Beiträge mit dem Schlagwort ‘Christoph Büchel’

Das Spiel mit dem Feuer

Ewa Hess am Dienstag den 26. Mai 2015

Also doch. Am Freitag haben die venetianischen Stadtbehörden die als «Isländischer Pavillon» deklarierte Installation «The Mosque» des Schweizer Künstlers Christoph Büchel geschlossen. Nach zwei Wochen der Diskussionen und staatlichen Kontrollen nach Anzeigen, teilte die Stadtverwaltung von Venedig am Donnerstag den Verantwortlichen des Icelandic Art Center und der Biennale mit, dass die Genehmigungen für den isländischen Pavillon zurückgenommen wurden. Am Freitag verweigerte man den Gebetswilligen den Zugang. Spielte Büchel mit seiner Installation willentlich mit dem Feuer?  Natürlich – darin liegt das Wesen seiner Kunst.

Nachdem ich im Beitrag «Inside Venedig» schon kurz über die Eröffnung des Kunstprojekts berichtet habe – ich war dort und die Feier hat mich echt bewegt – , will ich, liebe  Leserinnen und Leser von Private View, nochmals auf «The Mosque» zu sprechen kommen. Der Fall ist interessant. Es geht um Sachen, die uns alle angehen: Unseren Umgang mit der Religion, dem interkulturellen Dialog, und auch um unsere Bereitschaft, die liberalen Tendenzen des Islams zu stärken. Eine politische Kunst hat der Biennale-Leiter Okwui Enwezor gefordert. Etwas ist sicher: Christoph Büchels «The Mosque» löst diese Forderung besser als die beiden Haupt-Ausstellungen der Biennale ein.

Hier eine kleine Zusammenfassung der Ereignisse:

Der Auftrag Anfang 2014 erhält der Schweizer Künstler Christoph Büchel, der seit sieben Jahren in Island lebt und mit einer Isländerin verheiratet ist, den Auftrag, den isländischen Pavillon solo zu bespielen. Die Ernennung des Schweizers sei eine «Geringschätzung» isländischer Künstler, giftelt der Künstler Steingrimur Eyfjord.

Chrstoph büchel und «seine» Kirche Sta Maria della Misericordia am Campo de L'Abazia

Christoph Büchel und «seine» Kirche Sta Maria della Misericordia am Campo de L’Abazia.

Die Idee Man kennt Büchel. Seine Projekte zielen immer in die Mitte einer schwelenden sozialen Unruhe. In Venedig, der traditionallen Pforte zum Orient, sind die islamischen Kultureinflüsse auf Schritt und Tritt anzutreffen. Büchel erfährt bei seiner Recherche, dass es im historischen Zentrum der Stadt trotzdem nie eine funktionierende Moschee gab. Voilà – das ist eine Aufgabe nach seinem Gusto. Nur – und das ist der provokative Teil seines Beitrags – diese Kunst-Moschee soll in einer katholischen Kirche eingerichtet werden.

Die Suche Büchel und die Mitarbeiter des Isländischen Art Center, welches den Pavillon kuratiert, laufen sich die Füsse wund, um eine Kirche, die im Geiste einer allumfassenden Ökumene mitmachen würde, zu finden – vergeblich. Die Biennale-Leitung sieht keine Chance, das Projekt zu verwirklichen und rät ab. Büchel gibt nicht auf.

Eine Rede im perfekten Italienisch:

Eine Rede in perfektem Italienisch: Mohamed Amin Al Ahdab, Architekt und Präsident der Islamischen Gemeinde von Venedig, spricht zu seinen Schäfchen sowie den Kunst-Aficionados an der Eröffnung am 8. Mai.

Der Fund Ganz spät findet sich die Kirche: die Santa Maria della Misericordia de L’Abazia, Anfang der 70er-Jahre privatisiert und  desakralisiert (die Gegener behaupten zwar, der Akt der Desakralisierung habe nicht stattgefunden, doch die Isländer haben Belege). Die ehemalige Kirche wurde bisher als Lagerraum gebraucht und kann gemietet werden.

