Beiträge mit dem Schlagwort ‘Adam Szymczyk’

Der Geist der Documenta

Ewa Hess am Mittwoch den 12. April 2017

Die Documenta 14 in Athen hat mehr oder weniger harsche Kritiken geerntet. Der Tenor: Gut gemeint, doch zu harmlos. Der im Vorfeld produzierte riesige Theorieberg hat ein Kunstmäuschen geboren. Von Adam Szymczyk, diesem coolsten aller Kuratoren allein schon seines Aussehens wegen (schlacksiger Gang, hohe Wangenknochen, rebellische Stirnfransen) hat man etwas Kantigeres erwartet als diesen warmen Strom wohlmeinender Sozialkunst, der, über die Athener Kulturinstitutionen verteilt, wie ein Süppchen vor sich hin kocht. Was ging da schief?, fragen sich Kunstfreunde. Hier ein Erklärungsversuch.

Was: Documenta 14 in Athen
Wann: Seit Samstag, dem 8.4., dem Publikum zugänglich, bis 17.9.
Wo: Erst einmal in Athen, ab 10.6. geht es in Kassel weiter

Kurator Adam Szymczyk bei Pressekonferenz (l.) und Kunst-Event «Transit des Hermes».

Dabei hat sich diese Sache mit dem «Parlament der Körper» zunächst recht kantig angekündigt, das Konzept hatte Potenzial, neuen Wein in die alten Documenta-Schläuche zu pumpen. Die politisch stramm links angesiedelten «34 Freiheitsübungen» folgten, die «die linksradikale Tradition mit dem antikolonialen Selbstbestimmungskampf indigener Bewegungen in Europa» verbinden sollten. Vielleicht fing die Sache schon hier an, aus dem Ruder zu laufen, denn von Anishinaabe-Volk über das Kwakwaka’wakw-Volk bis zu den Samen waren plötzlich so viele Minderheiten vertreten und erbost zugange, dass jeder, der noch nie etwas vom grausamen nordkanadischen Potlatch-Bann gehört hat, sofort ein schlechtes Gewissen bekommen musste.

Masken von Künstler Beau Dick, der Tage vor Eröffnung der Documenta verstorben ist.

Zunächst aber ein Schritt weiter zurück: Mit den Riesenausstellungen verhält es sich wie mit dem Radsport. Bei jeder neuen Veranstaltung erwartet man Rekorde, irgendwelchen Fortschritt, doch möglicherweise ist in beiden Fällen die menschliche Entwicklungsgrenze erreicht.

Die Muskeln und das Herz eines naturbelassenen Radfahrers geben womöglich nicht mehr her. Ebenso gilt: kann die Kunst wirklich noch etwas komplett Neues erfinden? Zweifel sind angebracht. Man hat also zwei Möglichkeiten: Entweder dopt man oder man enttäuscht.

David Knorrs Abfallinstallation im Konservatorium Odeon (l.), realer Abfall hinter der Kunstakademie.

Die Kunst war in den letzten, sagen wir, 10 Jahren, ganz eindeutig auf Dope. Die Werke wurden durch Grösse, kostbare Verarbeitung und astronomische Preise so aufgebläht, dass im Hirn der Besucher jener herrliche Dopaminrausch entstehen konnte, der sie nach immer mehr glamourösen Events verlangen liess. Zigtausende, die sich nach Kassel, Venedig oder Basel aufmachen, um spröde zeitgenössische Kunst wie ein Heiligtum zu bestaunen, sind ein frappierendes Resultat von diesem Prozess.

Kritische Flyer und Inschriften in Athen.

Schon seit einer Weile zeichnet sich allerdings ein Gegentrend ab. Dem Rausch folgt der Kater. Es gibt ein Bedürfnis nach einer neuen Askese, was dem hageren Polen Szymczyk nun zugutekommt. Den Zuschlag für die Documenta bekam er aufgrund seines Konzepts, wie er in seinem Katalogbeitrag erwähnt. Es war also nicht so, dass Szymczyk Kassel Athen untergejubelt hat, sondern er wurde gerade aufgrund der Idee gewählt, sich in Athen mit dem globalen Süden zu verbrüdern.

Verherrlichung und Veräppelung: Tshibumba Khanda Matulus Lumumba-Porträt, Roee Rosens Fantasiegeschichte über Eva Braun und Hitler.

Es müsse eine Form der Zwischenmenschlichkeit geben, lautete die politische These hinter dem geografischen Konzept, die sich irgendwo in der Mitte zwischen der rasenden Vereinzelung der Ich-AG und dem formbaren Menschenbrei des Totalitarismus situiert.

Und weil das Hirn als das bis zur Charakterlosigkeit flexible Organ gilt, verfiel man auf den Körper als die Trägerstruktur der neuen Demokratie. Der Körper, der treue Esel, die ehrliche Haut, immun gegen Fake-News und strukturierte Produkte, sollte Garant einer neuen gesellschaftlichen Redlichkeit werden, in der das Leiden des Einzelnen nicht mit einer grosszügigen Geste vom Verhandlungstisch gewischt werden kann.

Die Leiden des Einzelnen und die Verachtung der Masse: Performance von Kettly Noël.

Der Tätschmeister des Parlaments der (geschundenen) Körper wurde Paul B. Preciado, ein spanischer Kurator und Denker. Das B. in seinem Namen steht für Beatriz, als welche Paul geboren wurde. Als eine Transgender-Person verkörpert der Radikaldenker einerseits das Bedürfnis des modernen Menschen, den Körper ebenso flexibel formen zu dürfen wie den Geist.

Als solche bringt er aber auch eine erhöhte Sensibilität den soziopolitischen Zwängen gegenüber, welche ein Körper bei der Vergesellschaftung erfährt. Preciado soll im Vorfeld der Eröffnung in Athen sehr präsent gewesen sein. Sein Aktivismus kommt aus einer Ecke, die nicht künstlerisch, sondern rein gesellschaftlich motiviert ist. Sein Emanzipationskampf ist wütend und schert sich am allerwenigsten um seine eigenen Widersprüche.

Pressekonferenz mit den Betroffenen eines Neonazi-Verbrechens in Kassel.

Und da fing die Sache mit dem Körper endgültig an, aus dem Ruder zu laufen. Denn, und da liegt vielleicht die ganze Krux des «Parlaments der Körper»: Das Hirn mag das Leiden des Einzelnen wohl allzu leicht ausblenden, der Körper kann es dafür gar nicht. Der Körper ist seiner Emotionalität gnadenlos unterworfen, und es gibt keinen Ausweg daraus. Da steckte also das täglich wachsende Documenta-Team in dieser Queer-Transgender-Minderheiten-Antikapitalismus-Occupy-Betroffenheitssauce und konnte nicht mehr raus.

 

Beatriz Gonzalez, «Decoración de Interiores», ein politisches Werk über Kolumbiens politische Klasse.

Man sah das schon an der Pressekonferenz, wie sie da alle auf der Bühne sassen und jeder schaute, dass er dem anderen nicht vor dem Licht sass, und jeder gab das Mikrofon weiter mit der Bemerkung, dass er nun «my dear colleague» ankündet, und man grüsste nicht «Ladies and gentlemen», sondern «all the others» immer auch dazu. Es mag sein, dass der Journalist, der fragte: «Ist Adam Szymczyk die neue Mutter Theresa?», ein notorischer Störenfried war. Aber irgendwie war die Frage nicht ganz ohne.

Bilder aus Alexandra Bachzetsis Performance «Private Song» im schönen Stadttheater von Piräus.

Darum vielleicht strahlte diese in vielen Ecken doch starke Schau als Ganzes dieses lauwarme Gefühl von «gut gemeint» aus, das im krassen Gegensatz zu Relevanz steht. 

Dabei, es gab Ansätze. Ausgerechnet in der Performance der griechisch-schweizerischen Tänzerin Alexandra Bachzetsis, mit der Szymczyk romantisch liiert ist, sah man tief in den Abgrund der modernen conditio humana. Ihr «pas des trois» zeigte eben kein geschwätziges «Parlament der Körper». Dafür menschliche Leiber, zueinander hingezogen und doch unfähig, eine Umarmung auszuhalten.

Wo ist vorne, wo hinten? Alexandra Bachzetsis auf der Bühne.

Bachzetsis führt gnadenlos und ironisch vor, wie sich diese unseren durchtrainierten, Crunches und Liegestützen gewohnten Körper, dennoch in der Unmöglichkeit der Leidenschaft winden. Das ist Kunst, und sie erscheint dort am besten zu sein, wo sie am meisten Widerspruch aushält.

Von der asketischen Kunst ohne Dope – ja, es braucht ihrer mehr denn je – muss diese geistige Fitness erwartet werden.

Graffiti an der Wand der Kunstakademie. Bilder: Ewa Hess

Stolpernd und irrend

Ewa Hess am Dienstag den 1. November 2016

Der Ruf aus Genf klang geheimnisvoll – man solle sich doch zu einem «Library Talk» im Palais des Nations einfinden. Bibliotheksgeflüster? Am Genfer Sitz der UNO? Was konnte das sein? Die Neugierde allein befahl schon hinzugehen.

Was: UN Library Talk in Geneva
Wann: Freitag, 21.10., abends
Wo: Room XII, Building A, 3rd Floor, Palais des Nations

Links: Palais des Nations, erbaut als Sitz des Völkerbundes, heute das Zuhause der UNO in Genf (Bild: Hess), Rechts: Das «Pantheon der Bücher», ein riesiges Gebäude aus verbotetenen Büchern, von der argentinischen Künstlerin Marta Minujin schon 1973 in Argentinien errichtet, jetzt noch grösser für die documenta 14 in Kassel geplant

Links: Palais des Nations, das Zuhause der UNO in Genf (dieses und weitere Bilder, falls nicht anders erwähnt: ewh). Rechts: Der «Parthenon der Bücher», ein riesiges Gebäude aus verbotenen Büchern, von der Künstlerin Marta Minujin schon einmal 1973 in Argentinien errichtet (Bild: Documenta 14), jetzt noch grösser für Kassel geplant.

Aber auch die Namen der Beteiligten lockten. Adelina von Fürstenberg hat eingeladen. Die Genf-Armenierin und Gründerin der Organisation Art for the World steht bekanntlich für die allermenschlichste Kunstauffassung. Sie hat den Künstler Barthélémy Toguo eingeladen – er gibt alles, was er mit seiner Kunst verdient, an den Bau eines Kulturzentrums in seiner Heimat Kamerun. Sie hat den Leiter der brasilianischen Kunstbehörde Sesc eingeladen, Professor Danilo Santos de Miranda. Und den geheimnisumwitterten Polen Adam Szymczyk, dessen zweigeteilte Documenta 14 bald in Athen (April 17) und dann auch in Kassel (Juni 17) aufmacht. Auch Pro-Helvetia-Präsident Charles Beer hat das Wort ergriffen. Kurz und gut, es war hochkarätig, im allerbesten Sinn.

Bibliotheks-Geflüster: der kamerunische Künstler Barthélémy Toguo, die Talk-Organisatorin Adelina von Fürstenberg, Sesc-Chef Professor Danilo Santos de Miranda (v. l.).

Zuerst ein Geständnis: So ein Gang durch die marmorgesäumten Korridore der UNO wirkt – ob man es wahrhaben will oder nicht – erhebend. Sogar der Kulturbeauftragte der Stadt Basel, Philippe Bischof, einer der freundlichsten Kulturbeamten des Landes, sah auf einmal ehrfürchtig feierlich aus. Schliesslich standen wir da an jenem Ort, wo einst die Völker beschlossen haben, zum Wohle des Planeten Friedenspläne zu schmieden. Es klappte nicht, der Zweite Weltkrieg ist trotzdem ausgebrochen. Die Nachfolgerin des damaligen Völkerbundes, die heutige UNO, schafft es ebenfalls nicht immer, alle Krisen zu verhindern.

Wie im Film (könnte auch ein Kubrick-Schocker sein): die Korridore des Palais des Nations beim Einnachten

Wie im Film: die Korridore des Palais des Nations beim Einnachten. Links Michela Negrini (dipcontemporaryart Lugano), rechts Philippe Bischof, Kulturchef der Stadt Basel.

Charles Beer, der Chef der Pro Helvetia, definierte die Intoleranz als eine Art Identitäts-Krampf. Weil wir nicht mehr wissen, wer wir sind, verkrampft sich etwas in uns, was sich dann als Fremdenhass äussert. Das Rezept der Pro Helvetia: kulturelle Massage, also Transfer unserer Kultur zu den Fremden und der fremden Kultur zu uns. Stetig und sanft angewendet, verhindert es die gefährlichsten Krampfattacken, glaubt Beer.

Das Gemälde im Saal 12 der UNO, wo das Library-Talk stattfand, stammt noch vom alten Völkerbundpalast her, gemalt hat es der italienische Maler und Journalist

Der Bau eines Gebäudes zum Wohle des Planeten (links): Das Gemälde im Saal 12 der UNO, wo der «Library Talk» stattfand, stammt noch vom alten Völkerbundpalast her, gemalt hat es der italienische Maler und Journalist Massimo Campigli (1895–1971). Rechts: Pro-Helvetia-Präsident Charles Beer.

Barthélémy Toguo zeigte sich als ein äusserst sympathischer Kerl, doch so richtig erstaunt hat uns erst der brasilianische Professor Danilo Santos de Miranda. Der Mann ist Anthropologe und verteilt seit bald zwanzig Jahren die immensen Kulturgelder der Sesc. Es handelt sich dabei um eine vor 48 Jahren eingeführte Lohnsteuer, die von den Firmen Brasiliens erhoben wird und der Kultur zufliesst, 1,5 Prozent von der Lohnsumme. So etwas wie Migros Kulturprozent, nur dass es jede Firma entrichten muss. Da es der brasilianischen Wirtschaft gut geht, hat die Sesc immer mehr Geld. Eigentlich schwimmt sie im Geld: 600 Millionen Dollar im Jahr. Die Organisation leistet aber auch Erstaunliches, und zur Kultur gehören auch Schwimmbäder, Medizin, Kreativkurse – ein sehr inklusives Konzept.

Documenta-Chef Adam Szymczyk verrät uns seine Pläne für die kommende Documenta (links, Photo Bischof), auch Fluchtweg-signalisation entbehrt im UNO-Gebäude nicht einer gewissen Dramatik.

Documenta-Chef Adam Szymczyk verrät uns seine Pläne für die kommende Documenta (links, Photo Bischof); auch Fluchtweg-Signalisation entbehrt im UNO-Gebäude nicht einer gewissen Dramatik.

Inklusivität fordert auch die Documenta 14. Die Einbeziehung des Publikums ist die lauteste Parole des kuratorialen Teams um den Ex-Kunsthalle-Basel-Chef Adam Szymczyk. Der schweigsame Pole ist ein Superstar unter den Kuratoren (gerade Nr. 2 der ArtReview Power List geworden). Die «New York Times» hat einst behauptet, es liege bestimmt auch an seinem coolen Popstar-Aussehen. Hat etwas! Gross, hager, das dreieckige Katzengesicht immer hinter dem Stirnfransen-Vorhang versteckt – Adam Szymczyk ist schon eine Erscheinung wie nicht aus dieser Welt. Er spricht gerne in gelehrten Rätseln, und das tat er auch in Genf; doch ich werde übersetzen.

Enigmatische Blicke, komplexe Konzepte: Adam Szymczyk (hier nach dem Talk mit Assistent Krzysztof Kosciuczuk) lässt sich nicht trivialisieren. Rechts immer noch die monumentale signaletik der UNO.

Enigmatische Blicke, komplexe Konzepte: Adam Szymczyk (hier nach dem Talk mit dem Assistenten Krzysztof Kosciuczuk) lässt sich nicht trivialisieren. Rechts wieder die monumentale Signaletik der UNO.

Also, liebe Leserinnen und Leser der Private View: Hier kommt eine Vorschau auf die Documenta 14 – ein kleines Glossar – für die neugierigen Early Adopters.

  1. Wir werden rückwärtsschauen. Szymczyks Theorie geht so: Die Geschichte Europas ist nach dem Zweiten Weltkrieg falsch gelaufen (Stichwort: Marshallplan). Darum sind wir an dem seelenlosen, profitorientierten und unempathischen Ort gelandet, wo wir jetzt leben. Es gab aber Ansätze einer besseren Entwicklung, man hat sie nur damals übersehen. Es ist aber noch nicht zu spät!
  2. Wir werden in die Pflicht genommen. Passive Kunstbeschauer will Szymczyk weder in Kassel noch in Athen dulden. Man muss sich mit den Kunstwerken und den Prozessen, die zu ihrer Entstehung geführt haben (sie sind bereits im Gange), intensiv auseinandersetzen. An die Arbeit, meine Damen und Herren!
  3. Die Sprache wird im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Einerseits in Form von diversen Urkunden (schliesslich heisst es ja Documenta), etwa Rerum Novarum, die päpstliche Enzyklika von 1891, welche die Paramater der katholischen Soziallehre definierte, oder die Menschenrechtserklärung von 1948 oder der Code noir des französischen Königs Louis XIV von 1658, der die Bedingungen der Sklaverei festlegte. Aber auch als «Sprache der Unmenschlichkeit», so wie sie der deutsche Schriftsteller Viktor Klemperer in seinem Werk «Lingua Tertii Imperii (1947)» am Beispiel der Sprache der Nationalsozialisten analysierte. 
  4. Einiges wird sich um die «griechischen Probleme» drehen, Stichwort monetäre Systeme. Es wird der Vergangenheit des Euro nachrecherchiert, bis zur «Konklave von Rothwesten», an der ein Ami namens Edward A. Tenenbaum den Deutschen die Währungsreform diktiert hat und den harten Schnitt von der Reichsmark zur Bundesmark befahl. 
  5. Alles in allem eine sehr politische Documenta. Das Werk «Parthenon der Bücher» der argentinischen Künstlerin Marta Minujin, schon jetzt im Entstehen begriffen, wird bestimmt spektakulär! Sie baut den Parthenon in Kassel nach, im Originalformat und aus Büchern, die irgendwo auf der Welt verboten sind. Sie hat es schon einmal gemacht in ihrer Heimat Argentinien, als die Militärjunta-Herrschaft fertig war.
  6. Und hier noch eine kleine Liste mit Namen der Cicerones, also der Figuren, die uns durch diese Documenta führen werden. Wie sagte es Szymczyk so schön? «These and other figures help us to navigate the darkness and complexity of experience we are immersed in as we move on, stumbling and erring.» (Diese Figuren helfen uns, die komplexe Dunkelheit unserer Erfahrung zu durchqueren, wenn wir uns, stolpernd und irrend, vorwärtsbewegen …)
Szymczyks Visionäre: (Obere Reihe von links) Schweizer Architekt Lucius Burckhardt, griechischer Komponist Janni Christou , deutscher Schriftsteller Viktor Klemperer, (untere Reihe von links) Brasilianischer Theatermacher Augusto Boal, Mexikanischer Dichter Ulises Carrion, polnischer Architekt Oskar Hansen

Szymczyks Visionäre: (obere Reihe von l.) Schweizer Architekt Lucius Burckhardt, griechischer Komponist Jani Christou, deutscher Schriftsteller Viktor Klemperer, (untere Reihe von links) brasilianischer Theatermacher Augusto Boal, mexikanischer Dichter Ulises Carrion, polnischer Architekt Oskar Hansen (Bildernachweis: SRF, Pemptousia, «Tagesspiegel», Haikudeck, «Bombmagazine», Ciolek/Fotonowa)

Oskar Hansen (1922–2005), polnisch-norwegischer Architekt, mit einer Theorie der «offenen Form», welche die Subjektivität des Bauenden ausgleicht.

Augusto Boal (1931–2009, brasilianischer Theaterautor mit der Theorie des «Theaters der Unterdrückten», einer Art theatralischer Aktivierungstherapie für Bürger.

Ulises Carrion (1941–1989), mexikanischer Dichter, der die Zeile gedichtet hat über «das Blut, welches aus der Wunde fliesst, welche die Sprache dem Mann zugefügt hat» (und der Frau auch, fügt Szymczyk, immer politisch korrekt, dazu).

Viktor Klemperer, der kluge Holocaust-Überlebende mit seiner Detektivarbeit über die Sprache der Unmenschen.

Lucius Burckhardt, der Basler Architekt, den bereits Hans Ulrich Obrist als den Patron der letzten Architekturbiennale sah – er lehrte an der Universität Kassel und erfand die Wissenschaft der Promenadologie, eines sehenden und erkennenden Spaziergangs.

Jani Christou, der griechische Komponist, Freund von Mikis Theodorakis, der jung starb (in einem Unfall) und das sogenannte Continuum erfand, einen Versuch der orchestralen Improvisation.

Hello and goodbye

Claudia Schmid am Dienstag den 23. September 2014

Was für ein heiterer Mensch! David Lamelas streift durch die Kunsthalle und plappert viersprachig mit den Gästen, als sei er mit allen befreundet. Der 68-jährige Argentinier setzt sich auch mal hinter die Ticketeria und ruft mit dem Festnetztelefon mitten im Gewühl seine Schwester in Buenos Aires an. Er erreicht sie dann allerdings nicht. Lamelas (sprich: LAmelas, nicht LamelAS), ein Pionier der Konzeptkunst der 60er- und 70er-Jahre, verwandelt sich später in einen Zauberkünstler und zelebriert eine Performance, an der auch Adam Szymczyk, Direktor der Kunsthalle, teilnimmt. Dieser bleibt noch bis Ende Oktober, danach ruft ihn die Documenta nach Kassel.

Was: Die Ausstellungseröffnungen «David Lamelas, V» und «Festival of the Eleventh Summer»
Wo: Kunsthalle Basel
Wann: Samstag, 20. September, 19 Uhr. Ausstellungsdauer bis 2. resp. 16.11.2014

Trotz der gleichzeitig stattfindenden Benefizgala in der Fondation Beyeler (der Abend war sehr schön!) fanden unentwegte Kunst-Aficionados am Samstagabend den Weg in die Kunsthalle Basel zur Eröffnung der zwei neuen Ausstellungen. Es gab genug Tannenzäpfle, das süddeutsche Hausbier der Kunsthalle, und man stand sich nicht auf den Füssen herum.

Kuratorin Mara Berger, Noch-Kunsthalle-Chef Adam Szymczyk mit dem legendären Lamelas, Kurator Fabian Schöneich mit dem Künstler Raphael Hefti

Co-Kuratorin Mara Berger, Noch-Kunsthalle-Chef Adam Szymczyk mit dem ausstellenden Künstler, der Konzeptkunstlegende David Lamelas, Kurator Fabian Schöneich (soeben an den Portikus in Frankfurt berufen) mit dem Künstler Raphael Hefti.

Das war gut so, denn die Ausstellung von David Lamelas (kuratiert von Ruth Kissling mithilfe von Mara Berger) brauchte Luft und Platz, um ihre Wirkung zu erzielen. Lamelas’ Arbeit «Time» etwa besteht nur aus zwei Fotografien und einer weissen Linie auf dem Boden. Die Linie soll die Besucher dazu auffordern, sich nebeneinander in eine Reihe zu stellen.

Das machen die Gäste Punkt 20 Uhr auch brav – denn Lamelas bittet zur Performance. Nach 1970, als er in den französischen Alpen diese erstmals aufführte, soll an diesem Abend die seither erste Wiederholung stattfinden. Die Performance geht so: Die erste Person der Reihe – in diesem Fall Adam Szymczyk – nennt die Zeit, zählt still eine Minute hinunter und lässt dann den Nachbarn eine Minute weiterzählen. Lamelas, der einen weiten, glänzenden Mantel trägt und die Leute anweist, sieht jetzt tatsächlich aus wie ein Zauberkünstler. Und es ist lustig zu sehen, wie nervös gewisse Leute sind, weil sie auf dieser Linie gefangen sind und warten müssen, bis sie mit Zählen dran sind.

Tannzäpfli-Biel, Lamelas ruft die Schwester in buenos Aires an, die Zeit-Performance geht los

Tannenzäpfle-Bier, Lamelas ruft die Schwester in Buenos Aires an, die Zeit-Performance.

Viele Gäste, darunter (Nachwuchs-)Künstler wie Gina Folly (betreibt in Zürich mit Freunden das Offspace Taylormacklin), Kilian Rüthemann (im Stiftungsrat der Kunsthalle Basel), Raphael Hefti oder Fabio Pirovino, machen nicht mit und gehen Bier trinken. Andere, etwa Liste-Chef Peter Bläuer, harren auf der Linie aus. Es wird eine gute halbe Stunde dauern, bis die gut 30 Leute ihre Minute durchgezählt haben – also gehts in der Zwischenzeit ab in die zwei weiteren Räume der Ausstellung.

Auch im Video «18Paris IV.70» (1970) beschäftigt sich Lamelas mit der Zeit. Es zeigt drei Freunde des Künstlers, darunter Daniel Buren, die je drei Minuten an drei verschiedenen Orten in Paris gefilmt werden. Ohne dass die Akteure viel machen, vergehen jeweils drei Minuten. Im Handyzeitalter, wo man kaum eine «leere» Minute verbringen kann, ist das Video kaum auszuhalten. Man wird total nervös und wartet darauf, dass die drei Minuten endlich vorbeiziehen.

Das Spiel mit der Zeit ist ein Hauptthema des Biennale-Teilnehmers von 1968, dessen Kunstwerke nicht nur aus Performances und experimentellen Filmen, sondern auch aus Skulpturen und Fotos bestehen. Weder geografisch – er pendelt zwischen Los Angeles, Paris und Buenos Aires – noch «medientechnisch» ist Lamelas ein steter Mensch. Den Moment, also die Zeit, in Kunst zu fassen, gibt ihm ein Zuhause.

Historische Performance-Fotos von David Lamelas: In der Mitte mit Hildegard duane bei den Dreharbeiten zum Film «Diktator», rechts ein Filmstill aus 18Paris IV.70

Historische Performance-Fotos von David Lamelas: In der Mitte mit Hildegarde Duane bei den Dreharbeiten zum Film «The Dictator», rechts ein Filmstill aus «18Paris IV.70».

Apropos zu Hause: Adam Szymczyk verlässt demnächst seine zweite Heimat Basel, wo er zehn Jahre gelebt hat, und geht nach Kassel, wo er bekanntlich Documenta-Chef wird. Ende Oktober soll es einen Abschiedsapéro für ihn geben – allerdings weiss Szymczyk das Datum nicht auswendig. «Ich glaube, es ist am 30. Oktober.» Was er an Basel vermissen werde? «Everything!», sagt er knapp – wie das der Stil des wortkargen Polen ist. Doch «alles», das sagt doch alles. Elena Filipovic, die per 1. November seine Nachfolgerin wird (und übrigens wie er einen slawischen Namen trägt, wenn sie auch in den USA aufgewachsen ist), zieht erst Ende Oktober nach Basel – sie war an der Vernissage nicht anwesend.

Fakt ist: Szymczyks Weggang hat im Kunsthalle-Team für Veränderung gesorgt. So wechselt Kurator Fabian Schöneich zum Frankfurter Ausstellungshaus Portikus. Die Ausstellung «Festival of the Eleventh Summer», die im Parterre der Kunsthalle parallel zu Lamelas Schau eröffnet wird, ist denn die letzte, die Schöneich kuratiert.

Ronnie Füglister, der das Ausstellungsplakat und die neue Website der Kunsthalle entworfen hat, Künstler Fabio Pirovino und Gina Folly, das Programm des historischen Festivals «of tenth summer»

Ronnie Füglister, der das Ausstellungsplakat und die neue Website der Kunsthalle entworfen hat, Künstler Fabio Pirovino und Gina Folly (Mitte), das Programm des historischen «Festival of the Tenth Summer» in Manchester.

Der Titel bezieht sich auf das «Festival of the Tenth Summer», das 1968 in Manchester stattfand und an dem Konzerte, Mode, Bandvideos oder Fotoausstellungen gezeigt wurden. Das Kunsthalle-Festival ist ebenfalls eine Hommage an die Musik und zeigt etwa die Plattencoversammlung des ehemaligen Kunstleiters der HGK, René Pulver, der auch anwesend ist. Podiumsdiskussionen und Konzerte sind genauso geplant wie wechselnde Videoarbeiten. Schöneich möchte mit seinem Festival explizit die Rolle von Kulturinstitutionen wie der Kunsthalle hinterfragen. Doch reicht das öffentliche Rahmenprogramm, um «unterschiedliche Bevölkerungsschichten der Stadt» anzuziehen? Am 16.11, wenn das Festival fertig ist, weiss Schöneich mehr.

Was wir wissen: Das erste Konzert des Portugiesen Garcia da Selva, der auf die Tasten seines Pianos einschlug, machte etwas Kopfweh. Aber vielleicht war es auch das warme Wetter.

Zurich Contemporary Weekend: Wer, wo, warum

Ewa Hess am Donnerstag den 19. Juni 2014

Das Weekend vor der Art (dieses Jahr also der 14. & 15. Juni) wird traditionellerweise in Zürich gefeiert. Folgen Sie «Private View» auf dem Trek durch Anlässe und Galerien.

Galerie Eva Presenhuber: Blicke in die Ausstellung von Valentin Carron

Galerie Eva Presenhuber: Blicke in die Ausstellung von Valentin Carron (das schwingende Röckchen gehört Michelle Nicol)

Galerie Karma International: (im Uhrzeigersinn) die Ausstellende Künstlerin Pamela Rosenkranz (sie wird den Schweizer Pavillon an der kommenden Venedig-Biennale bespielen) mit Piper Marshall, ehemals Kuratorin des Swiss Institute in New York, gegenwärtig bei der Galerie Mary Boone in NY, Galeristin Karolina Dankow (das Kar von Karma), Giovanni Carmine (Kunsthalle St. Gallen) mit Designer Scipio Schneider, Marina Olsen (das Ma von Karma) mit

In der Ausstellung von Pamela Rosenkranz in der Galerie Karma International: (im Uhrzeigersinn) die ausstellende Künstlerin Pamela Rosenkranz (in Blau, sie wird den Schweizer Pavillon an der kommenden Venedig-Biennale bespielen) mit Piper Marshall (mit Kepi), ehemals Kuratorin des Swiss Institute in New York, gegenwärtig bei der Galerie Mary Boone in NY, Galeristin Karolina Dankow (mit Dose, das Kar von Karma), Designer Scipio Schneider (mit Bier) und Giovanni Carmine (mit Bart, Kunsthalle St. Gallen), Marina Olsen (in zu Rosenkranzs Bildern passendem Rosa, das Ma von Karma) mit der Kuratorin Julia Moritz (zuständig für Theorie und Vermittlung an der Kunsthalle Zürich)

Galerien Zürich West: (Uhrzeigersinn) Etienne Lullin vor einem Werk Dieter Roths in seiner Galerie Lullin + Ferrari, Kunsthistorikerin Laurence Frey mit Sohn Niki, Peter Kilchmann mit seiner Künstlerin Erika Verzutti (in der Mitte) und der Präsidentin der Eidgenössischen Kunstkommission Nadia Schneider Willen, Patrick Frey und Chefin des Kunsthauses Aarau Madeleine Schuppli

Galerien Zürich West: (Uhrzeigersinn) Etienne Lullin vor einem Werk Dieter Roths in seiner Galerie Lullin + Ferrari, Kunsthistorikerin Laurence Frey mit Sohn Niki in der Ausstellung von Carron bei Eva Presenhuber, Peter Kilchmann mit seiner Künstlerin Erika Verzutti (in der Mitte) vor einem Werk Verzuttis und mit der Präsidentin der Eidgenössischen Kunstkommission Nadia Schneider Willen, Chefin des Kunsthauses Aarau Madeleine Schuppli (in malerischer Bluse)  und Verleger Patrick Frey vor den Töfflis Carrons

Vernissagenparty bei Karma International in Wipkingen: Galerist Oskar Weiss, Künstler Stefan Burger und Lola Kremer, Documenta-Chef Adam szymczyk, Parkett-Herausgeberin Jacqueline Burckhardt

Vernissagenparty bei Karma International in Wipkingen: Galerist Oskar Weiss (mit eingehängter Brille), Künstler Stefan Burger und Lola Kremer, Documenta-Chef Adam Szymczyk (im weissem Hemd), Parkett-Herausgeberin Jacqueline Burckhardt (rosa Bluse)

Zurich Art Dinner im Restaurant LaSalle: Festredner und Stadtrat Filippo Leutenegger, Galerist Jean-Claude Freymont-Gut, Migrosmuseum-Direktorin Heike Munder, Galeristin Eva Presenhuber

Zurich Art Dinner im Restaurant LaSalle: Festredner und Stadtrat Filippo Leutenegger, Galerist Jean-Claude Freymont-Gut, Migrosmuseum-Direktorin Heike Munder und Kurator Raphael Gygax, Galeristin Eva Presenhuber (mit erhobener Hand) spricht mit der Künstlerin Monica Bonvicini (Palmenbluse)

Zurich Art Dinner: Art-Basel-Chef Marc Spiegler, Swiss-Institute-NY-Präsidentin Fabienne Abrecht, Sammlerin Gitti Hug, Künstler Ugo Rondinone (mit Bart) und Sammler

Zurich Art Dinner: Art-Basel-Chef Marc Spiegler, Swiss-Institute-NY-Präsidentin Fabienne Abrecht, Sammlerin Gitti Hug, Künstler Ugo Rondinone (mit Bart) und Sammler

Zurich Art Dinner: Kunstmuseum-Winterthur-Chef Dieter Schwarz und Gattin Beatrice, Swiss-Institute-NY-Chef Simon Castet mit Kurator Daniel Baumann und der New Yorker Journalistin Linda Yablonsky, Dorothea Strauss (ehemals Haus Konstruktiv, jetzt Mobliiar) mit Mobiliar-CEO Markus Hongler

Zurich Art Dinner: Kunstmuseum-Winterthur-Chef Dieter Schwarz und Gattin Beatrice, Galeristenpaar Melanie und Damian Grieder am Tisch mit Kurator Kenny Schachter, Swiss-Institute-NY-Chef Simon Castet (blauer Veston) mit Kurator Daniel Baumann (mit Brille) und der New Yorker Journalistin Linda Yablonsky, Dorothea Strauss (ehemals Haus Konstruktiv, jetzt Mobiliar) mit Mobiliar-CEO Markus Hongler, hinter ihr stehend Kurator Christoph Doswald

Art-in-the-Park-Lunch im Baur Au Lac: Art-in-the Park-Gründerin und Baur-Au-Lac-Hausherrin Gigi Kracht mit Yves-Klein-Witwe Rotraut, Werber Dominique von Matt, «Sculpture aérostatique» kurz bevor sie in die Luft fliegt

Art-in-the-Park-Lunch im Baur Au Lac: Art-in-the Park-Gründerin und Baur-Au-Lac-Hausherrin Gigi Kracht mit Yves-Klein-Witwe Rotraut, Werber Dominique von Matt, «Sculpture aérostatique», kurz bevor sie in die Luft fliegt