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Zimmerservice im Everest-Ferienlager

Natascha Knecht am Mittwoch den 22. Mai 2013

Heute ein Gastblog von *Thomas Senf,  Alpinfotograf und Bergsteiger.

Eiskurs am Everest

Unmittelbar neben dem Advanced Basecamp auf 6400 Meter: Die Everest-Aspiranten lernen erstmals im Leben, wie man am Fixseil aufsteigt und wieder abseilt. (Foto: Thomas Senf)

Ungläubig schaue ich aus meinem Zelt auf den Gletscher. In ihre nagelneuen Daunenanzüge gehüllt üben etwa zehn Bergsteiger an einem kleinen Eishang. Unter Anleitung ihrer Bergführer und Sherpas geht es auf der einen Seite mit Steigklemmen am Fixseil empor. Mehrmals muss ein Bergführer eingreifen, da ihre Schützlinge versehentlich die Selbstsicherung falsch einhängen. Oben angekommen fädelt ihnen ein Sherpa den Abseilachter ein, damit sie an der kleinen Wand das Abseilen üben können. Ein «Grundkurs Eis» neben dem Advanced Basecamp vom Mount Everest auf 6400 Meter. Die Gruppe Bergsteiger ist in ihrer Akklimatisationsphase, ein paar Tage später wollen sie auf den Everest-Gipfel.

Ich bin für einen Fotoauftrag an der chinesischen Normalroute unterwegs. Viel habe ich schon vom Bergsteigen am Everest gehört. Aber nachdem mich bisher zahlreiche Expeditionen zu unbekannten Gipfeln rund um den Erdball führten, lerne ich hier, am berühmtesten Berg der Welt, einen anderen Expeditionsstil kennen.

Ferienanlage am Everest

Am Gate für den Flug von Qatar nach Kathmandu bekomme ich zum ersten Mal die 8000er-Welt zu spüren. Teilnehmer verschiedener Expeditionen sind an Bord. Unschwer zu erkennen an ihren Unmengen von Werbeaufnähern. Man mustert sich auffällig unauffällig. Je nach Anzahl zur Schau getragener Sponsoren grüsst man sich kurz, oder eben auch nicht. Das anvisierte Ziel findet sich bis zu fünf Mal auf den Kleidern. So dass auch der Letzte weiss, dass es zum «Everest 2013» geht. Einige von ihnen sehe ich im Basislager wieder. Neugierig frage ich einen nach seinem offensichtlich grosszügigen Ericsson-Sponsoring. Schliesslich erfahre ich, dass es lediglich sein Arbeitgeber ist. Unterstützung hat er keine erhalten. Aha, wer keinen Sponsor findet, erfindet halt einen, um dazuzugehören.

Das Leben im Basislager erinnert mich ein wenig an Berichte aus Ferienanlagen im Mittelmeerraum. 9.30 Uhr, wenn die ersten Sonnenstrahlen das Camp streifen, wird, wer noch schläft, von einem «Tea, Coffee, Milktea?» in seinem Einzelzelt geweckt. Zimmerservice à la Everest BC. 10.00 Uhr, Frühstück. Nebst frisch gepresstem Orangensaft gibt es Toastbrot und Spiegelei. Danach ist Treffpunkt im Tischtennis- und Billardzelt. Hier und da stehen noch Bierbüchsen vom letzten Abend rum. Ein greller Pfiff und einer der Küchenjungs eilt zum Aufräumen herbei. Nach dem Mittagessen geht es für die meisten ins Internetzelt. Ein Skype mit der Familie steht an. Via iPad  startet einer nach dem anderen zu seiner virtuellen Rundtour durch das Camp für die Daheimgebliebenen. Der Verdauungstrunk zum Abendessen wird im Fernsehzelt eingenommen. Rund 300 DVDs stehen neben dem Flachbild-TV zur Verfügung.

Everest

Auf dem Weg zum North Col: Die Bergsteiger kämpfen sich am Fixseil empor. Solange sie ihre Steigklemmen richtig eingehängt haben, können sie nicht runter stürzen. (Foto: Thomas Senf)

Wie an der Hundeleine den Berg hochgezogen

Während der ersten Tage im Basislager starten Karawanen von Yaks Richtung Berg. Was man zum Leben dort oben benötigt, kann von hier nur noch zu Fuss transportiert werden. Selber starten wir ungleich weniger beladen in die nächsten Camps. Hier und da höre ich Diskussionen, ob man tatsächlich selber einen Rucksack mit Jacke und Trinkflasche tragen muss. So verwundert einen folgendes Bild nur am Anfang: Ein Träger kommt gelangweilt in kaputten Turnschuhen entgegen. Auf dem Rücken eine riesige Tasche. Vorne vor der Brust baumelt der Rucksack des Gastes. Dieser schleppt sich etwa 100 Meter hinter ihm auf seine Trekkingstöcke gestützt den Berg hinauf.

Eine Stunde hinter dem Advanced Basecamp beginnen die Fixseile, welche zum North Col auf 7000 Meter führen und von dort in einer ununterbrochenen Linie weiter bis zum Gipfel. Zeit, das Gelernte aus dem «Grundkurs Eis» vom Vortag anzuwenden. Bereits nach wenigen Metern am ersten Fixpunkt Stau. Einer der Gipfelaspiranten versucht vergeblich, seine Steigklemme umzuhängen. Ein Sherpa eilt herbei und hilft ihm. Mittlerweile hat sich hinter ihm eine Schlange von gut 15 Leuten gebildet. Ich mag nicht mehr warten, hänge ich mich aus dem Seil aus und laufe an der Menschenschlange vorbei. Den Pickel lasse ich auf dem Rucksack. Dafür ist es noch viel zu flach. Ich stelle mir die Situation auf über 8000 Meter bei Sturm und -30°C vor. Nicht auszudenken. Dagegen wirkt ein Stau am Gubristtunnel geradezu wie ein Kindergeburtstag. 150 Höhenmeter vor dem Camp auf dem North Col ist für einen Mann Schluss. Nichts geht mehr. Doch statt abzusteigen, zieht ihn ein Sherpa wie an der Hundeleine die letzten Meter hinter sich her.

Everest

Stau auf 7000 Meter: Der Vorderste kommt nicht weiter, alle anderen müssen hinter ihm warten. (Foto: Thomas Senf)

Schlafsäcke liegen ausgerollt bereit

Bei meinen anderen Expeditionen hätte der Abend etwa so ausgesehen: Der schwere Rucksack fällt in den Schnee. Müde stampfe ich im Schnee einen Platz für das Zelt zurecht, während mein Seilpartner anfängt, Schnee im Kocher zu schmelzen. Der bereits etwas feuchte Schlafsack kommt nur widerwillig aus dem Packsack. Fröstelnd schütten wir eine Instantsuppe in den Topf.

Hier am Everest setzen wir uns im grossen Küchenzelt an den Campingtisch. Wenige Augenblicke später steht eine dampfende Hühnersuppe vor uns. Lediglich das Dessert ruft etwas Brummeln im Zelt hervor. Die Mangos aus der Büchse sind noch halb gefroren. Zumindest liegen unsere Schlafsäcke bereits ausgerollt im Zelt. Unsere Sherpas haben sie vor zwei Tagen hochgetragen.

Ein paar hundert Höhenmeter weiter oben ist mein Auftrag als Fotograf erfüllt. Um relativ schnell und ohne künstlichen Sauerstoff wie zum Beispiel Ueli Steck letztes Jahr auf den Gipfel zu steigen, bin ich nicht stark genug. Für eine andere Art der Begehung fehlt mir am Everest dann aber doch die Motivation.

