Beiträge mit dem Schlagwort ‘Andy Warhol’

Glücksspiel Kunst

Ewa Hess am Mittwoch den 6. Juli 2016

Liebe Leserin, lieber Leser, darf ich kurz vor der Sommerpause mal grundsätzlich werden? Selten wurde so viel über die Kunst nachgedacht und geschrieben wie in unserer Zeit. Das hat seine Gründe: Erstens bewegt sich die zeitgenössische Kunst auf einem so hohen Abstraktionsniveau, dass ein grosser Erklärungsnotstand herrscht. Zweitens aber: wegen der Preise.

Aufschrei der Körper: Francis Bacon und Lucian Freud in den jeweiligen Selbstporträts.

Aufschrei der Körper: Francis Bacon und Lucian Freud in den jeweiligen Selbstporträts.

Der Kunstmarkt ist inmitten der ökonomischen Wirren solid. (Oder auch ausser Rand und Band, wie es manche sehen, weil generell zu hoch). Jedenfalls kostet bestimmte Kunst heute eine dicke Stange Geld, und Menschen, die sonst nicht so viel von Kunst halten, nehmen sie plötzlich ernst. Dennoch bleibt das Urteil über ein Kunstwerk arbiträr, auch wenn man scheinbar objektive Kriterien anführt: Am Ende liegt es «im Auge des Betrachters».

Francis Bacon, "Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion", courtesy Tate Collection

Grossartig, ob das aber schön ist? Francis Bacons «Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion», courtesy Tate Collection.

Ich habe gerade einen Text von J. Tomilson Hill in «The Art Newspaper» gelesen. Der Mann sammelt barocke Bronzeskulpturen und Zeitgenössische Kunst (auch eine aparte Kombination). Und er ist der Chef von Blackstones Hedgefonds-Abteilung, also einer der mächtigsten Geldakrobaten der Welt.

Wir müssen, schreibt er, drei Wertaspekte der Kunst sehen: Geldwert, sozialen Wert und den Grundwert. Geld versteht sich von selbst, aber sozialer Wert liegt für Hill vor allem im Wettbewerb um die Frage «was hängt bei mir über dem Cheminée?» – also im kleinlichen Konkurrenzdenken.

Den Grundwert nennt er «Schönheit». Dass er es nicht oberflächlich meint, beweist seine Sammlung, die wurde in Teilen in der Frick Collection ausgestellt. Hill sammelt nicht nur klassisch Schönes. Die Achtung, die er in der Sammlerwelt geniesst, gründet unter anderem darauf, dass er früh auf Francis Bacon gesetzt hat. Und Bilder von Francis Bacon sind erschreckend, grossartig, grausam, wie man sie immer bezeichnen will – schön kann man sie eigentlich nicht nennen. (Teuer sind sie auf jeden Fall, Hill soll die «Study for Portrait II (Pope)» von 1956 besitzen, deren Wert heute vorsichtig auf 60 Millionen Dollar geschätzt wird).

Der Hedgefund-Manager und Sammler J. Tomilnson Hill IIIJ (rechts), Michael Douglas als Geldakrobat Gordon Gekko im Film "Wall Street"

Der Hedgefonds-Manager und Sammler J. Tomilson Hill III (rechts), Michael Douglas als Geldakrobat Gordon Gekko im Film «Wall Street» (links).

Hill tritt immer mit sauber gegelten Haar und in Massanzügen auf, und es gibt Leute, die sagen, sein Äusseres sei in der Figur von Gordon Gekko (Michael Douglas) im Film «Wall Street» abgebildet worden. In seiner Rede bricht er natürlich die Lanze für den Grundwert der Kunst. Er sagt, die Marktorientierung der Kunstwelt komme ihm manchmal so vor, als ob man Händler und Geldwechsler einladen würde, in den Tempel hereinzukommen (womit er auf der metaphorischen Ebene biblisch wird).

Aber gut, als Hedgefonds-Manager, also ein Börsianer, der auf den Misserfolg anderer wettet, kann man sich nicht wirklich zum Tempelwächter ausrufen. Hills Geldwechsler-Seele geht auch in dem Text mit ihm durch, wenn er ein Werk von Jeff Koons — es ist ein Wassertank mit einem Basketball drin —, das kürzlich für 15 Millionen Dollar bei Christie’s  verkauft wurde, am liebsten «shorten» würde, also in Hedgefonds-Manier dagegen wetten.

