Gekaufter Feminismus?

Ewa Hess am Dienstag den 14. März 2017

Grosser Bahnhof für eine kleine Skulptur: Kristen Visbals Bronzeskulptur «Fearless Girl» hat letzte Woche nicht nur das Internet in Ekstase versetzt.

Man ist begeistert, verblüfft, irritiert: Ein unerschrockenes Mädchen bietet dem «Charging Bull» der Wallstreet die Stirn! Übers Wochenende haben sich Besuchermassen um das kleine Bronzemädchen versammelt, und der daraus resultierende Selfie- und Schnappschusswettbewerb kann auf Instagram unter dem Hashtag #fearlessgirl bewundert werden. «Know the power of female leadership», steht auf der Plakette zu Füssen des Mädchens. Sie soll jungen Frauen symbolische Kraft spenden, um die Karriereleiter zu erklimmen und die berüchtigte Glasdecke zu durchbrechen.

Bild via Instagram (istandforwomen)

Symbolisch hat die Konstellation total eingeschlagen: Ein Mädchen trotzt dem Finanzbullen. Die einen denken, es sei eine Herausforderung an den rasenden Neoliberalismus, die anderen interpretieren, der Bulle könnte der altmodisch denkende Präsident Trump sein und die Kleine eine neue aufgeklärte Generation symbolisieren, die ihm die Stirn bietet. Noch andere setzen dem Mädchen einen Pussy-Hat auf und verfluchen das Patriarchat. Ein stupider Passant, mental irgendwo in den übergriffigen 90s steckengeblieben, versuchte sogar, die Skulptur zu bespringen.

Wer ist der Bulle? Kapitalismus? Trump? Männliche Karriere-Konkurrenten? An der Wallstreet herrscht Verwirrung. (Bild: Guardian)

Inzwischen ist eine ganz andere Debatte entbrannt. Sie heizt sich an der Tatsache auf, dass die Skulptur des Mädchens, die in ihrer eigenen Pressemitteilung «den Guerilla-Aspekt ihres Standorts» anpreist, in Wirklichkeit eine PR-Aktion ist. Sie ist auf dem Reissbrett der mächtigen Werbeagentur McCann New York entstanden – die Werber gaben der Künstlerin Visbal den Auftrag, das «furchtlose» Mädchen in Bronze zu giessen. In Wirklichkeit war der Bulle einst eine Guerilla-Aktion, als ihn sein Schöpfer Arturo di Modica 1989 über Nacht auf die Strasse stellte. Er sollte eigentlich den Pioniergeist Amerikas verkörpern. Erst später wurde er zum Symbol der Finanzgier.

Trotz aufmüpfiger Aussage: Hier war die feministische Künstlerinnengruppe Gorilla Grrrls nicht am Werk. (Bild: Instagram)

Die bisherige Tätigkeit der Auftragskünstlerin Kristen Visbal ist bei weitem nicht so heroisch wie di Modicas Aktion. Die Dame aus Lewes, Delaware, giesst in Bronze US-Legenden wie den Gründervater Alexander Hamilton (mit einem Superman-Cape) oder die American-Football-Legende Bob Hayes (mit einer olympischen Fackel) sowie allerlei eigene Jööö-Sujets wie Delfine mit Meernixe oder Labradorhunde. Von Guerilla-Aktion kann auch keine Rede sein, denn die einflussreiche Agentur und ihr noch einflussreicherer Auftraggeber (davon später) hatten eine offizielle Erlaubnis der Stadt für die Platzierung an der Wallstreet. Vorerst für zehn Tage, mit einer Option auf Verlängerung.

Andere Skulpturen von Kristen Visbal: Footballlegende Bob Hayes, Gründervater Alexander Hamilton, Künstlerin mit dem Gipsguss ihrer Delfinkomposition (Bilder courtesy K.Visbal)

Nun gehört der Werberiese McCann nicht eigentlich zu jenen Firmen, die durch besonders fleissige Frauenförderung glänzen. Und schon gar nicht in den oberen Etagen. Wie inzwischen einige Kommentatoren hämisch nachgerechnet haben, besteht die Geschäftsleitung des Werbers aus 11 Personen, wovon 3 Frauen sind (was immerhin 27% Prozent ausmacht, eine Frauenquote, die mancher Schweizer Firma ganz gut anstehen würde). Was allerdings den eigentlichen Geldgeber der Aktion anbelangt, so ist die kleine Frauenquote in der Geschäftsleitung das kleinste seiner Probleme. State Street Global Advisors, wie der Geldgeber heisst, könnte zwar locker mit einer auf Street-Art spezialisierten Antiglobalisierungs-Kampfgruppe verwechselt werden. Falscher könnte man allerdings nicht liegen, denn SSGA ist der drittgrösste Geldverwalter dieses Planeten, mit 2,4 Billionen Dollar unter seinen Fittichen (und ich meine wirklich Billionen, engl. Trillions!)

Der Hauptsitz der State Street Global Advisors in Boston und ihr CEO Ronald P. O’Hanley. (Bilder SSGA)

Wie gesagt, SSGA ist eine Firma, die einiges auf dem Kerbholz hat. Auch wenn sie sich jetzt als Vorkämpferin der Frauenrechte inszeniert, schert sie sich um jene normalsterblichen Frauen, die von ihrem mageren Salär Familien durchbringen müssen, für gewöhnlich wenig. 2007 stand SSGA mitten im US-Hypotheken-Skandal, indem sie jene berüchtigten toxischen Portfolios an Pensionskassen verkaufte, ohne ihnen die wahre Struktur der darin enthaltenen Papiere zu verraten. Eine halbe Milliarde Verlust resultierte daraus – und viele verloren ihre Altersvorsorge. Erst vor einem Monat stand die SSGA schon wieder in den Schlagzeilen, weil sie ihre eigenen Kunden beschiss, indem sie ihnen zu hohe Gebühren verrechnete.

Nun will die SSGA all die vielen, vielen von ihr mit Finanzspritzen versehenen Firmen (und auch sich selbst) dazu bringen, dass sie mehr Frauen auf die oberste Etage lassen. Warum? Eine Pressesprecherin der Firma erklärt das meinem Kollegen Nick Pinto von «Village Voice» so: «Weil, wie McKinsey errechnet hat, die Frauen nachweislich bessere Profite erwirtschaften.»

Geldbringerin? Die Kleine bietet Raum für Interpretation. (Bild: New York Daily News)

Auf dieser zynischen Note könnte man den Beitrag zum firmengenerierten «Fake-Feminismus» von Mad Men’s Gnaden beenden. Doch irgendwie ist da doch mehr, finden Sie nicht?

Die starken symbolischen Bilder, das ist doch gerade das Gute an ihnen, können auch auf dem Miststock zu Kunst mutieren. Was die Multis wollten: Mehr Frauen finden, die mit ihren Finanzmanipulationen andere Frauen übers Ohr hauen. Passiert ist aber etwas anderes. Die Menschen haben Besitz vom Bild genommen, es sich angeeignet. Für jeden steht das #fearlessgirl für etwas anderes. Meistens für einen Inhalt des persönlichen und gesellschaftlichen Widerstands.

Und für Sie? Schreiben Sie mir! Ich freue mich, Ihre Interpretation des ambivalenten Kunstwerks kennen zu lernen.

(Bilder: New York Daily News)

 

3 Kommentare zu “Gekaufter Feminismus?”

  1. Wildberger sagt:

    Starke Bilder werden zwar gern für irgend etwas vereinnahmt, aber in unserer Werbespotkultur sind es am Ende nur noch Bilder in einer Bilderflut und jede Interpretation wird zum Fake oder Betrug.

    • Peter Loren Kunz sagt:

      Wie können Sie das wissen? Einer aus Siebenmilliarden Menschen, wovon hunderte von Millionen Photos schiesst und mit Sicherheit einhundert Millionen Selfies produzieren. Bilder sind wichtiger als es Worte sind. Wir, “WIR” sind doch die Bilder, das erste was wir sehen, wenn wir jemanden treffen. Wo bleibt jetzt ihre Aussage.

  2. Kristina sagt:

    Vom Lederstrumpf zum Langstrumpf?

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