Da steige ich lieber weiterhin auf unbekannte Berge.

Thomas Senf*Thomas Senf ist Fotograf, Alpinist und diplomierter Bergführer. Mit Freunden gelang ihm u. a. die Erstbegehung der Nordwand am Arwa Tower und der Route Harvest Moon am Talay Sagar, beide Indien, die Wintererstbesteigung des Torre Egger in Patagonien, oder die Begehung von Ulvetanna und Holtanna in der Antarktis. Mit der Kamera begleitet er Extrem-Kletterer auf Expeditionen in aller Welt. Er lebt in Ringgenberg BE. www.thomassenf.ch

Ist Spitzenalpinismus in der Schweiz nichts wert?

Natascha Knecht am Mittwoch den 15. Mai 2013

Ueli Steck hat das Beste getan, das er in seiner momentanen Situation tun kann: Er engagierte Andreas Bantel, Reputationsberater und Profi für Krisenkommunikation. Denn so vorbildlich und professionell der Ringgenberger Spitzenalpinist stets seine Projekte anpackt, so unglücklich formuliert waren zum Teil seine Aussagen, die er nach dem Everest-Debakel machte. Für Kritiker waren sie ein gefundenes Fressen. Häppchenweise in (zu) vielen Interviews serviert. Steilpässe, mit denen er eine Art Shitstorm auf sich selber auslöste. Krass, welche Meinungen auf den Leserbriefseiten der Tageszeitungen gedruckt und in Online-Kommentaren ausgedrückt wurden. Krass aber auch, dass Steck die Reaktionen überhaupt liest – auf seinem iPad, wie das «Migros-Magazin», sein Medienpartner, in der aktuellen Ausgabe berichtet. Er sei fassungslos. Enttäuscht, ratlos und traurig.

Nun soll bei ihm mit Andreas Bantel wieder langsam Ruhe einkehren. Steck will vorläufig keine Interviews mehr geben. In einem offenen Brief an «Freunde», den er auf seine Webseite gestellt hat, bittet er um Verständnis, dass er eine persönliche Auszeit in Anspruch nehmen werde. «Wenn ich also in der nächsten Zeit keine Telefone und E-Mails beantworte, so geschieht dies allein aus dem Grund, dass ich eine Pause benötige.»

Warum sind in der Schweiz Alpinisten keine Volkshelden?

Noch vor einer Woche sagte Steck gegenüber der «Berner Zeitung», er habe «durch das Vorgefallene einen Imageschaden erlitten.» Aber nur er. Sein Everest-Kamerad Simone Moro werde in Italien als Held gefeiert, und auch in England, der Heimat ihres Fotografen Jonathan Griffith, «steht die Gesellschaft geschlossen hinter uns. Es ist die Schweizer Mentalität: Viele Menschen und Medien hier warten nur darauf, ihrer Missgunst Luft machen zu können», so Steck.

Dass in der Schweiz wirklich «viele Menschen und Medien nur darauf warten, ihrer Missgunst Luft machen zu können» – das kann man glauben, oder auch bezweifeln. Eher ist es doch so, dass Bergsteiger in der Schweiz noch nie Volkshelden gewesen sind. Im Gegensatz zu Italien, England und anderen Ländern. Dort geniessen Alpinisten ein ganz anderes Ansehen. Dort geht jede Erstbesteigung eines namhaften Gipfels und jede Erstbegehung einer schwierigen Route als Markstein in deren Geschichte ein. Seit der Alpinismus erfunden wurde. Seit man die hohen Berge als Spielplatz entdeckt hat. Seit manche Nationen unter sich einen zum Teil erbitterten Wettkampf starteten. In der Schweiz dagegen, kam dieser «Eroberungsfeldzug» nie gut an. Eine grundsätzliche und anhaltende Ablehnung zum Alpinismus bewirkten zudem die Tragödien, die sich vor unserer Haustür abspielten und von der Welt sensationsgierig mitverfolgt wurden. Etwa bei den ideologisch belasteten Versuchen, die Eigernordwand zu durchsteigen.

Wir sind Sherpa!

Aber Missgunst? Ist es nicht eher die chronische Unwissenheit der meisten Schweizer über den Alpinismus? Erinnert sich heute zum Beispiel noch jemand an den Meiringer Melchior Anderegg oder an den Grindelwaldner Christian Almer? Ihre Hochblüte erlebten die zwei vor 150 Jahren, im Goldenen Zeitalter des Alpinismus. Zahllose Erstbesteigungen gehen auf ihre Konten, zwar «nur» als Bergführer, welche die damaligen Cracks aus England zu Ruhm und Ehre brachten. Dennoch gelten Anderegg und Almer beim elitären Alpine Club in London bis heute als «wichtig für die Historie». Und bei uns?

Oder der Genfer Raymond Lambert. Er stellte 1952 am Everest einen neuen Höhenrekord auf. Damals eine Weltsensation. Zusammen mit Tenzing Norgay kam er bis auf 8611 Meter. In Erinnerung blieb in der Schweiz nur Sherpa Tenzing. Denn Tenzing wurde im Berner Oberland, in der Bergsteigerschule Rosenlaui ausgebildet. Er war charismatisch, die Leute liebten ihn und seine bescheidene Art. Im Mai 1953 stand er dann zusammen mit Edmund Hillary auf dem höchsten Erdengipfel (8848 Meter). Wir sind Sherpa! Das war etwas ganz Neues.

Was bringt Bergsteigen der Allgemeinheit?

Selbstverständlich ist Kritik berechtigt. Es gibt nach wie vor jedes Jahr Bergtote. In den Köpfen hält sich Bergsteigen bis heute als rücksichtslose, unverantwortbare Freizeitbeschäftigung. Ein sinnlos blödes Risiko. Aber das Schönste am Hochgebirge ist bekanntlich die Freiheit. Solange man niemand anderes gefährdet, kann jeder tun und lassen was er will, mit Flipflops aufs Schreckhorn klettern oder ungebüsst auf einen Gletscher pinkeln. Auf keinem Gipfel steht ein Alpenverbandsfunktionär und nimmt eine Urinprobe, keiner pfeift einen Penalty oder brüllt von einem Leiternsitz «Out!»

Dass Leute wie ein Ueli Steck ihre Leidenschaft zum Beruf erklären und davon leben, ist eine sehr, sehr junge Entwicklung im Alpinismus – und in der Schweiz offensichtlich noch nicht akzeptiert. Was bringt das der Allgemeinheit, was ist der Nutzen davon, wird gefragt. Dass Bergsteigen im Niveau eines Ueli Stecks ganz einfach Spitzensport ist, wird gerne ausgeblendet.

Muss man alles an die grosse Glocke hängen?

Natürlich darf Steck die grossen Nordwände der Alpen alleine und ungesichert in Rekordzeit hochspeeden, Everest und Lhotse in drei bis vier Tagen überschreiten, was bisher noch kein Mensch geschafft hat. Und selbstverständlich ist die Frage berechtigt: Muss man das an die grosse Glocke hängen? Jeder Lokalzeitung ein Interview geben? Jeder Fernsehstation vor der Abreise nach Kathmandu zeigen, wie er sich in der Mönchsjochhütte à la «sleep high, train low» an die Höhe akklimatisiert. Via Al-Jazeera-TV darauf schauen, dass er in Qatar Airways einen guten Platz im Flugzeug kriegt? Warum nicht? Fussballspiele werden auch live übertragen, Siege frenetisch gefeiert, Niederlagen gemeinsam verarbeitet.