Die Implementierung Schnell macht Büchel Nägel mit Köpfen: Er richtet die Kirche als eine Moschee ein, mit Teppich samt aufgemalten Gebetsnischen, orientalischem Lüster, Koransprüchen über den Türen, einer Mihrab-Nische, welche die Gebetsrichtung anzeigt und einem LED-Display mit aktuellen Gebetsstunden.

Die islamische Gemeinde Venedigs strömt in «ihre» neue Moschee, im «Lädeli» verkauft man ein Arabisch-Lehrbuch, die «fratelli maroccani» intonieren Allah Akhbar an der Eröffnung

Die islamische Gemeinde Venedigs strömt in «ihre» neue Moschee, im «Lädeli» verkauft man ein Arabisch-Lehrbuch, die «Fratelli Maroccani» intonieren Allah Akhbar an der Eröffnung.

Die Eröffnung Diese gerät am Freitag, dem 8. Mai, zu einer herzerwärmenden Feier der Verbrüderung.  Mohamed Amin Al Ahdab, ein Architekt und Präsident der Islamischen Gemeinde von Venedig, dankt in einer bewegenden Rede in perfektem Italiensich für die «Magie der Kunst», welche die «Herzen der Muslime» erleuchte. Er drückt die Hoffnung aus, dass die temporäre Nutzung der Moschee während der Biennale in einer Erlaubnis für einen permanenten Betrieb enden wird. Al Ahdab sagt auch Folgendes: «Island, das Land des Eises und der Steine, hat Venedig gewärmt. Es hat dieses architektonische Juwel vom Staub befreit und es in einen Ort des Lebens verwandelt. Es war einst eine Kirche, ist jetzt eine Moschee, doch es bleibt ein Ort, wo wir alle zum gleichen Gott beten, er möge uns Frieden schenken». Dann sprechen der Reihe nach: ein Imam von Venedig, der Oberhaupt der isländischen Islam-Gemeinde (ein ehemaliger Hippie), ein italienischer Funktionär, ein katholischer Priester, die Botschafterin Pakistans und weitere lange Reihen von Menschen, die hier aufzuzählen ich nicht mal Platz hätte. Manche Männer beten vom ersten Moment an. Frauen fühlen sich auf ihrer Empore wohl, Kinder kreischen. Das Kunstvolk zieht folgsam die Schuhe aus.

"The Mosque": Innenansichten mit Lüster, Koransprüchen und Frauenempore

«The Mosque»: Innenansichten mit Lüster, Koransprüchen und Frauenempore

Die Proteste beginnen sofort nach der Eröffnung und kulminieren in einer Anzeige, die der streitbare venetianische Kunsthistoriker Alessandro Tamborini  erstattet. Er weigert sich, beim Besuch der «Mosque» seine Schuhe auszuziehen mit folgender Argumentation: Da es sich um einen Pavillon der Biennale handelt, könne es sich nicht um einen Kultort handeln. Wenn es aber ein Kultort ist, wäre es kein islamischer, für den man die Schuhe ausziehen müsste, sondern ein katholischer. Die offiziell lutherische Republik Island könne eine katholische Kirche nur widerrechtlich usurpieren und daraus eine Moschee machen. Tamborini erstattet auch Anzeige gegen den isländischen Aussenminister, der die «Schändung» einer katholischen Kirche durchführen liess.

Schuhtrageverbot in «The Mosque», die erste islamische Predigt, die Gläubiger

Schuhtrageverbot in «The Mosque», die erste islamische Predigt, die Gemeinde

Die Schliessung Die Stadtverwaltung schliesst um der Ruhe willen zwei Wochen nach der Eröffnung, am Freitag, dem 22. Mai, Büchels «Mosque». Unter dem formalistischen Vorwand, dass die Maximalzahl von Besuchern überschritten wurde. Das befriedigt weder die Gegner, die ein Exempel statuieren wollten, noch die Organisatoren, die auf eine offene Diskussion über den Umgang mit den Grundrechten der islamischen Minderheit in Italien hofften.

