Beiträge mit dem Schlagwort ‘Fredi Fischli’

Fliegt, Schmetterlinge!

Ewa Hess am Dienstag den 9. September 2014

Leute! Von Zürich nach Rapperswil, das ist doch keine Distanz! Zwischen der West Bronx und Brighton Beach in New York etwa liegt eine höhere Anzahl Kilometer, von der Dichte des Verkehrs schon gar nicht zu reden. Dafür ist es ein Hauch von Williamsburg, was man in Rappi in der letzten Zeit wahrnimmt. Williamsburg, also jenem New Yorker Quartier, in dem sich Studenten und Welterfinder tummeln. Hier wie dort schnuppert man «the shape of things to come».

Wann: Samstag, 6. September 2014
Wo: Rapperswil, Alte Fabrik
Was: Gruppenausstellung junger Szene: «Courting Aporia», bis 26.10.

Allein schon die Alte Fabrik ist ein Ort mit cooler Vergangenheit. Es ist die alte Fabrikationsstätte der Firma Geberit, also hier wurden bis 1962 die Spülkästen für Klos hergestellt. Ich weiss, mein Vorschlag kommt zu spät, aber etwas mit Klo im Namen wäre auch nett gewesen. Zum Beispiel «Loo factory»? Vielleicht zu britisch. Aber ich erinnere daran, dass Maurizio Cattelans Kultzeitschrift «Toiletpaper» heisst. Jedenfalls, 1988 hatte Jörg Gebert, der Enkel des Geberit-Gründers, die Idee, in dem stillgelegten Fabrikgebäude ein Kulturzentrum einzurichten. Dann gründete die Familie Gebert die Gebert-Stiftung für Kultur. Und dann hat Stiftungspräsidentin Christa Gebert 2006 den Kurator ins Leben gerufen,  eine Spielwiese für Jungkuratoren.

Ein Hauch von Williamsburg: Das Kunst- und Kulturzentrum Altefrabrik in Rapperswil

Ein Hauch von Williamsburg: Das Kunst- und Kulturzentrum Alte Fabrik in Rapperswil SG.

Mit Fredi Fischli und Niels Olsen sind zurzeit zwei mit viel Punch am Ball. Sie haben bisher Anregung für die Zukunft in der Vergangenheit gesucht und sich mit dem Kuratoren-Altmeister Bob Nickas zusammengetan (Giovanni Pontano berichtete für Private View hier). Doch jetzt wagen sie den direkten Schritt in die Zukunft. Und machen Platz für eine Generation, die so jung ist, dass die beiden Jungtürken Fischli/Olsen ihnen gegenüber fast schon onkelhaft auftreten dürfen. «Mikrogeneration» nennt das Fischli, weil die Generationen in unserer hyperbeschleunigten Gegenwart so schnell aufeinander folgen. Zwei, fünf Jahre später und schwups, alles ist anders.

Den Blick von aussen liefert die New Yorkerin Lola Kramer, zwar selbst eine Angehörige der aufstrebenden Generation 20+, doch in Zürich wie eine Forscherin im unbekannten Land unterwegs. Sie hat eine dichte Szene von coolen Offspaces geortet und aus ihrem Programm die riesige Ausstellung husch, husch zusammengestellt, wunderbar unprätentiös.

Kuraotrin Lola Kramer wird vom Künstler Mayo in der Kunst unterwiesen, den Namen Mayo mit den Fingern in die Luft zu zeichnen

Künstler Mayo unterweist Kuratorin Lola Kramer in der Kunst, den Namen Mayo mit den Fingern in die Luft zu zeichnen.

Als Lola vor wenigen Monaten nach Zürich kam, wohnte sie in der Wohnung von Pamela Rosenkrantz, die uns im kommenden Jahr an der Biennale in Venedig vertreten wird. Und sie war von der Zürcher Szene so begeistert, dass sie sofort eine Ausstellung in der besagten Wohnung veranstaltet hat. Die hiess «How do you solve a problem like Maria». Ich weiss nicht, ob Sie sich an den Film «The Sound of Music» erinnern mögen? Und die kleine ungehorsame Nonne, die alle zum Lachen brachte? Das war Maria. Eine Träumerin und ein Wildfang, und die Nonnen sangen über sie diesen sentimentalen Ohrwurm. Ach.