Händler raus: Eine etwas rabiate Szene der "Tempelreinigung" aus der Basler Merian-Bibel von 1625

Händler raus: Eine etwas rabiate Szene der «Tempelreinigung» aus der Basler Merian-Bibel von 1629.

Das Wetten hat allerdings schon etwas mit der Kunst zu tun. Es ist ein bestimmtes Risikoverhalten, und keiner wusste besser, dass das ganz viel mit der Kunst zu tun hat, als eben Francis Bacon, Nr.-1-Liebling des heutigen Kunstmarkts. Der seelisch gequälte Brite war, wie gerade in einer Ausstellung in Monte Carlo sehr schön ausgeführt wird, besessen vom Glücksspiel.

Was so interessant ist an der Sache: Bacon selber sah eine enge Verbindung zwischen seinem obsessiven Glücksspielverhalten und dem Malen. So nannte er etwa die Verluste am Roulette-Tisch «expenses related to painting». Er erwartete sogar von seinen Galeristen, dass sie ihm Vorschuss geben, um zu gamblen, im Sinne eines Werkbeitrags an die Malerei.

Frunde, Konkurrenten, Gambler: Francis Bacon und Lucian Freud in London (Foto and copyright Harry Diamond)

Freunde, Konkurrenten, Gambler: Francis Bacon und Lucian Freud in London. (Foto: Harry Diamond)

Auch Bacons guter Freund Lucian Freud war ein obsessiver Glücksspieler, doch er suchte sein Glück eher bei den Pferdewetten denn beim Roulette. Das Wetten, sagte der Enkel von Sigmund, habe ihm durch die Zeit geholfen, als sich noch niemand für seine Kunst interessiert hat. Nicht, weil er so viel gewonnen hätte, sondern weil es ihn daran erinnerte, wie unwichtig Geld war.

The ‘Three Studies of Lucian Freud’. The Francis Bacon painting of Lucian Freud has become the most valuable work of art ever sold at auction – fetching almost £90 million.

Das Porträt des Freundes: «Three Studies of Lucian Freud» von Francis Bacon, 1969, verkauft 2013 bei Christie’s für 142 Millionen Dollar.

Der heutige Kunstmarkt hat natürlich auch etwas von einem Spieltisch. Man gibt Millionen für Werke aus, die triviale Werbung nachäffen (z.B. Warhol). Oder für Konzepte, die gar nicht besitzbar sind (z.B. Lawrence Weiner). Sind darum Bacon und Freud die Lieblinge des Markts? Nein.

Der soziale Wert der Kunst, um Tomilson Hill zu interpretieren, liegt eben nicht darin, dass man mit dem Bild über dem Kamin prahlen kann. Sondern darin, dass die Werke einen tiefen Wert abbilden, der der Gesellschaft heilig ist. Die Mittelalter-Maler gossen ihre Seele aus, um die Heiligen und die Maria mit den himmlischen Attributen Güte und Barmherzigkeit erstrahlen zu lassen. Die Holländer legten eine religiöse Inbrunst in die Darstellung von üppig gedeckten Tafeln. Die Minimalisten leisteten heroischen Verzicht auf jede Zierde, den Weg der Gesellschaft in eine immaterielle Zukunft bereitend. Bacon und Freud zeigen den modern gequälten Körper, so etwas wie einen Aufschrei der nicht artgerecht gehaltenen Kreatur.

Und das ist das eigentliche Glücksspiel des Künstlers: alles auf eine Karte setzen, sein Innerstes in die Kunst zu werfen, ohne zu wissen, ob es überhaupt gelingt, ob es gelingen kann. Nicht wissend, ob die Passion das Werk besser oder schlechter macht (beides ist möglich). Ob das je jemand begreifen wird. Das ist der Gamble der Kunst – auf allen Ebenen. Geld, Wert, Schönheit: Alles hängt davon ab. Und das ist das Grossartige daran.

Im Zeichen der Katze

Ewa Hess am Dienstag den 7. Juli 2015

Liebe Leserinnen und Leser von Private View: Der Sommer ist da. Vor den grossen Ferien noch ein kleiner schnurrender Ausblick auf die Herbstsaison. Beim Sichten der kommenden Highlights bin ich über eine grosse Schau von Warhol und Ai Weiwei in Melbourne gestolpert. Kluge Paarung! Die beiden Propheten beieinander: Andy Warhol, der Papst des popbesessenen 20. Jahrhunderts, und Ai Weiwei, der Held der Generation Instagram und der aktivistischen Kunst, die erste grosse Figur des 21. Jahrhunderts. Der eine ist West, der andere Ost, und sie spielen beide mit den Grenzen: des Konsums, des Landes, der Toleranz etc. Ich sage aber heute nur: «Miau

Der junge Ai Weiwei macht den grossen Warhol gestisch nach

Der junge Ai Weiwei macht den grossen Warhol nach.