Eine kleine Provokation vielleicht doch: Die Inschrift über der Eingangstüre der Kirche sagt: «Sacrosanctae Vaticanae Basilicae Perpetuo Aggregata», also für ewig dem Vatikan zugeordent. Immerhin aber ist die Kirche privat, sie funktionierte schon vor der Moschee nicht als Kirche. Rechts: Die neue Inschrift

Die Inschrift über der Eingangstüre der Kirche sagt: «Sacrosanctae Vaticanae Basilicae Perpetuo Aggregata», also für ewig dem Vatikan zugeordent. Rechts: ein Koranspruch im Inneren der Kirche

Die Polemik: Es regt sich allmählich auch in den Kunstkreisen Kritik. Büchel spiele mit dem Feuer, heisst es, er provoziere eine mediale Schlammschlacht, die auch islamische Fanatiker alarmieren könnte (wohin das führen kann, hat uns Paris jüngst aufs Traurigste vorgeführt). Indem er darauf bestehe, seine Aktion in einer Kirche zu inszenieren, riskiere er verletzende Bemerkungen und befeuere eine Hetze gegen just die Menschen, bei deren Integration er helfen wollte.

Das Gegenargument: Ganz abgesehen von allen kunstimmanenten Betrachtungen (z.B., dass das Nachdenken über die kontroverse Anlage des Kunstwerks den eigentlichen gesellschaftliche Mehrwert darstellt):  Es ist immerhin erstaunlich, dass die islamische Gemeinde Venedigs sich derart dem ganzen Kunst-«Betrieb» so geöffnet hat und die internationale Kunstgemeinde in ihrer Mitte mit offenen Armen empfangen hat. Jede Bestrebung, die den offenen, modernen Islam unterstützt und in den internationalen Kontext integriert, ist Gold wert. Und wem die Vermischung von Kunst und Religion nicht geheuer ist, wird höflich gebeten, in jede andere Kirche Venedigs einen Abstecher zu machen, wo die grössten Kunstwerke der abendländischen Kunst von Touristenmassen bestaunt werden, während alte venezianische Omas inbrünstig beten.

Inside Venedig

Ewa Hess am Dienstag den 12. Mai 2015

Insider-Talk ist an den Eröffnungstagen der Biennale in Venedig die schönste Nebensache. Die US-Sammler, hiess es im Vorfeld, würden alle erst zur Art Basel im Juni (Art Basel: 18. bis 21. Juni) nach Europa kommen und dann die Biennale besuchen. Entweder sind sie alle trotz der Ankündigung in der letzten Minute doch noch in den Flieger gehopst, oder aber sie machen in der Menge nur einen kleinen Prozentsatz aus. Jedenfalls – es gab auch ohne sie genug Menschen an der dreitägigen Preview (Galeristen, Kuratoren, Künstler, Kulturmanager und Journalisten), um Pavillons und auch die Vaporettos in dicht gedrängte Sardinenbüchsen zu verwandeln. Hier einige Gesprächsthemen, die uns (Giovanni Pontano und mir) in Venedig die Ohren streiften.

Was: Eröffnung der 56. Biennale d’Arte di Venezia  – «All the World’s Futures»
Wann: 5. bis 8. Mai 2015 (die Biennale dauert bis 22. November)

1. Wem nützt die frühere Eröffnung? Als offizielle Begründung des vorgezogenen Eröffnungstermins der Biennale (Anfang Mai statt Anfang Juni) wird die Anbindung an die Weltausstellung in Mailand angegeben. Leicht düpiert suchte die Art Basel im Vorfeld das Gespräch mit Paolo Baratta, dem väterlichen Präsidenten der Biennale (so kam es Private View zu Ohren). Wie käme es den Baslern in den Sinn, war die entrüstete Antwort, dass eine Anbindung der Biennale an eine kommerzielle Veranstaltung wie eine Kunstmesse überhaupt erwägenswert wäre? Hm. Ist das nicht ein bisschen scheinheilig? Schliesslich funktionierte das Prinzip «See it in Venice, buy it in Basel» seit Jahren reibungslos, ohne dass sich jemand daran störte. Der wahrscheinlichste Profiteur der Verschiebung wird wohl die Kunstmesse Frieze in New York sein, wohin viele unmittelbar nach der Biennale-Eröffnung abgereist sind.

