
Christian Stangl im Interview: «Inzwischen sehe ich meine Fehler ein. Aber ich brauchte über ein Jahr, um mir diese einzugestehen. Ich bin mir heute auch bewusst, was ich mir damit als Bergsteiger verspielt habe. Egal, was ich künftig mache, die K2-Sache bleibt an mir haften.» (Foto: Ernst Kren)
Er galt als Idol, wurde jahrelang als «Skyrunner» und Erfolgsbergsteiger gefeiert, dann folgte der tiefe Fall: Christian Stangl hatte im August 2010 verkündet, er habe den K2 bestiegen. Als Beweis präsentierte er ein Foto, das er angeblich auf dem 8611 Meter hohen Gipfel von sich geknipst hatte. Doch bald tauchten Zweifel auf, der heute 46-jährige Österreicher geriet unter Druck und musste schliesslich vor versammelter Medienschar zugeben, dass er nie auf dem Gipfel gestanden ist.
Der K2 liegt im Karakorum und ist nach dem Everest der zweithöchste Berg der Erde. Höhenalpinisten bezeichnen ihn als den schwierigsten aller vierzehn Achttausender. Für Christian Stangl ist die Besteigung deshalb so wichtig, weil er als erster Mensch die «Triple Seven Summits», die jeweils drei höchsten Berge der Kontinente, erklimmen will. Alpinistisch blieb Stangl seit 2010 aktiv, war wieder mehrfach erfolgreich, aber er hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Erstmals erzählt er ganz ausführlich, weshalb er die K2-Besteigung vortäuschte, warum er erst alles abstritt, was sich danach in seinem Leben verändert hat und wann er zurück an den K2 will.
Herr Stangl, 2010 wollten Sie mit einem falschen Gipfelbild beweisen, den K2 bestiegen zu haben. Wie hart war der Absturz?
Christian Stangl: Es war ein Riesenabsturz. Bergsteigerisch und persönlich blieb kein Stein auf dem anderen.
Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Mir sind die Nerven gerissen. Der K2 ist sowas von gefährlich. 2010 war der Sommer verhältnismässig warm, darum gabs noch mehr Steinschlag als in anderen Jahren, von den Séracs donnerten Eisbrocken runter. Ich hatte panische Angst, dass es mich erwischt, dass ich sterbe. Das wollte ich mir damals zwar nicht eingestehen, aber ich hatte eine Riesenangst. 2010 war ein schlechtes Jahr. Selbst bei einfachen Klettertouren zu Hause in Österreich geriet ich gleich in Panik, wenn sich im Fels über mir ein kleiner Stein löste. Die Angst verfolgte mich wie eine Krankheit, vielleicht war sie eine Krankheit.
Warum diese Angst?
Mitgespielt hat sicher das Ereignis im 2008, als ich das erste Mal am K2 war. Damals entkam ich auf 8100 Meter nur haarscharf einer Eislawine und erlebte mit, wie über mir elf Menschen mitgerissen wurden und starben. Ein Schock, den ich komplett verdrängt, aber wohl nicht verarbeitet hatte. 2009 war ich wieder dort, musste 300 Meter unter dem Gipfel umkehren. 2010 klappte es zum dritten Mal nicht. Da wächst die Hemmschwelle, es nochmals versuchen zu wollen. Der K2 ist kein Berg, den man aus Lust besteigt. Er ist ein Berg der Angst. Er verlangt mehr als körperliche Fitness. Das ist nicht wie an einem Sechstausender in Südamerika. Am K2 muss man zusätzlich damit umgehen können, jeden Moment sterben zu können, die objektiven Gefahren sind enorm.
Und dann haben Sie das Foto, das Sie gar nicht auf dem Gipfel gemacht haben, verschickt und gesagt, Sie seien oben gewesen und das sei Ihr Gipfelbild?
Ja. 2010 nahm ich erstmals einen Computer mit, übermittelte meinem Kommunikations-Manager zu Hause mehrere Bilder, rief ihn danach an und sagte: Schick eines davon raus an die Medien.
Kein schlechtes Gewissen?
In diesem Moment nicht. Ich fand das okay so. Ich wollte einfach meine Ruhe haben vom K2.
Wann holte die Realität Sie ein?
Bereits auf dem Heimflug realisierte ich, dass ich einen Riesenscheiss gemacht habe. Aber da war die Lawine bereits losgetreten.
Weshalb stritten Sie erst alles ab?
Es war eine Trotzreaktion. Ich stolperte über mein Ego. Wir Profi-Bergsteiger sind wahrscheinlich alle grosse Egoisten. Bei vielen Besteigungen geht es nicht um Freude oder Genuss, sondern darum, besser zu sein als die anderen. Ich hatte über Jahre Erfolg. Dann klappte der K2 drei Mal hintereinander nicht. Ich war verzweifelt. Dass jemand mein Gipfelbild in Frage stellen würde, hatte ich damals nicht erwartet. Dann kam aber doch einer und hielt mir unter die Nase: Hey, du warst gar nicht auf dem Gipfel! Ich reagierte mit Trotz und Sturheit: Was will der Typ mir vorhalten, mir? Mein Ego nahm überhand. Ich stritt ab, konnte den Fehler nicht zugeben, weder gegenüber den anderen, noch gegenüber mir selber. In den vergangenen 500 Tagen habe ich mir über diesen Punkt viele Gedanken gemacht. Inzwischen sehe ich meine Fehler ein. Aber ich brauchte über ein Jahr, um mir diese einzugestehen. Ich bin mir heute auch bewusst, was ich mir damit als Bergsteiger verspielt habe. Egal, was ich künftig mache, die Sache bleibt an mir haften.
Hatten Sie damals, als Sie das falsche Gipfelbild übermittelten, wirklich nicht daran gedacht, dass der Schwindel auffliegen könnte?
Nein! Ich fühlte mich in diesem Moment so erleichtert, war so froh, dass die K2-Sache endlich vorbei ist. Schaue ich mir das Bild heute an, weiss ich, wie blöd das war. Auf dem Foto sieht man links unten Berge, die eindeutig nicht vom K2-Gipfel aufgenommen sein können und die mich letztlich auch überführt haben. Hätte ich damals daran gedacht, hätte ich die sicher weggeschnitten.
Sie sagen, beim Profi-Bergsteigen geht es nur noch ums Ego?
Auch der Südtiroler Bergsteiger Hans Kammerlander befindet sich heute in einer saublöden Situation. Vergangenen Dezember rief ich ihn an und sagte ihm, das Gipfelbild vom Mount Logan, das er auf seiner Webseite präsentiert, könne nicht auf dem Mount Logan aufgenommen worden sein. Ich war ja selber oben. Der rote Eispickel ist nur ein vordergründiger Beweis, aber die Berge im Hintergrund sind markant. Statt diesen offensichtlichen Irrtum zu korrigieren, verkündete er ein paar Wochen später, er habe als erster Mensch die «Seven Second Summits» bestiegen. Auch er glaubte wohl nicht daran, dass jemand sein Beweisbild in Frage stellen könnte. Dieses Verhalten erinnerte mich stark an mein eigenes damals. (Anmerkung: Auf telefonische Anfrage mit dieser Aussage konfrontiert, sagt Hans Kammerlander: «Es stimmt, mir waren die Zweifel bekannt, als ich im Januar die Vollendung meines ‹Seven Second Summit›-Projekts kommunizierte. Damals stand jedoch noch Aussage gegen Aussage, und ich war der festen Überzeugung, dass ich recht hatte. Inzwischen glaube ich aber ebenfalls, dass ich nicht den Hauptgipfel des Mount Logan bestiegen habe und reise diese Woche nach Alaska, um das vor Ort zu verifizieren.»)
Übel nahm man Ihnen vor allem, dass Sie mit teils wirren Aussagen versucht hatten, alles abzustreiten. Was haben Sie daraus gelernt?
Heute würde ich gar keine Erklärungen mehr abgeben. Würde nur noch sagen: Ich war nicht auf dem Gipfel. Punkt.
Die K2-Geschichte hat Ihnen nicht nur geschadet. Obschon Sie jahrelang grosse Erfolge verbuchen konnten, waren Sie bis dahin vor allem in der Szene bekannt. Seit 2010 sind Sie der breiten Öffentlichkeit ein Begriff, auch in der Schweiz. Ihre Sponsoren haben Sie trotz allem nicht hängen gelassen. Ist der Druck gewachsen?
Der Alpinismus ist ein Spiegel der Gesellschaft. Es gibt viele Parallelen. Um langfristig glaubwürdig zu bleiben, ist Transparenz entscheidend. Ähnlich wie in der Politik. Auch da muss alles offengelegt werden, zum Beispiel, von wo die Parteispenden kommen. Profibergsteiger müssen heute in ihrem Eigeninteresse einen Gipfelbeweis in Form eines aussagekräftigen Fotos, eines GPS-Tracks, eines GPS-Fernsignals (Spot Messenger) oder eines sonstigen eindeutigen Beweises präsentieren. Anders geht es gar nicht mehr. Das Misstrauen ist allgegenwärtig. Früher waren Alpinisten nicht ehrlicher als heute – das meine ich jetzt keinesfalls als Entschuldigung für mein Handeln – aber früher waren die Ansprüche anders. Da gabs noch kein Internet, wo jeder Bilder und Informationen präsentieren musste, respektive auf solche zugreifen konnte. Es war schwieriger, Zweifel zu beweisen. Ich bin da in einer Paniksituation reingefallen.
Schneller, höher, krasser. Worauf zielen Profi-Alpinisten heute ab, um im Gespräch zu bleiben?
Als Profibergsteiger unterliege ich der freien Marktwirtschaft, wie alle Selbständigerwerbenden. Ich muss Leistungen bieten, die der Markt will, brauche einen Businessplan, der sich an der Leistungsgesellschaft orientiert. Die Frage lautet aber natürlich: Wie weit muss ich mitspielen? Profi-Bergsteigen hat nichts mit Romantik zu tun. Wer breites Aufsehen erregen will, muss Leistungen erbringen, die auch für Nicht-Bergsteiger greifbar sind. Etwa in Rekordzeit die Eiger-Nordwand durchsteigen.
Ihre Karriere als «Skyrunner» haben Sie vorübergehend an den Nagel gehängt. Sie steigen nicht mehr in Rekordzeit auf die Berge. Ihr neues Projekt nennen Sie «21 Weltgipfel». Sie wollen als erster Mensch die «Triple Seven Summits», die jeweils drei höchsten Gipfel der Kontinente, besteigen.
Ich will nicht mehr «nur ein Bergsteiger» sein, der des Gipfels oder der Route wegen auf einen Berg steigt. Mir ist klar, was ich alles verspielt habe. Meine Richtung ist eine neue. Es geht mir jetzt darum, Gipfel zu vermessen. In Ozeanien, Afrika und auch Europa gibt es Berge, die nicht eindeutig und mit demselben Bezugssystem vermessen wurden. Deshalb nehme ich jetzt immer ein sogenanntes Differenzial-GPS mit, welches das Gelände auf zehn Zentimeter genau berechnen kann und aufzeichnet. Die Daten lasse ich von Geoat.at auswerten und stelle sie dann zur Verfügung. Auf die 21 Weltgipfel bin ich gekommen, weil weltweit keine verifizierte Liste der zweit- und dritthöchsten Kontinentalgipfel existiert. Da möchte ich endlich Klarheit schaffen. Ausserdem sind die 21 Weltgipfel eine neue, noch ungelöste Alternative zu den bekannten Alpinzielen des letzten Jahrhunderts, etwa den «Seven Summits» oder den 14 Achttausendern. 19 der 21 Gipfel konnte ich bereits besteigen. Noch fehlt mir der K2, der zweithöchste Asiens, und der Shkhara im Kaukasus, der dritthöchste Europas.
Hochasienchronist Eberhard Jurgalski – er gilt als internationale Institution, was die systematische Erfassung von Bergen anhand topografischer Kriterien betrifft – sagte kürzlich, der zweithöchste Berg Ozeaniens sei der Puncak Mandala, nicht der Ngga Pulu, den Sie bestiegen haben.
Daraufhin besuchte ich Eberhard Jurgalski. Wir sassen fünf Stunden zusammen und diskutierten das sachlich durch. Wir haben beide unsere Informationen und Daten dargelegt. Jurgalski ist ein fachlicher Freak und irrsinnig genau mit seiner Arbeit. Aber ich fürchte, dass er recht haben wird, dass der Ngga Pulu nicht der zweithöchste Berg Ozeaniens ist. Für mein «21 Weltgipfel»-Projekt spielt das aber keine Rolle, da ich in Ozeanien auch alle «Ersatzgipfel» bestiegen habe, auch diese drei, welche gemäss Jurgalski die richtigen sind, inklusive dem Puncak Mandala.
Vergangenen Sommer waren Sie zum vierten Mal am K2, wieder erfolglos. Kehren Sie auch dieses Jahr zurück zum K2?
Ja, Mitte Juni reise ich ab. Meine Gefühle sind dieses Jahr besser. Aber natürlich kann es wieder schief gehen. Das wäre für mich der «worst case».
Haben Sie keine Angst mehr?
Vergangenes Jahr versuchte ich den Aufstieg am K2 über eine Route, die mir nicht so gefährlich vorkam. Es war auch kühler, darum gabs weniger Eisschlag und Lawinen. Am letzten Tag wurde dann das Wetter einfach so schlecht, dass wir nicht zum Gipfel aufsteigen konnten. Darum steckt mir die Angst jetzt nicht mehr so tief in den Knochen wie nach 2008. Auch die Frustration ist nicht mehr so präsent. 2009 waren wir schon auf 8300 Meter und ich war sicher: Jetzt schaffst du es. Doch dann sind wir alle im Neuschnee stecken geblieben, ich musste wieder kurz vor dem Gipfel zurückkehren. Ich dachte: Das gibts ja nicht! Aber wenn das Wetter und die Verhältnisse Scheisse sind, hilft nichts.
Und Ihr Ego?
Natürlicher ist es auch heuer wieder mein sehnlichster Wunsch, den Gipfel zu erreichen – auch wenn ich die leise Vermutung habe, dass es vor allem mein Ego ist, das da rauf will. Dieser Berg hat mich verändert. Die Leute werden mich immer mit dem K2 und 2010 in Verbindung bringen. Und für mich ist es der fünfte Sommer in Folge, den ich am K2 verbringe. Es gibt wirklich Schöneres, das man zwischen Juni und August machen kann. Aber wenn ich den Gipfel erreicht habe, werde ich wissen, weshalb ich so manchen Sommer meines Lebens dort zubrachte.






















Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Laurens van Rooijen (38) ist seit 1989 mit dem Velo im Gelände und seit 2000 als Velo-Journalist unterwegs – bis Ende 2004 als Redaktor der Zeitschrift MOVE, seither als freischaffender Journalist in Sachen Fahrrad für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Web-Formate. Er schreibt neu im Ressort
Martin Sturzenegger (29) ist weder Profisportler noch Experte einer bestimmten Outdooraktivität. Als sportliches Highlight ragt der Bronzemedaille-Gewinn in einem Sprintbewerb für Kinder heraus. Im Outdoorblog betreut er das Ressort 




































