Leben


Archiv für die Kategorie „Shishapangma-Blog“

Kein Weiterkommen am Shishapangma

Natascha Knecht am Mittwoch den 5. Oktober 2011

«Alpin im Outdoorblog» begleitet exklusiv die extreme Ski-Expedition von Sébastien de Sainte Marie am Shishapangma (8027 Meter) im Tibet. Was bisher geschah: Hier nachlesen.

Heute Donnerstag haben wir die neusten Bilder von Sébastien de Sainte Maries Expedition erhalten. Er ist mit seinem Team zurück im Basislager. Die Übermittlung der Bilder durch den Fotografen Florian Wagner via Satellitentelefon war nicht einfach.

Sébastien de Sainte Marie konnte Dienstag auf über 7000 Meter aufsteigen. Die letzten Höhenmeter bis zum Hauptgipfel wären aufgrund der widrigen Bedingungen am Berg zum unverantwortbaren Spiel mit Leben und Tod geworden: Es gab keinen anderen Weg, als den Aufstieg abzubrechen. Sébastien fuhr mit den Ski von 7050 Meter ab – an hochgefährlichen Séracs und Lawinenhängen vorbei. Für die Abfahrt (1100 Höhenmeter) brauchte er zwei Stunden. Eine kühne Leistung, die trotz allem noch keinem vor ihm in der Shishapangma-Südwestwand gelungen ist. Jetzt ist er zurück im Basislager.

«Sehr schade», sagt Sébastien am Telefon. «Das Couloir ist nach dem Erdbeben und nach den Schneestürmen der vergangenen Wochen einfach zu unruhig. Es donnern fast nonstop Eis- und Steinlawinen runter. Eine komplett instabile Situation.» Séb fühlt unmittelbar nach seiner Abfahrt beides: Enttäuschung, aber auch grosse Dankbarkeit, dass er überhaupt so weit steigen konnte – höher als alle anderen, die den Gipfel ebenfalls über die Südwestwand erreichen wollten. Und vor allem sei er jetzt «total müde. Ich habe vier Tage und vier Nächte nicht geschlafen.»

Doch der Reihe nach. Folgendes hat sich in den letzten Tagen am Shishapangma zugetragen:

Mitte vergangener Woche kündigen alle internationalen Wetterstationen ein erstes Schönwetterfenster an. Sébastien und sein Team steigen am Donnerstag auf 5900 Meter. Dort hatten sie bereits vor zwei Wochen ein weiteres Basislager eingerichtet. Als sie ankommen, finden sie von Krähen zerfetzte Zelte vor. Sie flicken, was geht. In der Nacht sinkt das Thermometer auf minus 15 Grad. Am Tag klettert es auf plus 35. Extreme Temperaturunterschiede innert Stunden.

Von hier können sie mittels Feldstecher erkennen: Sébastiens Ski, die er vor zehn Tagen im ersten Hochlager auf 6500 Meter deponiert hatte, wurden von einer Lawine mitgerissen. Was nun? Eine Erstbefahrung ohne Ski, wie soll das gehen? Zum Glück wissen er und sein Team sich zu helfen: Séb passt seine Schuhe an die Ski von Fotograf Florian Wagner an. Nach einer kurzen Probefahrt entscheidet der Westschweizer, dass er die Abfahrt auch mit diesen Ski wagen will. Trotzdem: Ein solch gefährliches Extrem-Abenteuer mit fremden Ski? Die Anspannung steigt.

Anstrengender Zeitdruck

Am Samstag klettert Sébastien zusammen mit seinen Sherpas weiter ins 1. Hochlager auf 6500 Meter. Dieser Aufstieg zehrt bereits an ihren Kräften. Anhaltender Schneefall in den vergangenen Wochen hat den Berg unberechenbar gemacht. «Wir müssen uns enorm beeilen, da die Eis- und Steinlawinen bei Sonneneinbruch noch grösser werden», sagt Sébastien via Satellitentelefon.

Fotograf Florian Wagner bleibt im zweiten Basislager zurück – und koordiniert. Er steht mit Séb via Funk in Kontakt, ebenso mit den anderen beiden Expeditionsteams am Berg (aus Korea und Rumänien). Die Wetterstationen prognostizieren für Montag und Dienstag stabile Bedingungen: Sonne und wenig Wind. Alle Alpinisten nehmen sich vor, den Gipfel am 3./4. Oktober anzugreifen.

Während die Teams der kommerziellen Expeditionen auf der Nordseite des Shishapangma (wesentlich weniger steil und anspruchsvoll) bis zur Brust im Tiefschnee einsinken und die ersten wegen Erschöpfung aus 7000 Meter umkehren müssen, herrschen auf der Südseite ganz andere Verhältnisse: Der Grossteil des Neuschnees wurde von Lawinen weggefegt. Sébastiens Weg führt über Blankeis und unsichere Schneewächten. Hauptproblem ist jedoch immer noch der Eis- und Steinschlag. «Aus dem Couloir brechen riesige Brocken heraus», berichtet Fotograf Florian Wagner vorgestern Montag.

Ausharren in der Todeszone

Trotzdem können Sébastien und seine Sherpas bis über 7000 Meter aufsteigen und auf dem Grat das zweite Hochlager einrichten. Sie harren in der Todeszone aus, ohne zusätzlichen Sauerstoff – für den Körper eine enorme Belastung. In der Nacht wollen sie weiter bis auf den Gipfel, ohne Fixseile. Doch dies Ziel lassen die Verhältnisse nicht zu. Sébastien kann erst kurz vor 6 Uhr aufbrechen und muss bald erkennen und sich eingestehen, dass das Weitersteigen wohl keiner überleben würde. Hohe Schneeverwehungen liegen lose auf Blankeis und sind unüberwindbar, würden abgleiten. Die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes wäre bei jedem Schritt unverantwortlich gross.

Fotograf Florian Wagner, der von unten alles beobachtete, beschreibt es so: «Erst ging links von Sébastien eine massive Lawine ab. Dann eine rechts von ihm. Die Umkehr war die einzig richtige Entscheidung. Alles andere wäre höchst unvernünftig  gewesen. Das Risiko war schon jetzt grenzwertig hoch. Weiter sollte man nicht gehen.» Die spektakuläre Skiabfahrt bei diesen haarsträubenden Bedingungen verlangte nochmals alles von Sébastien ab. Er kommt ausgemergelt, aber heil unten an.

Auch die anderen zwei Teams am Berg kehrten auf 7000 Meter um, darunter bekannte Top-Eiskletterer aus Rumänien. Vermutlich wird dieses Jahr überhaupt niemand den Shishapangma-Hauptgipfel via Südseite erreichen. Für heute Nacht ist bereits wieder Schneesturm angesagt.

Diese Erfahrung zeigt einmal mehr: Eine Expedition kann noch so akribisch geplant und vorbereitet sein, die unbeeinflussbaren Faktoren am Berg bleiben stärker. Sébastiens Entscheidung zeigt Grösse, Charakterstärke und Professionalität. «Alpin im Outdoorblog» gratuliert ihm und seinem Team für diese ausserordentliche Rekord-Leistung.

Dramatische Tage im Basislager

Natascha Knecht am Mittwoch den 28. September 2011

«Alpin im Outdoorblog» begleitet exklusiv die Extrem-Expedition von Sébastien de Sainte Marie. Der junge Westschweizer will im Tibet den Shishapangma (8027 Meter) via «Lorétan-Troillet»-Route besteigen und als erster Mensch die äusserst steile, 2000 Meter hohe Südwestwand mit den Ski abfahren. Was bisher geschah: Hier nachlesen.

Shishapangma-Basislager September 2011

Aktuelle Bilder aus dem Basislager am Fuss der Südwestwand des Shishapangma: Die Zelte versinken im Neuschnee. (Foto: Florian Wagner)

Vorweg die gute Nachricht vom Shishapangma: Sébastien ist nach wie vor gesund, aber mittlerweile «schlecht rasiert». Noch bewahrt er seinen Humor. Doch die Lage am Shishapangma sei «deprimierend». Es schneie wieder unaufhörlich. In den vergangenen 24 Stunden sei fast ein halber Meter Neuschnee gefallen. «Wir kommen nicht vom Fleck, stecken fest und können nichts tun», erzählt Séb via Satellitentelefon.

Vor einer Woche hat er seine Ski und alles, was er für den Gipfelsturm braucht, im ersten Hochlager auf 6500 Meter deponiert. Seither warten er und sein Team im Basislager auf 5200 Meter auf ein Schönwetterfenster. Geschlafen werde in Schichten, einer müsse auch nachts halbstündlich den Neuschnee von der Zeltdecke wischen, damit es nicht zusammenkrache. Tagsüber versuchen sie ihre nassen Kleider zu trocknen, sie schaufeln Schnee, essen, lesen, machen kleine Touren in der Umgebung.

Shishapangma-Basislager süd

Sébastien de Sainte Marie schaufelt sein Zelt frei. In den vergangenen 24 Stunden ist fast ein halber Meter Neuschnee gefallen. (Foto: Florian Wagner)

Chinesische Bergsteigerin verschollen

Zwei Tage lang herrschte jedoch Unruhe und Aufregung: Eine chinesische Bergsteigerin wurde am Berg vermisst. Nebst unserem Schweizer Team befinden sich im Basislager noch eine kleine koreanische und eine grössere chinesische Expedition. Die Sorge war gross. Lei Wang sei mit ihrem Team ins Hochlager gestiegen, erreichte es aber offenbar so erschöpft, dass die Kollegen ihr geraten hatten, dort zu übernachten und erst am nächsten Morgen abzusteigen. Die Frau blieb offenbar alleine zurück. Als man sie am nächsten Tag abholen wollte, war sie verschwunden. Sie ist alleine abgestiegen und im Schneesturm vom Weg abgekommen.

Sofort wurde eine Suche eingeleitet. Vier Teams haben ununterbrochen nach der Chinesin gesucht. Eine Helikoptersuche war aufgrund des schlechten Wetters unmöglich. Dann nach zwei Tagen und zwei Nächten hat man sie entdeckt. Noch lebend! Erleichterung. «Die Situation war ziemlich heftig», sagt auch Sébastiens Fotograf Florian Wagner. Dass die Frau über 48 Stunden in diesem Sturm überlebt habe, sei fast ein Wunder. Lei Wang gehört in China zu den bekanntesten und erfahrensten Alpinistinnen.

Sébastien mit geschulterten Ski.

Beim nächsten Schönwetterfenster geht es wieder hinauf zum ersten Hochlager: Sébastien mit geschulterten Ski.

Im Shishapangma-Basislager sinkt das Thermometer nachts auf minus 15 Grad Celsius, tagsüber sei es aber bei etwa 6 Grad recht angenehm. Aufgrund des vielen Neuschnees donnern ständig Lawinen vom Berg hinunter. Die Südwand sei sehr steil, und von unten kann Sébastien nicht erkennen, wie viel Schnee tatsächlich in den Couloirs liegt. Laut aktuellen Prognosen soll bereits morgen besseres Wetter herrschen. Falls es eintrifft, wollen Séb und sein Team sofort ins Hochlager aufsteigen und den Gipfel angreifen, sobald das nächste Schönwetterfenster kommt.

Lawinen, Steinschlag und Jetstream

Die grosse Herausforderung für «Séb le fou» wird also nicht nur seine riskante Abfahrt durch das haarsträubend steile Couloir. Bessere Schneeverhältnisse könnte er sich kaum wünschen. Die derzeitigen Verhältnisse werden auch beim Aufstieg alles von ihm abverlangen. Er wird bei jedem Schritt tief einsinken, die Ski buckelt er auf dem Rücken bis auf den 8027 Meter hohen Hauptgipfel, ohne Fixseile oder künstlichen Sauerstoff. Die Lawinengefahr ist im Moment nicht nur erheblich, sondern nach offizieller Skala «sehr gross». Er wird Steinschlag ausgesetzt sein, riesige Séracs und Gletscherspalten umgehen müssen. Und auch der im Himalaja gefürchte Jetstream könnte ihm plötzlich das Leben schwer machen. Solange diese Starkwindbänder über den Berg hinweg fegen, sind sie für die Alpinisten kein Problem. Aber wenn die Winde tiefer sinken und mit hoher Geschwindigkeit in den Berg hinein preschen, wird es unangenehm.

Trotz aller Hindernisse: Sébastien und sein Team bleiben zuversichtlich. Der 28-jährige Westschweizer freut sich auf seine Skiabfahrt: «Das wird ein Traum.»

Wie es am Shishapangma weitergeht – wir werden es bald erfahren.

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Gigantische Lawinen nach dem Erdbeben

Natascha Knecht am Mittwoch den 21. September 2011

«Alpin im Outdoorblog» begleitet exklusiv die Himalaja-Expedition des Lausanner Alpinisten Sébastien de Sainte Marie. Er will als erster Mensch über die 2000 Meter hohe und extrem steile Shishapangma-Südwestwand fahren. Was bisher geschah: hier nachlesen.

Sébastien de Sainte Marie und sein Team haben das Shishapangma-Basislager erreicht. Die Reise verlief unkompliziert – bis auf wenige Kleinigkeiten: In München gabs im Check-in-Probleme wegen der Verankerungshaken des Zelts. «Aber nachdem die Sicherheitsbeamten eingesehen hatten, dass ich damit keinen erschlagen kann, gings weiter.» Bei der Zwischenlandung in Doha war es dann das Satellitentelefon, welches den Sicherheitsleuten nicht gefiel. Sie nahmen es ihm ab, weil sie befürchteten, er würde aus dem Flugzeug telefonieren. «Nach der Landung in Kathmandu gaben sie es mir dann zurück.» Gewicht und Volumen seines Gepäcks sind relativ bescheiden: Ein 35-Liter-Rucksack, Ski und Skischuhe. Die Waage am Flughafen zeigte «nur» 10 Kilo Übergewicht an. Expeditionsnahrung kauften sie in Kathmandu. Da sie ohne Lastenträger unterwegs sind, halten sie ihr Gepäck so klein und so leicht wie möglich.

Mit Opfergaben die Götter milde stimmen

Das Wiedersehen mit Pasang, seinem Sherpa-Führer, habe ihn zusätzlich motiviert, erzählt Sébastien. «Pasang hat sich überhaupt nicht verändert, seit dem letzten Jahr. Ein sehr schüchterner, aber unglaublich aufrichtiger Mann. Fast zu freundlich.» In Kathmandu gingen sie in den buddhistischen Swoyanbunat-Tempel und nahmen an einer traditionellen Puja-Zeremonie teil – ohne die ein Sherpa niemals einen Fuss an einen Berg setzen würde. An einer Puja wird den Göttern mit Opfergaben Ehre, Respekt und Verehrung gezeigt, um sie milde zu stimmen, um sie um eine sichere Besteigung zu bitten. «Zur Zeremonie haben wir unsere ganze Ausrüstung mitgebracht», erzählt Séb.

Für Sightseeing in Kathmandu blieb ihnen kaum Zeit. Bereits am Tag darauf folgte die Weiterreise nach Tibet. In Nyalam nahe der Grenze verbrachten sie eine Nacht zum Akklimatisieren. Die Ortschaft liegt auf 3750 Meter Höhe. Am nächsten Morgen marschierten sie weiter bis zum Shishapangma-Zwischenlager auf 4500 Meter, am Tag darauf ins Basislager auf 5200 Meter. «Es geht mir supergut», sagt Séb am Satellitentelefon und schaut auf sein Ziel, den Shishapangma. «Ein riesiger Berg, seine Südwestwand ist massiv. Ein Traum!»

Neuschnee, Erdbeben und Lawinen

Sébastien hat nicht lange Zeit, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Der Gipfelsturm wird voraussichtlich – wenn alles stimmt – zwischen dem 25. September und dem 5. Oktober stattfinden. «Aber ich bemühe mich, bis dahin fit zu bleiben.» Jetzt in der Phase der Akklimatisation liegt er nicht einfach im Zelt und wartet. Er steigt den Berg auf und ab. Erst bis 5900 Meter – und zurück ins Basislager. Am nächsten Tag etwas höher – und zurück. Inzwischen war er bereits auf 6500 Meter – und ist von dort mit den Ski abgefahren. Diese Tagestouren unternimmt er weitgehend ohne Begleitung. «Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, ganz alleine am Berg unterwegs zu sein. Am Shishapangma. Im Tibet.» Sébastien klingt sehr glücklich.

Auch sie spürten das starke Erdbeben, das vorgestern in Nordindien, Nepal und Tibet Todesopfer forderte und Verwüstungen anrichtete. Die Erschütterungen lösten am Berg gigantische Lawinen aus. Aber: Die Schneeverhältnisse seien traumhaft, schwärmt er. Fast täglich falle Neuschnee. Im Moment überlegt er, ob er eventuell über die «Briten»-Route abfahren will, statt über die geplante «Schweizer»-Route. Das Briten-Couloir sei zwar noch steiler, aber es liege in den obersten hundert Metern unter dem Gipfel mehr Schnee drin.

Wie sich Séb entscheidet und wie es am Shishapangma weiter geht – wir werden es bald erfahren.

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«Ja, fahr mit den Ski durch dieses Couloir!»

Natascha Knecht am Dienstag den 20. September 2011

«Alpin im Outdoorblog» begleitet exklusiv die extreme Ski-Expedition von Sébastien de Sainte Marie im Himalaja. Lesen Sie auch Teil 1 und Teil 2.

Sébastien de Sainte Marie

Sébastien de Sainte Marie packt daheim in Lausanne seine Ausrüstung für den Shishapangma. Rechts auf der Kommode ein gerahmtes Bild von ihm und seiner Ehefrau: «Juliette ist super cool. Sie versteht meine Leidenschaft für die Couloirs und unterstützt mich.»

Sébastien de Sainte Marie versucht, den Shishapangma-Hauptgipfel (8027 Meter) via «Schweizer-Route» in Angriff zu nehmen. Sie wurde vor 21 Jahren von den Schweizer Alpinisten Erhard Lorétan und Jean Troillet eröffnet. Sébastien hat sein Vorhaben mehrmals mit Jean Troillet besprochen. «Jean war begeistert von meiner Idee und sagte: Ja, ja, fahr mit den Ski durch dieses Couloir! Im oberen Teil sei es zwar sehr steil, aber er und Erhard hätten damals davon geträumt, beim Abstieg die Ski dabei zu haben», erzählt Sébastien.

Sébastien de Sainte Marie

Séb beim Trekking zum Baisislager. Auf dem Rücken seine Ski.

Sébastiens Team am Shishapangma:

Pasang Phudur Sherpa. Der 51-jährige Nepalese und der 28-jährige Westschweizer sind bereits eine eingespielte Seilschaft. Zusammen kletterten sie vergangenen Oktober über eine technisch anspruchsvolle Route auf den Singu Chuli (6501 Meter). Séb fuhr die Steilwand mit den Ski ab, Pasang stieg zu Fuss ab. Pasang ist ein erfahrener Bergführer, begeht selten Normalrouten: Den Everest-Gipfel (8848 Meter) erreichte er zwei Mal via Nordostgrat, ebenso den Shivling, den Kangchendzönga (8586 Meter) – oder vergangenes Jahr zusammen mit Sébastien de Sainte Marie den Singu Chuli (6501).

Florian Wagner. Fotograf aus München, spezialisiert auf Sport- und Abenteuerthemen. Er wird den Aufstieg soweit als möglich begleiten, rechnet aber nicht damit, den Shishapangma-Gipfel mit Sébastien zu erreichen.

Pemba Phudur Sherpa. Er ist der Bruder von Pasang, stand schon sechs Mal auf dem Everest und wird am Berg Fotograf Florian Wagner führen.

Nicht zu verwechseln: Pasang und Pemba sind keine Träger, sie begleiten die Expedition als Bergführer. Sébastien steigt im Alpin-Stil auf den Shishapangma, ohne Sauerstoffflasche, ohne technische Hilfsmittel wie Fixseile. Ihre Ausrüstung tragen alle selber.

Shishapangma-Basislager

Sébastien und sein Team haben das Shishapangma-Basislager soeben erreicht.

Weshalb Sébastien bei der Abfahrt keinen Schutzhelm trägt:

Wikipedia beschreibt Extrem-Skifahren so: Extremskifahren ist das Skifahren in extrem steilem oder unwegsamem Gelände. Ein Extremskifahrer steigt in der Regel bis auf den Gipfel eines Berges auf und fährt dann über Tiefschneefelder und durch Eisrinnen (Couloirs) ab. Dabei muss er unter Umständen Sprünge über Felsen, Wechten, Überhänge und fast senkrechte Abhänge überwinden und Felsbrocken und Vegetation ausweichen.

Der Extremskifahrer bewegt sich abseits der markierten und kontrollierten Skipisten im hochalpinen Gebiet. Dort kann er von Lawinen verschüttet werden, bei Stürzen auf Felsen aufprallen, über ungesicherte Felskanten abstürzen oder sich an für den Bergrettungsdienst unzugänglichen Stellen schwer verletzen. Extremskifahrer tragen deshalb einen Sporthelm und Protektoren.

Sébastiens Abfahrten sind jedoch eine noch waghalsigere Form des Extrem-Skifahrens. Man nennt es «Steep slope skiing», oder auf französisch  «Ski de pente raide». Im Unterschied zu Extrem-Skifahrern und Freeriden liegt beim Steep-Slope-Skiing kein Sturz drin. Deshalb trägt Sébastien auch keinen Helm und keine Protektoren. «Weil sie mir nichts nützen würden», erklärt er. «Wenn ich in diesem steilen Gelände stürze, hätte ich sowieso keine Chance.»

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«Grenzen kenne ich keine»

Natascha Knecht am Montag den 19. September 2011

«Alpin im Outdoorblog» begleitet ab sofort regelmässig und exklusiv die Extrem-Expedition von Sébastien de Sainte Marie. Der junge Westschweizer will im Tibet den Shishapangma (8027 Meter) via «Lorétan-Troillet»-Route besteigen und als erster Mensch die äusserst steile, 2000 Meter hohe Südwestwand mit den Ski abfahren. Wir haben vergangene Woche über die Details seines Vorhabens berichtet (hier nachlesen).

Wer ist dieser verrückte «Séb le fou»?

Sébastien de Sainte Marie wird von seinen Freunden liebevoll «Séb le fou» genannt. Der 28-jährige Lausanner Alpinist lebt mit Leib und Seele für seine verrückte Leidenschaft: Das Extrem-Skifahren. Jede freie Minute verbringt er im Hochgebirge, steigt und fährt durch atemberaubend steile Couloirs. «Sie sind das Terrain meiner Träume», sagt er. «Da kann ich mich verwirklichen.» Er verkörpert die neue Generation von Extrem-Skifahrern und gehört zu den Besten.

Bereits mit 17 Jahren fuhr Sébastien mit Ski über die Nordwestwand der Aiguille du Midi im Mont-Blanc-Massiv. 2001 wurde er in die Leistungsgruppe der Nachwuchsförderung (high potential youth group) des Französischen Alpen Clubs aufgenommen, erhielt von Frankreichs Top-Alpinisten Ausbildungen im Klettern, Eisklettern, Bergsteigen und Skifahren. Seither machte er unzählige Extrem-Abfahrten, darunter auch viele Erstbefahrungen in den Alpen.

Einer wie «Séb le fou» ist immer auf der Suche nach Schnee und fährt das ganze Jahr über Ski, auch im Sommer. Allerdings weitab der präparierten Pisten auf den Gletschern. Am liebsten macht er Hochgebirgstouren, für die andere zwei Tage brauchen, in einem Tag. Und steigt in Skischuhen vom Tal bis auf den Gipfel. Für seine Abfahrten buckelte er diesen Sommer seine Ski beispielsweise (ohne Rast in der Hütte) auf den Dom (4545 Meter). Auf den Grand Golliat. Durch das 1500 Meter lange, 45 Grad steile Couloir auf den Portalet. Durch das Couloire Aiguille de la Tsa. Durch das Ost-Couloir auf den Pointe des Vignettes – oder er bretterte spontan über die Nordwände der Blüemlisalp oder des Breithorns (und viele mehr). Unten im Tal staunen die Leute oft, wenn er mitten im Sommer in Skischuhen und mit Ski auf der Schulter rumläuft.

Im Video: Sébastien bei der Erstbefahrung des Pointe d’Auffale im 2010, zusammen mit Wim Pasquier. Hangneigung im Couloir bis 45 Grad:

Im vergangenen Mai geriet er am La Luette (3548 Meter) in eine Lawine und hatte Glück im Unglück: Er zog sich «nur» eine Kopfwunde zu, die mit 18 Stichen genäht werden musste. Doch das hielt ihn nicht davon ab, bereits wenige Tage später wieder in seine Welt, in die Couloirs aufzubrechen.

Technische Limiten gibt es für ihn nicht. Keine Wand, kein Couloir ist ihm zu steil oder gefährlich. «Einzig das Wetter und die Verhältnisse am Berg können mir Grenzen setzen» sagt er. Für seine Himalaja-Expedition trainierte Sébastien seine Ausdauer zusätzlich, indem er an Ultra-Marathons teilnahm. Etwa 110 Kilometer von Verbier über den Sankt Bernhard nach La Boucle. Er ist also fit wie ein Lauf-, Ski- und Bergschuh zusammen und sehr zuversichtlich für sein Vorhaben am Shishapangma. Vor seiner Abreise nach Katmandu haben seine Augen geleuchtet, von Aufregung war nichts zu spüren, Sébastien ist auch mental parat.

Seine erste Himalaja-Expedition unternahm er 2008, sie glückte allerdings nur teilweise. Er versuchte den Tilicho (7100 Meter) in der Annapurna-Region zu besteigen und als erster Mensch über die Nordost-Wand zu fahren. Das Wetter, insbesondere der starke Wind liess aber keinen Gipfelerfolg zu. Trotzdem fuhr Séb vom höchsten Camp auf 6500 Meter über die Steilwand ab, eine Leistung, die ihm bis heute keiner nachmachen konnte. Sein zweites Nepal-Abenteuer folgte im Oktober 2010: Da fuhr er vom Singu Chuli (6501 Meter) ab.

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Lesen Sie morgen: Sébastiens Team am Shishapangma – und was ihm der Erstbegeher Jean Troillat für die Erstbefahrung des extrem steilen Couloirs in der Südwestwand geraten hat.

Schweizer Extrem-Expedition am Shishapangma

Natascha Knecht am Mittwoch den 14. September 2011

Ab sofort begleitet «alpin im Outdoorblog» exklusiv eine aussergewöhnliche Himalaja-Expedition. Der 28-jährige Lausanner Alpinist und Extrem-Skifahrer Sébastien de Sainte Marie will im Tibet den Shishapangma (8027 Meter) über die «Schweizer-Route» besteigen – und als erster Mensch überhaupt die erbarmungslos steile, 2000 Meter hohe Südwestwand abfahren.


Sie, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, können ab sofort dieses Alpin-Abenteuer hautnah mitverfolgen. Via Satellit übermittelt Sébastien de Sainte Marie regelmässig Tagebuchnotizen und Bilder. Die Expedition, insbesondere die Skiabfahrt wird ein riskantes Unternehmen: Die Hangneigung im Couloir beträgt 55 Grad, das ist bedingungslos. Einen Sturz mit den Ski würde da wohl keiner überleben.

Bisher gabs schon etliche Skiabfahrten von Achttausendern, aber noch keiner wagte sich über die ganze Shishapangma-Westwand. Sie gehört zu den extremsten Skiabfahrten im Himalaja. Sébastien de Sainte Maries Erstbefahrung ist zweifellos ein Wagnis der ausserordentlichen Art. Es wird in den fast senkrechten Überhängen Blankeis-Stellen haben, er wird über Felsen springen, Felsbrocken, Wechten und anderen Hindernissen ausweichen müssen.

«Der Bereich oberhalb der grasbewachsenen Ebene»

Aber bis es soweit ist, muss er erst einen langen Weg gehen: Seine Expedition beginnt mit der Anreise via Katmandu nach Tibet, dann folgt der Zustieg ins Basislager, dann die Phase der Höhen-Akklimatisation, dann der harte Aufstieg auf den 8027 Meter hohen Gipfel. Und quasi zum Désert folgt dann die spektakuläre 2000-Meter-Abfahrt in extrem dünner Luft. Sébastien de Sainte Marie wird den Berg im Alpinstil in Angriff nehmen, das heisst ohne Fixseile oder künstlichen Sauerstoff.

Bisher haben den Shishapangma-Hauptgipfel erst knapp 300 Alpinisten erreicht, damit gehört er zu den am wenigsten bestiegenen Achttausendern. Er liegt im Langtang-Himal 30 Kilometer nördlich der chinesisch-nepalesischen Grenze und ist der einzige Achttausender, der vollständig auf chinesischem Territorium (im autonomen Gebiet Tibet) liegt. Der tibetische Name «shi sha sbang ma» bedeutet «der Bereich oberhalb der grasbewachsenen Ebene». Der frühere indische Name (Sanskrit) «Gosainthan» bedeutet «Platz der Heiligen». Erstbestiegen wurde der Shishapangma 1964 als letzter der 14 Achttausender – von einer chinesischen Expedition via Nordseite. Die Südseite (Südwestwand) konnte 1982 erstmals begangenen werden, sie ist bedeutend abschüssiger und schwieriger.

Auf den Spuren von Erhard Lorétan und Jean Troillet

In dieser Südwestwand eröffneten die beiden bekannten Schweizer Alpinisten Erhard Lorétan und Jean Troillet  1990 eine neue Route, sie führt durch das linke Couloir zum Hauptgipfel. Die höchst anspruchsvolle «Lorétan-Troillet»-Route, auch «Schweizer-Route» genannt, konnte seither weniger als zehn Mal wiederholt werden. Sie ist nun Weg und Ziel von Sébastien de Sainte Marie – für den Aufstieg und die Ski-Abfahrt.

Sein Expeditionstagebuch hier bei «alpin im Outdoorblog» wird multimedial und interaktiv. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können und sollen das Höhen-Abenteuer kommentieren. Täglich wird der junge Lausanner vor neue Herausforderungen gestellt sein, dazu zählen nicht nur die Risiken und objektiven Gefahren am Berg, sondern letztlich auch die unbeeinflussbaren Probleme bei einem solchen Unterfangen und die Wetterkapriolen im Himalaja.

Sébastien hofft, seinen Gipfel- und Abfahrtserfolg bis Anfang Oktober 2011 verkünden zu können. Die Expedition kann auf allen Newsnetz-Sites verfolgt werden: tagesanzeiger.ch, bazonline.ch, bernerzeitung.ch und bund.ch.

Ihre Meinung interessiert uns.

Lesen Sie nächsten Montag: Wer ist dieser verrückte Sébastien de Sainte Marie?

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