Kritisches Werk der Gruppe Gulf Labor, Liste der Sponsoren, der Kurator Okwui Enwezor und Präsident Paolo Baratta

Kritisches Werk der Gruppe Gulf Labor: «Who is Building the Guggenheim Abu Dhabi», Lange Liste der Sponsoren, Kurator Okwui Enwezor (immer so elegant wie seine Schau) und der Präsident Paolo Baratta.

2. Wer bezahlt das alles? Selten hat man die Biennale so elegant gesehen – die Wände im Arsenale gestrichen und repariert, der Garten dahinter maniküriert, Installationen, etwa die von Chris Ofili, gepflegt in die Umgebung eingeblendet. Hat die alte Biennale, sonst chronisch unterfinanziert, etwa einen neuen Sugar Daddy? Von den Insidern hört man, dass der diesjährige Kurator Okwui Enwezor sich nicht nur als ein unerschrockener Kapitalismuskritiker, sondern auch als ein brillanter Fundraiser bewiesen hat. Es ist offensichtlich ein Vorteil, wenn man einen Schrank voll elegant geschnittener Anzüge sein eigen nennt wie der smarte Nigerianer. Oder vielleicht gilt einfach in der kapitalistisch geeinten Welt nach dem Gesetz der Angebotsverknappung: «Marx sells!». Die am Eingang präsentierte Liste der Geldgeber ist jedenfalls lang (darunter die Schweizerinnen Maja Hoffmann mit ihrer Luma-Foundation sowie ihre Schwester Vera Michalski mit der nach ihrem verstorbenen Mann benannten Literatur-Stiftung Jan Michalski). Die Sponsorenliste zeigt dennoch nur einen Teil der Wahrheit. Die mächtigen Galeristen berappen mittlerweile sehr viel aus eigener Tasche – die Produktion, die Installation, die Transportkosten, die Empfänge… Es ist wohl kein Zufall, dass in der Hauptschau viele der ausgestellten Künstler von sechs führenden Galerien repräsentiert werden: den Galerien Gagosian, David Zwirner, Pace, Marian Goodman, White Cube und Hauser & Wirth.

Camille Norment spielt Glasharfe, eines der virtuosen Gemälde von Adrian Gheni, Pamela Rosenkranzs rosa Installation im Schweizer Pavillon

Camille Norment spielt Glasharfe in nordischen Pavillon, eines der virtuosen Gemälde von Adrian Ghenie, Pamela Rosenkranz’ rosa Installation im Schweizer Pavillon.

3. What’s new? Zu den viel besprochenen Entdeckungen der Biennale gehört, da sind sich viele Kritiker einig, «unsere» Pamela Rosenkranz. Ihre eindrückliche Installation im Schweizer Pavillon ist zudem auch beim weniger profilierten Publikum das Gesprächsthema der Eröffnungstage: Wie hat man den Pavillon in eine Zisterne voller rosa Flüssigkeit verwandeln können? Sind der Flüssigkeit psychoaktive Substanzen beigemischt? Manche Besucher fühlen sich nach einem Blick in die blubbernden rosa Fluten euphorisiert, andere benommen. (Die Meinung Ihrer treuen Berichterstatterin: «Our product» ist eines der besten Exponate der Länderpavillons, denn eine pointierte Aussage paart sich darin mit einem formal starken Auftritt.) Weitere starke Auftritte: die Glasharfenmusik-Installation im nordischen Pavillon. Die Künstlerin heisst Camille Norment, und sie wurde von der Schweizer Chefin der norwegischen Kunstbehörde ausgewählt, Katya Garcia-Anton. Im rumänischen Pavillon staunt man über die malerische Virtuosität von Adrian Ghenie. Ein Blick in seinen «Darwin’s Room» voller pastosen, aber seltsam verzerrten Porträts, und man hat das Gefühl, in Francis Bacon’s interessantem Alptraum die Hauptrolle zu spielen.

Das Fotografieren verbindet die Welten: In der von Christoph Büchel als "Erste Moschee in der historischen Stadt Venedig» installiertem isländischen Pavillon

In Christoph Büchels «Erster Moschee in der historischen Stadt Venedig».

