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Scheitern, um zu gewinnen

Ewa Hess am Mittwoch den 11. Mai 2016

Seien wir ehrlich: Wir leben in einer Welt, in der nur das Gewinnen zählt. The winner takes it all, sang Abba. Das war eine Prophezeiung, auch wenn sich die Songzeile erst mal auf das Scheitern einer Liebe bezog.

Paradoxerweise haben sich die Gewinner der neuen ökonomischen Ordnung, die omnipotenten Multimillionäre, in eine Kunstrichtung verliebt, welche auffallend oft das Scheitern zum Thema macht: in die zeitgenössische Kunst. Diesen komplexen Sachverhalt machte das Auktionshaus Christie’s zum Thema einer Verkaufsveranstaltung – und gewann damit auf der ganzen Linie. Dies ist die Geschichte des «Bound to Fail»-Abendverkaufs von Christie’s, an dem am Sonntagabend in New York beinahe 80 Millionen Dollar umgesetzt und bis auf ein einziges alle Werke verkauft wurden.

Was: Evening Sale «Bound to Fail» von Christie’s
Wann: Sonntag, der 8.5.2016
Wo: Rockefeller Plaza, New York

Maurizio Cattelan, «Him» von 2001, verkauft für $17,189,000 (inkl. Käuferkommission). Das nur 1 Meter hohe Werk zeigt einen knienden Hitler, das Gesicht wie im Schmerz verzehrt. Bereut er? Bittet um Verzeihung? Oder bedauert er, nicht gesiegt zu haben? Cattelans Werk stellt wie immer viele Fragen, die mitten ins Gewissen zielen.

Maurizio Cattelan, «Him» von 2001, verkauft für $ 17’189’000 (inkl. Käuferkommission). Die nur einen Meter hohe Skulptur zeigt einen knienden Hitler, das Gesicht wie im Schmerz verzerrt. Bereut er? Bittet er um Verzeihung? Oder bedauert er, nicht gesiegt zu haben? Cattelans Werk stellt wie immer viele Fragen, die mitten ins Gewissen zielen. © Maurizio Cattelan (alle Werkabbildungen Courtesy Christie’s)

Früher war das so: Die Aktionshäuser verkauften, was ihnen gerade so an Kunst angeboten worden ist. Manchmal traf es den Nerv der Zeit und verkaufte sich gut, manchmal eben nicht.

Heute geht das oft anders. Begabte Auktionshaus-Kuratoren versuchen zu erahnen, was gerade ein wichtiges Thema sein könnte, und suchen aktiv nach Werken, die dazu passen. Dem Verkauf wird ein Titel verpasst, der die ganze Sache auf den Punkt bringt und eine Versteigerung in ein geschichtsträchtiges Ereignis verwandelt. Die erhöhte Intensität bleibt nicht ohne Einfluss auf die Kaufbereitschaft, wie gerade das Beispiel der «Bound to Fail»-Auktion zeigt.

Loïc Gouzer, Deputy Chairman Postwar and Contemporary, Christie's

Loïc Gouzer, Deputy Chairman Postwar and Contemporary Art, Christie’s

Der kluge Kopf hinter dem Event war diesmal ein Schweizer, der nur 35-jährige Genfer Loïc Gouzer, Christie’s «deputy chairman postwar and contemporary art», also eine Art Sparten-Vizedirektor, oder was der Titel auch immer heissen mag. Gouzer hat schon «Looking Forward to the Past» orchestriert, die berühmt gewordene kuratierte Auktion vom Mai 2015, an der Picassos «Les Femmes d’Alger» von 1955 für fast 180 Millionen Dollar verkauft und so zum am teuersten verkauften Kunstwerk wurden.

Gouzer, der aus einer reichen Familie kommt (die ursprünglich mit Austernverkauf ihr Geld gemacht hat und der ein Teil Genfs gehört), ist befreundet mit einigen der Darlings der neuen Schickeria und weiss, wie sie ticken. Mit Leonardo di Caprio verbindet ihn nicht nur Freundschaft, sondern auch das Engagement für die Umwelt, sie haben schon gemeinsam Werke erworben (Private View berichtete hier).