Vielleicht gelingt es der «Swiss Machine» Ueli Steck nun mit Hilfe seines neu engagierten Reputations- und Kommunikationsberater Andreas Bantel, in diesen Hinsichten etwas zu bewegen.

Stephan Siegrist berichtet vom Makalu

Natascha Knecht am Mittwoch den 8. Mai 2013
Stephan Siegrist

Akklimatisieren und Schneeschmelzen am Makalu: Der Berner Oberländer Profi-Alpinist Stephan Siegrist. (Foto: visualimpact.ch / Daniel Bartsch)

Still und unaufgeregt verläuft bisher die Himalaja-Expedition des Profi-Alpinisten Stephan Siegrist. Vor einem Monat ist der Berner Oberländer nach Nepal abgereist, mit dem Ziel, den 8485 Meter hohen Makalu über den markanten Westpfeiler zu besteigen. Die Route ist technisch anspruchsvoll, die Schlüsselstellen liegen in grosser Höhe. Und sie wurde bisher erst von 9 Personen begangen, aber noch nie ohne künstlichen Sauerstoff und im Alpinstil – wie es Siegrist und sein Team nun versuchen wollen. Unterwegs ist er mit den deutschen Bergsteigern Daniel Bartsch, David Göttler, Hans Mitterer und Michi Wärthl.

Zurzeit befinden sie sich im Basislager des Westgrats und haben ihre ersten Akklimatisations-Trips hinter sich. «Wir waren bis auf 6200 Meter auf dem Grat, welcher zum eigentlichen Westpfeiler führt und danach, mit einem Ruhetag dazwischen drei Nächte am Normalweg zur weiteren Akklimatisation bis auf 6800 Meter unterwegs.» Allen gehe es gut, sagte Stephan Siegrist diesen Montag via Satellitentelefon. Sie seien die einzigen auf dieser Seite des Bergs. Im Lager für die Normalroute habe es lediglich ein Dutzend Bergsteiger und deren Sherpas. «Es ist sehr ruhig hier», sagt er. Von den Ereignissen am Everest, der ganz in der Nähe liegt, hätten sie via Radio vernommen.

Stephan Siegrist

Erkundungstour am Makalu-Westgrat: Siegrist und Team. (Foto: visualimpact.ch / Daniel Bartsch)

Nima Sherpa aus einer Gletscherspalte gezogen

Das einzige aussergewöhnliche Erlebnis hatten sie bei ihrem Akklimatisationsausflug am Normalweg. «Dort trafen wir andere Expeditionen.» Während sie im Lager 1 einen «langen Tag» verbrachten, sei Nima Sherpa, der persönliche Hochträger eines japanischen Bergsteigers auch im Lager eingetroffen. «Er erkundigte sich bei uns, wo er sein Zelt hinstellen könne. Wir sagten, egal wo, nur auf die Spalte in etwa fünf Meter Entfernung solle er aufpassen.» Nima Sherpa habe dann angefangen eine Plattform zu graben und sie gingen wieder ihren Beschäftigungen nach: Schneeschmelzen, Trinken, Essen, Musikhören und lesen.

«Plötzlich sah David, dass Nimas Kopf … blubb … einfach eine Etage nach unten rutschte. Kein Schrei, kein Alarmzeichen machte er! Im ersten Moment wusste David nicht, ob es vielleicht eine optische Täuschung war, aber das war es nicht! Daniel, der vor dem Zelt war und Schuhe anhatte, war dann als erstes zur Stelle. Er packte Nimas Arm, dann kam Michi und schnell war Nima herausgezogen. Alle blickten in das Loch, vielleicht nicht wirklich tödlich tief, aber dennoch war Nima fest davon überzeugt, wir hätten ihm das Leben gerettet. Immer wieder bedankte er sich.»

Stephan Siegrist

«Gemütlicher» Zeltplatz in 6200 Meter Höhe. (Foto: visualimpact.ch / Daniel Bartsch)

Der starke Wind ist das einzige Problem

Die Tage und vor allem Nächte am Berg hätten sie auch genützt, um das Setup maximal zu optimieren. Zum Beispiel welche Schlafsack-Kombinationen mit welcher Zeltbelegung am besten ist. «Dabei kam raus: der lange Daniel und ein Schlafsack als Decke für zwei im kurzen Zelt geht nicht. Dagegen funktionieren zwei zu einer grossen Decke gekoppelten Schlafsäcke für drei gleich Grosse (Hans, Michi und David)  gut.»

Probleme mache einzig der starke Wind. Dieser habe im unteren Teil des Westpfeilers alles blank geblasen, wie sie bei ihrer Erkundungstour sehen konnten. Das bedeute, dass sie diese Stellen umgehen müssen und für den Aufstieg länger brauchen werden als ursprünglich gehofft. Insgesamt rechnen sie mit fünf bis sechs Tagen – und hoffen, dass das Wetter bis Ende Mai ein solch langes Zeitfenster zulassen wird.

Sofern es der Wind erlaubt, steigen sie diese Woche zum weiteren Akklimatisieren auf den Makalu La und auf eine Höhe von 7400 Meter.

Das Gefährlichste am Everest ist der Kommerz

Natascha Knecht am Dienstag den 7. Mai 2013
Ein Sherpa trägt das Gepäck von Everst-Begehern zum Basislager, Mai 2003. (Keystone/Gurinder Osan)

Inzwischen kann fast jeder auf den höchsten Gipfel der Welt: Ein Sherpa trägt das Gepäck von Everest-Begehern zum Basislager, Mai 2003. (Keystone/Gurinder Osan)

Selten hat eine Bergsteigergeschichte so viel Echo und Aufregung ausgelöst, wie jene von Ueli Steck und Simone Moro am Mount Everest. Was genau vorgefallen ist, wissen nur jene, die dabei gewesen sind.

Bleiben wir also bei den Fakten:

Steck, Moro und ihr Fotograf wurden von hundert Männern mit Steinen beworfen, Füssen getreten, Messern bedroht. Hätten sich nicht andere Bergsteiger dazwischen gestellt, wären die drei jetzt wahrscheinlich tot. Das sagen nicht nur Steck und Moro, das berichten auch Augenzeugen. Ein solch massiver Angriff hat die Grenze des Tolerierbaren gesprengt. Egal, was vorher vorgefallen ist. So etwas ist mit nichts zu rechtfertigen. Punkt.

Was sich jetzt am Everst zugetragen hat, musste irgendwann kommen. Es zeigt, zu welcher Perversion die totale Kommerzialisierung eines Bergs führt. Wie gefährlich es werden kann, wenn es nur noch um Geld, Geld, Geld geht.

Jeden Frühling kommen ein paar hundert Leute aus aller Welt, die es sich leisten können, je ca. 60’000 Franken hinzublättern, um auf den Gipfel geführt zu werden. Viele von ihnen hatten vorher noch nie Steigeisen getragen. Für sie wird alles vorgespurt. Mit Fixseilen, Leitern, Brücken, Sauerstoffflaschen-Depots, Küchen und Köchen. Mit klassischem Bergsteigen hat das nur noch wenig zu tun. 13-Jährige, 70-Jährige, Einbeinige meistern den Aufstieg – und bilden sich im Nachhinein ein, sie hätten das selber geschafft. Dieses gute Gefühl geben ihnen die Veranstalter dieser kommerziellen Expeditionen, die mit diesem Business viel Geld verdienen.

