Ein Hauch von Zen in der Stunde des Chaos

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Erinnern Sie sich? Die Schweiz war das Land der pünktlichen Züge, dieses ruhige Land, wo man sich ein wenig langweilte, aber wo alte Damen nicht zu Hause von angeheiterten Psychopathen angegriffen wurden. Dies war die Zeit, als Arme den Anstand hatten, daheim zu bleiben und uns nicht auf der Strasse lästig fielen mit ihren ausgestreckten Händen. Oder kann es sein, dass dieses Land niemals wirklich existiert hat? Dass uns unsere Erinnerung einen Streich spielt? Dass diese vermeintlich perfekte Welt die Folge einer Zeit ist, in der nur wenig Informationen die Runde machten und die Dinge verschwiegen oder versteckt wurden? Ganz einfach, weil man über diese Dinge nicht sprach? Die Vorhänge wurden zugezogen und die Lippen versiegelt!

Dieser Weckruf richtet sich besonders an die Genfer: Damit sie die jüngsten Geschehnisse etwas relativieren.

Der Genfer FDP-Regierungsrat Mark Muller.

Sich übertrieben wegen der Keilerei eines Politikers aufzuregen bringt nichts: Der Genfer FDP-Regierungsrat Mark Muller. (Bild: Keystone)

Arme Menschen hat es in der Schweiz zwar immer gegeben, aber sie versteckten sich aus Scham. Dass sie betteln gingen, musste nicht befürchtet werden. Gewalt gab es zwar, meist in der Familie, gegenüber dem Partner und den Kindern. Eine Frau schwieg aber selbst dann, wenn sie geschlagen wurde, um nicht in die Versuchung zu kommen, unehrenhaftes Verhalten an den Tag zu legen und gar die Scheidung einzureichen. Das Einzige, was es aus dem eingangs erwähnten nostalgischen Phantasiegebilde wirklich gab, waren die pünktlichen Züge, aber ihre Anzahl war viel kleiner. Manchmal sassen italienische Saisonniers drin, die wie Vieh schärfstens unter die Lupe genommen wurden, als sie in Genf ankamen. Eine perfekte Welt, ganz gewiss. Dieser Weckruf richtet sich besonders an die Genfer: Damit sie die jüngsten Geschehnisse etwas relativieren. Nein, ihre Welt wird nicht zusammenbrechen, weil ein irregeleiteter Regierungsrat am 1. Januar unter die Schläger ging. Schimpfen wir also gemeinsam, wenn wir bei eisigem Biswind eine halbe Stunde aufs Tram warten müssen. Aber leiten wir daraus nicht ab, dass wir einzig von unfähigen Menschen regiert werden, die sich über unsere Probleme mokieren. Im Chaos muss man sich entspannen wie in der Zen-Lehre. Etwa indem man daran denkt, dass wir das Glück haben, in einem politischen System zu leben, das es den Bürgern alle vier Jahr gestattet, die Gewählten, die uns nicht passen, wieder abzuwählen. Das mag nach wenig klingen, aber in zahlreichen Ländern kämpfen die Menschen für dieses bisschen Einfluss; sie haben viel mehr Grund, wütend zu sein, als wir.

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