Wolkenfänger, Mondanhalter, junge Schmetterlinge, die gerade ausgeschlüpft sind: Das sind auch diese Jungen, die gerade in Rappi ausstellen. «Courting Aporia» nennt Lola diese Schau. Weil Aporia der lateinische Name eines Schmetterlings ist (des Baum-Weisslings, wenn Sie es genau wissen wollen). Aber auch weil Aporie als philosophischer Begriff (laut Duden) folgendes bedeutet: «Unmöglichkeit, eine philosophische Frage zu lösen, da Widersprüche vorhanden sind, die in der Sache selbst oder in den zu ihrer Klärung gebrauchten Begriffen liegen».  Die Welt kann der Generation, die gerade neu dazukommt, schon manchmal wie ein verdammtes Rätsel vorkommen.

Die Architekten Isa Stürm und Urs Wolf (Stürm & Wolf) begutachten Mayos Installation «Paradies», Tuchbild von Thomas Sauter, Tina Braegger mit klein Katharina vor ihrem Objekt «Untitled»

Die Architekten Isa Stürm und Urs Wolf (Stürm & Wolf) begutachten Mayos Installation «Paradies», das Tuchbild von Thomas Sauter, Tina Braegger mit klein Katharina neben ihrem Objekt «Untitled»

Diese hier gezeigte Kunst, ein Rundgang zeigt es, ist eine erste These. Noch fragil, manchmal auch unausgegoren, wenn auch schon manchmal von einer stupenden formalen Sicherheit wie etwa die Tuch-Bilder von Thomas Sauter. Der Churer, von dem wir auch schon berichtet haben, ist mit 30 Jahren schon etwas älter als die meisten hier und konnte mit seinen virtuosen Objekten aus gespannten Tüchern bereits internationale Anerkennung erobern. Er gehört zum Umkreis des Offspace Plymouth Rock, dessen Betreiber Mitchell Anderson auch selber ein Künstler ist. Sein Objekt ist eine gestickte Inschrift, die aber von der Rückseite her präsentiert wird. Schon wieder so ein  Rätsel. «Good luck», ruft mir der Künstler ironisch zu, als er sieht, dass ich vor dem Werk die Stirn in Denkfalten lege.

Künstler, Kuratoren, sie sind alle ein bisschen alles. Das ist typisch für diese Generation, die genug vom künstlerischen Ego-Trip hat und verschworene Communitys bildet. Offspaces Up State, Muda Muramuri oder Taylor Macklin sind hier vertreten. Und es gibt nicht wenige Gemeinschaftsarbeiten, wie etwa die «singenden Abfallkübel», eine effektvolle Soundinstallation von Marc Hunziker, Tim Eicke, Mayo & Friends sowie Rafal Skoczek. Werke tauschen, einander unterstützen, gemeinsam Installationen entwerfen – das ist das Credo der Youngster.

Es ist eine Generation, die sich Sorgen um die Welt macht – wie Marc Asekhame, der mit seinem Netzbild «Nana Benz» den Export von in Holland hergestellten Stoffen der Firma Vlisco nach Westafrika thematisiert. Auch ein Zinnobjekt von Tina Braegger, das an die wahrsagenden Figürchen erinnert, die man am Sylvester ins kalte Wasser giesst, wirkt unbehaglich. Ist es ein Püppchen oder ein Mutant? Die junge Künstlerin,   eine der interessanteren Figuren ihrer Generation, lächelt ihrer kleinen Tochter zu. Die Verantwortung ereilt diese jungen Schmetterlinge schneller, als sie es seinerzeit bei den Wohlstandskindern der Seventies tat.

Abfallkübel-Soundinstallation von Hunziker/Eimcke/Mayo&Friends/Skoczek (links), Kaspar Müllers Fisch auf dem Tisch, Installation mit Bojen von Brigham Baker und Anina Yoko Gantenbein

Abfallkübel-Soundinstallation von Hunziker/Eimcke/Mayo&Friends/Skoczek (links), Kaspar Müllers Fisch auf dem Tisch, Installation mit Bojen von Brigham Baker und Anina Yoko Gantenbein

Adressen

*ALTEFABRIK
Klaus-Gebert-Strasse 5
CH-8640 Rapperswil-Jona

Up State
Flüelastrasse 54, 8047 Zürich
Up-State on www.facebook.com

mudamuramuri
Badenerstrasse 415, 1. Floor
newsletter@mudamuramuri.ch
www.mudamuramuri.ch

Taylor Macklin
Mühlezelgstrasse 24, 8047 Zürich
www.taylormacklin.com

Ein Ufo in Rapperswil

Giovanni Pontano am Dienstag den 10. Juni 2014

Was: die Ausstellung «Das Optische Unbewusste», kuratiert von Bob Nickas, Fredi Fischli und Niels Olsen
Wo: Rapperswil-Jona
Bis wann: 10.8.

