Beiträge mit dem Schlagwort ‘David Bowie’

Bowies bestgehütetes Geheimnis

Ewa Hess am Mittwoch den 9. November 2016

David Bowies stilvoller Abgang hat die geheimnisvolle Aura, die ihn schon immer umgeben hat, nicht geschwächt, sondern stärker gemacht. Bald ein Jahr ist seit der Todesnachricht vergangen, und wir rätseln noch immer: Wer war der Mann? Er hatte eine schillernde Qualität, die war in seinem quecksilbrigen Verwandlungsspiel begründet. Es gab viele Bowies, die viele Namen trugen, und der zweifarbige Blick schien sowieso jeder Zuordnung zu spotten.

Das Schillern ist andererseits eine zutiefst künstlerische Haltung, darum ist die Entdeckung, dass Bowie exzessiv sammelte, an sich keine so grosse Überraschung. Denn ja, er sammelte, sein Leben lang, an allen Ecken der Kunst, und jetzt kommt die ganze Sammlung unter den Hammer, an drei nacheinander folgenden Tagen in London.

Was: Versteigerung der Kunstsammlung von David Bowie bei Sotheby’s London.
Wann: Donnerstag, Freitag und Samstag (10.,11., 12. November 2016).
Wo: Ausstellung der Werke bis zur Auktion am 10.11. in Sotheby’s-Räumen an der New Bond Street in London.

Bowie war in seiner eigenen Kunst alles andere als ein «one-trick pony», und so eklektisch hat er auch gesammelt. Sotheby’s musste den ganzen Schatz in drei grobe Gruppen unterteilen, und eigentlich könnte man noch weiter gehen. Am ersten Abend wird Modern and Contemporary Art versteigert, am Tag darauf folgt die Day Sale mit weniger prominenten Stücken der zeitgenössischen Kunst (natürlich sind gerade diese besonders spannend). Der wahre Knüller allerdings ist der dritte Vorabend und Abend, betiteltes Design: Ettore Sottsass und die Memphis Group. Wussten Sie das? David Bowie war ein Riesenfan des italienischen Designers und seiner bunten postmodernen Entwürfe, die ihren kurzen Ruhm in den 1980er-Jahren genossen. Danach mochte man sie lange nicht – man sprach sogar despektierlich von einer Zwangsheirat zwischen Bauhaus und dem Bauklötzli-Hersteller Fisher Price. (Jetzt scheint man sie wiederzuentdecken).

Ja, Memphis war alles, was die kühle Moderne nicht war: ein politisch unkorrekter Lustschrei. Memphis war Farben- und Formen-Kakofonie, war bis zum Kitsch verspielt, passte sich einem Raum nicht brav an, sondern erntete ihn wie ein Pirat. Und Bowie liebte Memphis! Unübersehbar! Wie auch die Schweizer Galeristenlegende Bruno Bischofberger Ettore Sottsass liebt. Er lebt sogar in einem Haus, das von dem 2007 verstorbenen Italiener gestaltet wurde, nicht weit von Zürich. Ein Anti-Design-Märchenhaus wie aus Grimms Märchen, aber davon ein anderes Mal.

Hier also extra für Sie: Einige Trouvaillen aus Bowies Sammlung – sind sie nicht toll? Der Schätzpreis ist meist gar nicht so hoch, und die Vorstellung, Müesli aus einer Keramikschale zu löffeln, die einst Bowie gehört hat, muss wahre Fans begeistern. Oder zu schreiben unter einer Lampe, die einst die Entstehung von «Let’s Dance» beleuchtet hat? Oder gar – mit der roten Olivetti zu schreiben, auf der «Modern Love» getippt wurde?!

Man kann online bieten. Aber, passen Sie auf, es ist eine Auktion, Preise können hochklettern. Wer seine Begehrlichkeiten nicht im Griff hat, sollte sich einen befreundeten Aufpasser zur Gesellschaft bestellen.

Portable Schreibmaschine «Valentine», 1969. Der Ausgangspunkt von Bowies Liebe zu Ettore Sottsass Design. «I typed up many of my lyrics on that», erzählte er. Schätzpreis 300 - 500 £.

Bowies portable Olivetti-Schreibmaschine «Valentine», 1969. Der Ausgangspunkt von seiner Liebe zu Ettore Sottsass’ Design. «I typed up many of my lyrics on that», erzählte er. Schätzpreis 300–500 Pfund.

 

Nein, nicht Memphis, aber irgendwie ein Kind des gleichen Geists... Achille und Pier Giacomo Castiglioni heissen die Designer, die diesen RR126 bereits im Jahr 1966 - offensichtlich in Anlehnung an einen putzigen SF-Roboter entworfen haben.

Nein, nicht Memphis, aber irgendwie ein Kind des gleichen Geists… Achille und Pier Giacomo Castiglioni heissen die Designer, die diesen RR126 bereits im Jahr 1966 – offensichtlich in Anlehnung an einen putzigen SF-Roboter – entworfen haben.