Es wird nämlich in Melbourne eine kleine Nebenschau der grossen Doppel-Retrospektive geben, welche die Besessenheit (oder Freundschaft, um es weniger aufgeregt auszudrücken) der beiden Künstler mit Katzen dokumentiert. Wenn man bedenkt, welch überraschende Führungsrolle die Samtpfoten innerhalb der Internetkultur übernommen haben, muss man doch sagen: Chapeau! Auch in dieser Hinsicht haben die beiden Visionäre den Vogel voll abgeschossen.

Posieren mit ihren Katzen: der Chinese und der Ami

Posieren mit ihrer Katze: Weiwei mit einem struppigen Tiger, Warhol mit einer eleganten Siamkatze.

Warhol lebte in den 50ern mit 25 Siamkatzen und seiner Mutter in New York. Die Vierbeiner hiessen alle Sam (oder Hester, wenn sie weiblich waren). Er malte sie ununterbrochen, seine Mutter schrieb als Legenden in ihrer schönen Handschrift den Katzennamen zu den Bildchen, eben meistens: Sam. Dann wurde ein Buch daraus, es hiess: «25 Cats Name Sam and One Blue Pussy». Eigentlich sollte es ja «A Cat Named Sam» heissen, aber Warhols Mutter hat das «d» am Schluss von «named» vergessen. Andy fand das super.

Das Cover des «25 Cats Name Sam»-Buchs mit Widmung für Lou Dorfsman, den CBS-Werbechef, der Warhol als Illustrator gross machte, Der Künstler mit Katze in seinem Atelier

Das Cover des «25 Cats Name Sam»-Buchs mit Widmung für Lou Dorfsman, den charismatischen CBS-Werbechef, für den Warhol als Illustrator arbeitete; der Künstler mit Brillo-Packung und Katze in seinem Atelier.

An die 40 Katzen tigern durch das grosse, selbst gebaute Atelier von Ai Weiwei in Peking, das er ja lange nicht verlassen durfte, weil die chinesische Regierung ihm nach der Entlassung aus dem Gefängnis Hausarrest aufgebrummt hatte (jetzt darf Ai Weiwei zwar Peking verlassen, aber nicht China). Man sieht es sehr schön in dem Dokumentarfilm «Never Sorry» von Alison Klayman: Die Katzen machen, was sie wollen. Das geht einem schon fast auf die Nerven. Ai Weiwei baut ein Modell, zum Beispiel, und die Katze beginnt, damit zu spielen. Anstatt sie zu verscheuchen, gibt ihr Ai Weiwei mit ernster Miene noch mehr Elemente in die Pfote… Es gibt dort eine Katze, welche die Tür selber aufmachen kann. Ai Weiwei sagt dazu etwas Lustiges: «Der Unterschied zwischen den Katzen und den Menschen ist, dass die Katzen zwar auch lernen können, die Türe aufzumachen, sie aber nie hinter sich schliessen.»

Aus Alison Klaymans Film:

 

Über Warhols Kohabitation mit seinen Katzen hat sein Neffe James Warhola ein lustiges Kinderbuch geschrieben, «Uncle Andy’s Cats». Man sieht darin ein Rudel kleiner Sams zwischen den Beinen des Popgiganten wieseln oder den Mann mit den weissen Haaren unter einer Decke aus warm atmenden Kätzchen schlafen. Ai Weiwei sagt immer wieder in Interviews, sein Haus sei eigentlich das Haus seiner Katzen. Sie würden dort wohnen, Kinder kriegen, sich wohlfühlen. Er findet es nett, dass die Hausherrinnen ihm und seiner Familie auch noch Unterschlupf gewähren.

Hm. Interessante Meinung. Vielleicht gehört das Internet auch ihnen? Denkt darüber nach! Und seid glücklich im Sommer! Wir sehen uns Ende August wieder.

Warhols «So happy» (links), eine Edition von Ai Wewei

Warhols «So Happy» (links), eine Edition von Ai Weiwei.