«Das optische Unbewusste»

«Das optische Unbewusste»: Craig Kalpakjian “Not Yet Titled”, rechts ein Werk von John Armleder

Ein Ausstellungs-Titel als Walter Benjamin-Zitat, das ist immer gut. Gut genügt als Bezeichnung für diese Ausstellung aber nicht; es ist vom Feinsten, was das Format «Kurator» der beiden jungen Ausstellungsmacher Fredi Fischli und Niels Olsen in Rapperswil in zwei Ausstellungsräumlichkeiten der Gebert Stiftung und des Kunstzeughaus Rapperswil-Jona vorstellt. Irgendwie kommt es mir wie ein UFO vor, das in Rapperswil gelandet ist.

Genau genommen ist diese ausserirdische Ausstellung kuratiert vom US-amerikanischen Star-Kurator Bob Nickas, der hier auf Einladung der beiden Jungkuratoren fast 50 Künstlerpositionen versammelt hat. Zugegeben: Erarbeiten muss man sich den Kunstgenuss im fernen Rapperswil, denn für den Ortsunkundigen müssen die beiden Ausstellungsorte erst einmal aufgespürt werden und dann gilt es anhand einer doch einigermassen verwirrlichen road-map die einzelnen Werke den jeweiligen Künstlern zuzuordnen. Oder man begibt sich auf eine Ratetour. Lohnen tut sich fraglos Beides.

Ein loser Faden innerhalb der abstrakten Kunst führt einen so durch zahlreiche Entdeckungen und Wiederentdeckungen, es finden spannende und überraschende Gegenüberstellungen statt, die ganze Schau ist auf hohem Niveau stringent orchestriert und überraschend gehängt, so dass es ein Vergnügen ist. Immer wieder begegnet man so John Armleder und Olivier Mosset, den beiden Westschweizer Künstlern, die international arriviert, noch mehr aber für eine junge Generation von Kunstschaffenden wichtig sind. Auf sie beziehen sich Phillipe Decrauzat, Stéphane Kropf oder etwa Mai Thu Perret, nur Sylvie Fleury ist irgendwo im outer space verlorengegangen. Auch US-amerikanische cutting-edge Positionen wie Nick Relph oder Dan Walsh finden sich nonchalant aber passgenau in die Schau integriert. Und es ist gleichermassen Bestätigung wie Freude, dass hier schon fast etwas in Vergessenheit geratene wichtige Künstler der 80er-Jahre wie Luciano Castelli (mit einer Fotoserie!) und Ross Bleckner einer jüngeren Generation gegenübergestellt werden.

Links: Kurator Fredi Fischli, Galeristin Eva Presenhuber

Links: Kelley Walker «Nine Desasters», rechts: Kurator Fredi Fischli, Galeristin Eva Presenhuber vor Alex Browns «Alice»

Inhaltlich verbindet die Schau vordergründig so unterschiedlichen Positionen von Video, Fotografie, vor allem aber abstrakte Malerei und Zeichnung und schafft eine Art Schwebezustand, eine eigene Zeit, einen eigenen Raum. Die Ausstellung bietet so spielerisch die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte für eine erhöhte Wahrnehmung, was durch die zahlreichen scheinbar entgegengesetzten Positionen noch unterstrichen wird. In vielen Werken entsteht so eine Spannung zwischen mechanischer Reproduktion und von Hand geschaffenen Bildern. Die Werke verbindet – und das ist die Kernmessage – der Blick ins Unbewusste. Es sind Werke, die auf einer erhöhten Wahrnehmung basieren und es gelingt in manch einer Ausstellungsituation, die Wirklichkeit ebenso zu bündeln wie aufzulösen und so die Pluralität von Wirklichkeiten aufzuzeigen. Noch einmal: das ganze Vergnügen in fast 50 Künstlerpositionen, mehr als in manch arrivierter Museumsschau.

Und so katapultiert einen das Ausstellungs-UFO in Rapperswil dann irgendwann wieder nach draussen in den Sommer 2014, man nimmt die Wegstrecke nach Zürich unter die Räder und schaut sich hier im wieder bekannten Rahmen eine hausbackene Ausstellung an, raus aus dem irritierenden und inspirierenden Unbewussten rein in die biedere Realität. Von Bob Nickas könnte sich hierzulande noch manch ein Kurator eine dicke Scheibe abschneiden. Zum Glück haben die beiden Jungtalente Fischli und Olsen den Altmeister nach Zürich, pardon Rapperswil, gebeamt und ihm die Bühne überlassen.