George J. Sowden dieses hübsche Keramik-Tablett heisst –Potato» oder die Kartoffel. Natürlich nicht nur um Chips zu servieren! Stempel sagt: MEMPHIS / MILANO / Made in Italy. Schatzpreis 100 bis 150 GBP.

Dieses Keramiktablett von George J. Sowden heisst «Potato» oder die Kartoffel. Natürlich nicht nur für Chips! Der Stempel sagt: MEMPHIS / MILANO / Made in Italy. Schätzpreis 100–150 Pfund.

 

Aus der allerersten Memphis-Kollektion, Design Sottsass, heissen diese Bodenlampen «Treetops». Stehen auch bei Karl Lagerfeld in Monaco. Der Modezar war wie Bowie ein Fan, er soll damals die ganze erste Kollektion von 1981 aufgekauft haben. 600 bis 800 Pfund Anfangspreis.

Aus der allerersten Memphis-Kollektion, Design Sottsass, heissen diese Bodenlampen «Treetops». Stehen auch bei Karl Lagerfeld in Monaco. Der Modezar war wie Bowie ein Fan, er soll damals die ganze erste Kollektion von 1981 aufgekauft haben. 600–800 Pfund Anfangspreis.

 

Halb Pilz, halb Büchergestell, kurz ein Rumpeltilzchen von einem Möbel. Bowies Prunkstück namens «Malabar», designt von Ettore Sottsass, Schätzpreis 2000 - 3000 GBP.

Halb Pilz, halb Büchergestell, es ist ein Rumpelstilzchen von einem Möbel. Bowies Prunkstück namens «Malabar», designt von Ettore Sottsass, Schätzpreis 2000–3000 Pfund.

 

Sottsass war ja schon 62, als er mit einer Gruppe junger Wilden gemeinsam Memphis gründete, es war eine Art Altersfreiheit, die aus ihm herausbrach. Diese Keramikschalen sind von 1958 und verhältnissmässig brav. Und doch sieht man darin schon die Ansätze der späteren Exzesse. 400 - 600, immer in Pounds.

Sottsass war ja schon 62, als er mit einer Gruppe junger Wilder gemeinsam Memphis gründete, es war eine Art Altersfreiheit, die aus ihm herausbrach. Diese Keramikschalen von ihm sind von 1958 und verhältnismässig brav. Und doch sieht man darin schon die Ansätze der späteren Exzesse. 400–600, immer in Pfund.

 

Das wäre mein Liebling: die Vase «Euphrat». Sieht sie nicht wie eine Ausgrabung aus? Wie Schichten von historischen Sedimenten, die sich in einem Flussbett übereinander geschoben haben... Wenn sie mir versprechen, dass Sie nicht gegen mich bieten, versuche ich vielleicht mein Glück: Der Schätzpreis ist 600 Pfund, aber wie hoch ist zu gehen bereit bin, verrate ich nicht!

Das wäre mein Liebling: Sottsass’ Vase «Euphrat». Sieht sie nicht wie eine Ausgrabung aus? Wie Spuren einer früheren Zivilisation, die sich in einem Flussbett übereinandergeschoben haben… Wenn Sie mir versprechen, dass Sie nicht gegen mich bieten, versuche ich vielleicht mein Glück: Man fängt bei 600 Pfund an. Wie hoch ich zu gehen bereit bin, verrate ich aber hier nicht! (Alle Bilder Courtesy Sotheby’s)

«We will miss you»: Zeichnung von David Bowie am Geburtsort des im Januar 2016 verstorbenen Sängers. (Keystone/Andy Rain)

«We will miss you»: Zeichnung von David Bowie an der Gedenkstätte für den verstorbenen Sänger in Brixton (Januar 2016). (Bild: Keystone)

Zum Teufel mit dem Hollywoodgebiss!

Ewa Hess am Dienstag den 13. Januar 2015

Immer wenn die Jahreszahl im Kalender auf die neue Nummer einrastet, lichtet sich der Nebel der unmittelbaren Gegenwart ein ganz klein wenig, und man sieht das vergangene Jahr etwas deutlicher im Rückspiegel. Darum, liebe Leserin, lieber Leser, schlage ich zu Anfang des Jahres eine kleine Rückschau vor. Betrachten wir kurz einige Auffälligkeiten der Kunstwelt 2014. Auf dass wir die Augen besser für die kommenden Entwicklungen justieren können.

Erstens nehmen wir das Phänomen «Crapstraction» ins Visier, für das es bereits eine deutsche Entsprechung, «Kackstraktion», gibt. Der Hauptkritiker des Trends, das ehemalige «Village Voice»- und jetzige «NY Magazine»-Kunstorakel Jerry Saltz, nennt die Sache auch den Zombie-Formalismus. Kurz gefasst, geht es darum, dass viele neuen Künstler komplett abstrakt malen. Während aber die Abstraktion einst ein heiss umkämpftes Feld der Innovation war, wirkt sie heute oft beliebig. Erschwerend kommt dazu, dass sich diese Art von Malerei, sobald sie in Verbindung mit einem angesagten Namen auftritt, sehr gut verkaufen lässt. Weil sie dekorativ aussieht. Und weil sie sich auf dem Bildschirm gut abbilden lässt – in einer Zeit, in der immer mehr Kunst übers Internet verkauft wird, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Zudem wirkt sie «seriöser» als viele in der Pop-Art wurzelnde Exzentrizitäten der 90er- und Nullerjahre (etwa die schrillen Werke von Jeff Koons, Takashi Murakami oder Damien Hirst). Das Erschreckende daran: Viele dieser Werke sehen zum Verwechseln ähnlich aus. Hier sieht man in etwa, was gemeint ist:

Top row, from left: All You Hear Is Beads Rattling (2012), by Leo Gabin; Untitled #0904 (2009), by John Bauer; Untitled (JS06198) (2006), by Josh Smith. Bottom row: ST-AA (Transfer Series) (2013), by Angel Otero; Big Squid Ink (2014), by Jamie Sneider; I (2011), by Rosy Keyser.

Obere Reihe, von links: Leo Gabin, John Bauer, Josh Smith. Untere Reihe: Angel Otero, Jamie Sneider, Rosy Keyser (Zusammenstellung von Jerry Saltz)

Gemeint sind vor allem Maler wie der in London lebende Kolumbianer Oscar Murillo oder der New Yorker Lucien Smith: noch nicht 30, explodierende Preise, viel Potenzial, aber noch auf der Suche nach dem wirklich Eigenen. Können aber diese Maler etwas dafür, dass ihre Ausflüge in die Welt der Abstraktion weggehen wie warme Semmeln? Andererseits, wenn sich die malerischen «Fingerübungen» so gut verkaufen, kann das schon einen Maler vom Weg abbringen. Somit ist Kackstraktion eine Hürde, die ein echter Maler heute nehmen muss.

Oscar Murillo in seinem Atelier

Oscar Murillos Atelier

Dann gab es auch das Phänomen Ermüdungserscheinungen. Zu den neuen Wörtern, welche durch die englischsprachigen Medien 2014 geisterten, gehören Fairtigue und Biennihilism. Das erste ist aus Fair und Fatigue zusammengesetzt und bedeutet die physische Erschöpfung, welche sich des internationalen Kunsttrosses bemächtigt angesichts der gewaltig angeschwollenen Anzahl von wichtigen Kunstmessen. Was es aber auch bedeuten könnte: dass das grosse Publikum der Messen überhaupt langsam müde wird. Was eine sehr gute Sache wäre, denn dann könnten die Leute, die professionell mit Kunst handeln, wieder in aller Ruhe an den Messen ihrem Gewerbe nachgehen. Und die Galerien könnten wieder zu Hause die Sammlerinnen und Sammler bedienen – sich vielleicht sogar die monströsen Kosten der vielen Messen sparen. Der Auseinandersetzung mit der Kunst käme das bestimmt zugute. Also, Leute: Werdet müde und kommt zur Vernunft.

Mit Biennihilism hingegen ist der fahrige bis verzweifelte Geisteszustand zu umschreiben, in den man durch die langen Reihen von hochakademischen «Conversations» und «Talks» als Rahmenprogramm von Biennalen kommt. Auch diese haben eine exponentielle Ausweitung der Kampfzone erfahren. Hierzu ein Vorschlag: Talks jurieren. Seit die Unternehmen die Intellektualität als eine dem Sport ebenbürtige Form des Marketings entdeckt haben, haben diese Endlos-Talks einen schalen Nachgeschmack.

Rechts Bowie jetzt, Mitte Jessine Heins Skulptur, links alter Exzentriker Bowie

Jessine Heins Skulptur (Mitte), links und rechts Bowie früher und jetzt

Und zuletzt, als eine Art Fazit, möchte ich auf ein mir im Januar aufgefallenes Kunstwerk der deutschen Künstlerin Jessine Hein hinweisen. Sie hat aus Acryl und Gips eine Skulptur gefertigt, welche die Originalzähne von David Bowie zeigt. Die krummen Beisser des skurrilen Individualisten waren sein Markenzeichen. Jetzt hat er sie durch zwei Reihen makelloser weisser Zähne ersetzt. Hein hat in den Tiefen des Internetarchivs gegraben und mithilfe eines Zahntechnikers das Originalgebiss von Ziggy Stardust verewigt. Als ein verschwundenes Mahnmal der Unangepasstheit, sozusagen. In diesem Sinne, Leute: Behalten wir unsere Zähne! Zum Teufel mit dem charakterlosen Hollywoodgebiss.