat auch alle Merkmale, um seine Funktionen in unserem Weltbild zu übernehmen: Sie sieht uns von überallher, auch von oben, sie nimmt unsere Taten und Untaten zur Kenntnis und verzeiht uns oft gütig das inkompetente Wirrwarr, welches wir auf dieser Erde tagein, tagaus veranstalten. (Manchmal straft sie uns auch dafür.) Den moralischen Sinn können aber die Technik und ihr Verwandter, der Algorythmus, nicht liefern, und gerade dieser ist es, dem Menschen wie Mutter Filhinha ihre unerschütterliche Ruhe zu verdanken haben.

Bewusstseinserweiternde Drogen als eine Vorstufe der Kunst: Abramovic auf Ayahuasca (Filmbild).

Und den Sinn, auch in moralischer Hinsicht, verhandeln wir ganz klar in der kollektiven Beschäftigung mit Kunst. So kann man zwar der zeitgenössischen Kunst einiges zu ihren Ungunsten nachsagen: Sie sei das Gefäss, in das die leicht erworbenen Millionen der Neureichen fliessen, und auch ein Steuerversteck, sie sei unverständlich, überflüssig, zu komplex oder zu simpel, zu explizit oder zu negativ, zu geheimniskrämerisch oder zu einladend. Vielleicht ist sie das alles auch. Aber das erklärt noch nicht, warum junge Menschen gerne in den Museen abhängen, warum keine der jüngsten Krisen die Begeisterung für Kunst zu schmälern vermochte oder warum Menschen, denen es an nichts zu fehlen scheint, Bilder und Skulpturen voller Schmerz und Qual in ihre Wohnungen hängen und stellen.

Künstler machen Schmerz zum Thema: Werke von Martin Kippenberger, Louise Bourgeois, Francis Bacon. Fotos: «Hamburger Wochenblatt», uminuscula, Wikipedia

Marina Abramovics Besuch bei den brasilianischen Schamanen, der im Film geschildert wird, fand nach ihrer MoMA-Schau «The Artist Is Present» statt. Die Intensität von Abramovics Auftritt in jenen drei Monaten im Frühling 2010, als sie Tage, Wochen und Monate unbeweglich auf einem Stuhl im Museum of Modern Art in New York sass und den 300’000 Menschen, die ins Museum kamen, einfach nur in die Augen schaute, bis sie weinten oder lachten und bis sie verändert und bewegt wieder weggingen – eine gründlichere Vorbereitung auf die Begegnung mit dem archaischen Spiritualismus Brasiliens könnte man sich wohl kaum vorstellen. Und auch keine bessere Erklärung dafür, dass wir die irrationale Seite unserer Existenz erforschen sollten.

Mehr dazu, liebe Gemeinde, heute Mittwoch (11.1.2017) um 20 Uhr im St. Jakob und natürlich wie gewohnt wöchentlich auf diesem Kanal. Die Premiere des Films «The Space in Between» haben wir den Ethnologen Claudio Bucher, David Suivez sowie Patrick Schwarzenbach (Pfarrer Offene Kirche St. Jakob) zu verdanken.