An der ART entdeckt

Ewa Hess am Dienstag den 23. Juni 2015

Vieles wird am heutigen entfesselten Kunstmarkt kritisiert, auch von mir, doch eine der Nebenerscheinungen finde ich wunderbar: Die Neigung der Galerien, bisher verkannte Künstlerinnen und Künstler wiederzuentdecken. Der Markt ist trocken, die Käufer suchen Qualität, der Nachschub von tollen Werken, historischen oder aktuellen, ist beschränkt. Und so kommt es, dass man nochmals nach hinten schaut und oft auf diese Weise die Ungerechtigkeit der Geschichte korrigiert. Denn ja, es gibt Künstler, die so ungewöhnlich, so avantgardistisch oder so scheu bzw. widerspenstig sind, dass sie zu ihrer Lebzeit übersehen werden. Und, falls sie schon tot sind, auch später im Verborgenen bleiben. An der am Sonntag zu Ende gegangenen (tollen) Art Basel, bei der die Messeleitung die Galeristen explizit ermuntert hat, hochwertige historische Kunst mitzubringen, gab es für mich in dieser Beziehung richtige Offenbarungen. Ich teile sie mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser von Private View. Als Inspiration und auch als Tipp, falls Sie etwas Spielgeld zur Verfügung haben und es gegen Zeugnisse ephemerer Schönheit und exemplarischer Lebenshaltung tauschen möchten.

Ray Johnson (1927-1995), der Erfinder von Mail Art und so manchem anderen

Ray Johnson (1927-1995), der Erfinder von Mail Art und so manchem anderen.


 

Beginnen wir mit Ray Johnson. Ich sah eine wunderschöne Collage von ihm am Stand der New Yorker Galerie Richard L. Feigen & Co., die auch seinen Nachlass verwaltet. Der 1927 geborene Künstler war ein Wegbereiter für verschiedene Kunstströmungen. Seine Werke der 1950er-Jahre erinnern an Pop Art  (Jahre vor seinem Freund und manchmal Rivalen Andy Warhol). Johnson machte Performances, bevor es diese Bezeichnung überhaupt gab. Konzeptkunst, damals noch kaum vorhanden und heute praktisch Alleinbeherrscherin der Szene, war sein Sandkasten. Auch wenn er sich später über ihre gezierten Possen lustig machte (und uns allen, die wir des prätentiösen Konzeptkunst-Kauderwelschs müde sind, schon damals aus dem Herzen sprach). Und er war der Erfinder der Mail-Art, die damals den Gang zum Briefkasten bedingte. Johnson verbreitete seine Collagen und sibyllinischen Texte, indem er sie an ein riesiges Netz von Künstlerkollegen, Freunden und Fremden verschickte und diese ermunterte, den Ball seiner Inspiration aufzunehmen. Erinnert uns das an etwas? Ja, Johnson war ein analoges Social Medium, bevor es das Internet gab.

Ray Johnson «Untitled (Send to Brain Surgeon I)», 1974-76-1980-1985-1993-94,  collage, 38.10 x 38.10 cm., 30,000 Dollar

Ray Johnson «Untitled (Send to Brain Surgeon I)»

Vor zwanzig Jahren, an einem klirrend kalten Januartag, sprang Ray Johnson von einer Brücke im schönen Sag Harbor in den Hamptons, schwamm ins Meer hinaus und ertrank. Zwei Teenager sahen ihn springen und wollten die Polizei benachrichtigen, fanden aber den Polizeiposten nicht und gingen, anstatt das Leben des Unbekannten zu retten, ins Kino (das hätte ihm bestimmt gefallen). Erstaunlicherweise geschah das zu einem Zeitpunkt, als sein kommerzieller Erfolg gerade einzusetzen begann – was er nie suchte und sogar aktiv verhinderte, etwa als er 1990 von der Galerie Gagosian umworben wurde. Er war befreundet mit fast allen Grössen der amerikanischen Avantgarde jener Zeit, schon seit seiner Zeit am Black Mountain College, der avantgardistischen Kunstschule in North Carolina, der die amerikanische Kunst fast alles verdankt (ich erwähne hier nur die Namen einiger seiner Kommilitonen: John CageMerce CunninghamWillem de KooningBuckminster Fuller).

