Beiträge mit dem Schlagwort ‘Beatrix Ruf’

Königin Beatrix ruft

Ewa Hess am Dienstag den 2. Dezember 2014

Es herrscht eine gewisse Blasiertheit in Zürich, was durchaus zur Attraktivität der Stadt beiträgt. Das dachte ich an jenem Freitag, als ich zwei Ausstellungspreviews zur gleichen Zeit anzuschauen versuchte. Beide waren 1A. Beide komplex. Beide könnten in einer weniger verwöhnten Stadt locker – jede für sich – ein Saisonhighlight stellen. Zürich aber, Zürich blieb cool, die Stadt nahm es, wenn überhaupt, sehr entspannt zur Kenntnis. Courant normal.

Was: T.F.T. Müllenbach und Avery Singer in der Kunsthalle Zürich
Wo: Kunsthalle, Löwenbräu, Limmatstrasse 270, Zürich
Wann: bis 25. Januar

Die Ausstellung, die hier oben aufgelistet ist, obwohl darin zwei Künstlerpersönlichkeiten vorgestellt werden, war dabei nur einer der Anlässe. Der zweite war eine in den Luma-Foundation-Räumen auf zwei Stockwerken eingerichtete Schau «Theater Objects. A Stage for Architecture and Art». Darin ging es um die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Architektur. Das klingt vielleicht abstrakt, aber das Thema ist riesig, wenn man mal richtig darüber nachdenkt. Die beiden Architektur-Aussteller Fischli/Olsen beweisen Mut und springen Kopf voran in diesen Teich, was sage ich Teich, in diesen Ozean. Ich habe geschaut, gestaunt, die Stirn gerunzelt und dann wieder gelacht, mir viel notiert und wüsste einige Aperçus zu erzählen, aber, liebe Freundinnen und Freunde von Private View, ich muss euch auf später vertrösten. Inzwischen sei euch der Besuch der Schau wärmstens ans Herz gelegt. Hier in Private View soll aber zunächst mal Beatrix verabschiedet werden. Welche Beatrix? Echt, wie könnt ihr noch fragen?

Beatrix Ruf natürlich, die seit 2001 der Kunsthalle Zürich vorsteht und sie mit einer gewissen Strenge und jeder Menge Unbeirrbarkeit dorthin geführt hat, wo sie jetzt angesiedelt wird, nämlich unter den ersten Kunstinstitutionen der Welt. Nicht dass die Kunsthalle nicht schon dorthin unterwegs gewesen wäre, als die Direktorin 2001 kam, denn auch Mendes Bürgi, der sie vorher geleitet hat, war aus dem gleichen Holz geschnitzt und zeigte uns das, was zur jeweiligen Zeit gezeigt werden musste, egal ob wir es schon verstanden oder noch nicht. Die Zeit hat ihnen beiden recht gegeben und hättet ihr, liebe Leserinnen und Leser, dem Ausstellungsprogramm der Kunsthalle entlang eure Kunsteinkäufe getätigt, wärt ihr schon längst an Kunst oder Geld reich – verzeiht mir den pekuniären Referenzwert. Der Sammler Michael Ringier hatte den Vorteil, B. R. seit 1995 zur Beraterin zu haben, und jetzt beneidet ihn manches Museum um sein Depot.

Die Scheidende Direktorin Beatrix Ruf und Künstler Thomas Müllenbach führen durch die Ausstellung, der kommende Direktor Daniel Baumann und Grafikerin Trix wetter vor Müllenbachs Serie «Halboriginal»

Die scheidende Direktorin Beatrix Ruf und Künstler Thomas Müllenbach führen durch die Ausstellung, der kommende Direktor Daniel Baumann und Grafikerin Trix Wetter vor Müllenbachs Serie «Halboriginal» (2005–2013).

Nun ist Königin Beatrix – ich nenne Frau Ruf mal so, weil sie etwas Königliches in ihrem Auftritt hat –, von der anderen Königin Beatrix, der Herrscherin der Niederlande, berufen worden, ans schönste Museum Europas, das Stedelijk in Amsterdam. Stedelijk Museum heisst auf Holländisch nichts anderes als «Städtisches Museum», ist aber ein legendärer Ort, wo die Liebesaffäre des Publikums mit zeitgenössischer Kunst begann. Es war im alten Stedelijk (und ich sage alt, weil das Museum erst kürzlich umgebaut wurde), unter dem dünnen lichtsiebenden Käsetuch, mit dem dort die Decken bespannt waren, wo ich erstmals Barnett Newmans «Cathedra» sah. Die Sammlung des Stedelijk! Ihre Matisses, Malewitschs, Dumas’ … Das Amsterdamer Haus hat in Sachen moderne Kunst das Gehirn Europas formatiert. Und es bleibt visionär. Unsere Beatrix beginnt im Januar mit einer Tino-Sehgal-Schau. Und dann zeigt sie Amsterdam den Jungtürken der digitalen Poesie, Ed Atkins. Da aber können wir sagen: ätsch pätsch, wir kennen den schon. Denn es gab eine ganz tolle Atkins-Schau in der Kunsthalle – Private View war natürlich für Sie dabei (den Beitrag lesen Sie hier).

In ihrer letzten Ausstellung bringt Beatrix Ruf noch einmal das auf den Nenner, was ihre Stärke für Zürich ausgemacht hat. Erstens den Respekt für das gewachsene, von Hypes unbeirrte, vielleicht auch auf eine gute Art unmodische Schaffen. Zweitens die Neugierde darauf, was die Amis «cutting edge» nennen, also das ganz Neue, das so unerprobt und scharf ist, dass man sich daran verletzen kann. (So reime ich mir die Bedeutung dieses Ausdrucks jedenfalls zusammen).

Avery Singer: «The Studio Visit», 2013 und «Jewish Artist and Patron», 2012

Avery Singer: «The Studio Visit», 2013, und «Jewish Artist and Patron», 2012.

Das ganz Neue ist die Malerei der kaum 30-jährigen Amerikanerin Avery Singer. Sie stammt aus dem Stall der Berliner Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler, die mit dem Begriff der Postinternet-Kunst assoziiert wird und interessante junge Positionen vertritt. Sie malt wirklich postinternetig, also über Schichten von Gestaltungsmöglichkeiten hinweg. Mithilfe von Programmen wie Photoshop und Sketchup konstruiert sie Figuren, die an altmodische Computergrafik erinnern. Diese projiziert sie auf Leinwände, auf welche sie dann in Grautönen gehaltene Tableaus airbrusht. Frappierend, witzig, virtuos.

Und last not least, lieber Leser bzw. liebe Leserin, wollte ich von Thomas Müllenbach erzählen. Sie kennen ihn, denn er ist in der Schweiz kein Unbekannter. Er unterrichtet Malerei an der Zürcher Hochschule der Künste und ist jener vorwitzige Professor dieser Schule, der mit Flugblättern gegen den Toni-Campus-Luxuswahnsinn protestiert hat. Erinnern Sie sich? Künstler brauchen Freiraum, sagte er, und kein Welcome-Desk. Schon allein für diesen Spruch gehörte ihm der Kulturpreis der Stadt Zürich, aber, traurigerweise, ist er im Gegenteil von der Hochschule böse abgestraft worden mit Pensumkürzung und irgendeiner absurden Klage, die aber vor Gericht dann Gott sei Dank abgeschmettert wurde.

Thomas Müllenbach: «Döschen», 2013; «Freud», 2011; ««Keller», 2012

Thomas Müllenbach: «Döschen», 2013; «Freud», 2011; «Keller», 2012.

Müllenbach kam vor Jahrzehnten aus Deutschland nach Zürich – er ist 1949 in Koblenz geboren – und gründete irgendwann mal die Kunsthalle Zürich. Natürlich nicht allein, sondern mit anderen wichtigen Akteuren, die Sie kennen und ich hier nicht alle erwähnen kann, der Länge des Artikels wegen. Unnötig zu sagen, dass diese erste Kunsthalle kein Welcome-Desk hatte, sondern roh und postindustriell war und auch noch ständig umzog, was für die damalige Zeit ziemlich «cutting edge» war.

Umso stimmiger, dass jetzt, kurz vor dem 30. Geburtstag der Institution, die scheidende Direktorin eine Retrospektive des Malers zeigt, der unbeugsam bei seiner Sache geblieben ist und die ganze Zeit exakt das malte, was ihm gerade passte. Nämlich manchmal die Steine vor dem Haus, manchmal die DAX-Kurve im Teletext und ein anderes Mal Kernkraftwerke. Zwischen 2005 und 2013 hat er sogar 1000 Ausstellungseinladungen anderer Künstler nachgemalt. Dieses Projekt heisst «Halboriginal», was ein augenzwinkernder Verweis ist auf die am Strassenrand verkauften falschen Louis-Vuitton-Taschen.

Thomas Müllenbach am Welcome-Desk der Kunsthalle, «4 x Wall», 2011; «Schwarzes Quadrat», 2010

Thomas Müllenbach am Welcome-Desk der Kunsthalle, «4 x Wall», 2011; «Schwarzes Quadrat», 2010.

Dieses Projekt, das zwar auch schon mal sehr schön in der Galerie Rotwand gezeigt wurde, kommt in der Kunsthalle-Ausstellung in einem noch grösseren Ausmass zur Geltung. Und das ist gut so, denn man bekommt einfach nicht genug, man steht vor der Wand und schaut Bild für Bild, ob man es erkennt (gut, gibt es zu der Serie bald ein Kunstbuch in der Edition Patrick Frey, in dem man dann nach Belieben blättern kann). Jedes dieser kleinen Aquarelle hat etwas vom Original und sehr viel vom Nachmaler – diesen leichten, nachdenklichen und doch federleicht humorvollen Touch hat es vom Letzteren.

Da sieht man ganz deutlich, im Kontext der aktuellen Diskussion um Plagiate überall, worin sich ein echter Schöpfer von einem Fälscher unterscheidet. Und wenn Sie nicht wissen, wovon ich jetzt spreche, müssen Sie mal die Ausstellung dieses Schmierfälschers und Selbstbeweihräucherers Wolfgang Beltracchi in Bern anschauen (Galerie Christine Brügger). Was man dort sieht, ist nämlich, dass Beltracchi zwar virtuos malen kann, weshalb er jahrzehntelang die Experten täuschen konnte. Aber in Bern stellt er Bilder aus, die er selbst «ersonnen» hat. Und man sieht: Wenn man ihm die Vorlage wegnimmt, bleibt nur noch pompöse Anmassung übrig.

Von dieser ist und war die Kunsthalle in all den Jahren frei. Und jetzt nimmt sie ebenso sachlich wie bescheiden von der Direktorin Abschied. Und begrüsst den ebenso unprätentiösen neuen Direktor Daniel Baumann. Ganz still nimmt dieser an der Preview-Führung teil, macht aus einer Ecke heraus Fotos der Räume und steht noch lange vor der anspielungsreichen Müllenbach-Wand, während die anderen Vernissagengäste schon weitere Räume zu erkunden eilen.

Totems und Module

Ewa Hess am Montag den 7. April 2014

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Unterwegs zur neuen Ausstellung von Joe Bradley (im Tram Nr. 17) fährt die Frage mit: Was wird es diesmal sein? Denn – Picasso lässt grüssen – Bradley malt immer wie ein anderer Künstler. Die Galeristin Eva Presenhuber zeigt «SS Potlicker And Friends» in der grossen Halle ihrer Galerie im Maag-Gebäude. Sie hat noch kleinere Räume im Löwenbräu, doch gewisse Künstler mögen den grossen Raum besser. Den zu bespielen hat etwas Heroisches an sich. Dieser «Bigger than life»-Raum braucht grosse Kunst.  Es wäre fatal, wenn sich «gross» nur in der Dimension, nicht aber im geistigen Format offenbarte.

“SS-Potlicker”: Was für ein Titel! Seine Bedeutung entzieht sich der Ratio und der Künstler macht uns nicht einmal an der Eröffnung den Gefallen, irgendetwas zu erklären. Ist  auch besser so, denn Künstler, die stundenlang im Kuratoren-Jargon über ihre Kunstwerke schwadronieren, sind schwer ernst zu nehmen.  Die Bilder selbst treffen aber in die Magengrube. Ich weiss nicht, ob sich das aus den Abbildungen hier erschliesst, aber sie haben eine direkt unheimliche Ausstrahlung. Bradley hat sie in seinem Atelier Upstate New York mit einem Roller, wie man ihn zum Streichen der Wände  braucht, auf die am Boden ausgelegte Leinwand gestrichen und in der Rolle transportiert. Erst in Zürich wurden sie in der Galerie auf die Rahmen gespannt, unter der Aufsicht des Zeremonienmeisters Bradley. Seine früheren Bilder, vor allem in der vorhergehenden Ausstellung bei Eva Presenhuber, waren figurativ, sentimental, zuweilen auch aggressiv. Man kann nicht sagen, dass all das in den neuen geometrischen Totems abwesend wäre. Diese «Checker» mit ihrem mir-nichts-dir-nichts Schachbrett-Muster haben es faustdick hinter den Ohren. Vor allem der mit der gelben oberen rechten Ecke. Ist das vielleicht der ominöse SS-Potlicker (SS-Hungerleider) des Ausstellungstitels? Polkes höhere Wesen lassen grüssen.

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Der Auktionator Simon de Pury kommt spät mit seiner grossgewachsenen Frau Michaela Neumeister. Sie trägt Netzstrümpfe in Farbe nude und silberfarbene Pumps – die Frau von Mars! Als de Pury noch Philips war, tauschten unter seiner kundigen Anleitung einige Bradleys die Hand, zu Preisen, die in ihrer Höhe angenehm überraschten. Die Bilder in der Ausstellung kosten zwischen 9000 Dollar für kleine Werke auf Papier bis zu 175000 Dollar für die grossen Totems in der Haupthalle. Einige wurden schon an der Vernissage Sammlern versprochen.

De Pury ist in Stimmung  und erzählt am Dinner nach der Vernissage (Zürich 5, Lokal namens Times) über sein Leben nach dem Ausstieg aus dem Geschäftsleben (Philips heisst nicht mehr Philips de Pury). Beatrix Ruf (Kunsthalle Zürich) kommt mit Künstler Jamie Cameron, sie unterhält sich mit Paul Tanner von der grafischen Sammlung der ETH. Es stellt sich heraus, dass sowohl de Pury wie Jamie Cameron gern als DJ unterwegs sind. Als de Pury erzählt, wie er einst einen Maybach versteigert hat, den Jay Z und Kanye West für ein Video zu Schrott gefahren haben, hört der ganze Tisch zu. Ausser Peter Fischli und dem Star des Abends Joe Bradley, die tief in einem Fachgespräch stecken  – die Werke der beiden Künstler gründen  tief, um auf eine (scheinbar!) schnell lesbare Formel zu kommen. Es ist einer der ersten lauen Abende des Jahres und zur späten Stunde sitzt man in Decken gewickelt vor dem Lokal. Einer nach dem anderen gehen die Gäste, zurück in ihre Hotels und Wohnungen. Adieu, good bye, winkt man –  eine instant Familie bricht auseinander.

 

Simon de Pury und Michaela Neumeister

Simon de Pury und Michaela Neumeister

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Joe Bradley (links) im Gespräch mit Peter Fischli

 

Beatrix Ruf und Jamie Cameron

Beatrix Ruf und Jamie Cameron

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Eva Presenhuber hält eine Rede, vorne Galerist Gavin Brown

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Gertraud Presenhuber  und Alex Ritter (Kunstabteilung der Stadt Zürich) vor dem Lokal nach dem Dinner