Gab der Auktion den Titel: Bruce Naumans Gusseisenskulptur von 1970 mit dem Titel «Henry Moore Bound To Fail». Sie zeigt Bruce Naumans auf dem Rücken zusammengebundene Hände. Ein Bild für die Ohnmacht, aber auch für die Kraft eines Künstlers, der aus seinem Handicap seine Stärke bezieht

Gab der Auktion den Titel: Bruce Naumans Gusseisenskulptur von 1970 mit dem Titel «Henry Moore Bound to Fail». Sie zeigt Bruce Naumans auf dem Rücken zusammengebundene Hände. Ein Sinnbild für die Fähigkeit eines Künstlers, gerade seine Schwäche in Stärke umzumünzen.

Paris Hilton, die jetzt öfter in New York anzutreffen ist, seitdem sie das Kühestreicheln in Schindellegi aufgegeben hat, hauchte nach der Auktion am Sonntag den anwesenden Reportern ins Mikrofon, dass «Loïc ein sehr guter Freund» von ihr sei. Kelly Crow, die allwissende Auktionsberichterstatterin des «Wall Street Journal», twitterte zudem, dass sie den Hollywood-Beau Christian Slater in der Menge gesichtet habe. Dabei fand die Auktion ungewöhnlicherweise an einem Sonntag, und das schon um 17 Uhr, statt. Manche kamen ausser Atem, weil sie die letzten Cocktails der Kunstmesse «Frieze» noch austrinken mussten.

Bildersuche per Instagram

Bildersuche per Instagram.

Man kann nicht sagen, dass Gouzer nicht wusste, was er wollte. Er wusste es ganz genau. Nach Werken seiner Wahl suchte er unter anderem auf Instagram, vor aller Augen.

Zu Martin Kippenbergers Skulptur «Martin, ab in die Ecke und schäm dich» schrieb Gouzer auf Instagram etwa: «would kill to have it in #boundtofail auction and ready to offer significant money for it – any ideas?» Worauf die Sammlerin und Art Advisor Eleanor Cayre kommentierte: «Finde es, Loïc, ich gebe eine Garantie dafür!» Womit sie auf die Gepflogenheit anspielte, dass man den Anbietern einen Preis im Voraus verspricht, egal wie die Auktion dann läuft.

Nun, diesen Kippenberger fand Loïc nicht, dafür den schönen gekreuzigten Frosch «Zuerst die Füsse», der dann auch für 1,325 Millionen Dollar verkauft wurde, eine gute halbe Million höher als geschätzt.

Martin Kippenbergr, «Zuerst die Füsse»., mit Autolack bemalte Holzskulptur, 1990, verkauft für $1,325,000. «Fred the Frog», des Künstlers Alter ego, hängt häretisch am Kreuz. Was für grosse Entrüstung der Kirchekreise sorgte, ist im Grunde ein trauriges Selbstbildnis des Künstlers selbst, mit Bierkrug und Spiegelei. Kippenberger, der sich selbst nie ernst nahm, beeinflusst nach wie vor ganze Generationen von Künstlern.

Martin Kippenberger, «Zuerst die Füsse», mit Autolack bemalte Holzskulptur, 1990, verkauft für $ 1’325’000. «Fred the Frog» des Künstlers Alter ego hängt häretisch am Kreuz. Was für grosse Entrüstung der Kirchenkreise sorgte, ist im Grunde ein trauriges Selbstbildnis des Künstlers selbst, mit Bierkrug und Spiegelei. Kippenberger, der sich selbst nie ernst nahm, beeinflusst nach wie vor ganze Generationen von Künstlern.

Aus Schweizer Sicht höchst erfreulich: Natürlich hat der Genfer eine bessere Kenntnis der Schweizer Szene als die Amis. Und placierte in seiner illustren Verkaufsschau einige CH-Helden, die ein glorreiches Werk aufweisen, aber noch nicht die exorbitanten Preise der deutschen Grossmeister erzielen. So setzte «Bound to Fail» (oder, wie manche spotteten, «Bound to Sell») Marktrekorde für die helvetischen Stars John Armleder und Olivier Mosset. Höchste Zeit, dass ihr Werk auch preislich zum Weltniveau aufschliesst.

Schweizer Maximalismus und Minimalismus schliesst preislich auf. Links: John Armleder, «Chabasite» von 2003, Acryl auf Leinwand, verkauft für $221,000 . Rechts: Olivier Mosset, Untitled von 1969, verkauft für $137,000 .