Die Sherpas werden von den Organisatoren dieser kommerziellen Expeditionen angestellt und müssen tun und lassen, was diese befehlen, sonst verlieren sie ihren Job. Sherpas dürfen sich nicht einmal gegenseitig retten, wenn einer erkrankt ist, zum Beispiel an einem lebensgefährlichen Lungenödem. Denn sie könnten dabei zu viel Energie verlieren, um danach noch einen Gast auf den Gipfel zu führen.

Weshalb durften die Sherpas nun ungehindert auf Steck und seine Begleiter los? Weil sie von ihren Auftraggebern nicht aufgehalten wurden. Alpinisten im Format von Steck und Moro stören die kommerzielle Idylle am Everest. Ihr Begehungsstil macht der zahlenden Masse vor, was Bergsteigen eigentlich bedeutet, dass ein begleiteter Auf- und Abstieg über eine vorbereitete Piste, innerhalb einer Karawane keine vergleichbare Leistung ist.

Ob sich die Chefs der kommerziellen Expeditionen einen Gefallen gemacht haben, es zuzulassen, dass ihre Sherpas Steck und seine Begleiter mit dem Leben bedrohen und vom Berg vertrieben? Können ihre zahlenden Everest-Aspiranten noch motiviert sein, mit einem ihrer aufhetzbaren Sherpas auf den Gipfel zu steigen?

Dieser Vorfall war denkbar schlechte Werbung. Für alle.

Ueli Steck, die neue Satire-Figur

Natascha Knecht am Montag den 6. Mai 2013
«Alle fühlen sich gut»: Ueli Steck und sein Begleiter Simone Moro vor dem gewaltsamen Zusammentreffen mit den Sherpas. (zvg)

«Alle fühlen sich gut»: Ueli Steck (r.) und sein Begleiter Simone Moro vor dem gewaltsamen Zusammentreffen mit den Sherpas. (zvg)

Man weiss nicht genau, was mehr erschüttert. Dass es am Mount Everest überhaupt zu einer Schlägerei kommen konnte, oder dass Ueli Steck diese provoziert hat. Ausgerechnet Ueli Steck, international respektiertes Reklameschild des heutigen Spitzenalpinismus. Wenn er in Filmen und Vorträgen zeigt, in welchem Speedtempo er ungesichert die steilsten Eis- und Felswände hochklettert, dann wirkt er wie von einem anderen Stern. Die «Swiss Machine» eben.

Aber Ueli Steck ist keine Maschine, die auf Knopfdruck funktioniert. Er trainiert diszipliniert und plant fokussiert. Dass seine ambitionierten Projekte nicht jedes Mal klappen, mag ihn selber im ersten Moment vielleicht plagen. Seiner Reputation schadet das nicht. Im Gegenteil. Erst seine Rückschläge machen ihn menschlich, greifbar – und kommerziell interessant. Misserfolge, das hat Steck verstanden, lassen sich mindestens so gut verwerten wie Erfolge. Als er vor sechs Jahren beim Versuch durch die Annapurna-Südwand zu klettern, in einen Steinschlag geriet und am Helm getroffen wurde, atmete die Welt auf, als endlich die Nachricht kam: «Ueli lebt!» Das Leben, da sind sich alle einig, ist definitiv wichtiger als Erfolg. Als er ein Jahr später am selben Berg auf den Gipfel verzichtete, weil er in der Todeszone alles Menschenmögliche versuchte, einem erkrankten Spanier das Leben zu retten, kehrte Steck als Held zurück. Selbstlose Bescheidenheit wird höher gewertet als die Erstbegehung einer eiskalten, gnadenlos schwierigen Route.

Mythos Steck versus Mythos Sherpa

Dieses Mal sieht die Lage für Ueli Steck anders aus. Am Everest hat er einen unantastbaren Mythos unterschätzt: Die Sherpas. Sie sind die Ikonen der hohen Berge, die Galionsfiguren des Himalaja, die Könige der Herzen. Gross gemacht von Sardar Tenzing Norgay Sherpa, bekannt als Sherpa Tenzing, vielleicht berühmtester Bergsteiger der Geschichte. Vor fast exakt 60 Jahren, am 29. Mai 1953, erreichten er und der Neuseeländer Edmund Hillary als erste Menschen den höchsten Erdengipfel.

Historisch, und vor allem moralisch betrachtet, ist Steck durch den Eklat am Everest auf die falsche Spur geraten. Das zeigen die unverhaltenen Reaktionen – auf den Leserbriefseiten und aus der Bergsteigerszene. Steck wird «Egotrip» und «Provokation» vorgeworfen. Er habe sich am Berg über die Regeln der Sherpas hinweggesetzt, ein indiskutables No-Go. Der Mythos Sherpa bleibt unantastbar, auch für ihn. Bis heute kennen wir nur die halbe Wahrheit darüber, was genau vorgefallen war, nämlich jene aus Sicht von Steck. Die Sherpas haben keine Stimme, keine Lobby.

Eifersüchtige, geldgierige, instinktgetriebene Drittweltseckel?

Seine Mitteilungen, mit denen er aus Kathmandu eilig und eifrig die Medien bedient hatte, lösten hier mehr und mehr Kopfschütteln aus. Zweifellos stand Steck unter Schock. Wenn hundert Männer mit Steinen, Fäusten, Füssen und Messern auf einen losgehen, steckt das keiner so leicht weg. Und wenn sich einer so intensiv für ein Ziel vorbereitet, ist ein solches Ende mehr als bitter. Aber viele Aussagen, mit denen er sich zu erklären versuchte, waren unbedarft und unsensibel formuliert. Zum Beispiel:

«Wenn das in der Schweiz passiert wäre, dann müssten alle ins Gefängnis – es war versuchter Mord. In Nepal kann man das nicht so lösen. Die anderen hundert hätten noch viel mehr Hass auf Europäer.» Oder: «Am Tag des Vorfalls war eine Gruppe schon fünf, sechs Stunden dabei, Seile zu fixieren. Da gingen wir in einem nur eineinhalbstündigen Marsch an ihnen vorüber. Das schafft Neid und Hass. Denn es gibt ihnen das Gefühl, sie seien schlechter als wir.» Oder: «Die Sherpas sind nicht einfach die Armen. Sie verdienen viel Geld und gehören zu den reichsten Menschen in Nepal.»

Was wollte er uns damit sagen? Die Sherpas seien eifersüchtige, geldgierige, instinktgetriebene Drittweltseckel? Wahrscheinlich hat Ueli Steck das nicht so gemeint. Aber in dieser Art sind seine Statements an den Küchen- und Stammtischen angekommen. Sie inspirieren bereits Komiker und Satiriker dazu, sich am Radio, TV und in den Zeitungen über die ganze Sache lustig zu machen. Unter anderem war er gestern Abend bei Giacobbo/Müller «der Schnellste, der den Everest jemals ohne Sauerstoffflasche verliess.» Darüber zu lachen und witzeln fällt einfacher, als die komplexen Zusammenhänge am Everst verstehen zu wollen. Für Steck, sein Bankkonto und seine Sponsoren ist so viel Ehre sicher gut. Für den Alpinismus generell und für seine wahren Probleme auch?

Ueli Steck ist am Samstag in die Schweiz zurückgekehrt. Und er wird bald wieder reden und erklären.

17 Gründe, warum Schweizer keinen Sport treiben

Natascha Knecht am Montag den 29. April 2013

Fast die Hälfte aller befragten Schweizer hat keine Zeit für Sport: Drei Frauen beim Nordic Walking (Bild: Keystone).