4. Provokation oder nicht? Der Beitrag des Schweizer Künstlers Christoph Büchel gibt nicht nur den Besuchern der Biennale viel zu reden, sondern beschäftigt auch die italienischen Behörden, die eine baldige Schliessung der als isländischer Beitrag zur Biennale deklarierten Kirche ankünden (Kirchenschliessung? Pipilotti Rists nackte Wilde in der Kirche San Stae 2005 lassen grüssen). Büchels «Erste Moschee in der historischen Stadt Venedig» ist indes bestimmt keine leere Provokation. An der Eröffnung erleben die Besucher eine gefühlsgeladene Feier der islamischen Gemeinde Venedigs, die Reden kommen direkt aus den Herzen der hier versammelten Moslems. Eigentlich kaum vorstellbar, dass es in Venedig, dieser Stadt, die als Tor zum Orient der islamischen Kultur so viel zu verdanken hat, bisher keine Gebetsstätte für die hier lebenden Moslems gab. Büchel trifft mit seiner Intervention ins Schwarze. Er legt den Finger in die Wunde, mietet eine ausrangierte katholische Kirche (die Santa Maria della Misericordia) und richtet sie als eine Moschee ein.  Voller Dialogbereitschaft sind die Reden des Imams, des Präsidenten der islamischen Gemeinschaft und der Botschafterin von Pakistan an der Eröffnung. Die Moschee soll eigentlich bis November offen bleiben (aber eben), in dieser Zeit hofft die Glaubensgemeinschaft zeigen zu können, dass sie nur Friedliches im Sinn hat. Eine grosse Gemeinsamkeit zwischen dem Kunstvolk und den Damen im Kopftuch: Sie fotografierten alles wie besessen mit ihren Handys.

Eine kleine Provokation vielleicht doch: Die Inschrift über der Eingangstüre der Kirche sagt: «Sacrosanctae Vaticanae Basilicae Perpetuo Aggregata», also für ewig dem Vatikan zugeordent. Immerhin aber ist die Kirche privat, sie funktionierte schon vor der Moschee nicht als Kirche. Rechts: Die neue Inschrift

Eine kleine Provokation vielleicht doch: Die Inschrift über der Eingangstüre der Kirche sagt: «Sacrosanctae Vaticanae Basilicae Perpetuo Aggregata», also für ewig dem Vatikan zugeordnet. Die Kirche ist aber jetzt im Privatbesitz, sie funktionierte schon vor dem Funktionswechsel nicht als Kirche. Links: Die neue Inschrift im Inneren der Kirche/Moschee.

5. François Pinault schafft es. Was? Nichts weniger als die beste und die schlechteste Schau der Biennale beizusteuern. Der französische Luxusmagnat unterhält in Venedig bekanntlich zwei Museen: die Punta della dogana und den Palazzo Grassi.  Der vietnamesische Künstler und Kurator Danh Vo (gemeinsam mit Caroline Bourgeois) zeigt im ehemaligen Zollamt Venedigs eine Schau, die zu den durchaus schwierigen Räumlichkeiten wie ein italienischer – pardon französischer – Massanzug passt. Eine Abfolge quer durch die Kunstgeschichte, nicht ganz unbescheiden machen Danh Vos Werke einen beträchtlichen Anteil davon aus – doch sie bilden einen passenden roten Faden. Wie eine Faust aufs Auge daneben die Martial  Raysse gewidmete Schau im Palazzo Grassi. Musste Pinault hier eine alte freundschaftliche Verpflichtung seinem alten Spezi Raysse gegenüber einlösen? Während man dessen ältere Arbeiten aus den Swinging Sixties noch mit einem Augenzwinkern als chic wahrnehmen konnte – so überkommt einen zunehmend ein ungutes Gefühl: je älter der Künstler, desto jünger die Modelle. Die nicht enden wollende Schau entlarvt zudem das malerische Talent des Künstlers als ein eher bescheidenes. Quel dommage.