Schweizer Maximalismus und Minimalismus schliesst preislich auf. Links: John Armleder, «Chabasite» von 2003, Acryl auf Leinwand, verkauft für $ 221’000. Rechts: Olivier Mosset, Untitled von 1969, verkauft für $ 137’000.

Auch einige Italiener profitierten von der dekadenten europäischen Stimmung (in der düstere Vorahnungen des Versagens gefeiert werden). Der kleine kniende Hitler von Maurizio Cattelan, eine Skulptur namens «Him», kroch langsam von den geschätzten 10 bis auf 15,2 Mio. Dollar (17,2 mit Käuferkommission).

Und eine fotografische Arbeit der 45-jährigen italienischen Künstlerin Paola Pivi ging für 227’000 Dollar weg, auch für sie ein Marktrekord. Es bleibt mir persönlich komplett unverständlich, warum ein sehr schönes Kartoffelfeld von Sigmar Polke nicht verkauft wurde – es war das einzige Werk, auf dem das Auktionshaus sitzen blieb. Ich hätte es sehr gern gekauft, wenn ich eine schwerreiche Sammlerin wäre (bin aber weder das eine noch das andere).

Paola Pivi, «Untitled (Donkey)», Fotoprint, 2003, verkauft für $227,000 . Mitten im blauen Ozean eine verlorene Kreatur. Wo gehört sie hin? Wird sie jemand retten? Eine simple Metapher, die viele unserer Ängste anspricht.

Paola Pivi, «Untitled (Donkey)», Fotoprint, 2003, verkauft für $ 227’000. Mitten im blauen Ozean eine verlorene Kreatur. Wo gehört sie hin? Wird sie jemand retten? Eine simple Metapher, die viele unserer Ängste anspricht.

Das war also der Anfang der Frühlingsauktion-Saison in New York. Obwohl die Preise angesichts des komplexen Themas moderat blieben (im Vergleich zu den exorbitanten Zuschlägen an anderen kuratierten Auktionen), muss man sagen, dass das Event alles andere als eine Niederlage war. Im Gegenteil, man müsste fast eine andere Songzeile, die von Bob Dylan, bemühen, der einst sang «there’s no success like failure» (wenn auch bei Dylan die Aussage sofort ins Gegenteil verkehrt wird, «but failure’s no success at all»).

Aber zurück zur Auktion – sie zeigte, dass eine Abkühlung des Kunstmarktes auch ihre guten Seiten hat. Sie erlaubt den Anbietern und den Käufern, die schwierigen Kunstwerke so richtig aufs Pedestal zu stellen, auch wenn sie nicht die absoluten Preiskönige sind. Richtig so, denn das Schwierige, das Dunkle und das mit der Welt Unversöhnte bleibt nun mal der Stoff, aus dem die beste Kunst schöpft.

Schweizer Qualität bei Sotheby's Auktion am 31. Mai in Zürich: John Armleder (OHNE TITEL (U 39), 1991, Lack, Bronzelack und Firnis auf Leinwand 300 x 180 cm) und Diego Giacomettis "Chat maitre d'hotel»

Überlegene Schweizer Qualität bei der Sotheby’s-Auktion am 31. Mai in Zürich: John Armleders wunderbares Werk von 1991 (Lack und Firnis auf Leinwand, 300 x 180 cm), Diego Giacomettis witzige Skulptur «Chat maître d’hôtel»

Post Scriptum: Für uns Schweizer war übrigens die Botschaft, welche diese New Yorker Auktion vermittelt hat, auch in materieller Hinsicht «good news». An den kommenden Auktionen der Schweizer Kunst in Zürich werden nämlich Ende Mai Werke von Armleder, Mosset und anderen angeboten, die qualitativ über den in New York verkauften stehen. Für die hiesigen Sammler ein nicht zu unterschätzender Hinweis aus Übersee.


Ein kleiner Einblick ins Auktionsgeschehen (Courtesy Christie’s).

Tanz mit den Divas

Ewa Hess am Dienstag den 22. September 2015

John Armleder ist einer unserer wichtigsten Künstler, liebe Leserinnen und Leser, und heute will ich von einer aussergewöhnlichen Arbeit des Malers, Performers und Konzeptkünstlers aus Genf berichten. Ich habe sie in einer meiner Lieblingsgalerien entdeckt – bei Susanna Kulli im Kreis 4 in Zürich.

Was: «Jericho» von John M. Armleder
Wo: Galerie Susanna Kulli, Dienerstrasse 21, 8004 Zürich (Di–Fr 13–18, Sa 11–16)
Wann: Bis auf weiteres

John Armleder und Susanna Kulli 1963 beim Einrichten der ersten Ausstellung in St. Gallen

John Armleder und Susanna Kulli 1983 beim Einrichten der ersten gemeinsamen Ausstellung in St. Gallen – es war die vierte Ausstellung der jungen Galerie Kulli überhaupt.

Es ist eine kleine Galerie, aber lasst euch nicht täuschen. Susanna Kulli ist unsere Marian Goodman, obwohl sie natürlich viel jünger ist als die allseits respektierte amerikanische Galeristin, die so viele tolle europäische Künstler als Erste in den USA vertrat – und still going strong mit Räumen in Paris und London! Susanna Kulli hat ihre Pioniertätigkeit in St. Gallen begonnen. In ihrem Programm machte sie von Anfang an keine Kompromisse, und in ihrem künstlerischen Urteil blieb sie bis heute unbeirrt. In ihrer zweiten Ausstellung überhaupt zeigte sie schon Gerhard Merz, in der vierten John Armleder. Wenig später war bei Susanna Kulli übrigens der andere wunderbare Romand dran, Olivier Mosset. 1993 widmete sie eine Schau dem jungen Thomas Hirschhorn. Den Namen hat damals zuvor noch niemand gehört.

Und erst vor wenigen Jahren hat mir die unermüdlich entdeckungsfreudige Galeristin das Werk von Bertold Stallmach vorgeführt, eines 31-jährigen in Zürich lebenden Künstlers, das mich mit seiner innovativen Energie verblüfft hat. Heute kennt man Stallmach besser, und bestimmt steht Kullis Interesse wieder am Anfang einer internationalen Karriere.

So kommt es, dass die inzwischen gross und grösser gewordenen früheren Schützlinge, die in der Weltliga mitmischen, mit ihren unkonventionellen Arbeiten schnurstracks in die Galerie Susanna Kulli marschieren. Sie wissen – hier wird man verstanden und unterstützt. Und just von Armleder hängt bei Frau Kulli seit einigen Monaten eine Arbeit an der Wand, die im Werk des Genfers absolut einmalig ist – die einzige, in welcher er sich mit Fotografie auseinandersetzt.

Susanna Kulli in ihrer Galerie vor dem Werk «Jericho»

Susanna Kulli in ihrer Galerie vor dem Werk «Jericho»

Ich wollte dieses «Jericho» schon lange anschauen gehen, am Samstag fand ich endlich Zeit. Und muss es sofort mit euch, liebe Leserinnen und Leser, teilen, denn es ist eine wunderbare Geschichte. Es handelt sich bei diesen 88 Fotos eigentlich um ein Fundstück. Der Künstler selbst hat sie mit seiner dafür berühmten feinen Hand  arrangiert. Es war eine Schachtel, die bei einem Fotohändler stand. Armleder schaute ein Bild nach dem anderen an – und siehe da, es war eine ganz und gar ungewöhnliche Sammlung. Lauter Bilder von Showbusiness-Stars, die entweder gerade fotografiert werden oder gar zurückfotografieren.

Was heute gang und gäbe ist, nämlich dass jeder knipst so wie er atmet, war in den Jahren, aus welchen diese Bilder stammen, eher eine Ausnahme. In schönster Fluxus-Manier nimmt Armleder (die Arbeit ist auf 2013 datiert) den in der Fotoschachtel gefundenen Ton auf und beschäftigt sich mit dem Thema auf seine Weise. «Mir kommt es wie eine der Performances Armleders  vor», sagt die Galeristin zu «Jericho». Es sei, als ob der Künstler mit dem Thema tanzen würde. Und auch mit den unbekannten Fotografen, welche diese Bilder geschossen haben sowie den leicht verblichenen Filmdivas, die hier abgebildet sind.

Was man aber in der Ausstellung nicht sieht, liebe Leser, sind die Fotorückseiten. Da die Bilder gerahmt an der Wand hängen, sind die Rückseiten unsichtbar. Aber die gehören unbedingt dazu. Die Galeristin hat sie eingescannt und zeigte sie mir am Bildschirm. Wir kamen ins Rätseln und manchmal auch ins Kichern! Schön wars.

Darum hier, nachfolgend, eine veritable Private View – nur für Euch, liebe Leserinnen und Leser, einige der Bilder und ihre Rückseiten. Enjoy.

Vorderseite

Vorderseite: Zwei Fotojägerinnen.

Rückseite: Man hält es für wichtig, Caroline Kennedy zu erwähnen. Dass man die Schauspielerin Ali McGraw sowieso erkennt, nahm man vielleicht selbstverständlich an

Rückseite: Man hält es für wichtig, Caroline Kennedy, die Tochter von J.F.K., rechts zu erwähnen. Dass man die Schauspielerin Ali MacGraw (links) sowieso erkennt, nahm man vielleicht als selbstverständlich an.

Den erkennt man

Den erkennt man, oder?

«The Killing Fields» - es muss in einer Drehpause entstanden sein

«The Killing Fields» – das Porträt muss in einer Drehpause entstanden sein.

Shirley McLaine, natürlich, und der Mann mit der Kamera?

Shirley MacLaine, natürlich, und der Mann mit der Kamera?

Der junge Alain Delon, who else. Am Set von «The Yellow Cadillac»

Aha, natürlich, der junge Alain Delon. Am Set von «The Yellow Rolls-Royce».

Eine mysteriöse Szene mit einem beleibten Kerl im Vordergrund

Eine mysteriöse Szene mit einem beleibten Kerl im Vordergrund.

Marlon Brando

Es ist Marlon Brando, April 1980 – wohl nicht am Set von «The Formula», sondern bei einem privaten Ausflug des Schauspielers.

Gepflegtes Heim...

Gepflegtes Heim …

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… von den Hollywoodstars Stewart Granger und Jean Simmons.

Was wird hier Ingrid Bergmann an die Hand gemalt?

Was wird hier Ingrid Bergmann auf die Hand gemalt?

Makeup-Touchups

Make-up-Touch-ups, fotografiert von Yul Brynner auf dem Set von «Anastasia» in London. «It is the first American-made movie in which Miss Bergmann has appeared since she left the U.S. eight years ago …» Wir schreiben das Jahr 1956.

Sterbeszene?

Eine Leidensszene aus?

Offensichtlich

Diese Rückseite gibt Rätsel auf. William Read Woodfield, muss man wissen, ist jener eigentlich wenig erfolgreiche Drehbuchautor, der der Serie «Mission Impossible» zu ihrem frühen Erfolg verholfen hat, indem er «magische Tricks» in den Plot eingeführt hat (er war Hobby-Magier). Danach wurde er Filmfotograf und erlangte eigenartigen Ruhm als einer jener Fotografen, die Marilyn Monroe am Pool fotografiert hatten, als sie sich entschloss, das Badekostüm komplett abzulegen (s.g. Blue Pool Aufnahmen). Doch welche Filmszene fotografierte er hier? Und wer ist die oder der mysteriöse F.P.G., dem das Foto zugeeignet ist? Die Dame könnte junge Liz Taylor sein…

Das muss doch die fotografierende Kleopatra sein.

Hier erkennt man die Protagonistin sofort, vor allem am Kostüm. Es fotografiert: die Kleopatra.

 

Natürlich, the one and only Liz Taylor

Natürlich, the one and only – Liz Taylor.

Erwartungsvoller kann man die Kamera wohl nicht im Anschlag halten.

Erwartungsvoller kann man die Kamera wohl nicht im Anschlag halten.

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Und schon wieder ist die weniger bekannte angeschrieben: Lauren Hutton (rechts). Die links kennt man auch heute, natürlich Geraldine Chaplin.

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Kann man den Finger hoch halten mit französischem Akzent?

Jericho_John Armleder_0012a_back_Galerie Susanna Kulli

Ja, denn es ist das Jahr 1934 und Maurice Chevalier kommt gerade in New York an, das seinem Pariser Charme restlos verfällt.

Ein Ufo in Rapperswil

Giovanni Pontano am Dienstag den 10. Juni 2014

Was: die Ausstellung «Das Optische Unbewusste», kuratiert von Bob Nickas, Fredi Fischli und Niels Olsen
Wo: Rapperswil-Jona
Bis wann: 10.8.

«Das optische Unbewusste»

«Das optische Unbewusste»: Craig Kalpakjian “Not Yet Titled”, rechts ein Werk von John Armleder

Ein Ausstellungs-Titel als Walter Benjamin-Zitat, das ist immer gut. Gut genügt als Bezeichnung für diese Ausstellung aber nicht; es ist vom Feinsten, was das Format «Kurator» der beiden jungen Ausstellungsmacher Fredi Fischli und Niels Olsen in Rapperswil in zwei Ausstellungsräumlichkeiten der Gebert Stiftung und des Kunstzeughaus Rapperswil-Jona vorstellt. Irgendwie kommt es mir wie ein UFO vor, das in Rapperswil gelandet ist.

Genau genommen ist diese ausserirdische Ausstellung kuratiert vom US-amerikanischen Star-Kurator Bob Nickas, der hier auf Einladung der beiden Jungkuratoren fast 50 Künstlerpositionen versammelt hat. Zugegeben: Erarbeiten muss man sich den Kunstgenuss im fernen Rapperswil, denn für den Ortsunkundigen müssen die beiden Ausstellungsorte erst einmal aufgespürt werden und dann gilt es anhand einer doch einigermassen verwirrlichen road-map die einzelnen Werke den jeweiligen Künstlern zuzuordnen. Oder man begibt sich auf eine Ratetour. Lohnen tut sich fraglos Beides.

Ein loser Faden innerhalb der abstrakten Kunst führt einen so durch zahlreiche Entdeckungen und Wiederentdeckungen, es finden spannende und überraschende Gegenüberstellungen statt, die ganze Schau ist auf hohem Niveau stringent orchestriert und überraschend gehängt, so dass es ein Vergnügen ist. Immer wieder begegnet man so John Armleder und Olivier Mosset, den beiden Westschweizer Künstlern, die international arriviert, noch mehr aber für eine junge Generation von Kunstschaffenden wichtig sind. Auf sie beziehen sich Phillipe Decrauzat, Stéphane Kropf oder etwa Mai Thu Perret, nur Sylvie Fleury ist irgendwo im outer space verlorengegangen. Auch US-amerikanische cutting-edge Positionen wie Nick Relph oder Dan Walsh finden sich nonchalant aber passgenau in die Schau integriert. Und es ist gleichermassen Bestätigung wie Freude, dass hier schon fast etwas in Vergessenheit geratene wichtige Künstler der 80er-Jahre wie Luciano Castelli (mit einer Fotoserie!) und Ross Bleckner einer jüngeren Generation gegenübergestellt werden.

Links: Kurator Fredi Fischli, Galeristin Eva Presenhuber

Links: Kelley Walker «Nine Desasters», rechts: Kurator Fredi Fischli, Galeristin Eva Presenhuber vor Alex Browns «Alice»

Inhaltlich verbindet die Schau vordergründig so unterschiedlichen Positionen von Video, Fotografie, vor allem aber abstrakte Malerei und Zeichnung und schafft eine Art Schwebezustand, eine eigene Zeit, einen eigenen Raum. Die Ausstellung bietet so spielerisch die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte für eine erhöhte Wahrnehmung, was durch die zahlreichen scheinbar entgegengesetzten Positionen noch unterstrichen wird. In vielen Werken entsteht so eine Spannung zwischen mechanischer Reproduktion und von Hand geschaffenen Bildern. Die Werke verbindet – und das ist die Kernmessage – der Blick ins Unbewusste. Es sind Werke, die auf einer erhöhten Wahrnehmung basieren und es gelingt in manch einer Ausstellungsituation, die Wirklichkeit ebenso zu bündeln wie aufzulösen und so die Pluralität von Wirklichkeiten aufzuzeigen. Noch einmal: das ganze Vergnügen in fast 50 Künstlerpositionen, mehr als in manch arrivierter Museumsschau.

Und so katapultiert einen das Ausstellungs-UFO in Rapperswil dann irgendwann wieder nach draussen in den Sommer 2014, man nimmt die Wegstrecke nach Zürich unter die Räder und schaut sich hier im wieder bekannten Rahmen eine hausbackene Ausstellung an, raus aus dem irritierenden und inspirierenden Unbewussten rein in die biedere Realität. Von Bob Nickas könnte sich hierzulande noch manch ein Kurator eine dicke Scheibe abschneiden. Zum Glück haben die beiden Jungtalente Fischli und Olsen den Altmeister nach Zürich, pardon Rapperswil, gebeamt und ihm die Bühne überlassen.