In den vergangenen Jahren begann Johnsons Ruhm stark zu wachsen, es gab Bücher, Artikel, Ausstellungen (alles, inklusive einer Timeline und schönen Videodokumenten) findet man auf der Website seines Nachlasses hier). Er wird ein Schwerpunktthema des Festivals Performa (NY) im November sein, und die Museen stehen offensichtlich Schlange bei Feigen, wie mir die nette Galeriedame an der Art erzählt hat. Dennoch, sagt sie, lagern noch stapelweise Kisten mit noch unbearbeitetem Material in einem unbenutzten Badezimmer der Galerie in New York, Arbeit genug für mehrere Generationen von Kunststudenten. So reich war das Lebenswerk dieses «Unbekannten».

Ray Johnsons Mail Art, Beispiele seines unnachahmlichen Humors

Ray Johnsons Mail Art, Beispiele seines unnachahmlichen Humors.

Die Arbeiten von Ketty La Rocca waren mir ebenfalls nicht bekannt – ich sah einige am Stand der Düsseldorfer Galerie Kadel Willborn. Sie haben mich sofort mit ihrer scheuen Grazie erobert. Ketty, was ich nicht wusste,  gehört zu den wichtigsten ersten Konzeptualisten in Italien. Sie starb 1976 mit nur 38 Jahren, und obwohl es nachher einige Retrospektiven gab, wurde ihr Name nicht allgemein bekannt. Schade! Überhaupt, die Italiener jener Zeit, aus den 60er- und 70er-Jahren, haben Kunst geschaffen, die ihrergleichen weit suchen muss. Ich denke daran seit meinem Besuch bei der Fondazione Prada Milano, weil die Bertelli-Pradas so viele tolle Werke in ihrer Sammlung haben. Viele dieser Künstler sind mittlerweile zu Marktstars geworden, wie Lucio Fontana oder Giuseppe Penone. Aber es gibt (gerade auch im konzeptuellen Bereich) noch so viel zu entdecken.

Ketty La Rocca und ihre Sprache der Hände

Ketty La Rocca und ihre Sprache der Hände.

Aber zurück zu Ketty. Sie entwickelte eine neue Sprache, die mit Händen zu tun hatte. Sie untersuchte deren Ausdrucksstärke, beschriftete sie mit Wörtern und versuchte, diese neue Kommunikationsmethode der existierenden Sprache entgegenzusetzen. Für die Frauen sei heute keine Zeit der Erklärungen, schreibt sie 1974 aus ihrer feministischen Perspektive, die hätten zu viel zu tun und überdies nur eine Sprache zur Verfügung, die ihnen fremd und feindlich sei. Sie seien der Gesamtheit beraubt bis auf die Sachen, die niemand beachte, und das seien viele, auch wenn sie geordnet werden müssten: «Die Hände zum Beispiel, zu langsam für weibliche Fähigkeiten, zu arm und zu unfähig, um das Hamstern fortzusetzen; es ist besser, mit Worten zu sticken.» Ich musste natürlich auch an die Arbeit Judith Alberts in der Grossmünster-Krypta denken, die ich vor drei Wochen hier vorgestellt habe und die eine weibliche «Händesprache» dem männlich geprägten Evangelium hinzufügt.

ketty La Roccas Werk «Il Mio Lavoro» von 1973 basiert auf einem Foto, in dem sie sich selber in ihrem Atelier aufgenommen hat und dann die Umrisse des Fotos mit Handschrift-Notizen nachgezogen hat. Es ist schon verkauft, der Preis war um die 20 000 Euro.

Ketty La Roccas Werk «Il mio lavoro» von 1973 basiert auf einem Foto, in dem sie sich selber in ihrem Atelier aufgenommen hat und dann die Umrisse des Fotos mit Handschriftnotizen nachgezogen hat. Es ist schon verkauft, für um die 20’000 Euro.

Kadel Willborn hat eine schöne schmale Publikation zu Ketty La Rocca herausgegeben, die den wunderbar poetischen Titel trägt: «The you has already started at the border of my I.»

Vito Acconcis Beiss-Performance

Vito Acconcis Beiss-Performance «Trademarks».

