Leben


Das böse Ego und die liebe Wahrheit

Natascha Knecht am Mittwoch den 9. Mai 2012

Christian Stangl

Christian Stangl im Interview: «Inzwischen sehe ich meine Fehler ein. Aber ich brauchte über ein Jahr, um mir diese einzugestehen. Ich bin mir heute auch bewusst, was ich mir damit als Bergsteiger verspielt habe. Egal, was ich künftig mache, die K2-Sache bleibt an mir haften.» (Foto: Ernst Kren)

Er galt als Idol, wurde jahrelang als «Skyrunner» und Erfolgsbergsteiger gefeiert, dann folgte der tiefe Fall: Christian Stangl hatte im August 2010 verkündet, er habe den K2 bestiegen. Als Beweis präsentierte er ein Foto, das er angeblich auf dem 8611 Meter hohen Gipfel von sich geknipst hatte. Doch bald tauchten Zweifel auf, der heute 46-jährige Österreicher geriet unter Druck und musste schliesslich vor versammelter Medienschar zugeben, dass er nie auf dem Gipfel gestanden ist.

Der K2 liegt im Karakorum und ist nach dem Everest der zweithöchste Berg der Erde. Höhenalpinisten bezeichnen ihn als den schwierigsten aller vierzehn Achttausender. Für Christian Stangl ist die Besteigung deshalb so wichtig, weil er als erster Mensch die «Triple Seven Summits», die jeweils drei höchsten Berge der Kontinente, erklimmen will. Alpinistisch blieb Stangl seit 2010 aktiv, war wieder mehrfach erfolgreich, aber er hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Erstmals erzählt er ganz ausführlich, weshalb er die K2-Besteigung vortäuschte, warum er erst alles abstritt, was sich danach in seinem Leben verändert hat und wann er zurück an den K2 will.

Herr Stangl, 2010 wollten Sie mit einem falschen Gipfelbild beweisen, den K2 bestiegen zu haben. Wie hart war der Absturz?
Christian Stangl: Es war ein Riesenabsturz. Bergsteigerisch und persönlich blieb kein Stein auf dem anderen.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Mir sind die Nerven gerissen. Der K2 ist sowas von gefährlich. 2010 war der Sommer verhältnismässig warm, darum gabs noch mehr Steinschlag als in anderen Jahren, von den Séracs donnerten Eisbrocken runter. Ich hatte panische Angst, dass es mich erwischt, dass ich sterbe. Das wollte ich mir damals zwar nicht eingestehen, aber ich hatte eine Riesenangst. 2010 war ein schlechtes Jahr. Selbst bei einfachen Klettertouren zu Hause in Österreich geriet ich gleich in Panik, wenn sich im Fels über mir ein kleiner Stein löste. Die Angst verfolgte mich wie eine Krankheit, vielleicht war sie eine Krankheit.

Warum diese Angst?
Mitgespielt hat sicher das Ereignis im 2008, als ich das erste Mal am K2 war. Damals entkam ich auf 8100 Meter nur haarscharf einer Eislawine und erlebte mit, wie über mir elf Menschen mitgerissen wurden und starben. Ein Schock, den ich komplett verdrängt, aber wohl nicht verarbeitet hatte. 2009 war ich wieder dort, musste 300 Meter unter dem Gipfel umkehren. 2010 klappte es zum dritten Mal nicht. Da wächst die Hemmschwelle, es nochmals versuchen zu wollen. Der K2 ist kein Berg, den man aus Lust besteigt. Er ist ein Berg der Angst. Er verlangt mehr als körperliche Fitness. Das ist nicht wie an einem Sechstausender in Südamerika. Am K2 muss man zusätzlich damit umgehen können, jeden Moment sterben zu können, die objektiven Gefahren sind enorm.

Und dann haben Sie das Foto, das Sie gar nicht auf dem Gipfel gemacht haben, verschickt und gesagt, Sie seien oben gewesen und das sei Ihr Gipfelbild?
Ja. 2010 nahm ich erstmals einen Computer mit, übermittelte meinem Kommunikations-Manager zu Hause mehrere Bilder, rief ihn danach an und sagte: Schick eines davon raus an die Medien.

Kein schlechtes Gewissen?
In diesem Moment nicht. Ich fand das okay so. Ich wollte einfach meine Ruhe haben vom K2.

Wann holte die Realität Sie ein?
Bereits auf dem Heimflug realisierte ich, dass ich einen Riesenscheiss gemacht habe. Aber da war die Lawine bereits losgetreten.

Weshalb stritten Sie erst alles ab?
Es war eine Trotzreaktion. Ich stolperte über mein Ego. Wir Profi-Bergsteiger sind wahrscheinlich alle grosse Egoisten. Bei vielen Besteigungen geht es nicht um Freude oder Genuss, sondern darum, besser zu sein als die anderen. Ich hatte über Jahre Erfolg. Dann klappte der K2 drei Mal hintereinander nicht. Ich war verzweifelt. Dass jemand mein Gipfelbild in Frage stellen würde, hatte ich damals nicht erwartet. Dann kam aber doch einer und hielt mir unter die Nase: Hey, du warst gar nicht auf dem Gipfel! Ich reagierte mit Trotz und Sturheit: Was will der Typ mir vorhalten, mir? Mein Ego nahm überhand. Ich stritt ab, konnte den Fehler nicht zugeben, weder gegenüber den anderen, noch gegenüber mir selber. In den vergangenen 500 Tagen habe ich mir über diesen Punkt viele Gedanken gemacht. Inzwischen sehe ich meine Fehler ein. Aber ich brauchte über ein Jahr, um mir diese einzugestehen. Ich bin mir heute auch bewusst, was ich mir damit als Bergsteiger verspielt habe. Egal, was ich künftig mache, die Sache bleibt an mir haften.

Christian Stangl

Das berühmte K2-«Gipfelbild» von Christian Stangl, August 2010.

Hatten Sie damals, als Sie das falsche Gipfelbild übermittelten, wirklich nicht daran gedacht, dass der Schwindel auffliegen könnte?
Nein! Ich fühlte mich in diesem Moment so erleichtert, war so froh, dass die K2-Sache endlich vorbei ist. Schaue ich mir das Bild heute an, weiss ich, wie blöd das war. Auf dem Foto sieht man links unten Berge, die eindeutig nicht vom K2-Gipfel aufgenommen sein können und die mich letztlich auch überführt haben. Hätte ich damals daran gedacht, hätte ich die sicher weggeschnitten.

Sie sagen, beim Profi-Bergsteigen geht es nur noch ums Ego?
Auch der Südtiroler Bergsteiger Hans Kammerlander befindet sich heute in einer saublöden Situation. Vergangenen Dezember rief ich ihn an und sagte ihm, das Gipfelbild vom Mount Logan, das er auf seiner Webseite präsentiert, könne nicht auf dem Mount Logan aufgenommen worden sein. Ich war ja selber oben. Der rote Eispickel ist nur ein vordergründiger Beweis, aber die Berge im Hintergrund sind markant. Statt diesen offensichtlichen Irrtum zu korrigieren, verkündete er ein paar Wochen später, er habe als erster Mensch die «Seven Second Summits» bestiegen. Auch er glaubte wohl nicht daran, dass jemand sein Beweisbild in Frage stellen könnte. Dieses Verhalten erinnerte mich stark an mein eigenes damals. (Anmerkung: Auf telefonische Anfrage mit dieser Aussage konfrontiert, sagt Hans Kammerlander: «Es stimmt, mir waren die Zweifel bekannt, als ich im Januar die Vollendung meines Seven Second Summit-Projekts kommunizierte. Damals stand jedoch noch Aussage gegen Aussage, und ich war der festen Überzeugung, dass ich recht hatte. Inzwischen glaube ich aber ebenfalls, dass ich nicht den Hauptgipfel des Mount Logan bestiegen habe und reise diese Woche nach Alaska, um das vor Ort zu verifizieren.»)

Übel nahm man Ihnen vor allem, dass Sie mit teils wirren Aussagen versucht hatten, alles abzustreiten. Was haben Sie daraus gelernt?
Heute würde ich gar keine Erklärungen mehr abgeben. Würde nur noch sagen: Ich war nicht auf dem Gipfel. Punkt.

Die K2-Geschichte hat Ihnen nicht nur geschadet. Obschon Sie jahrelang grosse Erfolge verbuchen konnten, waren Sie bis dahin vor allem in der Szene bekannt. Seit 2010 sind Sie der breiten Öffentlichkeit ein Begriff, auch in der Schweiz. Ihre Sponsoren haben Sie trotz allem nicht hängen gelassen. Ist der Druck gewachsen?
Der Alpinismus ist ein Spiegel der Gesellschaft. Es gibt viele Parallelen. Um langfristig glaubwürdig zu bleiben, ist Transparenz entscheidend. Ähnlich wie in der Politik. Auch da muss alles offengelegt werden, zum Beispiel, von wo die Parteispenden kommen. Profibergsteiger müssen heute in ihrem Eigeninteresse einen Gipfelbeweis in Form eines aussagekräftigen Fotos, eines GPS-Tracks, eines GPS-Fernsignals (Spot Messenger) oder eines sonstigen eindeutigen Beweises präsentieren. Anders geht es gar nicht mehr. Das Misstrauen ist allgegenwärtig. Früher waren Alpinisten nicht ehrlicher als heute – das meine ich jetzt keinesfalls als Entschuldigung für mein Handeln – aber früher waren die Ansprüche anders. Da gabs noch kein Internet, wo jeder Bilder und Informationen präsentieren musste, respektive auf solche zugreifen konnte. Es war schwieriger, Zweifel zu beweisen. Ich bin da in einer Paniksituation reingefallen.

Schneller, höher, krasser. Worauf zielen Profi-Alpinisten heute ab, um im Gespräch zu bleiben?
Als Profibergsteiger unterliege ich der freien Marktwirtschaft, wie alle Selbständigerwerbenden. Ich muss Leistungen bieten, die der Markt will, brauche einen Businessplan, der sich an der Leistungsgesellschaft orientiert. Die Frage lautet aber natürlich: Wie weit muss ich mitspielen? Profi-Bergsteigen hat nichts mit Romantik zu tun. Wer breites Aufsehen erregen will, muss Leistungen erbringen, die auch für Nicht-Bergsteiger greifbar sind. Etwa in Rekordzeit die Eiger-Nordwand durchsteigen.

Ihre Karriere als «Skyrunner» haben Sie vorübergehend an den Nagel gehängt. Sie steigen nicht mehr in Rekordzeit auf die Berge. Ihr neues Projekt nennen Sie «21 Weltgipfel». Sie wollen als erster Mensch die «Triple Seven Summits», die jeweils drei höchsten Gipfel der Kontinente, besteigen.
Ich will nicht mehr «nur ein Bergsteiger» sein, der des Gipfels oder der Route wegen auf einen Berg steigt. Mir ist klar, was ich alles verspielt habe. Meine Richtung ist eine neue. Es geht mir jetzt darum, Gipfel zu vermessen. In Ozeanien, Afrika und auch Europa gibt es Berge, die nicht eindeutig und mit demselben Bezugssystem vermessen wurden. Deshalb nehme ich jetzt immer ein sogenanntes Differenzial-GPS mit, welches das Gelände auf zehn Zentimeter genau berechnen kann und aufzeichnet. Die Daten lasse ich von Geoat.at auswerten und stelle sie dann zur Verfügung. Auf die 21 Weltgipfel bin ich gekommen, weil weltweit keine verifizierte Liste der zweit- und dritthöchsten Kontinentalgipfel existiert. Da möchte ich endlich Klarheit schaffen. Ausserdem sind die 21 Weltgipfel eine neue, noch ungelöste Alternative zu den bekannten Alpinzielen des letzten Jahrhunderts, etwa den «Seven Summits» oder den 14 Achttausendern. 19 der 21 Gipfel konnte ich bereits besteigen. Noch fehlt mir der K2, der zweithöchste Asiens, und der Shkhara im Kaukasus, der dritthöchste Europas.

Hochasienchronist Eberhard Jurgalski – er gilt als internationale Institution, was die systematische Erfassung von Bergen anhand topografischer Kriterien betrifft – sagte kürzlich, der zweithöchste Berg Ozeaniens sei der Puncak Mandala, nicht der Ngga Pulu, den Sie bestiegen haben.
Daraufhin besuchte ich Eberhard Jurgalski. Wir sassen fünf Stunden zusammen und diskutierten das sachlich durch. Wir haben beide unsere Informationen und Daten dargelegt. Jurgalski ist ein fachlicher Freak und irrsinnig genau mit seiner Arbeit. Aber ich fürchte, dass er recht haben wird, dass der Ngga Pulu nicht der zweithöchste Berg Ozeaniens ist. Für mein «21 Weltgipfel»-Projekt spielt das aber keine Rolle, da ich in Ozeanien auch alle «Ersatzgipfel» bestiegen habe, auch diese drei, welche gemäss Jurgalski die richtigen sind, inklusive dem Puncak Mandala.

Vergangenen Sommer waren Sie zum vierten Mal am K2, wieder erfolglos. Kehren Sie auch dieses Jahr zurück zum K2?

Ja, Mitte Juni reise ich ab. Meine Gefühle sind dieses Jahr besser. Aber natürlich kann es wieder schief gehen. Das wäre für mich der «worst case».

Haben Sie keine Angst mehr?
Vergangenes Jahr versuchte ich den Aufstieg am K2 über eine Route, die mir nicht so gefährlich vorkam. Es war auch kühler, darum gabs weniger Eisschlag und Lawinen. Am letzten Tag wurde dann das Wetter einfach so schlecht, dass wir nicht zum Gipfel aufsteigen konnten. Darum steckt mir die Angst jetzt nicht mehr so tief in den Knochen wie nach 2008. Auch die Frustration ist nicht mehr so präsent. 2009 waren wir schon auf 8300 Meter und ich war sicher: Jetzt schaffst du es. Doch dann sind wir alle im Neuschnee stecken geblieben, ich musste wieder kurz vor dem Gipfel zurückkehren. Ich dachte: Das gibts ja nicht! Aber wenn das Wetter und die Verhältnisse Scheisse sind, hilft nichts.

Und Ihr Ego?
Natürlicher ist es auch heuer wieder mein sehnlichster Wunsch, den Gipfel zu erreichen – auch wenn ich die leise Vermutung habe, dass es vor allem mein Ego ist, das da rauf will. Dieser Berg hat mich verändert. Die Leute werden mich immer mit dem K2 und 2010 in Verbindung bringen. Und für mich ist es der fünfte Sommer in Folge, den ich am K2 verbringe. Es gibt wirklich Schöneres, das man zwischen Juni und August machen kann. Aber wenn ich den Gipfel erreicht habe, werde ich wissen, weshalb ich so manchen Sommer meines Lebens dort zubrachte.

Wenn Läufer zu heiss sind

Pia Wertheimer am Montag den 7. Mai 2012
Lust auf Laufen: Zuviel Ehrgeiz ist am Wettkampf kontraproduktiv.(Bild: myopera.com)Lust auf Laufen: Zuviel Ehrgeiz ist am Wettkampf kontraproduktiv.(Bild: myopera.com)

Lust auf Laufen: Zuviel Ehrgeiz ist am Wettkampf kontraproduktiv. (Bild: myopera/piripage.com)

Die Laufsaison ist jung und mit jedem Wochenende steigt das Wettkampfangebot für die Sportler. Nach den kalten Wintermonaten heisst es nun die Früchte des Trainings zu ernten. Die Läufer sind heiss. Sie wollen die schnellen Schuhe schnüren, eine Startnummer montieren und zeigen, was in ihnen schlummert. Genau wie ich mich heuer an meinem ersten Wettkampf fühlte, müssen sich junge Rennpferde fühlen: Begierig alles zu geben, die Emotionen durchbrennen zu lassen, die Vernunft, als wäre sie ein hilfloser Jockey, zu ignorieren. Nach dem Startschuss mit dem Pulk los zu preschen, den Wind im Gesicht, mit ungezügelter Freude und steigendem Puls. Um nur wenige Minuten nach dem Start nach Luft japsend in die Falle zu tappen: Das Tempo überstieg meine Fähigkeiten komplett. Mein Körper war gnadenlos auf die Bremse getreten. Mit dem Sauerstoffmangel schien die Vernunft zurück zu kehren.

Valentin Belz von Runningcoach.ch kennt dieses Phänomen und rät in diesem Fall: «Sofort Tempo raus nehmen und nach einer kurzen Verschnaufpause versuchen auf Zieltempo einzupendeln!» Leichter gesagt als getan, denn in meinem Fall reichte es nicht einmal mehr dafür. Mit der Geschwindigkeit sank deshalb die Motivation. Blinker raus und den Lauf vorzeitig beenden? Ein verführerischer Gedanke. Belz warnt davor: «Wer beginnt, Rennen aufzugeben, weil es hart wird, tut sich später schwer, durchzubeissen.» Und das werde es für alle und zwar in jedem Rennen. «Sonst hat der Läufer nicht alles aus sich herausgeholt.» Er rät deshalb falls nötig die Zielsetzung zu revidieren und das Rennen fertig zu laufen.

Den Tank vergrössern

Wer zu schnell anläuft, leert den Tank. Belz erklärt: Das Ziel des Trainings sei es nicht nur, am Wettkampftag eine möglichst hohe Geschwindigkeit laufen zu können, sondern diese auch möglichst lange halten zu können. «Unser Training muss deshalb auch darauf abzielen, die Kapazität zu steigern und damit den Tank zu vergrössern.» Im Wettkampf gehe es dann darum, mit dem zur Verfügung stehenden Benzin bis ins Ziel zu kommen. Drücke ich zu Beginn eines Wettkampfs zu arg aufs Gas, leere sich mein Tank rasch und irgendwann kommt verständlicherweise nichts mehr.

Natürlich setze ich mir vor jedem Lauf ein Zeitziel und damit verbunden eine bestimmte Geschwindigkeit – und natürlich schaffe ich es kaum, mich daran zu halten. So geht die Rechnung nicht immer auf, manchmal greife ich schlicht nach den Sternen und manchmal schaffe ich es nicht mein Temperament zu zügeln. Belz ist in dieser Hinsicht pragmatisch: «Entscheidend ist, dass ein Läufer weiss, zu was er im Stande ist.» Er muss wissen, ob er beispielsweise mit maximaler Anstrengung in der Lage ist, fünf Kilometer in 25 Minuten zurückzulegen.

Geniessen, Fokussieren, Gas geben

Läufern, die sich chronisch über- oder unterschätzen, empfiehlt er, mittels einem Testlauf auf einer flachen Strecke ihre Leistungsfähigkeit zu bestimmen. Dazu eignet sich beispielsweise eine 5000-Meter-Strecke. Darauf basierend liessen sich mit dem Riegel-Faktor die möglichen Zeiten für beispielsweise einen Marathon berechnen. Schafft der Läufer in 25 Minuten fünf Kilometer, muss er diese Zeit mit 9.798 multiplizieren, um auf seine realistische Marathonzeit zu kommen (nimmt er 10 km als Referenz beträgt der Faktor 4,667, mit einem Halbmarathon als Vorlage 2,099). Plant er also einen Marathon, kann er mit einer Zeit von etwas über vier Stunden rechnen. Im Durchschnitt legt er also über die ganze Strecke gesehen einen Kilometer in 5:48 Minuten zurück. «Und daran hat sich der Läufer im Rennen zu orientieren – und zwar vom ersten Meter an! Unser Organismus verzeiht kaum Fehler», macht Belz deutlich. Es gibt im Netz etliche Laufzeitrechner von verschiedenen Anbietern.

Er rät mir darum, mich mit Zwischenzielen auszutricksen. Damit lasse sich einem zu schnellen Start entgegenwirken. Eine längere Strecke könne beispielsweise gedrittelt und mit bestimmten Zielen versehen werden. Während dem ersten Drittel könne ein Läufer beispielsweise locker die Umgebung geniessen. Das zweite eigne sich, um sich auf den Laufstil zu fokussieren und beim letzten Abschnitt heisse es dann: Gas geben! «Erst hier darf es auch mal wehtun.»

Wie schnell es ein Läufer ins Ziel schafft, hängt allerdings auch von der Topographie der Strecke ab: «Stehen Höhenmeter an, muss die Ziel-Endzeit etwas korrigiert werden und damit auch das Tempo», weiss Läufer Belz. Höhenmeter aufwärts sind mit dem Faktor 5 zu berechnen, Höhenmeter abwärts mit dem Faktor -2. Weist eine Halbmarathon-Strecke etwa 100 Höhenmeter auf- und abwärts auf, kommen in der Berechnung 300 Meter hinzu. Die Rechnung basiert auf eine theoretische Länge von 21‘400 statt 21‘100 Metern. Auch die Wetterbedingungen spielen für den Läufer eine Rolle. Ist es mehr als 20 Grad warm, muss er langsamer laufen als geplant. «Wie viel langsamer ist aber individuell unterschiedlich.»

Liebe Leser, Runningcoach.ch will nun sehen, wie genau Sie Ihre Laufzeit für den Grand Prix von Bern einzuschätzen wissen: http://wettbewerb.runningcoach.ch/

Tranchieren, Stechen, Haken

Thomas Widmer am Freitag den 4. Mai 2012

Diese Woche zum Gelände der Schlacht bei Sempach (LU)

In der S-Bahn fahre ich von Lenzburg das Seetal hinab. Hallwil, Mosen, Hitzkirch, dann das Kloster Baldegg am Südende des Baldeggersees. In Hochdorf, das bei den Einheimischen «Hofdere» mit langem o heisst, steige ich aus. Ein Restaurant, die «Schwemmi», liegt direkt an den Geleisen. Ich lasse mich locken und trinke kurz noch einen Kaffee.
Dann starte ich. Die Beschilderung ist gut; sie lenkt vom Bahnhof retour durch den Ort, unter den Schienen hindurch, über ein Gewerbeareal mit einer Riesenlandi und bald schon über die Ron. Geschafft! Freies Land, Kühe, Felder, Pferde. Ich bin draussen!

Mit Magenknurren bei Maria

Vor mir zieht sich eine grüne Krete über den Horizont. Dem Sagenbach entlang steige ich ihr entgegen. Besonders anstrengend ist das nicht. Erst kurz vor Römerswil fordert mich eine steile, mit einer Treppe bewältige Partie ein wenig. Römerswil ist ein langgezogenes Dorf am Hang des Höhenzuges Erlosen, das dank seiner Terrassenlage Fernsicht geniesst. Für eine Rast ist es noch zu früh, ich gehe gleich weiter.
Via Älmeringen erreiche ich Gormund und erleide eine Enttäuschung. Die Wirtschaft an der Strasse von Luzern nach Beromünster ist zu, wie immer am Dienstag. Nun, verglichen mit der Pein der Gottesmutter in der nahen Hügelkapelle «Maria Mitleiden» ist das bisschen Magenknurren gar nichts. Maria ist mit unzähligen Schwertern in der Brust dargestellt, was wie eine Anspielung auf das Schicksal des Arnold Winkelried wirkt. In der Schlacht von Sempach 1386 soll dieser bekanntlich seinen Miteidgenossen eine Angriffsgasse gebahnt haben, indem er die habsburgischen Speere auf sich lenkte. Dass es damals noch keine Sozialwerke gab, belegt Winkelrieds Ruf: «Sorget für mein Weib und Kind.»

«Rossschinder» für 200 Franken

Es ist gar nicht weit zu dem Schlachtplatz. Zuerst passiere ich noch den Golfplatz «Sempachersee», dessen Restaurant Green Garden in einem satten Orangeton gestrichen ist, was wirkt wie von Edward Hopper gemalt; das Kapellchen nebenan erscheint im Vergleich blass. Der Blick hinab auf den Sempachersee ist toll. Weiter unten dann wieder eine öffentliche Wirtschaft. Sie heisst «Zur Schlacht», jetzt bin ich praktisch auf dem Gelände des grossen Zusammenpralls. Es darf nicht wahr sein! Auch diese Wirtschaft hat am Dienstag zu. Und wieder darf ich kein Mitleid mit mir selber haben – zu präsent ist der einstige Schrecken. In der nahen Schlachtkapelle, einem politisierten Gotteshaus, zeigt ein Wandgemälde Szenen von damals: lanzenstrotzende Gewalthaufen, Ritter und Pferde, fallende Krieger.

Der Rest meiner Wanderung über die grünen Luzerner Hügel ist ein schönes Auslaufen. Am Steinibühlweiher verweile ich, geniesse das Ried-Idyll. Hernach erreiche ich bald den Asphaltgürtel. Im Städtchen Sempach finde ich Wirtschaften sonder Zahl, die offen haben. Während ich auf das Essen warte, surfe ich durchs Internet und google Orte, an denen ich durchkam. Auf der Homepage des Restaurants «Zur Schlacht» wähle ich den Link «Historisches». Interessant, alte Waffen werden feilgeboten. Die «Hellebarde Uri», 11. oder 12. Jahrhundert, «Rossschinder» genannt und 182 cm lang, ist abgebildet. Sie kostet 200 Franken. Und was kann das Gerät? Unter «Charakteristik» steht lapidar: «Tranchieren, Stechen, Haken.»

Route: Hochdorf Bahnhof – Huwil – Römerswil – Älmeringen – Gormund – Oberschlacht (Schlachtkapelle) – Brämenstall – Steinibühlweiher – Sempach.

Gehzeit: 3 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: Gut 300 Meter aufwärts und 275 Meter abwärts.

Charakter: Über sanfte Hügel, Steigung und Gefälle gemässigt. Einige Stücke Hartbelag. Viel Historie und Religion und am Schluss ein Mittelalterstädtchen.

Höhepunkte: Die Kapelle von Gormund mit der drastisch dargestellten Maria. Die Schlachtkapelle Sempach mit der Liste gefallener Ritter und einem Wandgemälde der Schlacht von Sempach. Der Steinibühlweiher vor Sempach. Sempach selber.

Hund: Gut machbar, keine Hindernisse.

Einkehr: Restaurant Gormund (Di und Mi zu), www.gasthofgormund.ch. Restaurant Zur Schlacht (Mo und Di zu), www.schlacht.ch

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Testen bis die Scheiben glühen

Jürg Buschor am Donnerstag den 3. Mai 2012


Unabhängig davon, wie viele Tester ein Mountainbike gefahren sind, in der anschliessenden Beurteilung gibt es keine absolute Objektivität, sondern nur eine Annäherung an dieselbe. Und selbst wenn es sie gäbe, ist auch dann in erster Linie entscheidend, dass die Fahreigenschaften des Mountainbikes den persönlichen Präferenzen entsprechen. Als Möglichkeit, das Kandidatenfeld etwas einzuschränken, bilden die Tests der Fachmagazine natürlich eine solide Basis. Ob ein Mountainbike zu einem passt oder nicht, findet man anschliessend am besten auf einer ausgiebigen Testfahrt heraus. Das einzige Problem dabei ist sehr oft, dass der Fahrradhändler ums Eck natürlich nur die Produkte der «Hausmarken» führt und so die Auswahl sich meist auf drei bis fünf Marken beschränkt. Und wer macht sich schon die Mühe und klopft die ganzen Fachhändler der Region ab?

Gerade deshalb kommen die Bike Days sehr gelegen. Am kommenden Wochenende (4. bis 6. Mai) zeigen in Solothurn über 120 Aussteller ihre Produktneuheiten 2012. Es ist dies die ideale Gelegenheit dafür, einer breiten Auswahl an Testbikes auf der immer gleichen Teststrecke auf den Zahn zu fühlen. Dabei können die Rahmengeometrien ebenso beurteilt werden wie die Frage nach dem idealen Rahmenmaterial oder ob das nächste Bike mit 26- oder 29-Zoll-Rädern bestückt sein soll. Unabhängig davon, wonach einem der Kopf gerade steht – die Vorankündigungen der verschiedenen Hersteller versprechen drei interessante Testtage. Die angekündigten Highlights von B wie BikeTec bis W wie Wheeler:

Kommt neu auf grösseren Rädern daher: X-Serie von Flyer.BikeTec/Flyer: Die vollgefederte «X-Serie» des eBike-Marktführers Flyer (Bild) gibt es jetzt neu auch mit 29-Zoll-Laufrädern.

BMC: Die Grenchner präsentieren mit dem «TrailFox TF01» einen überzeugenden Allrounder, der dank Carbonrahmen auch beim Gewicht an der Spitze mitmischt. Mit dem vollgefederten «Speedfox SF29» und dem «Team Elite TE29» hat BMC zudem zwei ausgesprochen sportliche Twentyniner am Start.

Cannondale: Dank Carbon-Rahmen, hauseigenen Lefty-Gabeln und Federgewichten erfüllen das Hardtail «Flash 29» und das vollgefederte «Scalpel 29» die Wünsche engagierter Rennfahrer: Noch nie waren Twentyniner so leicht. Wer’s gröber mag, sollte eine Testrunde auf dem «Claymore» drehen.

Commencal: Nach der neuen Generation des «Supreme DH» schieben die Gravity-Spezialisten aus Andorra mit dem Enduro «Meta SX» (Bild) und dem Allmountain «Meta AM» zwei Modelle mit weniger Federweg und breiterem Einsatzbereich nach.

Felt: Das «Edict 29» hat Felt mit Hilfe von U-23-Weltmeister Thomas Litscher entwickelt. Mit Rahmen und Schwinge aus Carbon, 100 Millimetern Federweg an beiden Achsen und schnell rollenden, grossen Laufrädern ist dieses  Bike voll auf Renneinsätze ausgelegt.

Giant: Für Ausdauerorientierte hat Giant das Carbon-Hardtail «XTC Composite 29» sowie das «Trance X Advanced» und das «Anthem X Advanced» am Start. Die Bergabfraktion wird sich das «Glory DH » nicht entgehen lassen, auf dem Danny Hart Weltmeister wurde.

GT Bikes: Mit dem rennorientierten «Zaskar 100 9R» und dem vielseitigen «Sensor 9R» bringt GT zwei preislich attraktive vollgefederte Twentyniner.

Lapierre: «Zesty», «Spicy» und «Froggy» haben bereits eine treue Fangemeinde. Neu ist das «X-Control»: Das Marathonbike mit 120 Millimetern Federweg vertraut auf die gleiche Pendbox-Kinematik wie das Downhill-Bike. Mit dem «Pro Race 929» bieten die Franzosen zudem ein rennorientiertes Twentyniner-Hardtail mit Carbonrahmen.

Liteville: Die zehnte Evolutionsstufe des Dauerbrenners «301» verträgt sich mit Federbeinen verschiedener Hersteller. Zudem wurde die Geometrie nochmals verfeinert. Kleingewachsene bekommen das «301» mit 24-Zoll-Hinterrad, und fürs Grobe bietet sich das «601» an, das je nach Federbein 165 bis 190 Millimeter Federweg bietet.


Merida: Beim neuen Race-Fully «Ninety-Nine» (Bild) kombinieren die Taiwanesen zwei Trends: Der Rahmen dieser Rennfeile mit 10 Zentimetern Federweg ist aus Carbon gefertigt, die Räder entsprechen dem Twentyniner-Mass. Wie beim «Ninety-Nine» gibt’s auch beim Hardtail «Big.Nine» Varianten mit Alu-Rahmen für kleinere Budgets.

Norco: Mit dem Downhill-Boliden «Aurum» hat die kanadische Schmiede ein ganz heisses Eisen im Feuer, und auch die Allmountain-Modelle der «Range»-Serie sind interessant. Mit dem «Shinobi» hat Norco zudem ein Twentyniner-Fully mit viel Federweg im Köcher.

Rocky Mountain: Viele, aber nicht alle Neuheiten bei drehen sich um Twentyniner: So gibt es das «Vertex 29» nun auch mit einem Carbonrahmen, und auch das Race-Fully «Element» haben die Kanadier auf grosse Räder gestellt.

Santa Cruz: Die jüngsten Neuheiten der Amerikaner sind alle Twentyniner. Für Einsteiger eignen sich das «Highball-a» und «Superlight 29», für Marathon-Fans gibt’s das «Highball» aus Carbon und für Liebhaber anspruchsvoller Trails die «Tallboy LT»-Modelle mit Rahmen aus Aluminium oder Carbon.


Scott: Das Race-Fully «Spark» ist komplett erneuert. Es bietet nun innenverlegte Züge und die Wahl zwischen 26 und 29 Zoll (Bild). Der TwinLoc-Lenkerhebel kürzt den Federweg ein oder blockiert das Fahrwerk.

Simplon: Die Vorarlberger präsentieren an den BikeDays den Nachfolger des «Lexx»: Das «Kibo» gibt’s einmal als Tourenbike mit Alu-Rahmen oder mit Carbon-Rahmen und rennorientiertem Handling. Eine Testfahrt ist auch das «Razorblade 29» wert: Kaum ein Twentyniner bietet ein so verspieltes Handling wie dieser Rennbolide.

Specialized: Neben dem Budget-Downhiller «Status» und dem überzeugenden Allrounder «Stumpjumper FSR Expert Carbon EVO» sind v. a. auch die Twentyniner spannend: Ob als Trailbike «Stumpjumper 29», als Rennfeile «S-Works Epic Carbon 29» oder als Damen-Hardtail «Fate», bei Specialized dreht sich fast alles um die grossen Laufräder.

Stöckli: Das Allmountain-Modell «Amber AMT» mit 15 Zentimetern Federweg gibt es wahlweise auch als SL-Variante mit Carbon-Hauptrahmen. Rennfahrer dürften sich eher für das Hardtail «Beryll Carbon RS 29“» interessieren, und auch das sportliche eBike «e.T.» verdient eine Erwähnung.


Transalpes: Mit viel Federweg und spassorientierter Geometrie weiss das «29er Fully» zu gefallen – kaum ein anderer Twentyniner fährt sich so spielerisch. Daneben hat Transalpes auch ein 29er-Hardtail am Start.

Trek: Mit dem «Rumblefish» wagt sich Trek bei den Twentyninern erstmals in spassorientierte Federwegs-Bereiche vor. Viel Interesse ist auch dem Carbon-Downhiller «Session 9.9» sicher, auf dem Aaron Gwin im vergangenen Jahr den Worldcup dominierte.

Wheeler: Neue Federungssysteme, die auch in Varianten für Frauen angeboten werden, gibt es 2012 bei Wheeler und BiXS. Wheelers «Super Single Pivot»-System, bei dem der Hinterbau ums Tretlager dreht, gibt es mit 140, 160 und 180 Millimetern Federweg, BiXS’ «Direct Response Technology»-System mit 120, 140 und 160 Millimetern.

Werden Sie die Bike Days in Solothurn besuchen? Wie stark stützen Sie Ihre Kaufentscheidung auf eigene Testfahrten ab? Welches neue Produkt sollte Ihrer Meinung niemand verpassen?

Sind Bergsteiger Egoisten mit stinkenden Socken?

Natascha Knecht am Mittwoch den 2. Mai 2012
Italienische Bergsteiger in alter Ausrüstung auf der Dufour-Spitze. (Keystone)

Die Freunde des Heliskiings wollen, dass auch Bürogummis auf höchste Berggipfel gelangen können: Italienische Bergsteiger in historischer Ausrüstung auf der Dufour-Spitze anlässlich der 150-Jahr-Feier der Erstbesteigung, 1. August 2005. (Keystone)

Geschätzte Bergfreunde

Heute möchte ich Sie um Ihren Rat bitten. Doch dazu muss ich Ihnen erst berichten, welch grosse Ehre mir zuteil wurde. Das Blatt «Berner Oberländer» widmete mir eine ganze Zeitungsseite. Stellen Sie sich vor: Mir und dem Alpin-Blog! Ich wurde bereits im ersten Satz namentlich erwähnt. Ohne dass man mich vorher oder danach informiert hätte. Erst jetzt bin ich zufällig darauf gestossen. Anlass zur Ehre gab mein Blog-Beitrag vom 4. April über das Heliskiing im Unesco Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch (hier nachlesen). Obschon dieses einzigartig schöne Gebiet rechtlich durch das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung geschützt ist, finden dort jährlich 3500 Flüge statt, die rein dem touristischen Vergnügen dienen.

Der kollegiale Schreiber vom «Berner Oberländer» startete seinen Printartikel in der Samstagsausgabe vom 14. April wie folgt:

«Die kurze Berichterstattung dieser Zeitung vom 2. April nahm Natascha Knecht zum Anlass, sich im Tagi online einmal mehr über das Thema Heliskiing auszulassen. Die im Berner Oberland aufgewachsene junge Journalistin des Tages-Anzeigers schrieb: Es war ein gefundenes Fressen für die Anbieter der touristischen Gebirgsfliegerei. In der Folge schoben sich im Alpin-Outdoorblog des Newsnet (u. a. www.berneroberlaender.ch) die Gegner und Befürworter der Helikopterfliegerei in den Bergen auf mehr oder weniger niveauvoller, dafür umso emotionellerer Ebene gegenseitig den Schwarzen Peter zu. (…)»

Werter Journalist vom «Berner Oberländer»,

ein paar Anmerkungen:

  • Dass Sie mich als «jung» bezeichnen, schmeichelt einer Frau in meinem Alter so fest, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Damit haben Sie nicht nur meinen Tag gerettet – nein, you made my week, my month, my year!
  • Herzlichen Dank auch dafür, dass Sie so grosszügige Werbung für den Outdoorblog machen. Fantastisch!
  • Gestatten Sie mir bitte eine klitzekleine Korrektur: Nicht Ihre kurze Berichterstattung vom 2. April nahm ich zum Anlass, mich «einmal mehr über das Thema Heliskiing auszulassen». Mit Verlaub: Ihre Selbstüberschätzung amüsiert mich. Alle relevanten Schweizer Medien wurden von Mountain Wilderness (der Alpenschutzorganisation, die sich für mehr Respekt gegenüber der Bergwelt einsetzt) im Vorfeld darüber informiert, dass am 1. April Kundgebungen gegen das Heliskiing stattfinden. «Konditionsstarke Skitouren- und gletschererfahrene Medienschaffende» waren eingeladen. Teilgenommen hat kein einziger Journalist. Ich selber war privat im Gebiet Jungfrau-Aletsch unterwegs und nicht, wie Sie vermuten, «offensichtlich als Aktivistin». Das hatte ich in meinem Text übrigens geschrieben und eine kurze Recherche hätte genügt, um herauszufinden, dass ich Mountain Wilderness hier im Outdoorblog schon mehr als ein Mal kritisiert habe, auch im Zusammenhang mit dem Heliskiing.
  • Unbestritten hingegen: Es ist oberpeinlich, dass eine Aktivistin von Mountain Wilderness ausgerechnet nach deren Kundgebung auf der Aebeni Flue stürzt, sich verletzt und von der Air-Glaciers-Basis Lauterbrunnen mit dem Helikopter ins Spital gebracht werden muss. Aber ist deswegen nachhaltige Schadenfreude lustig? Mountain Wilderness hat ja nicht versucht, den Vorfall zu verheimlichen oder zu verwedeln. In einem Communiqué informierten die «Fahnenträger» transparent, viele Medien im ganzen Land berichteten dann über diese Rettungsaktion, Sie im «Berner Oberländer» als allererster, die Schweiz hat darüber geschmunzelt (ich übrigens auch), ca. fünf Minuten lang, danach war die Sache gegessen und vergessen. Es gibt Wichtigeres auf der Welt und vor allem gabs schon weitaus peinlichere Fälle, die mit dem Heli geholt werden mussten. Leute, die sich am Berg überschätzen oder unbedarft mit Sandalen und Hotpants unterwegs in eine Gletscherspalte fallen. Mir haben Retter gesagt, sie hinterfragen nicht, Not sei Not. Meine Bewunderung für die Bergretter ist grenzenlos – eben auch, weil sie nicht urteilen, sondern einfach helfen, wenn sie gerufen werden, oft mit spektakulären Einsätzen.
  • Ob ein Helikopter für eine Rettung aufbricht, ist deshalb auch nicht vergleichbar mit den durchschnittlich zehn Rotationen pro Tag für touristische Spassflüge durch ein geschütztes Gebiet von nationaler Bedeutung. Da nützt es nicht mal der Heli-Lobby, wenn Sie in ihrem «Schwerpunkt-Artikel» Fälle auflisten, bei denen angeblich schon mehrmals Aktivisten von Mountain Wilderness nach ihren Kundgebungen gerettet werden mussten – ohne die Akten anzufordern, welche diese Behauptung stützen. Prompt musste Ihre Zeitung danach eine Gegendarstellung publizieren, weil es offenbar gar nie solche Fälle gegeben hat. Das ist auch etwas lustig, würde mich aber nichts angehen, hätten Sie mich nicht namentlich erwähnt.

In Ihrem Tun liessen Sie sich aber möglicherweise von Ihrem beruflichen Vorbild Herrn G. aus Thun motivieren? Herr G. war früher Journalist in leitender Stellung. Heute wäre er pensioniert. Aber weil er wohl noch nicht ganz loslassen kann, arbeitet er jetzt als Medienberater und unterhält die Redaktionen im Kanton Bern mit seiner Meinung. Jedenfalls mailte Herr G. an mehrere Journalisten folgendes:

·  Ich fahre genau seit 40 Jahren zum Skifahren im März nach Zermatt. Die Helis dort empfindet man nicht als Belästigung, sondern als Attraktion – wenn man sie denn hört.

·  Als Nicht-Bergsteiger flog ich vor längerer Zeit mal mit einem Bergführer auf die Monte-Rosa-Schulter und dann mit den Skis zurück ins Tal. Ich erlebte ein grandioses Natur- und Bergerlebnis, das mir Bürogummi ohne Heli vorenthalten gewesen wäre. Zudem unterstützte ich damit ein Heli-Unternehmen, über das schon mancher Bergsteiger froh gewesen ist – wie die Umweltaktivistin am Sonntag.

·  Man müsste wohl mal abklären, in wie manchem anderen Unesco-Weltnaturerbe ein Heliverbot gilt.

·  Letzte Woche war ich wieder in Zermatt. Meine Frau verletzte sich auf 3200 m am Knie und musste abtransportiert werden. Sie verzichtete auf den Heli und wurde mittels Schneetöff, Bergbahn und Ambulanz in eine Arztpraxis gefahren organisiert von der Air Zermatt, auf terrestrischem Weg…

Und nachdem Herr G. auf meinen Heliski-Beitrag vom 4. April aufmerksam gemacht wurde, mailte er wieder mit «cc» an mehrere Journalisten (auch an mich):

Ach lieber B. (Anmerkung: «B» ist der Journalist vom «Berner Oberländer»)

Es ist ja unglaublich, was die Jammertante Natascha Knecht alles von sich gibt (aber die Fotos sind toll!) und dann all die eindimensionalen Blogger hinterher… Ich frage mich bloss, warum sie ausgerechnet die Ebnefluh besteigt, um sich dort über die Helis zu ärgern, statt einen der hundert anderen Gipfel in der Umgebung, um sich dort am Bergerlebnis zu freuen? Was mich an ihr stört und warum ihre Nachfolgeblogger eindimensional sind: Sie kommen in ihrer Arroganz gar nicht auf die Idee, dass es Menschen gibt, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, Berggipfel zu besteigen und Abfahrten von dort zu erleben. Dank dem Heliskiing auf weniger als 1 Prozent der CH-Berggipfel ist auch diesen Menschen dieses Erlebnis vergönnt. Und nebenbei bringen sie Bergführern und Heliunternehmen noch etwas Verdienst. All die Anti-Heli-Fundis sind vor allem Egoisten, die sich nicht an 99% Heli-freien Gipfeln freuen, sondern in Tabula-rasa-Manier alles nach ihrem Gusto befehlen wollen. Mountain Wilderness? Mountain Egoism! Motto: «Die Berge gehören nur uns echten Bergsteigern mit Fellen, Schweiss und stinkenden Socken. Und die Helis brauchts nicht. Ausser natürlich wir verdrehen uns das Knie oder landen in einer Gletscherspalte.» Ich freue mich, wenn Du als Top-Bergsteiger und Journalist mit Augenmass das Thema im BO wieder mal aufgreifst! Alles Gute, harte Ostereier und lieber Gruss

Liebe Bergfreunde,
auf diesen «Steilpass» habe ich Herrn G. noch nicht geantwortet. Was soll ich ihm schreiben? Dass ich richtig herzhaft lachen musste über seine «Bürogummi»-Argumente? Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, mit den «eindimensionalen Bloggern hinterher» meint er Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, die in «Arroganz» einen Kommentar geschrieben haben. Muss ich ihm den Unterschied zwischen einem Blog und einem Printartikel erklären? Soll ich erwähnen, dass es absolut keine Rolle spielt, auf welchen Gipfel man in diesem Gebiet steigt – die Helitouristen sieht und hört man von weitem. Ich selber wusste bis anhin nie genau, was für Leute sich fürs Heliskiing begeistern, aber dass jemand in allen Facetten dem Klischee-Bild entspricht, hätte ich in dieser Form nicht erwartet. Neu ist für mich auch, dass es im «Berner Oberland» so viele «harte Ostereier»  gibt – was soll ich als «junge Journalistin» davon halten?

Der schnellste Affenmensch der Welt

Natascha Knecht am Montag den 30. April 2012
Kenichi Ito

Kenichi Ito aus Japan trainiert dafür, der schnellste Affen-Mensch zu sein. (Screenshot Video Reuters)

Heute mal etwas aus der kuriosen Ecke. Es geht um einen Sportler, der sich äusserst sonderlich fortbewegt. Er heisst Kenichi Ito, lebt irgendwo in der Agglomeration von Tokyo und ist – jetzt kommts: Er ist der schnellste Mensch auf allen Vieren. Er läuft wie ein Affe, legt 100 Meter in 18.58 Sekunden zurück und bekam dafür einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde.

Seit bald zehn Jahren entwickle und perfektioniere der 29-Jährige seinen Laufstil, berichtete kürzlich die Agentur Reuters. Vorbild für Itos schnelle Fortbewegungsart sind die afrikanischen Patas-Affen.

«Mein Gesicht und mein Körper gleichen einem Affen, deswegen wurde ich schon als Kind verspottet. Sie nannten mich ‹Affe, Affe›», sagt Ito in seiner Wohnung in die Reuters-Kamera (siehe Video unten). Im Hintergrund hängt ein Poster eines Schimpansen. Doch die Hänselei habe ihm nichts ausgemacht, denn er möge Affen und irgendmal sei bei ihm der Ehrgeiz aufgekommen, nicht nur wie ein Affe auszusehen, er wollte sich auch wie ein solcher bewegen. «Von da an übte ich jeden Tag.»

Seither läuft er auf allen Vieren durch das Leben, trägt dabei Handschuhe und Schuhe mit rutschfestem Profil. Seinen Haushalt hat er so eingerichtet, dass er überall wie ein Affe rauf und runter hüpfen kann. Selbst während des TV-Interviews sitzt er da wie ein Affe.

Ito lässt sich nicht nur von Affen inspirieren, sondern von allen Vierbeinern. Deshalb geht er regelmässig in den Zoo. Mittlerweile beherrscht er sechs unterschiedliche Laufstile auf allen Vieren. Am schnellsten ist er mit «Gallop».

Ito ist zwar der schnellste auf allen Vieren, aber nicht der einzige, der sich für diese Sportart begeistert. Inzwischen sind es schon rund hundert Menschen in sieben Ländern. In Tokyo trifft er andere Fanatiker zu Wettläufen. Und er ist davon überzeugt, dass diese Form des Laufens bald viele Leute übernehmen, sie vielleicht mal olympisch werden könnte.

Ein Jäger hielt ihn für ein Wildschwein

Natürlich musste er auch schon negative Erfahrungen machen. Zum Beispiel wird er immer wieder von der Polizei aufgehalten, wenn er auf allen Vieren durch die Stadt flitzt. Deshalb sei er für ein «Vier-Bein-Trainingscamp» einen Monat lang in die Berge gefahren. Dort habe ihn am ersten Tag ein Jäger für ein Wildschwein gehalten und auf ihn geschossen.

Über seine Eltern ist nichts bekannt, aber sie leben wahrscheinlich wie ganz normale Menschen im Grossstadtdschungel. Soweit ich mich erinnern kann, versuchte Tarzan sein äffisches Verhalten abzulegen als er in die Zivilisation kam. Ito ist sozusagen sein Gegenstück. Seine Hoffnung, diese Disziplin werde mal olympisch, halte ich für eher unrealistisch. Ebenso, dass bald viele Leute seinen Laufstil übernehmen. Wobei ich mir das ehrlich noch bereichernd vorstelle, wenn künftig im Wald zwischen Joggern, Bikern, Spaziergängern, Nordic-Walkern, Hündelern, Rösselern auch Äffische auftauchen. Oder nicht?

Verzauberte Gegenwelt

Thomas Widmer am Freitag den 27. April 2012

Diese Woche von Waldenburg auf die Belchenfluh (BL/SO)

An einem Apriltag so warm wie der heutige fuhr ich mit meinem Grüpplein nach Liestal; dort wechselten wir auf die Schmalspur der Waldenburgerbahn. Am Bahnhof Waldenburg erblickten wir Hobbydampfbähnler, die in ihren Nostalgiekitteln aussahen wie Lukas der Lokomotivführer bei Jim Knopf. Und ihre rauchende und fauchende Lok war Emma.
Wir zogen direkt hinauf zum Schloss. Das heisst, wir liessen das Dorf unweit des Bahnhofs unbesichtigt; eigentlich schade, in der Klus der Vorderen Frenke hält sich mittelalterliches Gepräge. Die ehemalige Feste der Grafen von Frohburg entschädigte uns. Sie sah aus, wie man sich ein Schloss respektive dessen Ruine vorstellt: ein Zahn auf abschüssigem Sporn; enge Durchgänge, Mauern, Zinnen, Holztreppen.

Die «Chinesische Mauer» zwischen Lauchfluh und Belchenfluh

Von der obersten Plattform genossen wir ein erstes Mal auf der ungemein aussichtsreichen Route, die immer neue Ausblicke zu den Alpen und ins Süddeutsche bietet, den Jura: knallgrüne Wiesen, mancherorts zu Steilhalden gekippt; bewaldete Kämme; schroffe Risse und bleckender Stein. Hin zur Gerstelfluh und Lauchfluh gerieten wir bald mitten in ein solches Ambiente. Der Weg war ruppig, geröllig, gesäumt mit verkrümmten Buchen, die sich zu ihren geraden Geschwistern im Mittelland verhalten wie arme Bauern zu den hablichen Verwandten in der Stadt.
Die Lauchfluh: eine Überraschung. Ich meine nicht in erster Linie den Weitblick, sondern den Bunker unter der Terrasse. Wir stiegen ein, verweilten, suchten uns in die Zeit des ersten Weltkriegs zurückzudenken: die Sorge des Generalstabs, die Deutschen könnten den Eisenbahn-Knotenpunkt Olten packen; die monumentalen Bau- und Schanzarbeiten im Gelände; das Ausharren der Soldaten auf der Wacht. Zwischen Lauchfluh und Belchenfluh sahen wir mehr von der «Fortifikation Hauenstein». Gräben und Wälle zogen sich durch den Wald, ahmten Steigung und Neigung des Grundes nach, dass es an die Chinesische Mauer gemahnte.

Er brachte die Fahne mit dem Teleskopstock zum Flattern und bekam Applaus

Eine Treppe führte zum nackten Felsen der Belchenfluh, auch «Bölchen» genannt. Auf dem Gipfel lehnte sich Liliane unter der Schweizer Fahne ans Geländer, beugte sich ein wenig nach vorn ins Leere und breitete die Arme aus, ein Filmzitat: Rose am Schiffsbug in James Camerons «Titanic». Wanderfreund René wurde eine ernstere Mission zuteil. Zum Ärger einiger Rentner wollte sich die Fahne im Wind nicht richtig entfalten. René half mit dem Teleskopstock nach. Sie begann zu flattern, er bekam Applaus.
Hernach zogen wir hinüber und hinab zum Allerheiligenberg. Die bekannte Höhenklinik war geschlossen. Wie ich inzwischen im Internet gelesen habe, wird der Riesenkasten nun für einige Zeit als Heim für Senioren genutzt, derweil deren Stammhaus umgebaut wird. In der nahen Wirtschaft, die nichts mit alledem zu tun hat, sondern dem Bauernhof zugehört, assen wir fein. Hausgemachte Ware: Würste, Speck, Brot.

Die Schweiz wird reicher durch die Gegenwelt Jura

Der letzte Akt der Wanderung war noch einmal spektakulär. Durch die Teufelsschlucht mit ihren Treppen und Metallstegen stiegen wir vorbei an picknickenden Türkenfamilien ins betriebsame Hägendorf ab. Dort dachte ich wieder einmal: Wieviel reicher die Schweiz doch dadurch ist, dass es in ihr an Bergen nicht nur die Alpen gibt, sondern auch deren verschachtelte, verwunschene, verzauberte Gegenwelt namens Jura.

Route: Waldenburg Bahnhof – Schlossruine – Gerstelfluh – Lauchfluh – Geissfluh – Chilchzimmersattel – Belchenfluh – Allerheiligenberg – Teufelsschlucht – Hägendorf – Hägendorf Bahnhof.

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 700 Meter auf-, 800 abwärts.

Charakter: Jura, immer neue Kalkfluhen und geröllige Steige. Anstrengend mit einigen Steilpassagen. Sehr aussichtsreich.

Höhepunkte: Die Schlossruine Waldenburg. Der Blick von der Lauchfluh. Die Befestigungen der Fortifikation Hauenstein aus dem ersten Weltkrieg. Die spekakuläre Plattform auf der Belchenfluh. Der vom Menschen in die Teufelsschlucht gezwängte Weg.

Hund: Steil und anstrengend. Gitterrost-Stege in der Teufelsschlucht, viele hohe Tritte daselbst.

Einkehr: Allerheiligenberg, Ruhetage Mo, Di, Mi. www.baergwirtschaft-ahb.ch

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Velo-Festival für jeden Geschmack

Laurens van Rooijen am Donnerstag den 26. April 2012

Vom 4. bis zum 6. Mai finden die Bike Days zum vierten Mal in Solothurn statt. Das nationale Velo-Festival bietet für jeden Geschmack etwas: von hochklassigen Wettkämpfen zum Zuschauen bis zu Fahrtechnik-Workshops und Filmpremieren. Grund genug für eine Vorschau.

Der Standort Solothurn hat sich für die Bike Days als Glücksfall erwiesen: Nach wiederholtem Wetterpech in Biel und einer einmaligen Ausführung im Glattpark am Stadtrand von Zürich hat das nationale Velo-Festival mit dem Gelände zwischen Rythalle und Schanzengraben ein passendes Areal gefunden. Für die vierte Austragung der Bike Days in Solothurn haben sich Organisatoren und Aussteller einiges einfallen lassen, um nicht nur Informationen und Testmöglichkeiten, sondern auch Abwechslung und Spektakel zu bieten.

Sixdays en miniature und eine Filmpremiere

Los geht es am Freitagabend mit den rasanten Sprintrennen der Profis und dem etwas gemächlicheren «Öufi»-Prominentenrennen, dessen Name auf die besondere Beziehung der Stadt Solothurn zur Zahl Elf anspielt. Ab 20 Uhr steigt in der Rythalle die «Bikenight», und die hat neben der Bar und DJs auch eine doppelte Schweizer Premiere zu bieten: Der «Mini Drome» bringt als Miniatur-Holzrennbahn einen Hauch von Sechstage-Rennen in die Halle (siehe Video unten). Im Anschluss wird der Dokumentarfilm «Asmawa» gezeigt: Dieser folgt dem Berner Fixie-Fahrer Patrick Seabase auf seiner Reise nach Eritrea, wo er sich mit seinem Starrlauf-Velo an die Abfahrt von einem der höchsten Berge des Landes wagte.

Am Samstag kommen in Solothurn Selberfahrer jeden Alters und verschiedenster Couleur auf ihre Kosten: Beim «Zazoo Grand Prix» messen sich die jüngsten Biker, wenn sie sich nicht gerade an einem der beiden Geschicklichkeitsparcours auf dem Gelände versuchen. Dagegen richtet sich der «Springride» als gemütliche Ausfahrt an alle, die das Velo mit Genuss und Flanieren statt mit Wettkampf assoziieren. Im Rahmen der «Pumpt it up Workshops» kann man sich von Cracks wie Adrian Kiener in die Kunst des Pumptrack-Fahrens einweihen lassen. Da die Anzahl Teilnehmer begrenzt ist, empfiehlt sich eine Voranmeldung.

Grosse Namen in Sachen Crosscountry und Dirt

Derweil legen im Stadtgraben die Crosscountry-Fahrer im Rahmen des «BMC Racing Cups» los. Weil grosse Namen am Start stehen, kommen auch Autogrammjäger in Solothurn auf ihre Kosten. Gleich neben Start und Ziel der Crosscountry-Rennen fahren die tollkühnen Dirtjumper ihre Qualifikation aus. Weil die Landungen der Sprünge dieses Jahr erstmals aus Erde geformt werden, darf sich das Publikum auf nochmals mehr Risikobereitschaft seitens der Fahrer freuen. Und da der Bike-Days-Contest nun Teil der «FMB World Tour» ist, dürften starke Fahrer am Start sein. Auch die Flatland-Fahrer werden dieses Jahr das Publikum wieder mit ihrer Akrobatik und Kreativität in ihren Bann ziehen. Und zeigen, was mit einem BMX-Velo ohne Bremsen alles möglich ist.

Abends lockt wieder der «Mini-Drome», diesmal mit einem Schaukampf zwischen dem Berner Patrick Seabase und dem Bahn-Profi Franco Marvulli. Tagsüber steht die kleine Radrennbahn allen offen: Im Rahmen eines «Open»-Rennens kann sich jeder am kleinen Holzoval mit Steilwandkurven versuchen. Auch auf dem Pumptrack der Bike Days kann sich jeder Besucher mit einer schnellen Zeit für das «Bergamont Pump it up Race» vom Sonntagnachmittag qualifizieren.

Vom «BMC Racing Cup» über die Dirtjump- bis zu den Flatland-Contests werden am dritten Festival-Tag auch die Finale diverser Wettkämpfe ausgefahren, so dass das Publikum nochmals voll auf seine Kosten kommt. Das Selberfahren und Ausprobieren ist ohnehin ein zentrales Element der Bike Days. Welche Teststrecken dafür in Solothurn und Umgebung zur Verfügung stehen und welche neuen Produkte an den Bike Days ausprobiert werden können, wird mein Kollege Jürg Buschor nächste Woche an dieser Stelle im Detail erklären.

Waren Sie schon einmal an den Bike Days? Haben Sie vor, die Bike Days in Solothurn dieses Jahr zu besuchen? Worauf freuen Sie sich besonders, oder vermissen Sie etwas im Rahmenprogramm?

Bike Days 2012, 4. – 6. Mai in Solothurn

Öffnungszeiten:

Freitag, 4.Mai: von 16 bis 20 Uhr

Samstag, 5. Mai: von 10 bis 20 Uhr

Sonntag, 6. Mai: von 10 bis 18 Uhr

Eintritt am Freitag und für Kinder unter 10 Jahre gratis

1-Tages-Pass für Erwachsene CHF 10.-, 2-Tages-Pass CHF 18.-

1-Tages-Pass für Jugendliche CHF 5.-, 2-Tages-Pass CHF 8.-

Detailliertes Programm und Informationen unter Bikedays.ch.

Mehr Genuss, weniger Angstschweiss

Natascha Knecht am Mittwoch den 25. April 2012


Kein Name ist in der Schweizer Kletterszene bekannter als seiner: Hätte es Jürg von Känel und seine «Idee zu mehr plaisir» nicht gegeben, wäre wohl kaum je eine so breite Bewegung im Klettersport aufgekommen. Der begnadete Sportkletterer aus dem Kandertal war ein Pionier. Ende der 70er-Jahre gehörte er zu den ersten, die Schwierigkeiten jenseits des sechsten Grades knackten. Selten war dann auch die Erstbegehung einer Route für die Schweizer Szene von solch grosser Bedeutung, wie diejenige von «Mission Miranda» im Jahr 1989. «Nicht, dass die 8b++ harte, klein- und kunstgriffige, überhängende Kante im Berner Oberländer Klettergarten Lehn die gesamte Kletterszene zum Training animiert hätte. Nein, nach dem Punkten dieser Route wusste Erstbegeher Jürg von Känel, dass er seine sportlichen Grenzen erreicht hatte. Mit dieser Höchstleistung setzte er den Schlusspunkt unter seine Karriere als leistungsorientierter Sportkletterer», schreibt der Fotograf und Journalist Bernard van Dierendonck. (siehe Bildstrecke oben)

Mit seiner Idee, den Kletter-Boom ins Rollen gebracht

Und weiter: «Jürg von Känel stellte bei seiner Arbeit als Bergführer fest, wie schwierig es für Gelegenheitskletterinnen und -kletterer war, für sie passende Routeninformationen zu finden. Dass all jene, die nicht mehrmals die Woche trainieren können, sondern Klettern als Freizeitbeschäftigung neben Berufs- und Familienleben betreiben, in den Bergen vor allem Erholung suchen und wenig Lust auf lange Hakenabstände, brüchigen Fels und Angstschweiss verspüren. Die Idee zum Buch mit Plaisirrouten von moderater Schwierigkeit war geboren.» Der französische Titel «plaisir» steht für Spass, Vergnügen und südliches Ambiente. Von Känels «Plaisir»-Kletterführer mit den übersichtlichen, von ihm gezeichneten Topos, wurden dankbar aufgenommen, gingen viele Tausend Mal über den Ladentisch – sie sind die Bibeln der Sportkletterer geworden, Jürg von Känel zum Vater des Plaisirkletterns.

2005 starb Jürg von Känel 53-jährig. Seine Frau Berthi führte den Buch-Verlag Edition Filidor weiter – unterstützt von Freunden, Verwandten und dem Sohn Adrian sowie Jürgs Bruder Res von Känel, welche die Zeichen- und Recherchearbeit übernahmen. Nach einem weiteren Schicksalsschlag – Res stürzte beim Führen am Breithorn in den Tod – hängte der jüngste Spross Sandro (25) seinen Schreiner-Beruf an den Nagel und stieg 2009 in den Familien-Verlag ein.

Jetzt, 20 Jahre nachdem der erste Plaisir-Führer von Jürg auf den Markt kam, erscheint nun «Plaisir Selection». Sandro von Känel, wie sein Vater ein begnadeter Sportkletterer, der vergangenen Herbst im Berner Oberländer Gebiet Elsigen seine erste 8b+-Route durchstieg, hat zum Jubiläum nicht nur die schönsten 115 Mehrseillängen-Routen zusammengestellt, er hat sie auch alle selber geklettert. (Impressionen siehe Bildstrecke oben)

Kletterer Sandro von Känel.

Kam erst relativ spät zum Klettern: Sandro von Känel.

Sandro von Känel, Ihr Vater Jürg und seine Bücher sind den Plaisirkletterern vertrauter als ein Schweizer Sackmesser. Was für ein Gefühl ist es, als Sohn in seine Fussstapfen zu treten?
Ein sehr gutes. Es war zwar nicht immer einfach, ich wurde schnell mit ihm verglichen, man hat von mir viel erwartet. Weil ich erst kurz bevor ich in den Verlag einstieg, mit dem Sportklettern angefangen hatte, kannte ich die Szene nicht gut. Bei meinem Vater war das umgekehrt. Er kletterte erst ein Leben lang und begann erst danach mit den Kletterführern. Dieser Verlauf war logischer als meiner. Aber damit der Verlag weiterlebt, musste jemand einsteigen, der von A bis Z alle Aufgaben ausführt. So wurde ich erst ins kalte Wasser geworfen, mir fehlte die Erfahrung. Jürg hatte so viel aufgebaut, ich wollte alles so gut machen wir er, was mir anfangs nicht immer gelang. Ich hatte Angst, etwas an seinem Werk kaputt zu machen.

Wie haben Sie Ihren Vater in Erinnerung?
Er war viel unterwegs als Kletterer und Bergführer. Aber wenn er da war, nahm er sich Zeit für meine Brüder und mich. Wir Buben waren ihm wichtig, er war uns ein liebevoller Vater, der uns Freiheiten liess. Als Buben waren wir auch oft mit ihm unterwegs. Aber damals war Klettern nicht meine Lieblingsbeschäftigung, meine Begeisterung für diesen Sport kam erst später. Meine Brüder klettern inzwischen gar nicht mehr.

Für den neuen Kletterführer «Plaisir Selection», der nächste Woche im Handel erscheint, haben Sie 115 Mehrseillängen-Routen zusammengestellt. Nach welchen Kriterien?
Massgebend waren Felsqualität, Ambiente, und bei den Schwierigkeitsgraden haben wir von 4a bis 6c alle integriert. Auch die Spannweite bei den Absicherungsmöglichkeiten wählten wir breit. In diesem Führer gibt es Routen, die für Kinder ideal abgesichert sind, und solche wie jene am Piz Badile, die alpine Charaktere aufweisen. Auch die Längen variieren – von mindestens fünf Seillängen bis 30. Zu den Plaisir-Kriterien gehört zudem, dass die objektiven Gefahren, wie etwa Steinschlag, möglichst gering sind.

Sie sind letztes Jahr jede Routen selber geklettert. Was dürfen Plaisir-Kletterer erwarten?
Eine Auswahl, die den Plaisir-Kriterien entsprechen: gute Absicherung, gute Felsqualität und schönes Ambiente. Weil ich jede Route kletterte, sind alle Topos und Pläne auf dem neusten Stand, die Routen seriös rekognosziert und aktuell beschrieben.

Weshalb 115 Routen?
Ursprünglich wollten wir 100 Routen auswählen. Wir stellten uns 100 Touren vor, die einen Tag ausfüllen – das wären Routen ab 10 Seillängen. Aber dann habe ich bald gemerkt, dass es viele schöne Routen mit fünf Seillängen gibt und es möglich ist, an einem Tag zwei oder gar drei zu klettern. Das lohnt sich besonders, wenn die Zustiege länger sind. Darum sind es nun 115 Routen in 55 Gebieten.

Welche sind Ihre persönlichen Lieblingsrouten? Ein Insider-Tipp?
Besonders gefallen haben mir zum Beispiel die Klettereien an den Aiguilles Dorées im Unterwallis. Super Fels, alpines Ambiente. Der Zustieg ist allerdings weit und führt über Gletscher. Im einfacheren Schwierigkeitsbereich, der sich auch gut für Anfänger eignet, habe ich etwa den Steingletscher im Sustengebiet, oder die Felsen oberhalb des Räterichsbodensees am Grimsel in bester Erinnerung.

Plaisir-Klettern feiert dieses Jahr das 20-Jahre-Jubiläum. Was hat sich seit den Anfängen verändert?
Vieles. Der neue Absicherungs-Standard hat bewirkt, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Leute das Klettern entdeckten, es wurde ein Breitensport. Vor 20 Jahren kletterten fast nur Bergsteiger, die sehr viel Zeit dafür investierten. Heute sind die Plaisir-Routen viel besser abgesichert, die Leute klettern zum Ausgleich oder für die Fitness. Man muss nicht mehr seine ganze Freizeit dafür investieren, damit es nicht gefährlich wird, so wie früher.

Gerade weil es nicht mehr so gefährlich ist wie früher, wird Plaisir-Klettern von einigen belächelt. Was sagen Sie dazu?
Klar kritisieren manche, Plaisir-Klettern sei eine Entwicklung der Konsumgesellschaft. Doch das finde ich eine elitäre Einstellung. Ich finde es positiv, dass so viele Leute dank der guten Absicherungen klettern können.

Die Bohrhaken, die zur Absicherung in den Fels gebohrt werden, halten manche als unethisch.
Die Ethik im Klettersport ist eine Endlosdiskussion. Ich persönlich bin dafür, dass man neue, leichte Routen gut absichert und für Freizeitkletterer – das sind ja die allermeisten – zugänglich macht. Ich bin jedoch strikt dagegen, dass alte Extrem-Klassiker, ob im alpinen oder Sportkletterbereich, plaisirmässig saniert werden. Alle, die gegen Bohrhaken sind, finden immer noch ihre Routen. Die Plaisir-Kletterer kommen ihnen nicht in die Quere.

Jedes Jahr werden neue Routen eingerichtet. Werden alle in Ihre Führer integriert?
Die Erschliesser melden uns neue Routen mehrheitlich. Manche sind jedoch fraglich, weil zum Beispiel die Felsqualität nicht gut ist, darum nehmen wir solche nicht auf. Das Potenzial für neue Routen ist langsam ausgeschöpft.

Neue Routen zu bohren oder zu sanieren kostet Geld. Meistens bezahlen das die Erschliesser oder Sanierer selber. Finden Sie das richtig?
Sicher wäre es schön, wenn Vereine etwas mehr beitragen würden. Auch wir vom Filidor-Verlag beteiligen uns, sofern die neue Route unseren Kriterien entspricht. Aber ein «Kässeli» hinzustellen, damit die Nachkletterer etwas reinwerfen, sehe ich nicht. Anders wäre es, wenn die Erschliesser haften müssten. Aber heute kann jeder einrichten, wie er will und ist auch nicht verpflichtet, eine Route zu sanieren. Es ist eine schöne und freiwillige Arbeit, die viel zurück gibt.

Welche Routen haben Sie selber schon erschlossen?
Noch nicht sehr viele. Erst ein paar wenige Mehrseillängen-Routen im oberen Schwierigkeitsbereich. Aber Plaisir-Routen noch keine, weil ich einfach noch keinen Fels gefunden habe, wo es sich lohnen würde. Mein Vater Jürg hat dieses Potenzial bei uns im Berner Oberland schon weitgehend ausgeschöpft.

Welchen Herausforderungen müssen Sie sich als Herausgeber von Plaisir-Kletterführern künftig stellen?
Es stellt sich die Frage, ob Topos in Buchform noch Zukunft haben. Schon heute gibt es digitale Angebote oder Apps. Aber es ist schwierig zu sagen, wo das hinführt, selbst mit dem Smartphone hat man nicht überall Empfang, auch der Akku reicht kaum für mehrere Tage. Trotzdem bin ich natürlich aufgeschlossen für digitale Entwicklungen. Die Topos zeichne ich jedoch auch künftig von Hand, weil die Qualität einfach besser ist als Computerzeichnungen.

Der neue Kletterführer «Plaisir Selection» erscheint nächste Woche im Handel. ISBN 978-3-906087-40-5. Verkaufspreis 48 Franken. Er kann auch direkt beim Verlag bestellt werden: Edition Filidor, CH-3713 Reichenbach. www.filidor.ch – info@filidor.ch

Wenn Läuferfüsse Walzer tanzen

Pia Wertheimer am Montag den 23. April 2012

Marathonlaufen heisst, über sich hinaus wachsen. Grenzen überschreiten. Körperlich und mental Neuland zu betreten. Auf der Suche nach ihren Limiten überqueren jährlich unzählige Läufer auch Landesgrenzen. Zürich, Paris, Madrid, Berlin, London, Wien, New York, Dubai, Rio und Tokio – um nur einige der Städte weltweit zu nennen, auf derer Agenda inzwischen ein Marathon steht. Diese Grossveranstaltungen bieten eine hervorragende Gelegenheit, eine Metropole laufend zu entdecken und ungefährdet Hauptverkehrsachsen zu betreten. So sperren die New Yorker beispielsweise ihre Verrazano-Brücke, die Wiener ihre Ringstrasse.

Die Details machen es aus: Überdachtes Warten vor dem Frauenklo. (Foto: Pia Wertheimer)

Die Details machen es aus: Überdachtes Warten vor dem Frauenklo. (Foto: Pia Wertheimer)

Der Charakter der Marathon-Städte spiegelt sich in ihrem Laufanlass wider: Warum beispielsweise die Österreicher den Ruf geniessen, charmante Gastgeber zu sein, wird am Vienna City Marathon bereits im Startgelände deutlich. Sie erweisen sich dort gar als wahre Gentlemen: Neben der langen Reihe der provisorischen WC-Häuschen, überdacht ein Zelt eine kleinere Kabinenreihe und schützt die Wartenden vor dem leichten Nieselregen – die «Women’s Toilets».

Von Wahrzeichen zu Wahrzeichen

Der Startbogen steht am Fuss der Wiener UNO-City, dem Sitz der Vereinten Nationen. Die Hochhäuser, in den 1970er-Jahren erbaut, bilden ein Y, so dass sie sich nicht gegenseitig in den Schatten stellen. Aus den Lautsprechern donnert Beethovens «Ode an die Freude». Die heroische Melodie weckt auch meine Aufregung. Die morgendliche Schläfrigkeit hat sich verzogen. Ein letztes Stretchen, noch einmal die Startnummer zurechtzupfen. Der Countdown läuft. Die Füsse stehen still, der Blick gleitet Richtung Donau. Der Startschuss fällt. Die Menschenmasse wälzt sich über die rund 850 Meter lange Reichsbrücke, begleitet von den mitreissenden Klängen des Donauwalzers von Johann Strauss. Noch stecke ich voller Enthusiasmus, meine Füsse laufen nicht, sie haben sich von meinem Herzen anstecken lassen – sie tanzen.

Kaum ist die Reichsbrücke Geschichte, lenkt bereits ein weiteres Wiener Wahrzeichen die Aufmerksamkeit der Läufer auf sich: Das Riesenrad. 1897 zur Feier des 50. Thronjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. errichtet, war es lange Zeit das grösste Riesenrad der Welt. Mein Blick wandert von seinen ungewöhnlich grossen Gondeln zurück in die Zukunft – vor mir liegt die Hauptallee des Praters. Noch sind die Energietanks voll, noch ist der Lauf durch die grüne Kulisse ein Genuss.

Die Kulisse als mentale Stütze

Noch bevor mich der Anblick dieser langen Allee entmutigt, schlängelt sich der bunte Läuferwurm zurück ins Herz der Stadt. Wo mir kurz nach 10 Kilometern nicht die Distanz den Atem raubt, sondern der Anblick der Wiener Staatsoper. Kontrastreicher könnte die Kulisse im Startgelände und im Stadtkern kaum sein. Ein Amuse-Bouche der Veranstalter, denn bald schon führt die Strecke stadtauswärts, wo mich die Krönung erwartet: Schloss Schönbrunn.

Noch sauge ich all diese externen Eindrücke auf – später werde ich mich zwingen müssen, die Bauschönheiten der Kaiserstadt überhaupt noch zu erkennen. Und wo die Halbmarathonläufer bereits ins Ziel einbiegen, erhebt sich links von mir das imposante Rathaus. Bei seinem Anblick ist der stille Neid, dass einige der Teilnehmer schon im Ziel sind, verflogen. Die historischen Bauten helfen mir, meine eigene Marathongeschichte zu schreiben. Sie werden zur mentalen Stütze, lenken mich von der mit jedem Kilometer wachsenden Anstrengung ab.

Rettender Gentleman

Kurz nach dem 30. Kilometer biegt der Läufertross in den zweiten Teil der Hauptallee des Praters. Im einstigen kaiserlichen Jagdgebiet, stelle ich meinem inneren Schweinehund nach. Während meine Kräfte schwinden, scheint er stärker zu werden. Und als ich das Lusthaus und damit der Wendepunkt dieser Streckenschleife erreiche, geht mir langsam die Lust aus. Und obschon der Weg, der mich zurück ins Herz von Wien führt, nur noch acht Kilometer beträgt, scheint er endlos. In mich gekehrt, reichen meine Kräfte nicht mehr aus, um die Kulisse zu geniessen. Die schmerzenden Oberschenkel gebieten mir Einhalt – bei der 40-Kilometermarke muss ich kapitulieren.

Die architektonischen Schönheiten vermögen mich nicht mehr von der Anstrengung abzulenken. Ich marschiere – die berüchtigte Wand scheint zu hoch. Ein Wiener macht in diesem Moment dem Ruf der Österreicher, umsorgende Gastgeber zu sein, alle Ehre: «Gehen geht nicht!», ruft mir der Zuschauer zu und lässt nicht locker. «Los! Es sind nur noch zwei Kilometer – ab hier ist gehen verboten!» Hartnäckig geht er jenseits der Abschrankung ein Stück mit mir mit und peitscht mich mit seinen Ausrufen zurück in den Trab. Diesem Gentleman werde ich lange dankbar sein, denn der Schritt über die Ziellinie, umgeben von der historischen Kulisse des Wiener Heldenplatzes, ist ergreifend. Eine Melodie erfüllt in diesem Augenblick mein Herz: die «Ode an die Freude»!

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