Falls Sie vom Institut LINK noch keinen Telefonanruf erhalten haben, kommt er vielleicht noch. Im Auftrag des Bundesamt für Sport führt es zwischen 20. Februar und 31. August 2013 eine Befragung über das Sportverhalten in der Schweizer Wohnbevölkerung durch.

Die Auswertungen der Antworten, das steht schon jetzt fest, werden wieder hochinteressant sein. Letztmals gabs eine solche Umfrage vor fünf Jahren – und die war insgesamt und nüchtern betrachtet sehr aufschlussreich (die Brochure mit allen Daten finden Sie hier).

Die Frage «Betreiben Sie Gymnastik, Fitness oder Sport?» beantworteten im Jahr 2008 27 Prozent mit einem klaren «nein». Uns überraschte das positiv. Wir hätten geschätzt, der Anteil Sportmuffel sei höher. Unterhaltsam fanden wir die Gründe, welche die 2431 befragten Nichtsportler nannten,

«weshalb man keinen Sport treibt»:

41.8 % sagten: Habe zu wenig Zeit

→ Wir sagen: Dieser Vorwand gefällt uns schon mal gut. Aber es kommen noch bessere Ausreden (nur weiterlesen).

17.3 %: Habe keine Lust, Sport macht mir keinen Spass

→ Okay, fast jeder Fünfte ist ehrlich.

14.6 %: Gesundheitliche Gründe

→ Fortgeschrittene, unheilbare Krankheiten sind furchtbar und unbestritten ein Grund, weshalb Sport nicht möglich ist. Aber falls Sie an heilbaren Beschwerden wie Raucherhusten, Fettleber oder Burnout leiden, denken Sie daran: Sport wirkt gesundheitsfördernd. Es gibt Leute, die bewegen sich mit künstlichen Hüftgelenken regelmässig.

9.9 %: Habe genug Bewegung, bin genug fit

→ Das lassen wir gelten, wenn Sie als Bergführer, Forstwart oder auf dem Bau arbeiten.

8.2 %: Fühle mich zu müde für sportliche Betätigungen

→ Für Nicht-Sportler ist es unvorstellbar, dass Sport enorm viel Energie zurückgibt, besonders nach einem strengen Arbeitstag. Zudem ist der Schlaf danach tief und erholsam.

7.9 %: Habe andere Interessen

→ Das akzeptieren wir, jedem das Seine. Aber selbst beim interessierten Kunstmalen, Stricken, Musikhören, Kaffeedeckelisammeln kann etwas frische Luft zwischendurch inspirieren.

7.7 %: Ungünstige, lange Arbeitszeiten

→ Klar, das kennen wir auch! Und tun es darum vorher, zwischendurch, an den freien Tagen.

4.1 %: Die Zeit geht der Familie verloren

→ Ansichtssache. Warum nicht mit dem Kinderwagen joggen? Oder mit der ganzen Familie wandern, schwimmen, biken? Eltern sind daheim relaxter, wenn sie sich regelmässig eine sportliche Auszeit nehmen. Es muss ja nicht gleich eine ganztägige Mehrpässe-Fahrt mit dem Rennvelo sein. Ein Stündchen Yoga reicht. Das kommt allen zugute und beflügelt sogar das Sexleben.

3.6 %: Sport liegt mir nicht, Sport tut mir nicht gut

→ Okay, wenn Sie Schlangenakrobatik meinen, pflichten wir bei.

3.5 %: Bin zu alt für Sport

→ Sicher. Bei Fauja Singh hatten wir auch vollstes Verständnis. Der britisch-indische Langstreckenläufer beendete vergangenen Februar im Alter von 102,5 Jahren seine Marathon-Karriere.

2.2 %: Verletzung beim Sporttreiben war Grund für Ausstieg

→ Sportverletzungen kennen wir, sie nerven, sind überflüssig und bremsen vorübergehend aus. Aber gleich ein Grund für den totalen Ausstieg auf immer und ewig?

2.0 %: Finanzielle Gründe, Sport ist mir zu teuer

→ Genau! Ein zügiger Spaziergang schlägt enorm aufs Portemonnaie. Zum Glück ist der TV gratis.

1.4 %: Finde kein passendes Angebot

→ Absolut nachvollziehbar. Zwischen Aerobic und Zumba gibt es leider null Alternativen.

0.6 %: Schlechte Erinnerungen, schlechte Erfahrungen

→ Ja, dieser böse Turnlehrer in Primarschule. Und die gemeinen Klassenkameraden haben uns beim Völkerball immer als Letzte in ein Team gewählt. Ein Trauma, das nachhaltig gepflegt werden muss.

0.6 %: Langer Arbeitsweg

→ Sie arbeiten 8 Tage pro Woche und haben nie frei, oder? Zur Erinnerung: Ferdy Kübler legte als Teenager den Arbeitsweg von seinem Wohnort Marthalen im Zürcher Weinland zur Bijouterie Barth an der Zürcher Bahnhofstrasse mit dem Rad zurück. 2 x 45 Kilometer pro Tag. Für Kübler war das der Startschuss für den Tour-de-France-Triumph und den WM-Titel. Mit anderen Worten: Arbeitswege können grosse Karrieren starten.

0.4 %: Unpassende Öffnungszeiten, schlechte Erreichbarkeit der Sportanlagen

→ Exakt. Der Wald hat oft geschlossen. Und ohne Sportanlage geht gar nichts.

10.2 %: Andere Gründe

→ 10,2 % haben andere Gründe? Himmel, was gibts denn sonst noch?

Die schwierigste Nordwand-Route der Schweiz

Natascha Knecht am Mittwoch den 24. April 2013


Unter Kletterern gilt es als ungeschriebenes Gesetz: Wer eine neue Route entdeckt und diese mit viel Zeitaufwand und Leidenschaft einrichtet, soll sie auch als erster durchgehend Rotpunkt klettern dürfen (sturzfrei im Vorstieg an einem Tag). Selbst wenn das Monate oder gar Jahre dauert, was bei sehr anspruchsvollen Routen durchaus möglich ist. Durchsteigt sie ein anderer vorher, ohne vom Erschliesser das Okay zu haben, macht er sich in der Szene definitiv keinen guten Namen.

Darum mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass im eben neu erschienenen Kletterführer «Schweiz extrem Ost 2013» (Filidor Verlag) auch die Route Hattori Hanzo am Titlis zu finden ist. Mit der Schlüsselstelle im Schwierigkeitsgrad 8b+ (7 Seillängen, ca. 350 Meter) ist sie die schwierigste Nordwand-Route der Schweiz – und eine durchgehende Rotpunktbegehung steht noch aus.

Fasziniert von der Titlis-Nordwand: Matthias Trottmann, Sportkletterer und Routenerschliesser. (Bild: Alessandro Fischer)

Fasziniert von der Titlis-Nordwand: Matthias Trottmann, Sportkletterer und Routenerschliesser. (Bild: Alessandro Fischer)

Erschlossen wurde sie von einem der stärksten Sportkletterer im Land, dem Zürcher Matthias Trottmann. Hat er die Route freigegeben? «Nein», sagt er mit Nachdruck. Hattori Hanzo sei im Führer, damit man wisse, dass es in der Titlis-Nordwand eine neue, seit vergangenem Sommer fertig eingerichtete Route gibt. Dass ihm mit der Erstbegehung einer zuvorkommt, stuft er als unwahrscheinlich ein. «In der Schweiz gibt es so wenige Kletterer, die das könnten, und sie würden mich erst fragen», sagt er. Selbst internationale Spitzenkletterer wie ein Adam Ondra würden vorher anrufen.

