Zurückhaltende Information

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Die Basler Polizei meint es gut. Derzeit fahndet sie wieder nach einem Unhold, der vor zweieinhalb Wochen ein Mädchen angefallen hat. «Wer kennt diesen Mann?», fragen die Basler und stellen sogar ein Phantombild dazu. Viereckiges Gesicht, verkniffene Augen, Millimeterschnitt. In den Worten der Polizei: «Ca. 35 Jahre alt, ca. 170 cm gross, sehr schlank, schmächtige Statur, sehr kurze Haare im Nackenbereich, blaue Augen.»

In der Mitteilung stehen Delikt, Alter des Opfers, Strasse, Tatzeit. Nicht mehr und nicht weniger.

Gesucht: Dieser Mann belästigte eine Jugendliche in Riehen sexuell. (Phantombild: Kripo BS)

Gesucht: Dieser Mann belästigte eine Jugendliche sexuell. (Phantombild: Kripo BS)

Sagen wir es so: Einfach wird die Suche nach diesem Allerweltstyp nicht. Und trotzdem sucht die Basler Polizei. Und kommuniziert jede öffentliche Sex-Attacke. 16 sind es seit Anfang Jahr. Plötzlich handelt sich Basel den Ruf ein, «nicht mehr sicher» zu sein. So sehen es jedenfalls die lokale SVP und die «Weltwoche». Da hilft es nicht viel, dass die «NZZ am Sonntag» nachrechnete, dass Basel in Sachen Sexualdelikten nicht hervorsticht. Tatsächlich ist die Rate an Sexualdelikten oder gar Vergewaltigungen in der Stadt Zürich fast doppelt so hoch.

Woher dann der verzerrte Eindruck? Liegt es bloss an der Kommunikationspolitik der zuständigen Polizeien? Tatsächlich sagt der Basler Kriminalkommissär Peter Gill: «Unser oberstes Ziel ist es, den Täter festzustellen. Dabei muss sichergestellt sein, dass die Identität des Opfers geschützt bleibt.» Sprich: In der Mitteilung stehen in der Regel Delikt, Alter des Opfers, Strasse und Uhrzeit. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Unterschied: Gill benutzt das Wort «zurückhaltend» nicht, anders als die Sprecher von Kapo St. Gallen, Kapo Zürich oder Stapo Zürich. Die Kapo Bern schickt Newsnet die Richtlinien der Strafprozessordnung. Deren Schwerpunkte sind Fahndung, Warnung und Beruhigung der Öffentlichkeit, sowie Richtigstellung von Gerüchten. Hans Peter Eugster von der Kapo St. Gallen sagt es so: «Wir kommunizieren nur, wenn wir es mit einem Zeugenaufruf verbinden können und wenn öffentliches Interesse besteht.»

Basel hat nun ziemlich viel öffentliches Interesse auf sich gezogen. Die einen werfen den Baslern vor, auf Panik zu machen. Während die anderen im Gegenteil von ihnen mehr Panik fordern. Manche bei der Basler Staatsanwaltschaft wünschen sich womöglich, sie wären «zurückhaltender» gewesen.

Dabei sind die Prinzipien, nach denen über öffentliche Sexualdelikte informiert wird, eigentlich überall gleich: Zeugen suchen, warnen, Opfer schützen. Die Unterschiede kommen offenbar nur zustande, weil nicht alle Behörden die Chance gleich hoch sehen, den Täter zu erwischen. Die Basler hoffen auf das Beste: «Woher weiss ich denn im Voraus, ob nicht doch jemand etwas von der Gewaltszene gesehen hat?» fragt Kommissär Gill. «Ich weiss es erst, wenn ich die Meldung verschicke.»

Doch die Verzerrung ist passiert: Basel gilt als Gewaltstadt. Dabei lassen die Polizeimeldungen schweizweit den allergrössten Teil der sexuellen Gewalt gegen Frauen aussen vor: nämlich jene, die im engen sozialen Rahmen, in der Familie, beim Date, an Partys passiert. «Das verzerrt das Bild erst recht», sagt Brigitte Huber von der St. Galler Stiftung Opferhilfe. Doch angezeigte Sexualdelikte, bei denen der Täter bekannt ist, möchte auch sie nicht veröffentlicht sehen. «Das wäre nicht im Interesse der Opfer. Es wäre eine zusätzliche Hemmschwelle für viele Frauen, solche Taten zur Anzeige zu bringen.»

Irgendwie geht das alles nicht auf. Aus Opferschutz halten sich viele Polizeien zurück mit der Bekanntgabe von Sexualdelikten. Wer offensiv an die Öffentlichkeit geht, setzt sich dem Vorwurf aus, auf Panik zu machen – oder auf zuwenig Panik, weil die Polizei in Basel nicht sofort rund um die Uhr doppelte Streife fährt. Und alle Behörden zusammen fördern das Schweigen, weil sie Sexualdelikte mit bekannten Tätern bis zum Prozess für sich behalten. Was aber Opferhilfestellen ganz Recht ist, aus Opferschutzgründen.

«Ein Spannungsfeld», sagt Brigitte Huber. Allerdings. Doch wie ist es aufzulösen?

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