Die dritte Position, von der ich heute erzählen möchte, habe ich schon gekannt. Ich habe sie bei Grieder Contemporary vor einem Jahr nochmals gesehen, doch damals konnte ich dem Werk nicht genug Ehre erweisen. Jetzt war Damian Grieder mit seiner Acconci-Präsentation in Basel (in der «Features»-Sektion) und ich war wieder restlos begeistert. Vito Acconci ist heute 75 Jahre alt und ähnlich wie die zwei oben Beschriebenen prägte er die 70er-Jahre mit seinen Gedichten, Aktionen und Konzepten. Mit «Seedbed» (1972) hat er seine Karriere begründet. Achtzehn Tage lang lag Acconci unsichtbar unter einer Holzrampe in der Galerie Ileana Sonnabend. Besucher konnten ihn nicht sehen, aber aus dem Lautsprecher hören. Es wurde gemunkelt und den Geräuschen nach schien es wahrscheinlich, dass der Künstler dort unten masturbierte, während er Ungehöriges über die über ihn wandernden Galeriebesucher murmelte. Der heilige Nimbus einer Kunstgalerie wurde ganz gehörig erschüttert.

Bei Grieder sind von Acconci persönlich adnotierte Fotografien seiner diversen Aktionen zu sehen. Etwa: «Trademarks». Da hockt er im Schneidersitz vor einer weissen Wand und beisst sich in alle Körperteile, die er erreicht. Detailfotos zeigen einige der Bissspuren, die er sich 1970 in seinem Atelier zufügte. Weil ich direkt von Ketty La Rocca kam, musste ich daran denken, wie spektakulär es war, eine solche Performance von einem Mann vorgeführt zu bekommen. Die Beschäftigung mit dem eigenen Körper und Auto-Aggression waren für lange Zeit das verschämte Spielfeld der Frauen. Die Integration dieser Elemente zeigt eine besondere Sensibilität des Künstlers. Seit den 1980er-Jahren hat er sich übrigens ganz der Architektur und dem Design zugewandt,  mit dem Ziel, zukunftsweisende, partizipatorische Architektur-Kunst-Projekte durchzuführen.

Hört auf mit den Deppen!

Ewa Hess am Dienstag den 3. Februar 2015

Willkommen im Februar. Ein schwer zu rechtfertigender Monat (der einzige Pluspunkt liegt wohl in seiner Kürze). Ich ging ins Kino anstatt an eine Vernissage. Johnny Depp als schrulliger Kunsthändler – das könnte doch einen Eintrag wert sein? Doch Fehlanzeige. Dem abenteuerlichen Wesen eines Kunsthändlers wird der Streifen in etwa so gerecht wie eine stümperhafte Fälschung dem Meisterwerk von Goya (und im Film spielt eine der stümperhaftesten aller Zeiten eine Rolle).

Was: «Mortdecai» mit Johnny Depp, Gwyneth Paltrow, Ewan McGregor, Regie: David Koepp
Wann und wo: Jetzt in den Kinos

Kunsthändler sind in Filmen sowieso meist absolute Karikaturen ihrer selbst. Auch wenn sie von coolen Typen gespielt werden. Ich denke da etwa an Bruno Bischofberger – nicht einmal Dennis Hopper wurde im gerecht. Das war in «Basquiat», einem Film, bei dem der Maler Julian Schnabel hinter der Kamera stand und wenigstens dafür sorgte, dass die allergröbsten Klischees in Sachen Kunstwelt aussen vor blieben. Leider fiel er einer anderen Sentimentalität anheim, der Legende vom tragischen Künstlerschicksal (es ging um das Strassenkunst-Genie Basquiat) – zunächst unverstanden, dann ausgenutzt, dann drogensüchtig, dann früh tot. Auch wenn es so passiert ist, muss eine Fiktionalisierung mehr als eine Heiligenvita sein, finden Sie nicht auch?

Echt links: Andy Warhol, Jean-michel Basquiat, Bruno Bischofberger, Francesco Clemente. Im Film (rechts): Dennis Hopper als BB, David Bowie als Andy Warhol (aus dem Film «Basquiat»)

Echtes Leben, von links: Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat, Bruno Bischofberger, Francesco Clemente. Im Film «Basquiat» (rechts): Dennis Hopper als Bruno Bischofberger, David Bowie als Andy Warhol.

Eigentlich erstaunlich, dass die Kunsthändler oft so klischierte Figuren in den Filmen abgeben. Kunsthändler habens doch drauf! Sie sind moderne Abenteurer, aber nicht in dem Sinn, wie es die doofen Filme haben wollen. Nehmen wir etwa ebendiesen Bischofberger (74). Aus dem Appenzell direkt aufs Weltparkett! Glaubte an Warhol – und an Basquiat –, bevor es die anderen taten. Und macht bis heute nur das, was ihm passt. Unter anderem: eine neue Riesengalerie bauen. In Männedorf. Eröffnung im Juni. Den Standort in St. Moritz gab er übrigens an den Sohn von Julian Schnabel, Vito, ab. Ja, an den Vito Schnabel, einschlägig gehandelt in der Regenbogenpresse als Heidi Klums Toyboy.