Hattori Hanzo zu punkten, ist Matthias Trottmanns Sommerprojekt 2013 und wird ihn viel «Arbeit» kosten. Ähnlich wie schon seine Route Piz dal Nas (8b, 12 Seillängen, 480 Meter), die er ebenfalls in der Titlis-Nordwand erschlossen hatte (siehe Bildstrecke oben). Um die Tour von unten einzurichten und dabei die Bohrhaken möglichst sparsam und sinnvoll zu setzen, verbrachte er mit Freunden über drei Jahre hinweg mehr als zehn Tage in der Felswand, wobei in den schwierigsten Seillängen an manchen Tagen nur ein bis zwei Haken gesetzt werden konnten. Um die schwierigsten Stellen zu üben («auszubouldern») war er nochmals gut fünf Tage in der Wand. Danach folgte das Warten auf gute Bedingungen. Die komplette Rotpunktbegehung schaffte er dann zusammen mit Martin Jaggi im zweiten Anlauf einen Tag vor dem Wintereinbruch. Piz dal Nas wurde seit Trottmanns Erstbegehung im 2010 nicht wiederholt, ebenso seine Route 6.4 Sekunden in der Fürenwand (8b/+, 7 Seillängen, 165 Meter).

Früher Wettkampfkletterer, heute Semi-Profi

Matthias Trottmann, heute 37-jährig, war bis 26 Wettkampfkletterer in der Schweizer Nationalmannschaft. Er könnte als Profi-Kletterer leben. Doch den Aufwand, den er für das ganze Sponsoring leisten müsste, will er nicht. Darum klettert er als Semi-Profi, arbeitet im 70-Prozent-Pensum als Techniker bei der EMPA, forscht im Bereich der erneuerbaren Energien und ist Mitgründer des Zürcher Boulderclubs Minimum. Über 100 Erstbegehungen bis zum Schwierigkeitsgrad 8c sind ihm schon gelungen und er gehört zu den ganz wenigen, die extreme Routen wie etwa Silbergeier (8b+, Kirchlispitze in Rätikon) wiederholen konnten.

Pro Woche trainiert Trottmann 15 bis 20 Stunden. Seine Spezialität sind lange, steile, überhängende, enorm ausdauernde alpine Mehrseillängenrouten, die er am liebsten selber erschliesst, am liebsten im Engelberg-Tal. Bis vor gut zehn Jahren habe es in diesem Gebiet nur einen Klettergarten gegeben und wenige Mehrseillängenrouten. In der Titlis-Nordwand konnte man überhaupt nicht klettern, weil im oberen Teil viel Schnee lag, der im Sommer Steinschlag auslöste. Heute schmilzt der Schnee im Sommer weg und lässt die Erschliessung von «schönen und schwierigen Linien in gutem Fels» zu. «Ein Glücksfall», sagt Trottmann.

Für 9a-Routen ist die Felsqualität in der Schweiz oft nicht gegeben

Obwohl die Dichte an schweren Routen in der Schweiz nicht zu vergleichen ist mit der in Top-Klettergebieten in Frankreich, Deutschland und Spanien, bieten die Schweizer Felsen dennoch eine schöne und vielfältige Auswahl an interessanten und anspruchsvollen Klettereien. 9a-Routen gebe es bei uns nur so wenige, weil der Fels nicht gegeben sei. «Wer in diesem Schwierigkeitsgrad klettern will, geht nach Spanien.» Trotzdem sieht Trottmann noch viele Herausforderungen in der Schweiz warten: Fürs Bouldern und schwierige Alpinrouten sei die Schweiz weltbekannt.

Empfindet er keinen Zwiespalt, in den letzten unberührten Felsen Bohrhaken zu setzen? «Klar muss ich mir heute drei Mal überlegen, ob ich eine Route erschliesse», sagt Matthias Trottmann. «Wenn ich beim Einrichten einen Riss sehe, wo ich mit einem Friend sichern kann, bohre ich da sicher keinen Haken.» Um ganz clean zu klettern, sei bei uns die Felsqualität allerdings oft nicht optimal. «Perfekte, durchgehende Risse fehlen meistens.» Zudem wurden die wenigen Rissklettergebiete der Schweiz bereits mit Bohrhaken versehen. «Was zwar perfekt zum Üben ist, aber wenig Anreiz macht, diese Touren clean zu klettern.»

Ihm ist bewusst: «Klettern hinterlässt Spuren.» Es sei jedoch – anders als etwa Skifahren auf Pisten – ein langsamer und ruhiger Sport, der sich auch im Einklang mit Wildtieren vertrage. So schwierige Routen wie er klettert, ziehen nur wenig Volk an. «Noch mehr Verbote würden einen Stillstand dieses Sports bedeuten.»

Schweiz extrem OST 2013: Der neue Kletterführers aus dem Filidor Verlag beschreibt die Gebiete (Niveau 6a bis 9a) der Zentral- und Ostschweiz. Vom Furkapass bis in den Alpstein, über Vorarlberg bis ins Engadin deckt er zahlreiche Top-Klettergebiete der Schweiz ab. 360 Seiten, 4-farbig, zweisprachig (D, E). Autor: Sandro von Känel. Preis 48 Franken. ISBN 978-3-906087-43-6. www.filidor.ch

Aufregung wegen der Todesstatistik

Natascha Knecht am Mittwoch den 17. April 2013
Schreckhorn - 2 Seilschaften beim Aufstieg

Sicherheit muss im Alpinismus immer ein Thema sein: Zwei Seilschaften beim Aufstieg auf das Schreckhorn. (Foto: Natascha Knecht)

Es braucht viel, um mich aus meiner Sportlerruhe zu bringen. Insbesondere im hektischen Redaktionsalltag. Kommt es doch mal dazu, lasse ich fünf Minuten Dampf ab, danach ist wieder gut. Dass ich aber tage- und nächtelang empört und verärgert bin, gehört zur extremen Seltenheit. So weit kam es, nachdem ich vor zwei Wochen über die Bergnotfälle im 2012 gebloggt hatte. Die Statistik war nicht meine Erfindung, sie stammte offiziell vom Schweizer Alpen-Club (SAC). Aufgefallen ist mir: Im vergangenen Jahr kamen deutlich weniger Menschen in den Schweizer Alpen zu Tode als in den Jahren zuvor. Aber: Alle tödlich verunfallten Hochtourengänger waren ausländische Staatsangehörige, darunter viele Deutsche. Warum?

Ich möchte jetzt hier nicht detailliert auflisten, wer zu meinem Artikel welche Informationen gab, wer was zur Publikation schriftlich autorisiert hatte, wer wen voreilig angeschwärzt hat. Fakt ist: Am Ende waren alle involvierten Parteien sauer. Jeder auf jeden. SAC, Deutscher Alpenverein (DAV) und ich. Angeheizt hat die angespannte Stimmung dann noch ein Artikel in der Zeitung «Schweiz am Sonntag», der unser Hickhack aufgegriffen hatte, aber die eigentliche Aufregung nicht aufdeckte. Weder die alpinistische im Vordergrund, bei der es um die Sicherheit geht, noch die unsägliche im Hintergrund. Zum Problem hatte eine Verkettung zahlreicher Missverständisse geführt, der Schwarze Peter kann niemandem zugeschoben werden. Bis das geklärt und allen klar war, schrieben der SAC, der DAV und ich viele Emails und führten viele Telefongespräche.

