London Calling!

Blog-Redaktion am Mittwoch den 21. Dezember 2016

Die Private-View-Sondergesandte in der britischen Kapitale Brigitte Ulmer* meldet sich rechtzeitig vor den Festtagen mit Galerientipps und Reviews. Für den Fall, liebe Leserin und lieber Leser, dass Ihr Hunger auf Plumpudding erwacht!

Hier ihr Bericht:

Wir wissen es längst: In der hehren Welt der Künste ist Marketing genauso wichtig wie die phänomenologische Theorie von Merleau-Ponty. Und damit wäre vielleicht auch der Überhang an Malereiausstellungen in London zu erklären. Und mit dem Synergieeffekt. Zurzeit wird Malerei in der Royal Academy mit der allseits bejubelten Titanen-Schau der Abstrakten Expressionisten gefeiert, und südlich der Themse mit Robert Rauschenberg, in der Tate Modern.

Painting rules: Die Titanen Arshile Gorky (links) und Mark Rothko (Mitte) in der «Abstract Expressionists»-Schau in der Royal Acadamy, Robert Rauschenberg (rechts) in der Tate Modern. (Courtesy RA, Tate)

Im Windschatten der Grossschauen nutzen die Galeristen die Marketinganstrengungen der Museen, bespielen ihre Räume mit viel Malerei, und zeigen, dass Pinsel, Öl und Leinwand auch in Zeiten von Instagram und Video nicht totzukriegen sind. Die Saatchi Gallery wartet mit «Painters’ Painters» auf. Die beiden Grossen – White Cube und Lisson Gallery – mit Abstraktem und Figürlichem.

Was:
Jason Martin, Lisson Gallery, bis 7. Januar.
Magnus Plessen, White Cube, Mason’s Yard, bis 14. Januar.
Painters’ Painters, Saatchi Gallery, bis 28. Februar.
Zaha Hadid, Early Paintings and Drawings; Serpentine Sackler Gallery, bis 12. Februar
Wo: London

Londons Galerie-Platzhirsche: Nicholas Logsdail von der Lisson Gallery, Jay Jopling, Gründer der White Cube (hier mit der Künstlerin Tracey Emin). (Bilder: blouinartinfo, artobserved) 

Nicholas Logsdail (an jeder Art Basel zu erkennen an seinen wachen, liebenswürdigen Augen und seinem haarlosen Haupt) und seine Lisson Gallery haben nicht nur den Londoner Kunstaufbruch der 60er-Jahre mitbegründet (er stellte früh Minimalisten und später prägende Künstler wie Anish Kapoor, Tony Cragg und Richard Deacon aus). Logsdail hat auch heute ein gutes Händchen, was jüngere Kunst betrifft. Zum Beispiel mit Jason Martin (geb. 1970 in Jersey). Er ist mit dem Riesenspachtel aus dem Baumarkt am Werk, und das Resultat seiner Art von Actionpainting ist ein Zwitter zwischen Malerei und Skulptur. Mit heftiger Geste aufgetragene Acrylschichten bilden sich zu wellenartigen Formationen, zu Wellenbrechern, zu Moränen, zu Ausstülpungen, zu Spalten, Graten, Felsvorsprüngen, Tälern: ein abstrakter Landschaftsmaler! Grandios.

Abstrakter Landschaftsmaler? Jason Martin in der Lisson Gallery. Links: «Payne’s Grey/ Ivory Black», rechts: «Untitled (Coral Orange / Vermilion)», Mitte: Ausstellungsansicht. (Bilder wenn nicht anders erwähnt: B. Ulmer)

Der zweite Platzhirsch in London, Jay Jopling mit seiner White Cube Gallery (er «machte» in den fernen Neunzigerjahren die Young British Artists Damien Hirst und Tracey Emin) demonstriert mit einer Schau des Hamburger Künstlers Magnus Plessen Trendaufgeschlossenheit. Von Plessens Leinwänden starren einen deformierte Menschen an, mit Fratzen und zertrennten Körpern und Gliedmassen, die der Maler — inspiriert von Bildern von Kriegsverwundeten des Ersten Weltkriegs — neu zusammengesetzt hat. Sie setzen malerische Kompositionsgesetze wie Perspektive ausser Kraft, und sie sind (leider) auch ein Echo darauf, was zurzeit das TV aus diversen Kriegsgebieten sendet.

Magnus Plessen, alle Bilder heissen «Untitled» 2016, aus der Ausstellung «The Skin of Volume».
Die Bilder stammen alle aus der «1914»-Serie (als Anspielung an den Ersten Weltkrieg).

Dritter Platzhirsch, die Saatchi Gallery, mit einem Auge immer auch auf Einschaltquote aus, präsentiert eine Schau, die einen grossen Anspruch hat: Künstler auszustellen, die die Künstler von morgen beeinflussen. Dexter Dalwood (1960 in Bristol geboren und vor ein paar Jahren zum Turner Prize nominiert) ist einer der Spannenderen unter den Auserwählten.

Bilder, die Spass machen, bei Saatchi: Links Dexter Dalwood, «Kurt Cobain’s Greenhouse», 2000, und Ryan Mosley, «Limb Dance», 2008.

Für seine «Post-pop-Historiengemälde» — sie scheinen mit leichter Hand konstruiert — bedient er sich Versatzstücken aus dem kulturellen Gedächtnis und aus Magazinen und lädt sie mit neuen Bedeutungen auf. Der L.A.-Künstler Raffi Kalenderian malt direkt das – oder besser sein – Leben ab; der Londoner Martin Maloney verzuckert in seinem kitschigen, karikaturhaften Bildern die Grossstadtrealität; der Amerikaner David Salle (hier der Veteran) schöpft aus der Klassik. Die Auswahl der Künstler — sie stammen alle aus der «ersten Welt», also London, New York, Los Angeles — lässt erahnen, dass bei Mister Saatchi die Globalisierung der Kunstwelt noch nicht stattgefunden hat.

Links: Dexter Dalwood, «Brian Jones’ Swimming Pool», 2000. Mitte: Martin Maloney, «Cul de Sac», 2004. Raffi Kalenderian, «Brad in the Studio», 2007.

Ein Überraschung im Reigen der Malerei-Schauen sind Zaha Hadids selten gezeigte, frühen Gemälde und Zeichnungen, zu sehen in der Serpentine Gallery. Ihre geometrischen Konstruktionen floaten durch den Raum, widersetzen sich aller Schwerkraft und sehen nicht zufällig aus wie dem russischen Konstruktivismus entlehnt. Gebäude wachsen in die Tiefe oder in den Himmel, Decken, Wände und Böden, aber auch öffentlicher und privater Raum fliessen ineinander über. Die Gemälde waren offenbar Resultat eines kollektiven Efforts von Zaha Hadid und ihren Mitarbeitern — ähnlich dem Studio von Rembrandt.

Zaha Hadid als Architektin und Malerin: Links die von ihr umgebaute Serpentine Sackler Gallery in den Kensington Gardens, rechts ein Gemälde von ihr, zurzeit dort ausgestellt. (© Hayes, Archdaily)

Wie gross die Allure einer Leinwand ist, an der sich ein Maler abgearbeitet hat, beweist übrigens allein der Anblick von jungen Menschen, die die Sensation von getrocknetem Öl auf Leinwand mit einem Selfie für ihren Instagram-Account festhalten. Irgendwie rührend.

Selfie vor einem Gemälde Raffi Kalendrians.

DSC_897700* Gastautorin Brigitte Ulmer lebt als freischaffende Kunst- und Kulturjournalistin in London und Zürich. Für die «Bilanz» berichtet sie über Kunst und verantwortet das jährliche Künstlerrating. Für Private View berichtet sie fortan regelmässig aus London. (Bild: Gian Franco Castelberg)

2 Kommentare zu “London Calling!”

  1. berthold sagt:

    ich würde jedem/r empfehlen, den altbräsigen kiefer zu missachten.

  2. Tamara Kern sagt:

    So viele Tips und eine der wichtigsten und eindrücklichsten Ausstellungen ging schlicht vergessen: Anselm Kiefer in der White Cube Bermondsey. Bis zum 12. Februar. Ohne das Frühwerk von Zaha Hadid zu kennen würde ich jedem und jeder empfehlen erst mal die Kieferausstellung “Walhalla” zu besuchen und auf dem Weg zum Flughafen ev. noch kurz bei Hadid vorbeischauen. Falls die Zeit noch reicht.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.