Ich durfte einst mit Herrn Bischofberger zusammen seine musealen Lagerbestände besichtigen. Meine Herren! Es ist nicht nur eine Schatzkammer, es ist auch eine Neuinterpretation der zeitgenössischen Kunst. Denn Bischofberger hat einen Blick, der das Archaische, Grossartige herausschält. Ich nenne das mal: den Alpenblick. Unter den Designern ist der Architekt Ettore Sottsass sein persönlicher Held. Und über Sottsass ist noch lange nicht alles gesagt worden, da kommt noch ganz sicher eine Wiederbewertung auf uns zu. Bischofberger erzählte mir übrigens damals, wie es mit Basquiat und ihm begonnen hatte. Und wie der Mann mit den Rastalocken bei einem Sennen-Zvieri im Toggenburg Bratwurst entdeckte – essend und malend (nachzulesen hier).

Schauspieler Seymour hoffman (links), Iwan Wirth (Mitte), perfekte Filmlocation: Hauser & Wirth in einem Haus aus dem 17. Jh in Somerset, GB

Schauspieler Philip Seymour Hoffman (links), Iwan Wirth (Mitte), perfekte Filmlocation: Hauser & Wirths «Campus» in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert in Somerset (GB), vorne Skulptur von Subodh Gupta.

Auch Iwan Wirths Vita, wenn er auch dreissig Jahre jünger als BB ist, gäbe einige Filme her. Titelvorschlag: «Iwans Reich», und eigentlich wäre Philip Seymour Hoffman gesetzt als Darsteller für Iwan den Grossen, leider ist Seymour Hoffman selber durch einen immer noch zu beklagenden verfrühten Tod zum Filmstoff geworden. Ebenso filmreif: Das Leben von Eva Presenhuber, die Zürich schon in den 80er-Jahren zeitgenössische Kunst verordnet hat. Ihre eiserne Willenskraft und ihr unerschrockenes Naturell würden den Filmtitel «All About Eve» rechtfertigen, und als Darstellerin schlage ich Geena Davis vor, eine meiner Lieblingsdarstellerinnen («Cutthroat Island», «Thelma & Louise» oder «Long Kiss Goodnight»). Die Rolle der Presenhuber würde Geenas Karriere durchaus aufmöbeln, sie stagniert in der letzten Zeit.

joinedpresen

Galeristin Eva Presenhuber (links), Schauspielerin Geena Davis (Mitte), filmreife Szene: Eva P. in ihrem Haus in Vnà.

Oder denken wir mal an Ernst Beyeler. Ich sehe das vor mir. Der Film beginnt in seinen letzten Jahren. Herr Beyeler – gespielt von Paul Newman – lässt sein Leben an sich vorbeiziehen. Mein Lieblingsfilm wäre auch die Vita vom ebenfalls viel zu früh verstorbenen Thomas Ammann, dank dessen unglaublichem Instinkt und Kontakten unter anderem auch die Daros-Sammlung zusammengekommen ist. Gerade haben wir erfahren, dass die Fondation Beyeler einen Erweiterungsbau plant, um das heute Stephan Schmidheiny gehörende famose Konvolut standesgemäss unterzubringen. Als Darsteller von Thomas Ammann könnte ich mir Jon Hamm vorstellen, den unfassbar gut aussehenden «Mad Men»-Protagonisten. Auf dem Gebiet der Kunst würde die diskrete Intellektualität des Darstellers besser zur Geltung kommen als in der profanen Werbung.

Schauspieler Jon Hamm (links), Kunsthändler Thomas Ammann (Mitte und rechts)

Schauspieler Jon Hamm (links), Kunsthändler Thomas Ammann (Mitte und rechts).

Also bitte, hört auf mit den Kunstdeppen in den Filmen! Dort wo Geist und Geld so schön zusammenkommen wie in der Kunst, braucht es eindeutig bessere Helden. Und wenn schon Deppen oder Deppinnen, dann wenigstens so lustig wie in dieser Jeanswerbung mit der genialen US-Komödiantin Amy Poehler: