Beiträge mit dem Schlagwort ‘Jean-Michel Basquiat’

Kunstexzesse

Ewa Hess am Mittwoch den 25. Mai 2016

Die Kunst ist das Zuhause der Wildheit. Der Gedanke befiel mich am letzten Wochenende, an zwei Veranstaltungen, die inmitten stierer postindustrieller Gebäude die Wildheit feierten. Wildheit im Sinne eines unverfälschtern expressiven Ausdrucks kreatürlicher Existenz.

Was: Finissage der Ausstellung von Bailey Scieszka in der Galerie Plymouth Rock sowie Vernissage einer Ausstellung im ZHDK-Offspace Taylor Macklin
Wo: an der Luegislandstrasse 105
Wann: Freitag, den 20. Mai 2016
Was: Erste Auktion der Hammer Auktionen mit Werken afrikanischer und ozeanischer Kunst
Wo: an der Baslerstrasse 71
Wann: Samstag, den 21. Mai 2016

Sie sehen es schon an den Adressen: Schwamendingen und Altstetten. Das ist, was Kunst anbelangt, bereits ein «Walk on the Wild Side». Dazu kommt, dass wenn wir von postindustriellen Gebäuden sprechen, wir meistens romantisch verfallene ehemalige Schifffabriken und Bierbrauerein meinen, meist schick renoviert, selbstverständlich mit rücksichtsvoller Hervorhebung der ursprünglichen Stilelemente. Nun, im Fall Luegislandstrasse und Baslerstrasse ist die Postindustrialität weniger pittoresk. Nüchterne Zweckbauten der 60er-Jahre beherbergen hier einen noch ungentrifizierten Mix an Galerien, Kunstmaterialhändlern, Eventveranstelrn, Künstlerateliers sowie Billiganbietern von Spezialelektronik.

Grosse, helle Kinderaugen, vulkanisch aus dem Inneren ausbrechende Zeichnungen: Bailey Scieszka at her best

Grosse, helle Kinderaugen, expressive Zeichnungen: Bailey Scieszka at her best (alle Bilder H. Jokeit, E. Hess, zVg)

Irgendwie ist es nicht zum Nachteil der hier sich einnistenden Kunst, denn ein Irrgang durch die langen Korridore weckt schon dieses diffuse Gefühl der Identitätserschütterung, das die Kunstaufnahme im besten Fall begleitet. Ich war ja nicht zum ersten Mal an der Luegislandstrasse, musste dennoch mehrere SMS schicken mit der verzweifelten Botschaft: Help, cannot find you! Und dann wars da, wir standen plötzlich vor Old Put, dem Clown. Das erschreckendste an Old Put sind seine Augen. Helle, runde Kinderaugen, die einen ohne zu blinzeln anschauen. Man schaut in diese Augen und es wird einem schwindlig. Dieser helle Blick hat keinen Boden und das ist beunruhigender als wenn da einem Bosheit, Vorwurf oder Bitterkeit entgegenblicken würden.

Old Put, das ist die 25-jährige Detroiter Künstlerin Bailey Scieszka. An der renommierten Cooper Union studierte sie Skulptur, Video und Zeichnung. In New York erfand sie die Persona des alternden Kinderhandmodels Old Put. Im Zivil ist Bailey klein, rundlich, rothaarig. Als Old Put ist sie ein Paradiesvogel mit bemaltem Gesicht und zusammengewürfelten Klamotten.

Für ihr alter Ego den Clown schreibt sie Texte, die von existenziellen Gemütszuständen berichten, in endlosen, gefühlvollen Monologen (man ist an den Schlussmonolog aus James Joyces «Ulysses» erinnert) erzählt sie irgendetwas von Angst, Wut, Hoffnung, Enttäuschung, Verrat. Nach der Aufnahme verlangsamt sie den Lauf des Videos unmerklich, so dass die Stimme der schrägen Kindfrau tiefer wird, die Bewegungen wirken seltsam verhalten, wie in Trance.

Die postindustriellen Ränder von Zürich: die ehemalige UBS-Kantine an der Baslerstrasse, stimmungsvoll für Kunst adaptiert

Die postindustriellen Ränder von Zürich: die ehemalige UBS-Kantine an der Baslerstrasse, stimmungsvoll für Kunst adaptiert

An den seltsamen Clown musste ich einen Tag später denken, als wir im fröhlich zusammengewürfelten Mobiliar an der Baslerstrasse Platz nahmen, um der Auktion afrikanischer Kunst beizuwohnen. Es war die erste Versteigerung des Kunsthändlers Jean David, der die Galerie Walu vor Jahren schon von seinen Eltern übernommen hat und auch schon für Koller afrikanische Kunst auktionierte. In der Ausstellung in der ehemaligen Kantine von UBS an der Baslerstrasse schauten einem die afrikanischen Masken genau so unergründlich blank wie der kindliche Clown aus Detroit in die Augen. Manche grinsen mit Muschelzähnen. Manche strecken die Zunge raus.

Grinsen mit den Muschelzähnen, machen einen auf Kubismus: die Masken der Stammeskunst

Grinsen mit den Muschelzähnen, machen einen auf Kubismus oder Surrealismus: die Masken der Stammeskunst.

Natürlich fühlt man sich beim Anblick der grossartigen Meisterwerken der Stammeskunst an all die Anleihen erinnert, welche moderne Kunst bei der Kunst des südlichen Kontinents machte. Dort steht ein «beinahe Giacometti», hier grinst einem ein «beinahe Braque» entgegen. Da gibt es «fast surreale» Doppelgänger oder grosse Löffel mit Beinen, die direkt aus einem Gemälde von Max Ernst heruntergesprungen sein könnten. Doch die Verwandschaft erstreckt sich, ganz universell, in die unmittelbare Gegenwart.

Welche Skulptur ist von Max Ernst? Rechts «Moonmad» des Surrealisten, links eine Figur aus Gabun

Welche Skulptur ist von Max Ernst? Rechts «Moonmad» des Surrealisten, links eine Figur aus Gabun, geschätzt auf höchstens 2000, verkauft für 8.500 Franken

Wie sehen gerade zurzeit in Zürich so viel Dokumentation über die Einflüsse von weit entfernten Kulturen auf die Moderne und ihre «Verrücktheiten»: Dada Afrika im Museum Rietberg, Dada anders im Haus Konstruktiv (obwohl hier klugerweise der Spiess umgedreht wird und auch der nördliche Einfluss im Süden ein Thema ist). Aber an diesem Wochenende an den Rändern von Zürich wird einem die wilde Seele der Kunst mit aller Macht vorgeführt.

Einerseits werden wir mit dieser jungen US-Künstlerin Scieszka konfrontiert. Kaum hat sie die angesagte Kunstschule Cooper Union in New York absolviert und erste Erfolge in der Metropole gelandet, in die postindustrielle Wüste Detroits, wo, wie sie selbst sagt, – «gar nichts» ist. An diesem modernen Unort  kann sie sich ausdrücken, die existenzielle Klage eines schmerzhaft vergesellschaftlichten Tiers den ehemaligen Autofabriken und den verlassenen Wohnblöcken entgegenschreien.

Bailey Scieszka mit ihrem Galeristen Mitchell W. Anderson und vor ihrer Zeichnungswand

Bailey Scieszka mit ihrem Galeristen Mitchell W. Anderson und vor ihrer Zeichnungswand

Sie ist eine Rarität der heutigen Kunstszene, weshalb Mitchell W. Anderson, der gewiefte Plymouth-Rock-Gründer und selbst ein Künstler, sie nach Zürich geholt hat, um uns etwas zu zeigen, was wir hier weniger sehen: wilde Expression. Der Durchmarsch der Konzeptkunst in den letzten fünfzig Jahren war radikal: Heute ist alles Konzept. Ein Vulkan wie Bailey Scieszka einer ist  (oder wie Jean-Michel Basquiat einer war) ist selten geworden.

Leere Chaträume (rechts) des britischen Künstlers Ian Wooldridge (rechts)

Leere Chaträume (rechts) des britischen Künstlers Ian Wooldridge (rechts)

Im benachbarten ZHDK-Offspace Taylor Macklin ist eine wunderbare Installation von Ian Wooldridge zu sehen: «The Skin of a Drum». Ein komplexes konzeptuelles Werk, das in multiplen medialen Schichtungen funktioniert (Chatroom-Kameras, die Menschen, die vor ihnen sitzen, die aber schon weggegangen sind, die leeren Räume, in welchen vielleicht die Masturbation stattfand, das alles ausgewählt, zerstückelt, mit Musik unterlegt und auf hautähnliche Projektionstücher geworfen…). «A silent rave», sagt Nachbar Mitchell nachsichtig lächelnd. Bailey Scieszka lacht dazu ihr schrilles Clown-Lachen, das keine wirkliche Heiterkeit anzeigt.

Jean David von den Hammer Auktionen umringt von den Meisterwerken der Stammeskunst

Jean David von den Hammer Auktionen umringt von den Meisterwerken der Stammeskunst

Die Auktion am Tag darauf ist aber, muss man anmerken, auch kein richtig fröhlicher Anlass, obwohl sie wunderbar läuft. Die Werke wecken Begehrlichkeiten der anwesenden Fachleute. Es sind zum grossen Teil museale Stücke aus zwei tollen Schweizer Sammlungen aussereuropäischer Kunst: derjenigen des Zürcher Anwalts Rudolf Blum und seiner Frau Leonore sowie von Carlo Monzino, dem 1996 verstorbenen italienischen Sammler.

Afrikanische Zeitzeugen: beinahe gicometti und ein Kollege derer aus dem Appenzell

Verwandschaften, wohin das Auge blickt: ein afrikanischer Beinahe-Giacometti und eine südliche Kollegin der Masken aus dem Appenzellerland.

Diese Köpfe, Gestalten, Wärter unergründlichen Geheimnisse, sind noch so lebendig, weil sie expressiv vom Leben der Menschen, die sie hergestellt haben, sprechen. Von ihrer Liebe zu den Tieren, die sie umgaben, von ihrem Imponiergehabe und von ihren Ängsten. Sie sind schön, begehrenswert, wunderbar. Irgendwie passt es einem nicht, dass sie an den meistbietenden verkauft werden.

So ist das eben mit der unzivilisierten Wildheit – sie ist das vielleicht Menschlichste an uns Zweibeinern.

Leo, der Kunstfreund

Ewa Hess am Dienstag den 8. März 2016

Jetzt hat er auch noch die goldene Statuette. Aber, meine Damen und Herren, auch wenn der Oscar bestimmt eine sehr begehrte Skulptur für den Hollywoodschauspieler Leonardo DiCaprio war – das Schmuckstück seiner Kunstsammlung wird nicht der Goldmann werden. Denn Leo hat im Laufe der Jahre einen echten Schatz an wirklich hochkarätigen Werken zusammengetragen, der sich in jeder Hinsicht sehen lässt. Um seinen Triumph auf der Oscar-Bühne zu würdigen, wollen wir mal die Stationen seiner Sammeltätigkeit hier kurz zusammentragen. Rückblickend lässt sich jedenfalls sagen: Chapeau, Mr. DiCaprio. Mutige, intelligente Entscheide, gutes Netzwerk und ein sicheres Auge!

Zweimal Leonardo: Elizabeth Peyton malte den Hollywoodbeau mehrmals

Zweimal Leonardo: Elizabeth Peyton malte den Hollywoodbeau mehrmals. Das Bild rechts gehört der Emanuel-Hoffmann-Stiftung in Basel («Swan», 1998), das links wurde an Leonardos Charity-Auktion 2013 für eine Million Dollar verkauft.

Die Sammlung: Man sieht ihn an Kunstmessen und an Auktionen, immer low-key mit Jeans und einem tief ins Gesicht gezogenen Baseball-Käppi. Man hört da und dort von seinen Käufen. Und man weiss: Zwischen Pablo Picasso, Jean-Michel Basquiat, Frank Stella, Takashi Murakami und Robert Crumb verfügt LDC über einen Kunstgeschmack, der in die Breite geht und von Qualitätsbewusstsein zeugt. Auch Werke des Shootingstars Oscar Murillo oder des schrägen Surrealisten Salvador Dalí gehören zu seiner Sammlung. Er selbst wurde mehrmals von der 52-jährigen, hoch angesehenen amerikanischen Porträtmalerin Elizabeth Peyton gemalt, eins der Porträts verkaufte sich für eine Million Dollar an der von ihm 2013 organisierten Charity-Auktion (sie hiess «The 11th Hour Sale») zugunsten seiner Umweltstiftung.

Inspirierte seine Eltern zum Namen Leonardo: der Da Vinci

Inspirierte seine Eltern zum Namen: Leonardo da Vinci.

Sein Name Leonardo fiel seinen Eltern übrigens bei einem Besuch in Florenz ein, wie er der «Wall Street Journal»-Kunstreporterin Kelly Crow mal erzählte, als sie ein Gemälde von Leonardo da Vinci sahen. Im gleichen Interview verriet der Schauspieler auch, dass sein Vater mit einer Gruppe von Avantgardezeichnern in Los Angeles befreundet war, zu der auch Robert Williams und Robert Crumb («Fritz the Cat») gehörten. Sodass der kleine Leonardo bereits in den 70er- und 80er-Jahren den Geist der künstlerischen Avantgarde bei gemeinsamen Besuchen in Ateliers und Buchhandlungen mit seinem Vater einsog.

Selbst während der Dreharbeiten zu "The Revenant" (mit Bart und ungepflegten Locken, welche die Rolle verlangt) lässt es sich Leo nicht nehmen, Art Basel Miami Beach 2014 zu besuchen

Selbst während der Dreharbeiten zu «The Revenant» (mit Bart und ungepflegten Locken, welche die Rolle verlangte) lässt es sich Leo nicht nehmen, die Art Basel Miami Beach 2014 zu besuchen. (Fotos: E. Liu)

Der jüngste Kauf: Jean-Pierre Roys «Nachlass». Niemand soll sagen, Leonardo würde auf Nummer sicher kaufen. An der gestern zu Ende gegangenen Armory-Kunstmesse in New York (bzw. an ihrer innovativeren Satellitenmesse Pulse) schlägt der frisch gekrönte Oscarpreisträger zu. Er kauft ein Werk von Jean-Pierre Roy, einem 42-jährigen Künstler aus Brooklyn, vertreten von der dänischen Galerie Poulsen. Das ist ein smarter Move – der gebürtige Kalifornier Roy, noch nicht sehr bekannt, doch bereits in namhaften Sammlungen vertreten (etwa bei Zabludowicz in London), ist auch Lehrer an der New Yorker Art Academy und somit ein Beeinflusser künftiger Generationen. Seine postapokalyptischen Gemälde sind starke figurative Tableaus an der Schnittstelle zwischen Malerei und expressiver Street-Art. Zudem ist der Kauf Leonardos ein leidenschaftliches Zeichen des Gefallens – er sah das Werk von jemandem auf Instagram gepostet, griff zum Telefon und sicherte es sich, bevor er die Messe besuchen konnte. Thematisch liegt es ebenfalls ganz auf der Linie des Sammlers, indem es im Titel («Nachlass», auf Deutsch, was in Amerika immer irgendwie existenziell klingt) und in der Bildsymbolik (ausgetrocknete Erde, gelbe, vielleicht giftige Dämpfe, ein menschlicher Riese, der unter dem Gewicht eines geometrisch-technoiden Gebildes zusammenzubrechen scheint) Elemente einer nahenden Umweltkatastrophe trägt. Ein Thema, für das sich DiCaprio öffentlich engagiert. Alles richtig gemacht bei diesem Kauf, Mr. DiC.

Auf Instagram gesichtet, per Telefon gekauft: Leonardo DiCaprios jüngste Erwerbung, Jean-Pierre Roys «Nachlass»

Auf Instagram gesichtet, per Telefon gekauft: Leonardo DiCaprios jüngste Erwerbung, Jean-Pierre Roy, «Nachlass».

Die Abstraktion. Auch wenn man von einem Hobbykunstliebhaber erwarten würde, dass er der klaren Symbolik den Vorzug gibt, weiss Leonardo die Schönheit des Abstrakten zu schätzen. Er hat etwa tolle Werke von Frank Stella, erst letztes Jahr kaufte er bei der Galerie Marianne Boesky ein schönes Werk, «Double Gray Scramble» von 1973. Zudem sind die Werke, die er kauft, nicht irgendeine Position im Werk des jeweiligen Künstlers. Boesky etwa brachte zur Messe jüngere und populäre Stahlskulpturen Stellas. DiCaprio entschied sich aber für das frühe geometrische Werk, das durch starke Farben und minimalistische Formgebung auffällt.

 

Letztes Jahr an der Art Basel Miami beach für eine Million Dollar gekauft: Frank Stella, Double Gray Scramble (1973)

Letztes Jahr an der Art Basel Miami Beach für fast eine Million Dollar gekauft: Frank Stella, «Double Gray Scramble» (1973).

Die Authentizität. Beraten von seinen Freunden, etwa den Grosshändlern Nahmad oder Mugrabi, kauft der «Great Gatsby»-Darsteller immer ganz Spezielles. Man weiss zum Beispiel, dass er an der letztjährigen Art Basel in Basel bei der Zürcher Galerie Gmurzynska die Zeichnung «Fillette» von Picasso bewundert und vielleicht auch gekauft hat, ein ungewöhnliches Werk von hoher Ausdruckskraft. Der Latino-Künstler Oscar Murillo, von einigen für eine Eintagsfliege des Kunstmarkts gehalten, muss auf DiCaprio mit seiner expressiven malerischen Geste Eindruck gemacht haben. Die Spekulation von «Vanity Fair» könnte stimmen, dass Murillos  Zeichnung «Untitled – Drawings off the Wall», die an der Phillips-Auktion «Under the Influence»  2014 den Rekordpreis von 401’000 Dollar erzielte, an DiCaprio ging. Der Kauf würde zu seiner Vorliebe für «besessene» Werke gut passen.

Pablo Picasso, «Fillette», 1939-40 (Foto: gmurzynska.com), Oscar Murillo, «Untitled - Drawings off the Wall». 2011 (Foto: phillips.com)

Pablo Picasso, «Fillette», 1939–40 (Foto: Gmurzynska.com), Oscar Murillo, «Untitled – Drawings off the Wall», 2011 (Foto: Phillips.com).

Freundschaften mit Künstlern. Wie jeder echte Sammler, pflegt DiCaprio lebenslangen Kontakt mit gewissen von ihm geschätzten Künstlern. Den amerikanischen Tiermaler Walton Ford, 56, hat er beim Besuch einer Ausstellung in Berlin entdeckt und suchte über die Galerie Paul Kasmin in New York den Kontakt zu ihm. Seither besucht der Sammler den Künstler des öfteren in seinem Atelier. Er lässt sich auch gerne vor seinen Werken fotografieren. Waltons Gemälde von Tigern verkaufte DiCaprio sehr erfolgreich an seiner Auktion der 11ten Stunde und er stellt ihn gerne seinen Millionärsfreunden vor. Erst kürzlich (Oktober 2015) hat er an einer New Yorker Auktion (sie fand zu Gunsten von gefährdeten Schildkröten statt) gemeinsam mit dem Deputy Chairman von Christie’s, Loic Gouzer, ein Werk Waltons für eine halbe Million Dollar erstanden. An der Auktion im Bowery-Hotel nahmen übrigens auch Ted Danson, Richard Branson, Patti Smith, Naomi Watts, Liev Schreiber, und Robert Kennedy Jr. teil. Indem DiCaprio vor all diesen illustren Augen das grosse Aquarell seines Freundes für einen Rekordpreis erstand, tat er ebenfalls etwas für das Ansehen des Malers in der Well-Doing-Super-Rich-Community. DiCaprio kam zum Event laut «New York Post» mit seinem üblichen Käppi, einer elektronischen Vapo-Zigarette und machte «funny faces», als der Auktionator erklärte, das Werk gehe an «den Mann mit Baseballmütze».

Im Uhrzeigersinn: Das Werk «Tigerin» von Walton Ford, sein Aquarell «Paciific Theatre», Di Caprio bei seiner Auktion der «11th Hour» und beim Besuch in Fords Atelier

Im Uhrzeigersinn: Das Werk «Tigerin» von Walton Ford, sein Aquarell «Pacific Theatre», Di Caprio bei seiner Auktion der «11th Hour» und beim Besuch in Fords Atelier (Fotos: wsj.online, Christie’s)

Wie man also sieht, ist Leo nicht nur ein unerschrockener Bär-Bekämpfer, sondern auch ein ernstzunehmender Freund der Künste mit einem guten Gespür für kommende Trends. Das Online-Magazin Artnetnews zählt ihn übrigens zu den «20 innovativsten Sammlern» weltweit. Der Schweizer Urs Fischer und der Deutsche Andreas Gursky gehören übrigens ebenfalls zu Leos erklärten Lieblingen. Das nur so, als Tipp, falls Sie im Zweifel sein sollten, wohin mit den überzähligen Millionen.

Hört auf mit den Deppen!

Ewa Hess am Dienstag den 3. Februar 2015

Willkommen im Februar. Ein schwer zu rechtfertigender Monat (der einzige Pluspunkt liegt wohl in seiner Kürze). Ich ging ins Kino anstatt an eine Vernissage. Johnny Depp als schrulliger Kunsthändler – das könnte doch einen Eintrag wert sein? Doch Fehlanzeige. Dem abenteuerlichen Wesen eines Kunsthändlers wird der Streifen in etwa so gerecht wie eine stümperhafte Fälschung dem Meisterwerk von Goya (und im Film spielt eine der stümperhaftesten aller Zeiten eine Rolle).

Was: «Mortdecai» mit Johnny Depp, Gwyneth Paltrow, Ewan McGregor, Regie: David Koepp
Wann und wo: Jetzt in den Kinos

Kunsthändler sind in Filmen sowieso meist absolute Karikaturen ihrer selbst. Auch wenn sie von coolen Typen gespielt werden. Ich denke da etwa an Bruno Bischofberger – nicht einmal Dennis Hopper wurde im gerecht. Das war in «Basquiat», einem Film, bei dem der Maler Julian Schnabel hinter der Kamera stand und wenigstens dafür sorgte, dass die allergröbsten Klischees in Sachen Kunstwelt aussen vor blieben. Leider fiel er einer anderen Sentimentalität anheim, der Legende vom tragischen Künstlerschicksal (es ging um das Strassenkunst-Genie Basquiat) – zunächst unverstanden, dann ausgenutzt, dann drogensüchtig, dann früh tot. Auch wenn es so passiert ist, muss eine Fiktionalisierung mehr als eine Heiligenvita sein, finden Sie nicht auch?

Echt links: Andy Warhol, Jean-michel Basquiat, Bruno Bischofberger, Francesco Clemente. Im Film (rechts): Dennis Hopper als BB, David Bowie als Andy Warhol (aus dem Film «Basquiat»)

Echtes Leben, von links: Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat, Bruno Bischofberger, Francesco Clemente. Im Film «Basquiat» (rechts): Dennis Hopper als Bruno Bischofberger, David Bowie als Andy Warhol.

Eigentlich erstaunlich, dass die Kunsthändler oft so klischierte Figuren in den Filmen abgeben. Kunsthändler habens doch drauf! Sie sind moderne Abenteurer, aber nicht in dem Sinn, wie es die doofen Filme haben wollen. Nehmen wir etwa ebendiesen Bischofberger (74). Aus dem Appenzell direkt aufs Weltparkett! Glaubte an Warhol – und an Basquiat –, bevor es die anderen taten. Und macht bis heute nur das, was ihm passt. Unter anderem: eine neue Riesengalerie bauen. In Männedorf. Eröffnung im Juni. Den Standort in St. Moritz gab er übrigens an den Sohn von Julian Schnabel, Vito, ab. Ja, an den Vito Schnabel, einschlägig gehandelt in der Regenbogenpresse als Heidi Klums Toyboy.

Ich durfte einst mit Herrn Bischofberger zusammen seine musealen Lagerbestände besichtigen. Meine Herren! Es ist nicht nur eine Schatzkammer, es ist auch eine Neuinterpretation der zeitgenössischen Kunst. Denn Bischofberger hat einen Blick, der das Archaische, Grossartige herausschält. Ich nenne das mal: den Alpenblick. Unter den Designern ist der Architekt Ettore Sottsass sein persönlicher Held. Und über Sottsass ist noch lange nicht alles gesagt worden, da kommt noch ganz sicher eine Wiederbewertung auf uns zu. Bischofberger erzählte mir übrigens damals, wie es mit Basquiat und ihm begonnen hatte. Und wie der Mann mit den Rastalocken bei einem Sennen-Zvieri im Toggenburg Bratwurst entdeckte – essend und malend (nachzulesen hier).

Schauspieler Seymour hoffman (links), Iwan Wirth (Mitte), perfekte Filmlocation: Hauser & Wirth in einem Haus aus dem 17. Jh in Somerset, GB

Schauspieler Philip Seymour Hoffman (links), Iwan Wirth (Mitte), perfekte Filmlocation: Hauser & Wirths «Campus» in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert in Somerset (GB), vorne Skulptur von Subodh Gupta.

Auch Iwan Wirths Vita, wenn er auch dreissig Jahre jünger als BB ist, gäbe einige Filme her. Titelvorschlag: «Iwans Reich», und eigentlich wäre Philip Seymour Hoffman gesetzt als Darsteller für Iwan den Grossen, leider ist Seymour Hoffman selber durch einen immer noch zu beklagenden verfrühten Tod zum Filmstoff geworden. Ebenso filmreif: Das Leben von Eva Presenhuber, die Zürich schon in den 80er-Jahren zeitgenössische Kunst verordnet hat. Ihre eiserne Willenskraft und ihr unerschrockenes Naturell würden den Filmtitel «All About Eve» rechtfertigen, und als Darstellerin schlage ich Geena Davis vor, eine meiner Lieblingsdarstellerinnen («Cutthroat Island», «Thelma & Louise» oder «Long Kiss Goodnight»). Die Rolle der Presenhuber würde Geenas Karriere durchaus aufmöbeln, sie stagniert in der letzten Zeit.

joinedpresen

Galeristin Eva Presenhuber (links), Schauspielerin Geena Davis (Mitte), filmreife Szene: Eva P. in ihrem Haus in Vnà.

Oder denken wir mal an Ernst Beyeler. Ich sehe das vor mir. Der Film beginnt in seinen letzten Jahren. Herr Beyeler – gespielt von Paul Newman – lässt sein Leben an sich vorbeiziehen. Mein Lieblingsfilm wäre auch die Vita vom ebenfalls viel zu früh verstorbenen Thomas Ammann, dank dessen unglaublichem Instinkt und Kontakten unter anderem auch die Daros-Sammlung zusammengekommen ist. Gerade haben wir erfahren, dass die Fondation Beyeler einen Erweiterungsbau plant, um das heute Stephan Schmidheiny gehörende famose Konvolut standesgemäss unterzubringen. Als Darsteller von Thomas Ammann könnte ich mir Jon Hamm vorstellen, den unfassbar gut aussehenden «Mad Men»-Protagonisten. Auf dem Gebiet der Kunst würde die diskrete Intellektualität des Darstellers besser zur Geltung kommen als in der profanen Werbung.

Schauspieler Jon Hamm (links), Kunsthändler Thomas Ammann (Mitte und rechts)

Schauspieler Jon Hamm (links), Kunsthändler Thomas Ammann (Mitte und rechts).

Also bitte, hört auf mit den Kunstdeppen in den Filmen! Dort wo Geist und Geld so schön zusammenkommen wie in der Kunst, braucht es eindeutig bessere Helden. Und wenn schon Deppen oder Deppinnen, dann wenigstens so lustig wie in dieser Jeanswerbung mit der genialen US-Komödiantin Amy Poehler: