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Gottvolle Gefühle über dem Maggiatal

Thomas Widmer am Freitag den 24. Mai 2013

Diese Woche hoch über dem Lago Maggiore.

Ja, ich weiss, wir hatten in dieser Kolumne vor zwei Wochen schon Tessin. Aber erstens habe ich den Südkanton über viele Monate vernachlässigt und will das wiedergutmachen. Zweitens bin ich von der Wanderung auf Locarnos Hausberg Cardada in der Auffahrtwoche begeistert und musste diese Route sofort an den Mann bzw. die Frau bringen. Und drittens ist es im Tessin schon bald sehr heiss. Dann ist ein 1200-Meter-Aufstieg, führe er durch einen noch so schönen Hang, nicht mehr unbedingt zu empfehlen .

Häuser aus Glimmergranit

Der Bus brachte mich von Locarno nach «Avegno, Paese» im untersten Maggiatal. Um 9 Uhr 18 konnte ich die Wanderung beginnen, recht früh, wenn man bedenkt, dass ich gleichentags in der Deutschschweiz losgefahren war; ich war um 5 Uhr 22 in Zollikerberg gestartet. Avegno stellte sich als Preziose heraus, abgesehen vom Verkehrslärm der Strasse. Das Dörfchen ist samt seiner Kirche, den engen Gassen und den Häusern aus Glimmergranit Bilderbuch-Tessin. Es gewann auch schon den
Wakkerpreis. Das Restaurant wiederum, das ich zu Beginn passierte, heisst «Stazione», weil bis 1965 eine Bahn das Maggiatal erschloss.

Nun fing ein im besten Sinne endloser Aufstieg an, bis nach Pianosto und etwas darüber hinaus geht es eigentlich immer aufwärts. Gut drei Stunden war ich mutterseelenallein und genoss den ingeniös angelegten Weg, der stellenweise eine Steintreppe war. Holzbohlensicherungen, Geländer an heiklen Stellen, Bildstöcke mit frischen Blumen, aber auch die tadellos unterhaltenen Rustici von Scaladri und Monasté versicherten mir, dass nicht nur fremde Wanderer, sondern auch Einheimische den Pfad nach wie vor brauchen und nutzen. Etwas Schatten spendeten zuerst Kastanienbäume, dann Birken, endlich Buchen.

«Ich war ein verborgener Schatz»

Und die Sicht steigerte sich bald ins Göttliche. An einer erhabenen Stelle fiel mir ein islamischer Weisheitsspruch ein; Gott sagt darin über sich selber: «Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; daher erschuf ich die Welt.» Erst sah ich nur das Maggiatal zu meinen Füssen. Dann auch das Onsernonetal mit den Bergen dahinter. Schliesslich den Lago Maggiore, diesen delikaten tiefblauen Kurvensee. Und alles war eingebettet in ein rauschhaftes Frühlingsgrün.

Bei aller Schwärmerei nun ein handfester Tipp: Bis zur Alpe Vegnasca ist der Weg perfekt markiert; einzig muss man beachten, dass statt «Cardada» oft nur «Cimetta» aufgeführt ist, wie das 300 Meter höhere Gipfelchen heisst, das von Cardada aus per Sessellift erschlossen ist. Ansonsten: keine Probleme bis zu besagter Alp. Dort allerdings zeigte mir ein verblichener Wegweiser Monteggia und Brè an; nichts von Cardada und Cimetta. Ich wählte diese Richtung, passierte 200 Meter später den nächsten Wegweiser neueren Datums, ecco «Cardada».

Hoch über Locarno

Der Rest: ein Höhenweg geradeaus und ein kleiner Schlussabstieg. Tief unter mir erblickte ich Locarno und das als kreisrunde Scheibe in den Lago Maggiore sich schiebende Maggiadelta. Und vor mir hatte ich plötzlich die ersten Menschen. Sie sassen auf den Quersitzen des erwähnten Sesselliftes hinauf zur Cimetta. Bald darauf war ich bei der Bergstation der Cardada-Seilbahn. Ich ging zu dem berühmten Panoramasteg, der ins Leere ragt, so dass die Sicht nicht von Bäumen behindert wird, ich schaute und fotografierte – und befand kurz darauf im Restaurant: Ich würde jederzeit beeiden, dass das Tessin unser allerschönster Wanderkanton ist.

***

Route: Avegno Paese – Scaladri – Monasté – Pianosto – Alpe Vegnasca – Cardada Bergstation.

Gehzeit: 4 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 1230 Meter auf-, 190 abwärts.

Wanderkarte: 276 T «Val Verzasca», 1: 50 000.

Charakter: Stilles Tessin an einem Steilhang. Einige Rustici und Bildstöcke und sehr viel Natur: Kastanien, Birken, Buchen. Anstrengende Route, im Sommer an heissen Tagen nicht anzuraten.

Höhepunkte: Der erste Anblick des gewundenen Lago Maggiore oberhalb von Scaladri. Die schönen Rustici von Monasté. Der Blick von Cardada hinab auf das Maggiadelta.

Kinder: Etwas streng. Der Weg ist nicht ausgesetzt, aber es gibt ein paar Stellen, wo man auf Kinder aufpassen muss. Hoher Abenteuerfaktor.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Bei der Bergstation Cardada.

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Vogelbeerenschnaps und die Bahnhofskatze Felix

Thomas Widmer am Freitag den 17. Mai 2013

Diese Woche von Saignelégier durch die Tabeillonschlucht nach Glovelier (JU).

Die Wanderung durch die Tabeillonschlucht trug mir ein Souvenir ein: In einem Hofladen kaufte ich mir einen Schnaps. Auf der Etikette stand «Sorbus Aucuparia». Ich hatte keine Ahnung, was das war. Meine Begleiterin Frau Z., die kenntnisreiche Gastrojournalistin, konnte für einmal auch nicht helfen.

Wikipedia wusste Bescheid. Laut der Online-Enzyklopädie handelt es sich um die Vogelbeere. Sie sei, las ich, entgegen ihrem Ruf nicht giftig. Allerdings enthielten die Beeren eine Säure, die den Magen irritieren könne. Koche man die Beeren, werde die Säure zerstört.

Der Schnaps war dann in der Tat köstlich. Er ist – wir begingen diese Route letzten November – längst getrunken.

Gestartet waren wir in Saignelégier, triumphal schien die Sonne, gesteigert wurde unsere Freude dadurch, dass ein Gutteil der Schweiz samt Zürich und Bern im Nebel hockte. Die ersten anderthalb Stunden via Les Rouges-Terres nach Pré-Petitjean stellten sich nun als lockere Schlenderei heraus. Gruppen von Tannen auf weiten Weiden, niedrige Steinmäuerchen, an manchen Stellen nackter Kalk war, was wir sahen. Kurz vor Pré-Petitjean kamen wir an dem erwähnten Hofladen vorbei. Die Bauernfamilie Farine bietet Tee an. Hausgemachte Spätzle. Und, eben, Sorbus Aucuparia.

In Pré-Petitjean frohlockten wir; wir hatten Hunger, die Auberge de la Gare war offen, ein helles, freundliches Lokal. Auf einem der Hocker an der Bar sass ein fetter oranger Riesenkürbis; sicher ein unerlöster Märchenprinz. Und bald sichtete ich den ersten Totché meines Lebens. Es handelt sich um eine jurassische Spezialität, einen salzigen Nidelkuchen mit porösem Brotteig. Frau Z. hatte ihn als Hauptspeise, ich durfte probieren, fand ihn toll.

Ein roter Wurm zog an uns vorbei

Wir zogen weiter, zuerst längere Zeit auf Hartbelag; unser Wanderweg folgte mehr oder minder den Schienen der Chemins de fer du Jura hinab nach Glovelier. Ein kleiner süsser Zug, ein roter Wurm, zog an uns vorbei. Um La Combe schlug uns eine Reihe von Etangs, versumpften, riedbestandenen, charmanten Weihern, in den Bann. Am schönsten fanden wir den ersten, den Plain de Sagne.

Die Bahn verabschiedete sich, wir betraten die Tabeillonschlucht, es wurde dunkel. Und sehr feucht, schliesslich war Spätherbst, und eine Serie von Regentagen war vorangegangen. Wir liebten die nächsten drei Viertel Stunden: das Raschellaub, die vermoosten Äste, den Bach, die glitschigen Holzbrücklein. Doch, die Combe Tabeillon kann mit jurassischen Konkurrentinnen wie der Wolfsschlucht bei Welschenrohr, der Teufelsschlucht bei Hägendorf, der Areuseschlucht zwischen Neuenburgersee und Val de Travers mithalten.

Glovelier hat eine Bahnhofskatze

Irgendwann liess der Zauber nach, die Schlucht endete und gab zwei beeindruckte Wanderer frei. Es dauerte freilich, bis wir in Glovelier anlangten, das uns stil- und trostlos vorkam. In der «Colibri»-Bar tranken wir ein Bier. Und einige Zeit darauf nahmen wir in der Buvette am Bahnhof einen Kaffee, derweil der Abend heranzog. Alle kannten sich in der Kleinststube, wir waren die Fremden, man befragte uns, woher wir kämen und welchen Weg wir gewandert seien.

Ich meinerseits erkundigte mich nach der schwarzweissen Katze, die ich vor dem Fenster des Stationsvorstands-Büros gesehen hatte, und erfuhr: Glovelier hat eine Bahnhofskatze. Sie wird von den Bähnlern gefüttert, die sie als ihr Maskottchen anschauen. Sie heisst Felix. Ich hoffe nun, Felix habe den langen jurassischen Winter gut überstanden.

Route: Bahnhof Saignelégier – Les Rouges-Terres – Pré-Petitjean – La Combe – Tabeillonschlucht – Glovelier Dorf – Glovelier Bahnhof.

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 80 Meter auf-, 540 abwärts.

Wanderkarte: 222 T «Clos du Doubs», 1: 50 000.

Kürzer: Erst in Pré-Petitjean starten, so dauert die Wanderung bis Glovelier noch 3 1/2 Stunden.

Charakter: Juraweiden und dann eine wilde Schlucht. Sonne und Schatten, sumpfige Weiher, Kalk und weidende Kühe. Leicht, weil es vor allem abwärts geht.

Höhepunkte: Der Weiher Plein de Sagne. Die Spitzkehre der Bahn bei Combe-Tabeillon. Die Tabeillonschlucht.

Kinder: Gut machbar. Allenfalls die Kurzvariante nehmen. Im Sommer ist die Schlucht angenehm schattig. Dann kann man die Strecke auch mit dem Trottinett machen, Miete in Saignelégier: Juratourisme.ch

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Die Auberge de la Gare in Pré-Petitjean ist am Montag zu. Auch in Les Rouges-Terres (Le Sapin, Di Ruhetag) und La Combe (Buffet de la Gare, Di, Mi Ruhetag) kann man einkehren.

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Tessin und Tessinchen

Thomas Widmer am Freitag den 10. Mai 2013

Diese Woche in der unteren Leventina.

Vor gut zwei Wochen fuhr ich die Leventina hinab, deren Name übrigens auf die Lepontier zurückgeht. Das halb etruskische, halb keltische Volk siedelte einst in dem Tal. In Faido wechselte ich vom Zug auf den Bus, in Bodio, bei der Haltestelle «Bivio per Personico» stieg ich wieder aus. Die Sonne war daran, sich durch Hochnebel und Dunstreste zu kämpfen.

Ich ging los, über den Ticino, unter der Autobahn hindurch. Am oberen Ortsrand von Personico, wo der Höhenweg hinüber nach Chironico beginnt, packte mich ein erstes Mal das typische Glücksgefühl des Tessinwanderers: der Granit. Die feuchte Wärme. Die huschenden Eidechslein allenthalben und die alten Kastanienhüllen auf dem Pfad. Bald kam der erste Bildstock hinzu. Die Kraft seines erhabenen Platzes machte die lärmige Autobahn tief unten vergessen.

Mal auf einem Waldweg, mal auf einem Fahrsträsschen, mal auf einer Granittreppe durch eine wilde Schlucht gelangte ich nach Faidal, einem stattlichen Weiler. Ein Mann, der einzige Mensch vor Ort, werkte friedlich an seinem Rustico, kam dann zu mir auf die Bank, setzte sich. Er erzählte, er sei von Giornico, und das Rustico gehöre seiner Frau. Der Aufstieg vom Parkplatz weit unten sei steil. Waren trage man, oder man lasse den Helikopter kommen, was aber 35 Franken in der Minute koste. Und: Im Sommer sei es in Faidal geradezu turbulent, dann wimmle es von Familien mit Kindern.

Schweizmobil-App sei Dank

Der Weg wurde schmaler, führte auf den nächsten Kilometern immer wieder durch steile Hänge. Ausgesetzt war er nie, doch ich musste auf meine Schritte achten. Ärgerlich war die schlechte Signalisation, zweimal verlief ich mich und war froh um das Schweizmobil-App auf meinem Handy, das mir meinen Standort und den Wanderweg genau anzeigte. Am Hang gegenüber sah ich jene Höhenterrasse, über die die Strada Alta verläuft, samt einigen Dörfern. Alles schneefrei. Ich beschloss, bald auch dort zu wandern.

Irgendwann kam ein Abzweiger, ich hätte nach Giornico hinab halten können, dessen uralte Kirche San Nicola, lombardische Romanik, mich jedes Mal berührt. Stattdessen ging ich weiter geradeaus, erahnte einige Male die Felswände zu meiner Rechten, die ich aber nicht sah, genoss die Sonne, die gesiegt hatte. Ein schweisstreibender Aufstieg durch eine Halde mit Büschen und vom Winterschnee niedergedrückten Farnwedeln, dann war ich an jenem Punkt oberhalb von Sacco, an dem ein Strässchen beginnt. Auf dem begrasten Seitenstreifen zog ich vorwärts, passierte Orsino und Grumo und kam nach Chironico.

Tessin trocknet aus

Chironico ist gross, Chironico hat Attraktionen. Die erste besteht aus seiner Geländeterrasse, die durch einen prähistorischen Bergsturz am Gegenhang entstand. Meine zweite Attraktion war das Ristorante Pizzo Forno, in dem ich ein Bier trank, das ich begehrt hatte wie selten ein Bier; Tessin trocknet aus. Drittens fand ich den Rollator lustig, den eine Nonna in ihrer grossen Garage geparkt hatte. Und viertens war da der mittelalterliche Wohnturm Torre dei Pedrini. Doch, ich mochte Chironico, das vom Fluss Ticinetto durchströmt wird, also dem «Tessinchen». Schliesslich stieg ich ab nach Lavorgo, wo die Wanderung endete. Ich will bald wieder ins Tessin, es bereichert mich jedes Mal neu.

***

Route: Bodio (Bushaltestelle «Bodio, Bivio per Personico» der Linie Faido – Biasca) – Personico – Venn – Faidal – Magianengo – Sacco – Grumo – Chironico – Nivo – Lavorgo

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 910 Meter aufwärts, 620 abwärts.

Wanderkarte: 266 T «Valle Leventina», 1: 50 000. Der Weg ist im Mittelteil mangelhaft signalisiert.

Kürzer: Bei Catto nach Giornico absteigen. 3 1/2 Stunden. 610 Meter aufwärts, 550 abwärts.

Charakter: Tessin, Tessin, Tessin mit Granittreppen, Eidechslein, ganzen und verfallenen Rustici. Im Mittelteil schmale Pfade, nicht ausgesetzt, Trittsicherheit ist trotzdem nötig.

Höhepunkte: Der Bildstock hoch über Personico. Der in den Hang sich duckende Rustici-Weiler von Faidal. Die vielen Tiefblicke auf die Leventina; sogar die Autobahn (auf einem Gutteil der Strecke hörbar) wird schön.

Kinder: Machbar, aber man muss sie im Auge behalten.

Hund: Machbar.

Einkehr: «Pizzo Forno» in Chironico. Di Ruhetag. Zimmer. www.pizzoforno.ch

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Wandern ist doof

Thomas Widmer am Freitag den 3. Mai 2013

Diese Woche zum Fischrestaurant Schwybogen am Vierwaldstättersee


Meine Routen sind oft lang. Da darf man sich und den Lesern auch einmal etwas Kürzeres gönnen, oder? Die Wanderung dieser Woche ist eher ein Spaziergang. Sie führt zu einem sagenhaften Fisch-Restaurant. Nimmt man zurück denselben Weg, eignet sie sich auch für den Kinderwagen – und hey, passt diese demonstrativ antikompetitive Schlenderei nicht perfekt zum Buch, das ich eben las? Eine Neuerscheinung. Sie heisst «Wandern ist doof».

Der Unterhaltungsroman der Schwyzerin Blanca Imboden handelt von einer deutschen Hotelfachfrau, die beim Kreuzworträtseln gewinnt – eine Wanderreise in die Schweiz. Dabei ist Wandern doch doof! Aber natürlich verkehrt sich die Meinung bald in ihr Gegenteil. Die Reise richtet sich an Singles, die sich in den Bergen näherkommen. Conny aus Frankfurt findet, derweil sie und andere einsame Seelen von Morschach aus ins Gelände ziehen, sowohl Gefallen an einem ihrer Begleiter als auch an der Wanderei. Und also steht nach einigen amourösen Verwicklungen fest: Wandern ist gar nicht doof.

Zurück zu unserer Unternehmung. Wir starten bei der Schiffstation Treib, die wir in kurzer Schifffahrt von Brunnen aus erreichen. Die Treib ist ein helvetischer Mythos. Schon im frühen Mittelalter entstand hier ein Hafen, der Schutz vor dem brutalen Föhn des Urnersees bot. Und auch Verfolgte fanden Unterschlupf und durften während dreier Tage nicht arretiert werden. Die fünf Orte der alten Eidgenossenschaft hielten im Haus zur Treib ihre Tagsatzungen ab, sozusagen eine frühe eidgenössische Session.

Grosser Mythen – der perfekte Wanderberg

Von der Treib geht es auf dem Fahrsträsschen, das in leichter Steigung ein wenig vom Seeufer fortführt, hinauf nach Volligen. Dort dürfen die Augen schwelgen: Drehen wir uns um, stehen da die Mythen; schöner als den Grossen Mythen kann man einen Wanderberg gar nicht ersinnen. Und vor uns haben wir zur Rechten das Rigi-Massiv und weiter vorn den Bürgenstock. Und der See streckt sich in Bläue gen Luzern.

Nach Volligen sinkt der Weg, wobei wir den Wegweisern in Hechtform folgen. Endlich stehen wir über der Bucht Schwybogen. Seit über 300 Jahren ist dies die Domäne der Familie Näpflin, deren Gebäulichkeiten ganz für sich stehen, erreichbar auf unserem Weg oder aber per Privatboot. Die Hechtgabel im Familienwappen verweist darauf, dass die Näpflins immer schon fischten. Am Morgen, wenn es noch dunkel ist, geht es hinaus auf den See, die Netze des Vorabends einzuholen. Und dann wird der Fang filetiert und ist bereit für die Gäste.

Nein, Wandern ist nicht doof

Als ich im Schwybogen einkehrte, waren da nicht viele Leute: ein Werktag, das Radio hatte Gewitter angesagt. Ich genoss meine Albeli, trank einen Zweier Twanner und sinnierte darüber, wie eigen dieses Land ist. Welch charaktervolle Flecken es bereithält. Und dass es doch eigentlich eine Tragödie ist, wenn man dieses grandiose Fischrestaurant erst im 50. Altersjahr kennenlernt.

Hernach die Rückkehr. Ein Stück weiter oben beschloss ich bei der Wegverzweigung, nicht zur Treib zurückzugehen. Ein kurzer Aufstieg via Triglis auf dem signalisierten Weg, ein schnelles Gespräch mit einem jungen Bayern auf dem Jakobsweg, dem ich die Berge benennen musste, und schon war ich oben auf dem Seelisberg. Nein, Wandern ist nicht doof. Aber Spazieren oder Leichtwandern macht zwischendurch auch Spass.

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Route: Schiffstation Treib – Strässchen nach Volligen – Volligen – Schwybogen – retour bis zum Wanderabzweiger nach Seelisberg – Triglis – Seelisberg Post.

Gehzeit: 2 Stunden.

Höhendifferenz: 470 Meter aufwärts, 100 abwärts.

Kinderwagen: Von der Treib zum Schwybogen und retour kommt man auch gut mit einem sportlichen Kinderwagen. 1 1/2 Stunden. Je 200 Meter auf und ab.

Wanderkarte: 245 T «Stans», 1: 50 000.

Charakter: Spaziergang zum Fischschmaus. Auch die Augen geniessen: den Vierwaldstättersee und die Bergzacken rundum.

Höhepunkte: Die Schifffahrt von Brunnen zur Treib. Der blaue Seespiegel. Die Vorfreude beim Anblick der Schwybogen-Bucht von oben.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Schwybogen. www.schwybogen.ch. Momentan Di Ruhetag. Ab 1. Juli durchgehend geöffnet. Durchgehend warme Küche. Auch in Volligen kann man einkehren: Restaurant Volligen. www.volligen.ch. Mo Ruhetag.

Buch: Blanca Imboden, «Wandern ist doof». Wörterseh. Fr. 24.90.

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Lehrer Bünzli und der Tintelompe

Thomas Widmer am Freitag den 26. April 2013

Diese Woche von St. Gallen nach Appenzell (SG/AR/AI)

Ich mag Wanderungen von Bahnhof zu Bahnhof. Sie haben etwas Schnörkelloses; man gibt sich nicht mit der Frage ab, welcher Bus wohl von der Stadtmitte an den Ortsrand fährt, so dass man im Grünen starten kann. Im Falle der Wanderung vom Bahnhof St. Gallen zum Bahnhof Appenzell wäre es sowieso ein Fehler gewesen, zuerst einen Bus zu nehmen. Gerade die Auftaktetappe durch die Stadt war ein Erlebnis.

Ich und mein unverwüstliches «Fähnlein Fieselschweif» begannen also am Bahnhof St. Gallen und zogen hinüber zum Kloster. Was für ein staunenswertes Stück Abendland, was für eine barocke Protzerei! Nächstes Ziel war die Mülenenschlucht. Gallus, der irische Wandermönch, soll an ihrem unteren Ende in die Dornen gestolpert sein. Er nahm es als Gotteszeichen und liess sich als Einsiedler nieder. So beginnt die Geschichte des Klosters und somit der Stadt.

Appenzeller-Klischees bedienen

Das Mühleggbähnchen, einst eine Wassergewichts-Seilbahn, dann eine Drahtseilbahn, jetzt ein Schrägaufzug, ignorierten wir und stiegen am Rand der Schlucht zu Fuss auf. Schilder informierten uns, dass sich in der Schlucht die allerersten Industriebetriebe St. Gallens ansiedelten, die mit Wasserrädern die Kraft der stürzenden Steinach nutzten.

Oben ein Wegweiser. Wir wählten Drei Weieren, gingen auf einer Krete, blickten auf die Stadt und auf ein Stück Bodensee. Dann zur Rechten der erste der Weiher. Ein Bijou. Drei Weieren ist berühmt als Plausch- und Plantschparadies. Man muss die Anlage mit dem nostalgisierenden Steg- und Kabinengebäude gesehen haben, oft wird sie als schönstes Freibad der Schweiz bezeichnet.

Vom nahen Freudenberg musterten wir den schneebedeckten Säntisriegel, kamen in die Senke von St. Georgen Bach, gewannen wieder Höhe im Wald. Bereits auf Ausserrhoder Gebiet, langten wir auf der aussichtsreichen Waldegg an. Das nach ihr benannte Restaurant bedient auf charmante Weise Appenzeller-Klischees und spielt mit der Nostalgie der Gäste. Der Wirt organisierte schon eigene Alpaufzüge, es wird show-gekäst, und Gruppen lieben die Retro-Schulstube «Tintelompe», in der ein Lehrer Bünzli Unterricht im Stile von 1930 gibt.

«Geen», Innerrhödlerisch für «gern»

Hinab zur Strasse von Teufen nach Speicher, wieder hinauf zum Ebnet und wieder hinab nach Bühler und wieder hinauf zum Saul und wieder hinab zum Sammelplatz und wieder, aber nur noch leicht, hinauf zum Guggerloch und ein letztes Mal hinab nach Appenzell, so verlief der Rest der Wanderung. Die Gegend ist nun einmal aussergewöhnlich coupiert. An unserem Tag präsentierte sie ihre beste Seite: saftiges Grün samtener Hügel, die Berge durch den Föhn wundersam körperhaft.

Die Einzelheiten zu dieser zweiten Wanderhälfte: In Bühler assen wir im «Sternen», einem meiner Lieblingsrestaurants, den perfekten Hackbraten. Auf dem Hügel Saul hatten wir grosse Sicht auf den Alpstein. Und unten im Sammelplatz, wo Wandermüde den Zug nehmen können, kauften wir in der «Landbäckerei» Biber. Die junge Verkäuferin quittierte unsere Wünsche mit «geen», Innerrhödlerisch für «gern». Die Hausfassade ist bemalt mit Kriegermotiven. 1405 sammelten sich hier die Appenzeller, als es gegen die Habsburger ging – die Schlacht am Stoss. Im Gegensatz dazu verkörperte die Waldkapelle der Heiligen Ottilie im Guggerloch den purlauteren Frieden. In Appenzell schliesslich kauften wir am Ende Käse und Pantli, eine Knobliwurst; so endete die Bahnhof-Bahnhof-Wanderung.

***

Route: St. Gallen HB – Mühleggbähnli Talstation – Mülenenschlucht – Mühlegg – Drei Weieren – Freudenberg – St. Georgen Bach – Waldegg – Ebnet – Wissegg (nicht zu verwechseln mit der Wissegg zwei Kilometer nordöstlich) – Bühler – Saul – Sammelplatz – Guggerloch – Appenzell Dorf – Appenzell Bahnhof.

Gehzeit: 6 Stunden.

Höhendifferenz: 850 Meter auf-, 740 abwärts.

Wanderkarte: 227T «Appenzell» 1: 50 000

Charakter: Zuerst kurz Stadtwandern, dann Hügelwandern in stetem Auf und Ab. Coupierte Strecke, anstrengend. Enorm viel Aussicht.

Höhepunkte: Drei Weieren mit den Weihern und dem Bodensee zu Füssen. Der Blick von der Waldegg zum Säntisriegel. Die Einkehr in Bühler. Die Biber von der Landbäckerei Sammelplatz (www.land-beck.ch). Die stille Kapelle im Guggerloch.

Kinder: Weit, ansonsten problemlos. Keine Kinderwagenroute.

Hund: Weit, ansonsten problemlos.

Einkehr: «Waldegg» Teufen, www.waldegg.ch (Mo Ruhetag). Und im «Sternen» Bühler, www.sternen-appenzellerland.ch (Mi Ruhetag).

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Die Fluhparade

Thomas Widmer am Freitag den 19. April 2013

Diese Woche aufs Wittnauer Horn (BL/AG/SO)

Im Geländedreieck Aarau – Rheinfelden – Laufenburg ist herrlich wandern. Ich stellte das über Ostern wieder einmal fest, als wir von Mumpf nach Sissach gingen. Das Wetter war übel, der Jura aber herrlich und die Mittagseinkehr in der Farnsburg grossartig. Der bewährte Landgasthof dieses Namens hält Galloway-Rinder, metzgt selber und legt Wert auf gute Nahrung. Hingehen! Essen!

Hier für diesmal eine andere Route in der Gegend, zu der sich ebenfalls eine Vorbemerkung aufdrängt: Mir fällt auf, dass die Menschen an der Ergolz sehr sangesfreudig sind. In Gelterkinden, wo wir vom Zug auf den Bus wechselten, ist Popsänger Baschi aufgewachsen. Und in Rothenfluh, wo wir den Bus verliessen, wohnt bis heute die Schlagersängerin Sarah-Jane.

Rothenfluh stellte sich als guter Startort heraus. Das Dorf ruht geborgen. Die Kirche hat einen charaktervollen Käsbissen-Aufbau, also ein Satteldach. Und über dem Dorf sieht man die Bänder des Tafeljuras, der zur Ergolz abbricht. Wir zogen los, eroberten uns die Rote Fluh, ein Wahrzeichen des Ortes. Die Aussicht von ihrer Kante gen Süden war gross.

Vorzeitliche Weggefährten

Im nahen Wald bezeugen Steinwälle einen prähistorischen Sonnenkalender. Wer sich dafür interessiert, googelt die Wörter «Sonnenkalender» und «Rothenfluh» zusammen. Er findet so ein 15-seitiges Papier. Ich verstand von der ersten Seite an gar nichts. Trigonometrie ist nicht mein Ding.

Via Sol ging es weiter zur Wegenstetter Fluh, auf meiner Karte bezeichnet mit «Uf der Flue». Diesmal sahen wir weit nach Norden. Direkt uns lag Wegenstetten, das sich übrigens eines eigenen Skiliftes rühmt. 60 Meter Höhendifferenz bewältigt er, erschliesst eine Piste von 300 Metern und ist der Stolz der Dörfler.

Bald kam das «Wittnauer Horn», das den dramatischen Namen verdient, wie wir im Rückblick erkannten. Es wartet wie die Rote Fluh mit einer Portion Vorgeschichte auf. Eine Tafel bei den Ausgrabungsresten informierte: Bereits in der Bronzezeit verschanzten sich auf dem Gipfel Menschen. In der Hallstattzeit wieder. Und in der Römerzeit gleich noch einmal.

Viel Kalkgeröll und eine Reisecar-Gesellschaft

Schrecklich steil stiegen wir ab, kamen zu einer Lourdesgrotte mit Quelle, langten in Wittnau an, einem Strassendorf, und fanden die «Krone» offen – wie ich es zuhause im Internet recherchiert hatte. Was dort nicht stand: Das Restaurant war an diesem Samstag praktisch voll. Eine Reisecar-Gesellschaft. Wir setzten uns an den letzten freien Tisch, wurden vom gestressten Personal belehrt, dass es mit Essen dauern werde und erhoben uns gleich wieder. Wir verpflegten uns stattdessen im Volg bei der Kirche.

Wieder ging es hernach aufwärts; dies ist eine anstrengende Tour, denn die Region ist ein Sammelsurium von Hügel, Kämmen, Tälern. Im Zusammenspiel resultiert ein stetes Auf und Ab. Wir eroberten uns die Terrasse des Altenbergs, hechelten durch einen schütteren, mit Kalkgeröll durchsetzten Wald weiter aufwärts, kamen zur nächsten Fluh, der Burgfluh. Wieder viel Aussicht und eine schöne Grillstelle.

Als wir bei der Salhöhe ankamen und im Restaurant auf der Passhöhe einkehrten, kreierten wir den passenden Namen zu unserer Prachtswanderung: «Fluhparade». Später nahmen wir den Bus hinab nach Aarau. Das letzte, was ich von unserer Unternehmung in mein geliebtes Moleskine-Büchlein notierte, war der Spruch vor einem Restaurant in Erlinsbach: «Hier kocht der Chef. Kommen Sie trotzdem?»

***
Route: Rothenfluh – Rote Fluh – Sol – Wegenstetter Fluh (Uf der Flue) – Wittnauer Horn – Wittnau – Altenberg – Burgfluh – Salhöhe (Bus nach Aarau).

Gehzeit: 5 1/2 Stunden.
Höhendifferenz: 780 Meter auf-, 460 abwärts.
Wanderkarte: 214T «Liestal» und 224T «Olten», 1: 50 000.
Charakter: Streng, coupierte Strecke. Sehr steiler Abstieg vom Wittnauer Horn nach Wittnau. Ungeheuer aussichtsreich. Wenig Hartbelag (in den Dörfern und gut 20 Minuten im Gebiet Altenberg).

Höhepunkte: Die Eroberung der verschiedenen Fluhen und die Aussicht von jeder. Die Reste der Prähistorie auf dem Wittnauer Horn. Die aparte Wildheit des Tafeljuras.

Kinder: etwas weit. Eventuell halbieren, wofür sich Wittnau anbietet. Mit Kinderwagen unmöglich.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Krone Wittnau, Mo Ruhetag, www.krone-wittnau.ch Am Schluss im Chalet auf der Salhöhe. Mo Ruhetag. www.chalet-saalhoehe.ch

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Die heilige Ottilie und der kommunistische Gartenzwerg

Thomas Widmer am Freitag den 12. April 2013

Diese Woche von Nottwil via Geiss nach Ettiswil (LU)


Kühl war der Tag, feucht, neblig. Doch immerhin regnete es nicht, als wir am Bahnhof Nottwil starteten. Das Paraplegikerzentrum, für das Nottwil bekannt ist, sahen wir nicht. Per Handy fand ich heraus, dass es nordwestlich des Bahnhofs liegt, einigermassen für sich.

Im Dorf kaufte ich mir beim Bäcker Künzli einen Nussgipfel. Und dann waren wir schon in jenem sanft coupierten Grünland, das die Wanderung bestimmt: Wiesen und Wälder in stetem Wechsel. Das Kreuz oberhalb Nottwil samt Bänkli wäre ein toller Aussichtspunkt gewesen, doch sahen wir ausser grauem Dunst nicht viel. Via den Weiler Mittelarig, vorbei an einer Driving Range, gelangten wir zu einem besonderen Gotteshaus, der Ottilienkapelle, Gemeinde Buttisholz.

Eine Heilige und ihre Augäpfel

Die Kapelle mit ihrem roten Kuppeldach samt markantem Spitzturm ist nicht besonders gross. Aber sie wirkt so. Am Grundriss liegt es: Dies ist kein Längsbau, sondern – eine Seltenheit hierzulande – ein Zentralbau mit vier Armen; aus der Vogelschau präsentiert er sich streng symmetrisch.
Doch, St. Ottilien, fast 450 Jahre alt, ist originell. Im Inneren der Kapelle trafen wir auf eine Statue der Namenspatronin. Ottilie wurde im Elsass ums Jahr 650 geboren. Blind. Ihr grausamer Vater, ein Herzog, wollte das Kind töten. Die Mutter brachte es in Sicherheit. In einem Frauenkloster wuchs Ottlie auf – und dann geschah das Wunder. Der heilige Eberhard taufte das Kind, und siehe da, im Akt der Taufe ward es sehend.

In der Kirche steht eine Statue der Ottilie, die die Geschichte verbildlicht: Ottilie, züchtig mit Kopfschleier, trägt vor sich auf einem Buch zwei Augäpfel. Krass, fanden wir, während wir weiterzogen, und kamen bald an neuzeitlicher Drastik vorbei: In einem Vorgarten stand der übliche bärtige Gartenzwerg. Doch unüblicherweise hatte er die geballte Faust zum kommunistischen Gruss erhoben.

Krebse aus dem Soppenseeli

Bald darauf das Soppenseeli, ein Gewässer von gut 800 Metern Länge und 400 Metern Breite, ein Luzerner Bijou. Wir umrundeten es nicht ganz, aber zu einem guten Teil, und mochten die stillen, busch-, baum- und riedgesäumten Ufer. Auf Wikipedia hatte ich zuvor den Eintrag zum See gelesen. Drei Dinge: Er ist erstens Privatbesitz, gehört einer Familie. Die Krebse aus dem See gelten zweitens als Delikatesse. Und drittens hat dessen Name nichts mit Suppe zu tun, sondern leitet sich ab von Soppa; so heisst offenbar ein bestimmtes Sumpfgras.

Bald darauf waren wir im kleinen Dorf Geiss und frohlockten: eine Wirtschaft. Der «Ochsen», trutziges Haus mit blauweissen Fensterläden, war offen. Wir eroberten uns den letzten freien Tisch und wurden hervorragend verpflegt; am Schluss bekamen wir gar einen Grappa offeriert, der vom nahen Bauernhof stamme. Wir genossen ihn. Und mussten hernach Abschied nehmen vom gastlichen Geiss, dessen Name möglicherweise – in der Gegend wurden Römermünzen gefunden – vom Lateinischen Casa gleich «Haus» stammt.

Die letzte Etappe der Wanderung brachte noch einmal Neues: eine erhabene Passage mit Aussicht: Wir zogen Richtung Wüschiswil. Sahen linkerhand die Rauchfahne der Firma Kronospan, die Holzplatten und dergleichen herstellt und kürzlich durch den Amoklauf eines Angestellten traurige Schlagzeilen machte. Stiegen auf zum Höhewald und landeten, passend zum Namen, auf einem herrlichen Höhenweg. Schliesslich der Abstieg und das Ende der Wanderung in Ettiswil. Abwechslungsreich war sie und hat uns eine grosse Heilige nähergebracht. Und als Kontrast einen seltsamen Gartenzwerg.

Route: Nottwil Bahnhof – Nottwil Dorf – Mittelarig – Rot – St. Ottilien – St. Ulrich – Soppestig – Soppenseeli – Dünnhirs – Geiss – Wüschiswil – Wellbrig – Höhewald – Ettiswil.

Gehzeit: 6 Stunden.

Höhendifferenz: 500 Meter auf-, 490 abwärts.

Wanderkarte: 234 T «Willisau», 1: 50 000.

Charakter: Viel Wiese und Wald, kurze Stücke auf Asphalt. Am Schluss vor Ettiswil Höhenweg. Abwechslungsreich. Relativ lang.
Höhepunkte: Das Kreuz samt Bänkli über Nottwil (wegen der Sicht auf den Sempachersee). St. Ottilien mit dem originellen Grundriss und der Heiligenstatue. Die Einkehr in Geiss.

Kinder: Etwas lang. Für Kinderwagen nicht geeignet.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Im «Ochsen» in Geiss isst man sehr gut. Mo, Di Ruhetag. www.ochsen-geiss.ch

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Bei den Seislern

Thomas Widmer am Freitag den 5. April 2013

Diese Woche von Schwarzenburg nach Freiburg (BE/FR)


358 Fotos trug ich von der Wanderung über den Röstigraben heim. Der Tag war aber auch ein Geschenk: mildes Wetter mitten im Winter, zehn Grad, kein Schnee, kein Eis, ausfliegende Bienen.

Wir starteten in Schwarzenburg, hielten ins Grüne, sahen rundum jene sanften Hügel, die die Gegend schön machen. Bald kamen wir zur Wart, einem markanten Punkt an der antiken West-Ost-Verbindung von Aventicum (Avenches) ins Berner Oberland; die Römer sollen hier einen Wachtturm unterhalten haben. Später nutzten Jakobspilger die uralte Route; ein Schild informierte uns, dass es noch 1700 Kilometer bis Santiago de Compostela seien. Auch ein Gneis-Findling hockte bei der Wart, einen «alten Wanderer» nannte ihn die Infotafel. Wobei das ja nicht stimmt: Der Brocken wanderte nicht, sondern ritt komfortabel auf einem Gletscher aus dem Mont-Blanc-Gebiet heran.

Tafers – die Hauptstadt der Seisler

Wir stiegen ab zur Sense – ein erster Höhepunkt. Der Weg ist in den Sandstein gehauen, der Boden gepflästert, Graffiti zeugen von den durchziehenden Pilgern. Eine Mühle stand da einst auch, die Torenöli. Am Fluss unten sahen wir ein vergleichsweise unromantisches Gebäude, eine Übungsruine des Militärs. Hernach stiessen wir auf einen Stein mit einer Inschrift, die eines WKs im Jahr 1989 unter einem Hauptmann Binggeli gedachte. Schön der breite, weite Fluss in seiner Einsamkeit; unerbittliche Natur; irgendwie wie am Yukon, dachte ich.

Auf einer Holzbrücke gelangten wir ans andere Ufer, stiegen auf zum Plateau von St. Antoni, wurden von einem Jakobus-Bildstock empfangen, wanderten durch den Ort, passierten später eine weitere Sandsteingasse. Dann Weissenbach. Bei diesem Weiler entschieden wir uns, via Juch nach Tafers zu gehen. Tafers: Das ist die Hauptstadt der Seisler, der Leute des Sensebezirkes. Ein weisser Hund umtollte uns auf dem letzten Stück vor dem Ort, trottete endlich traurig heimwärts; auch Tiere müssen bisweilen die Pflicht höher gewichten als die Neigung.

Genialer Weg durch die Schlucht

Wir machten einen Abstecher nach Tafers hinein und gerieten – ein Glücksfall – an das St. Martin. Dieses Restaurant ist auch ein Kulturtreff; die Leute, die es führen, betreiben ihr Haus als Zentrum der gelebten Seislerei. Die Menükarte war in Seislertütsch geschrieben. Ich nahm «Schwingerhörnli mit Fäderchou u Schwarzwuurzle anera Nydlesoossa» und war sehr zufrieden. Und sollte mich das Dessert, Meringue aus Botterens an viel, viel, viel Crème Gruyère, cholesterinhalber vorzeitig aufs Totenbett befördern, stürbe ich mit süssen Gefühlen.

Zur Schlussetappe eine Vorbemerkung. Oben auf dem Maggenberg gibt es zwei Varianten nach Freiburg. Die eine führt hinab zur Ameismüli und in die Galterenschlucht. Doch leider ist die Schlucht ab und zu geschlossen, manchmal wegen Eisschlags, dann wieder wegen Steinschlags. In diesem Fall bildet der brave Wanderweg nördlich der Schlucht die Alternative. Wir fanden die Schlucht offen vor, und den Weg durch sie fanden wir genial: diese Wildnis, dieses Auf und Ab der Metalltreppen, diese hübschen kühnen Brücklein. Am unteren Ende eine Fischzucht, die «Pinte des Trois Canards», die «Buvette du petit train» mit einer Miniaturbahn für Kinder – und dann die Stadtmauer. Nun waren wir in Freiburgs Unterstadt. Schöner als in dieser charmanten Bröckelgotik kann eine Wanderung nicht enden.

Route: Schwarzenburg – Wart – Torenöli – Sodbachbrügg/Kantonsgrenze – Sodbach – Heitenried – Niedermonten – St. Antoni – Weissenbach – Tafers – Maggenberg – Ameismüli – Galterenschlucht/Gorges du Gottéron – Stadtmauer Freiburg – Unterstadt – Bahnhof. Wenn die Galternenschlucht geschlossen ist, geht man wieder zum Maggenberg hinauf und nützt den Wanderweg nördlich parallel zur Schlucht nach Freiburg.

Gehzeit: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 460 Meter auf-, 630 abwärts.

Wanderkarte: 243T «Bern» und 242T «Avenches», 1: 50 000.

Charakter:
Weit, coupiert. Kürzere Passagen auf Hartbelag. Zum Teil historische Route. Sehr abwechslunsgreich. In der Galterenschlucht, wenn sie offen ist, Steinschlag-Risiko.

Höhepunkte: Der Sandsteinweg von Schwarzenburg hinab zur Sense. Die Einkehr im St. Martin in Tafers. Die Galterenschlucht. Der erste Anblick der Stadt Freiburg und die Gotik der Unterstadt.

Kinder: Für Familien empfiehlt es sich, die Wanderung zu etappieren.

Hund: In der Galterenschlucht gibt es pfotenfeindliche Gitterrost-Stege.

Einkehr: An mehreren Orten. Toll ist die Einkehr im St. Martin in Tafers. So abend und Mo geschlossen. www.wierseisler.ch

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Sozialexperiment mit Bella und Emil

Thomas Widmer am Freitag den 22. März 2013

Diese Woche von Altstätten auf den Gäbris und die Hohe Buche (SG/AR)


Ich brachte Bella mit, das Appenzeller Blässli meiner Schwester. Und Hürzi brachte seinen Familienhund Emil mit, einen Jack Russell. Und irgendwie dachte ich, das würde etwas. Tatsächlich war es auf der fünfstündigen Wanderung aus dem St. Galler Rheintal auf die Höger des Appenzeller Mittellandes dann so, dass sich die beiden… nun, nicht nicht mochten oder gar verabscheuten. Desinteresse trifft es am ehesten. Sie spielten nicht miteinander, jagten einzeln durch die Wiesen, ignorierten sich auch in der Wirtschaft, als sie unter demselben Tisch lagen.

Die Wanderung ansonsten – gut, schön, grandios, mit Blumenwiesen, es war Frühling. Sie begann in Altstätten SBB damit, dass wir zum Bahnhof der Appenzeller Bahnen am westlichen Ortsrand zogen. Schnell waren wir hernach in einem einigermassen steilen Wiesen- und Waldgelände. Am, in Gehrichtung gesprochen, linken Rand des Brendenbaches keuchten wir hinauf zum Weiler Fideren.

Eine gute Ausflugsbeiz

Während wir der Alp Chlosmeren zustrebten, hörten wir linkerhand, vom Stoss her, einem Pass, das Pfeifen der Appenzeller Bahn; die Linie Altststätten-Gais. Schliesslich die Alp Chlosmeren. Emil und Bella schnüffelten, schnupperten, pinkelten, was das Zeug hielt. Jeder für sich, versteht sich. Kurz vor dem Sommersberg, auch ein lohnendes Wanderziel, bogen wir ab. Über einen sumpfigen Zwischenboden zielten wir auf den Schwäbrig, bekannt durch Kachelmanns Meteostation, kamen zum Gäbrisseeli und zum unteren Gäbris. In der Appenzeller Bauernwirtschaft gleichen Namens kann man schön einkehren. Wir sparten unseren Hunger noch ein wenig auf.

Endlich der Obere Gäbris mit dem Gipfelgasthaus; wir hatten den Alpsteinriegel vor Augen. Ich mag diese Wirtschaft, in der ich oft war, einige Male auch mit Bella, die ganz in der Nähe lebt. Dies ist eine Ausflugsbeiz, sie ist bei gutem Wetter ziemlich voll; aber irgendwie schafft es das Personal, das man nie lange warten muss. Wir nahmen Platz, konnten nach drei Minuten bestellen, hatten eine Viertelstunde später jeder sein Essen vor sich. So mag ich das. Und das Essen war fein. Ich nahm, wie immer, die Siedwurst mit Chäshörnli und Apfelmues und hernach «Bereflade mit Romm». Birnenkuchen mit Rahm. Und wie immer hatte ich am Ende einen brutal vollen Bauch.

Eine der schönsten Wanderpassagen

Vom Gäbris ist man in einer Stunden locker unten in Gais. Wir wollten länger wandern und wählten eine andere Richtung; wir zielten auf die Hohe Buche, die wir über den kleinen Strassenpass der Wissegg erreichten – wieder eine Gipfelwirtschaft; und auch in der «Buche» bin ich sozusagen ein Habitué. Wir tranken etwas, liessen den Blick schweifen gegen das Neckertal, Toggenburg, Zürcher Oberland.

Hernach der Abstieg nach Bühler. Der Weg zieht sich die ersten vierzig Minuten auf einer sanften Krete durch die Wiesen vorbei an kecken Hügelchen und streift das eine oder andere Appenzeller Hemetli; man vergisst die Niederungen des Unterlandes total, dies ist eine der schönsten Wanderpassagen in meinem Appenzellerland. Am Bahnhof Bühler dann waren Emil und Bella geschafft und streckten sich auf dem schmalen Streifen zwischen dem Bahnhofsladen und den Schienen müde aus. Aber auch da – keine gegenseitige Anteilnahme; jeder war für den anderen Luft. Das Sozialexperiment mit Hund und Hündin wurde seither nicht wiederholt.

Route: Altstätten SBB – Altstätten Appenzeller Bahnen – Fideren – Alp Chlosmeren – Schwäbrig – Gäbrisseeli – Unterer Gäbris – Oberer Gäbris (Gipfel) – Wissegg – Hohe Buche – Wissegg (nicht dieselbe Wissegg wie die vorhergehende) – Bahnhof Bühler.

Gehzeit: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 960 Meter auf, 580 ab.

Wanderkarte: 227 T «Appenzell», 1: 50’000.

Charakter: Im ersten Teil bis vor dem Gäbris einsame Wanderung durch Wald und Wiesen mit steilen Hängen. Dann klassische Wanderroute. Viel Aussicht.

Höhepunkte: Der Blick vom Hang über Altstätten auf das Rheintal und ins Vorarlbergische. Einkehr und Aussicht vom Gäbris. Die ebenmässige, idyllische Wiesenpassage zwischen der Hohen Buche und Bühler.

Kinder: Gut machbar, ev. etwas lang.

Hund: Gut machbar.

Froschlaich, Wolfsgrube, Pferdekopf

Thomas Widmer am Freitag den 15. März 2013

Diese Woche von der Forch nach Meilen (ZH)


Letztes Jahr um diese Zeit waren ich und meine Journalistenkollegen Barbara Lukesch und René Staubli des öftern im Pfannenstiel-Gebiet unterwegs; der Pfannenstiel, liebe Nichtzürcherinnen und -zürcher, ist ein Höhenzug über dem rechten Zürichsee-Ufer. Für die Forchbahn realisierten wir anlässlich ihres 100-Jahr-Jubiläums ein Ausflugs-App mit Wanderungen und Velotouren.

Die Gratis-App für iPhone und iPad liegt mittlerweile vor; hier eine der schönsten Routen, die ich kürzlich wieder gegangen bin. Leicht und luftig ist sie und passt zum Frühling – sieht man in der zweiten Weghälfte den Zürichsee vor sich liegen, geht einem das Herz auf. Ab Monatsende kann man übrigens nach Wanderende in Meilen bequem mit dem Kursschiff nach Zürich zurückkehren. Am 29. setzt der Frühlingsfahrplan mit doch einigen Kursen täglich ein.

Also. Wir starten bei der Bahnstation Forch, schlagen den Weg zum Pfannenstiel ein, passieren «im Chaltestei» einen Bauernhof mit Hofladen, und hernach haben wir schnell Aussicht. Wir sehen die Albiskette mit dem Sendeturm auf der Felsenegg, blicken aber auch weit hinüber ins Zürcher Oberland; und der massive Klotz weiter hinten ist, ist, ist… jawohl, tatsächlich, das ist der Säntis. Direkt unter uns liegt der Greifensee.

«Cholgrueb» und «Chüelenmorgen»

Weiter oben, bei der Grillstelle, ignorieren wir den Abzweiger nach rechts Richtung Herrliberg. Statdessen halten wir in den Wald. Es geht kurz steil aufwärts, dann kommt ein Abzweiger nach – welch Poesie! – Chüelenmorgen. Diesen Weg nehmen wir. Nun, da wir nicht mehr dem Massenziel Pfannenstiel zusteuern, wird es einsam. Überall gedeiht Stechlaub, die Blätter glänzen wie lackiert, sehen irgendwie böse aus, wie aus dem Giftgarten der Märchenhexe.

Der Name «Cholgrueb» deutet auf eine Köhlerstelle. «Chüelenmorgen» stellt sich als Wanderverzweiger in einer Lichtung samt Forsthütte heraus. Auch ein Froschweiher ist da, dessen seichte Uferpartien frühlings mit Laich bedeckt sind. Wir passieren die Wolfsgrueb, dann eine unmarkierte, grossenteils unterirdische Anlage mit hohen Toren. Armee? Beim Rütihof erreichen wir wieder offenes Gelände und die Strasse Herrliberg – Forch. Die Pferdekopf-Skulptur bei dem Hof an der Strasse deutet an, dass es sich um einen Reiterhof samt Pferdepension handelt.

Zu viel Asphalt

Parallel zur Strasse halten wir abwärts, biegen dann bei der Trafostation rechts in die Felder. Die Rigi vor Augen, steigen wir durch den steilen Chilchrain ab nach Wetzwil. Dessen abseits des Weilers liegendes Kirchlein ist beliebt für Hochzeiten. Wetzwil wurde schon vor 1200 Jahren urkundlich erwähnt, als ein gewisser Wolfbold und seine Kinder ihren Besitz dem Kloster St. Gallen übertrugen. Wolfbold? Fing er in der erwähnten Wolfsgrueb Wölfe?

Wir leisten uns nun einen Umweg, indem wir nicht nach Wetzwil hinübergehen – zuviel Asphalt! Stattdessen setzen wir fort nach Wängi, kommen am Schlatthof vorbei, dessen Stall man besichtigen kann. Dann das, eher gehobene, Restaurant Buech. Und dann die «Luft» – ihr Anblick allerdings tut weh. Die gute alte Ausflugsbeiz, deren neckisches Türmchen auf Schloss macht, ging vor einigen Jahren an einen deutsch-russischen Ölhändler und ist in Privatbesitz. So bleibt uns nichts anderes übrig, als die Einkehr aufzuschieben; unten in Meilen gibt es genug Wirtschaften.

Route: Forch Station (Forchbahn ab Zürich Stadelhofen) – Pfannenstielweg bis zum zweiten Abzweiger im Wald nach Herrliberg/Chüelenmorgen – Cholgrueb – Chüelenmorgen – Wolfsgrueb – Rütihof – Chilchrain – Kirche Wetzwil – Wängi – Schlatt – Buech – Luft – Bahnhof Meilen.

Gehzeit: 2 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 120 Meter auf-, 380 abwärts.

Wanderkarte: 226T «Rapperswil» und 225T «Zürich», 1: 50 000.

Charakter: Leichtes Wandern durch Wald und Feld, kürzere Abschnitte auf Asphalt. Im Wald am Pfannenstiel einsam. Später aussichtsreich mit dem Alpenkamm vor Augen.

Höhepunkte: Das Stechlaub um die Cholgrueb und Chüelenmorgen. Der Laich im Weiher von Chüelenmorgen. Das Kirchlein von Wetzwil. Der Zürichsee vom Punkt Luft aus gesehen.

Kinder: Eine ausgesprochene Familienwanderung.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Unterweg nur im Restaurant Zur Buech. Kein Ruhetag, aber keine warme Küche ausserhalb der klassischen Essenszeiten. Eher gehobenes Niveau. – Am Schluss in Meilen.

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Forch-Wanderungen: Auf www.forchbahn.ch findet man unter «Ferien & Freizeit» den Link zum App-Download sowie eine pdf-Version zum direkten Ausdrucken.

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