Je älter der Künstler, desto jünger die Models: Martial Raxsses spätes Werk. Links: Ein Blick in Danh Vos Schau «Slip of the Tongue» mit einem Werk von Martin Wong

Je älter der Künstler, desto jünger die Models: Martial Raysses spätes Werk. Rechts: Ein Blick in Danh Vos Schau «Slip of the Tongue» mit einem Werk von Martin Wong.

6. Und zu guter Letzt doch noch eine kleine Vorschau auf die ART BASEL: Wie wir erfahren, wird Hauser & Wirth die berüchtigte Roth-Bar im edlen Hotel Trois Rois in Basel einbauen! Und in der Elisabethenkirche wird ein Werk von Isaac Julien vorgeführt, ein der Brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi gewidmeter Film «Stones Against Diamonds», den der englische Fast-Turnerpreis-Gewinner (2001) mit Hilfe von Rolls Royce realisiert hat (was etwas kurios anmutet, weil es der gleiche Isaac Julien ist, der die Marx-Lesung der Biennale orchestriert hat). Doch der Film ist sehr schön – in Venedig lief er im schon, im Palazzo Malipiero-Barnabò.

Ein Still aus Isaac Juliens Film: die romanitsche Architektin in den Eishöhlen Islands

Ein Still aus Isaac Juliens Film: die romanitsche Architektin Lina Bo Bardi (gespielt von Vanessa Myrie) in den Eishöhlen Islands.

Frieze. Spektakulär

TA Korrektorat am Dienstag den 21. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Michelle Nicol*

Die Londoner Kunstmessen Frieze und Frieze Masters zu besuchen, heisst, die optimale Mischung zwischen erhebenden Inhalten und schnöder Unterhaltung zu erleben. Wobei die Ereignisse ausserhalb der Messen den mindestens gleichen Stellenwert einnehmen.

Was: Kunstmessen Frieze und Frieze Masters
Wann: 15. bis 18. Oktober
Wo: London, Regent’s Park und überall in der Stadt

Betrachten wir die Gewichtung: 162 Aussteller präsentierten sich an der Frieze London, deren 127 an der Frieze Masters. Die Frieze zeigt ausschliesslich zeitgenössische Kunst und dazu Frieze Projects, eine Serie von eigens in Auftrag gegebenen Kunstwerken, sowie Frieze Talks bestehend aus Diskussionen, Reden, Vorträgen. Neu dieses Jahr: Live. Live ist eine Reihe von performativen Installationen mit echten Menschen, und es war sehr amüsant, auf dem Rundgang durch die Messe immer wieder auf turnende und sich auffällig gebärdende Individuen zu stossen.

Bunte Messe: Wiederaufgeführte Performance Franz Erhard Walthers «Sehkanal» von 1968, Carsten Höllers Würfel bei Gagosian, Büchels «Sleeping guard» bei Hauser & Wirth

Bunte Messe: Wiederaufgeführte Performance Franz Erhard Walthers, «Sehkanal» von 1968, Carsten Höllers Würfel bei Gagosian, Büchels «Sleeping Guard» bei Hauser & Wirth.

Frieze Masters übrigens, ebenfalls in einem Zelt im Regent’s Park lokalisiert, zeigt ausschliesslich Kunst, die vor dem Jahr 2000 produziert wurde. Dieser historische Aspekt gibt der Frieze Masters einen seriösen Anstrich, und schnell war klar: Die Frieze Masters ist die strenge ältere Schwester der ausgeflippten Frieze. Es ist kein Wunder, dass Victoria Siddall, Direktorin der Frieze Masters, neu auch für die Frieze verantwortlich zeichnet.

An der Frieze aufgefallen: Carsten Höllers farbenfrohe Präsentation für die Gagosian Gallery. Man weiss, dass der belgische Künstler Höller sich gerne über die urtümliche Menschenliebe für Kinder lustig macht. So war sein Stand einem fröhlichen Kinderpark nachempfunden – jedoch weiss der Kenner, dass es sich um ein Assortiment von Fallen handeln muss. Und dass der grosse Würfel, in welchen die lieben Kleinen durch die schwarzen Punkte hineinklettern können, mindestens einen Kinderschänder oder noch Wüsteres verbirgt.

Ebenfalls bunt und genauso beeindruckend: die Porträts von Nicolas Party bei Gregor Steiger, eine junge Galerie aus Zürich. Und nochmals Zürich: Bei Hauser & Wirth wähnte man sich in einem klassizistischen Salon, dank grün bespannten Wänden und kleinen runden Nummernplaketten, die jeweils ein Werk bezeichneten – das war so viel schicker als ein Namensschild aus Karton. Und da war der schlafende Wärter in der Ecke: einer der Live-Acts? Oder ganz einfach ein müder Wärter, übermannt vom Sandmännchen? (Es stellte sich heraus, dass es sich um ein Werk des Schweizer Künstlers Christoph Büchel handelte.)

Der britische Künstler Mark Wallinger, neu im Hauser&Wirth-Stall, hat den Messestand der Galerie kuratiert im Stil von Sigmund Freuds Londoner Kabinett, Galerist Gregor Staiger im Gespräch mit dem Künstler Nicolas Party, Steigers booth mit Werken von Party

Der britische Künstler Mark Wallinger, neu im Hauser-&-Wirth-Stall, hat den Messestand der Galerie kuratiert im Stil von Sigmund Freuds Londoner Kabinett (links), Galerist Gregor Staiger im Gespräch mit dem Künstler Nicolas Party (Mitte), Staigers Stand.

Und dann die Auktionen. Auch sie ein gewichtiger Faktor im Kunstprogramm. Das Auktionshaus Phillips eröffnete einen neuen, imposanten Sitz direkt am Berkeley Square. Man sagt, er habe 100 Millionen Pfund gekostet. Zur Feier des Anlasses kuratierte Francesco Bonami eine Skulpturenausstellung im Erdgeschoss, es gab ein gewichtiges Dinner am Montag und je eine Auktion am Mittwoch und Donnerstag. Mein Lieblingswerk: zwei Zeichnungen auf Häuschenpapier von Sigmar Polke aus dem Jahr 1968. Schätzpreis: 25’000–35’000 Pfund. Verkauft für 30’000 Pfund.

Zwei wunderbare Zeichnungen Polkes bei Phillips, das neue Phillips-Headquarters am Berkeley Square

Zwei wunderbare Zeichnungen Polkes bei Phillips, das neue Phillips-Headquarter am Berkeley Square.

Besonders schön sind die charmanten Ereignisse am Rande der Messe. Zum Beispiel das traditionelle Dinner von Sammlerin Valeria Napoleone zugunsten des unabhängigen Kunstortes Studio Voltaire. Valeria empfängt jeweils bei sich zu Hause, und so kann man ihre Kunst – sie sammelt ausschliesslich von Frauen Produziertes – vor Ort bewundern. Als Italienerin ist sie selbst eine ausgezeichnete Köchin, und ihr Personal kocht ihre Rezepte in Perfektion. Nur das Dessert, das macht sie selber. Kim Gordon, Popstar, Penny Martin von «Gentlewoman» (aktuell das beste Magazin der Welt), Clare Waight Keller, Kreativdirektorin von Chloé: Sie alle kosteten davon.

Bei Valeria Napoleone: Turner-Preis-Gewinner Jeremy Deller im Gespräch mit Sarah Douglas, art editor von Wallpaper, die Gastgeberin begrüsst den Direktor des Studio Voltaire Joe Scotland, mit der Musikerin Kim Gordon (Gründerin von Sonic Youth)

Bei Valeria Napoleone: Turner-Preis-Gewinner Jeremy Deller im Gespräch mit «Wallpaper»-Redaktorin Sarah Douglas (links), die Gastgeberin begrüsst den Direktor des Studio Voltaire, Joe Scotland (Mitte), Valeria Napoleone mit der Musikerin Kim Gordon (Gründerin von Sonic Youth).  © Dafydd Jones

Michelle* Michelle Nicol ist Kunsthistorikerin und Gründungspartnerin der Kreativagentur Neutral Zürich AG. Kuratorin, Kritikerin und Werberin. Bringt Kunst, Architektur und Marken zusammen.