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet. Alle haben begriffen und daraus gelernt – auch ich. Die diplomatisch-politische Beziehung zwischen München, Bern und Zürich ist wieder im Lot. Und wie das in Beziehungen so ist: Man erreicht eine neue, bessere Ebene, wenn man sich nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten kennenglernt hat.

Was ich an dieser Stelle aber nochmals betonen möchte: Es geht nicht darum, welche Nation besser Bergsteigen kann, welche weniger. Das kann niemand generalisieren, auch keine Statistiken. Jeder Bergtote ist einer zu viel, egal ob Schweizer, Deutscher, oder Papierloser. Persönlich habe ich sicher nichts gegen deutsche Alpinisten. In meinem Umfeld wissen alle: Mein häufigster Tourenpartner ist Ostdeutscher.

Als Journalistin und Alpinistin erachte ich es jedoch als nötig, die Bergnotfälle jedes Jahr publik zu machen – und da halte ich mich an die nüchternen Zahlen und Fakten. Sie erinnern uns alle daran, dass Bergsteigen Gefahren birgt, dass die akribische Vorbereitung einer Hochgebirgstour unerlässlich ist, dass jeder seine Fähigkeiten richtig einschätzen und entsprechende Ziele wählen sollte. Das Restrisiko läuft immer mit, egal wie gut einer ist, egal welcher Staatsangehörigkeit. Und es kann jeden einholen, nicht nur die anderen.

Unbestritten ist leider, dass nie und nimmer alle tödlichen Unfälle im Hochgebirge auf das Restrisiko zurückzuführen sind. Künftig werde ich hier im Alpinblog noch mehr als bisher Wege aufzeigen, wie die Gefahren am Berg minimiert werden können – in Kooperation mit dem SAC und dem DAV.

Verletzungen, Kreislaufprobleme und ein Herzinfarkt: Arztdienst am Zürich Marathon

Natascha Knecht am Montag den 15. April 2013

Heute schreibt unser Running-Doc *Dr. med. Martin Narozny-Willi:

Laeuferinnen und Laeufer beim Zuerich Marathon am Sonntag, 7. April 2013. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Wie sieht ein Laufanlass aus Sicht des medizinischen Dienstes aus? Im Bild: Läuferinnen und Läufer am Zürich Marathon, 7. April 2013. (Keystone/Walter Bieri)

7. April 2013, heute startet der Zürich Marathon. Es ist 4.30 Uhr morgens, ich bin verantwortlich für die Organisation der medizinischen Dienstes während des Laufs und fahre durch die Stadt zum Treffpunkt mit dem Rettungsdienst, um die letzten Vorbereitungen für das Sanitätsdipositiv des Marathons zu treffen. Es ist noch eisig kalt bei 1°C. Eigentlich erwarte ich eine menschenleere Stadt. Doch Scharen von partysuchenden Jugendlichen begegnen mir. Sind wohl nicht diejenigen, die wir am Marathon betreuen werden.

Erste OK-Sitzung
Die Vorbereitungen für den medizinischen Dienst begannen bereits sechs Monate vor dem eigentlichen Start an der ersten Sitzung des Organisationskomitees. Für 2013 konnte ein Sponsor gefunden werden, der nicht nur wie bisher die Kosten für das Sanitätspersonal, sondern auch neu die ganzen medizinischen Behandlungskosten übernimmt, was einen Mehraufwand von 50 Prozent bedeutet.

Das Konzept des letzten Jahres wird einer kritischen Prüfung unterworfen und Anpassungen vorgenommen. Ein Sanitätsposten bei jedem Verpflegungsposten und eine grosse Basis im Start-/Zielbereich haben sich in den letzten Jahren bewährt. Somit kann die Infrastruktur gemeinsam genutzt werden. Allerdings zeigt sich hier bereits ein erstes Problem: Im Zielbereich wird am 7. April eine grosse Baustelle sein. Niemand kennt aktuell die genaue Position. Somit steht noch in den Sternen, wo und wie die Sanitätsbasis erstellt werden kann. Ein Standort seeseitig von der Start-/Zielgeraden kommt nicht in Frage, da im Notfall eine rasche Wegfahrt mit der Ambulanz durch die Läuferschar zu hohe Risiken birgt. Die Lösung dieses Problems muss verschoben werden, bis der genaue Baustellenplan bekannt sein wird. Wir diskutieren bereits einen Plan B.

Detailplanung
In den Sitzungen 8 und 4 Wochen vor dem Marathon geht es um die letzten Planungen.
Der Bedarf an Sanitätspersonal und Fahrzeugen wird berechnet. Der Kontakt zur Seerettung muss hergestellt werden. Diese bringt Läufer, die unterwegs aus medizinischen Gründen aufgeben müssen, zur Sanität ins Ziel. Zu- und Abfahrtswege für die Sanität müssen definiert und sichergestellt werden. Die umliegenden Spitäler werden über  den Marathon informiert und vieles weitere mehr.  Der Zeltbauer muss wissen, wie viele Zelte er für uns im Zielbereich aufstellen soll.

Unzählige kleine Details wie Stromanschluss, Heizkörper für das Sanitätszelt, Tee und Bouillon sowie ein Toi Toi müssen bedacht werden, um nur einige Punkte zu erwähnen. Und noch immer keine genauen Informationen über die Baustelle im Zielbereich für den Aufbau unserer Sanitätsbasis. Der Stand der Bauarbeiten hänge vom Wetter ab, wird uns mitgeteilt. Erst 3 Tage vor dem Start erfahren wir von der Bauleitung, die sich sehr kulant gezeigt hat, dass wir genügend Raum für eine optimale Lösung erhalten werden und dürfen einen separaten Platz am Rande der Baustelle benützen.

Es geht los
Starttag, wir haben am frühen Morgen sechs Sanitätsstellen entlang der Strecke eingerichtet, die Sanitätsbasis im Start-/Zielbereich wurde bereits am Vortag mit einem beheizten Zelt mit acht Liegestellen, einem Sanitätscontainer mit zwei Behandlungsstellen für ernsthafte Fälle und einem Sattelschlepperanhänger zur Therapie von einfachen Verletzungen fertiggestellt. 5 Ärzte sowie 26 Rettungssanitäter und Sanitätsgehilfen, 3 Ambulanzen und 2 Notarztfahrzeuge stehen bereit.

Laeuferinnen und Laeufer beim Zuerich Marathon am Sonntag, 7. April 2013. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Am Zürich Marathon, 7. April 2013. (Keystone/Walter Bieri)

08.30 Uhr, der Startschuss fällt. 6000 Läuferinnen und Läufer setzen sich bei kalten 5°C in Bewegung. Wenigstens regnet es nicht wie letztes Jahr. Nach einer halben Stunde laufen bereits die schnellsten Teilnehmer des 10-km-Runs ins Ziel. Während der ersten Stunde bleibt es bei der Sanität ruhig. Dann hören wir über Funk die ersten Einsätze. Erschöpfte und verletzte Läufer werden in die einzelnen Sanitätsstellen entlang der Strecke gebracht und behandelt. Nach 2 Stunden 7 Minuten und 44 Sekunden läuft Abraham Tadesse aus Eritrea als Sieger durchs Ziel. Das bedeutet, dass ab jetzt auch in der Sanitätsbasis die eigentliche Arbeit auf uns zukommt. Sanitäter triagieren die eintreffenden Läuferinnen und Läufer. Manche sind so erschöpft und ausgetrocknet, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten können. Sie werden ins Sanitätszelt gebracht und medizinisch überwacht. Kleinere Wunden werden desinfiziert, unterkühlte Patienten wieder aufgewärmt und teils riesige Blasen an den Füssen versorgt. Um Muskelkrämpfe und Zerrungen kümmert sich kompetent unser Physiotherapeut.

Einige Stunden nach dem Startschuss bin ich froh, dass bisher noch keine schwerwiegenden medizinischen Fälle aufgetreten sind. Da wird mir gemeldet, dass sich einer der erschöpften Patienten, die in der Basis überwacht werden, nicht erholt. Der Patient ist ansprechbar, sein Blutdruck stabil, er berichtet über keinerlei Schmerzen, dennoch geht es ihm nicht gut. Das EKG bringt die Lösung. Nach 42 km Laufstrecke hat der Patient im Ziel einen Herzinfarkt erlitten! Jetzt ist die Sanität gefordert. Nach der Erstversorgung vor Ort, wird der Patient mit der Ambulanz und dem Notarzt umgehend in ein nahe gelegenes Spital verlegt, wo sofort das verschlossene Herzkranzgefäss wieder eröffnet werden kann und ein Implantat eingesetzt wird, um das Gefäss offen zu halten. Man kann lange über die Spitzenmedizin und ihre Kosten diskutieren, aber hier hat sie dem Patienten das Leben gerettet.

Zusammenfassung
Nachdem die letzten Teilnehmer durchs Ziel gelaufen sind, ist es Zeit für ein Résumé. Wir haben während des Zürich Marathons 2013 insgesamt 44 Patienten mit folgenden Diagnosen behandelt: 1 Herzinfarkt, 1 Epilepsie, 6 Kreislaufprobleme, 2 Unterkühlungen, 19 Verletzungen am Bewegungsapparat, 11 Wundversorgungen sowie 4 andere Beschwerden.

Und das Beste kommt zum Schluss

Am nächsten Tag erhalte ich die erfreuliche Meldung, dass es dem Patienten mit dem Herzinfarkt den Umständen entsprechend gut geht. Ich wünsche Ihnen, lieber Patient, auf diesem Weg weiterhin gute Besserung und eine erfolgreiche Rehabilitation!

Dr. med. Martin Narozny*Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie FMH, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. Medbase Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base.

Vor lauter Japanern die Jungfrau nicht sehen

Natascha Knecht am Mittwoch den 10. April 2013


Das Jungfraujoch ist ein Phänomen. Für uns Alpinisten die Pforte zu einer Gletscher- und Gipfelwelt, die schöner und edler nicht sein könnte. Für die 800’000 Gäste, die jedes Jahr aus allen Herren Ländern anreisen, eine Chance, zumindest am Rand in diese himmlische Schöpfung der Natur einzutauchen, ohne dafür jegliche Körperkraft aufzubieten.

Wenn ich auf dem Jungfraujoch ankomme, frohlockt mein Herz. Ob der Pracht der Firne, dem Glitzer des Eises, der Grazie der Gipfel, der Fernsicht. Doch was wir Alpinisten dort oben erfassen, die Einzelheiten des Gebirges, dessen Wesen und Hindernisse, die wir zu überwinden versuchen – das erkennen die meisten Besucher nicht. In ihrer Wahrnehmung sind Berge bestenfalls Berge. Einer sieht die Gipfel vielleicht als Steinhaufen, überschätzt das Hochgebirge als wahrhafte Todeszone. Der andere wiederum glaubt, der Weg über einen verspalteten Gletscher sei so einfach zu finden, wie ein farbiges Ei im Osternest. Wenn es drüben an der Jungfrau donnert, wird das mit dem Aufkommen eines Unwetters aus heiterem Himmel verwechselt. Wie sollte jemand auch wissen, dass dort mächtige Eisblöcke niedergehen, wenn er sich nie aus der Komfortzone begeben hat? Aber immerhin: Sie nehmen etwas wahr und haben eine Meinung.

Jeder sieht etwas anderes

Man könnte mit diesen Gästen diskutieren. Doch das wäre eine Anmassung. Niemand soll gezwungen sein, hochalpine Werte zu verstehen. Bergsteigen ist nicht das Salz der Erde. Jeder darf aus eigenem Beweggrund aufs Jungfraujoch fahren, auch dann, wenn er gar keinen Beweggrund hat und oben nicht durchblickt, warum er eigentlich da ist, sich später an Dinge erinnert, die für diesen höchst gelegenen Bahnhof Europas zwar typisch sind, aber mit dem eigentlichen Drumherum nichts zu tun haben. Zum Beispiel das «Japaner-Angucken».

Das «Japaner-Angucken» hat das einstige «Gletscher-Angucken» abgelöst – die beliebte Touristentätigkeit vor 150 Jahren, als es die Jungfraubahn noch nicht gab, dafür noch einen spektakulären Gletscher oberhalb von Grindelwald, der rudelweise feine Damen in Röcken und wohlhabende Herren in Anzügen aus allen Ecken Europas ins damals berühmteste Gletscherdorf der Welt lockte. Sie erzählten zu Hause wahrscheinlich, sie hätten einen monströsen Eisklumpen gesehen, der im Sommer von Geröll bedeckt ist und am Fels klebt.

Heute erzählen mir Freunde, die nicht bergsteigen, aber aufs Jungfraujoch gefahren sind, sie hätten dort Japaner gesehen. Japaner! Offenbar ist das «Japaner-Angucken» so interessant, dass sie weiter nichts wahrnehmen. Frage ich nach: «Und die Berge und Gletscher, haben sie dir gefallen?» Dann stellt sich diese Erkundigung als unangebracht heraus. Ein guter Freund, Wirtschaftsjournalist, schaute mich verdutzt an. Berge? Hä? Nach verdächtig langem Überlegen antwortete er: Ja klar, Berge, spektakulär. Dann holte er Luft und präzisierte: Aber die Japaner … die Japaner … die Japaner … respektive die Japanerinnen, Japanerinnen. Was die getan haben, nicht getan haben. Und eine sehr liebe Freundin, Gesellschaftsjournalistin, die mir kürzlich erzählte, sie sei vor zwanzig Jahren auf dem Jungfraujoch gewesen, erinnert sich ebenfalls nur an eines: Japaner.

Jungfraugebiet

Aletschhorn-Angucken: Bequemster Ausgangspunkt für diese Sicht ist das Jungfraujoch. (Foto: Natascha Knecht)

Keiner hat den Durchblick

Vor zwei Wochen war ich selber mal wieder auf dem Jungfraujoch, zusammen mit einem Bergsteigerkollegen. Es schneite und stürmte, die Sicht betrug keine drei Meter. Wir reisten mit der letzten Bahn hoch, sie war entsprechend unbesetzt, denn mit dem letzten Zügli fährt eigentlich nur, wer in der Mönchsjochhütte übernachtet. Bei den vagen Wetterprognosen war das nebst uns nur noch Ueli Steck. Dagegen wartete oben eine imposante Schar Japaner auf die letzte Talfahrt hinab auf die Kleine Scheidegg. Die Türen vom Bahnhof hinaus aufs Joch waren zwar nicht abgeriegelt, aber geschlossen, der starke Wind hätte Tonnen Schnee hinein verfrachtet. Darum ging auch keiner der zahlreichen Touristen an die frische Luft. Gesehen hätten sie trozt bestem Willen nichts. Wir hatten – wie erhofft – mehr Glück. Am nächsten Morgen erwarteten uns traumhaftes Verhältnisse und wolkenlos blauer Himmel (siehe Bild oben). Wir fellten und kletterten aufs Gross Grünhorn, powderten danach hinab zum Konkordiaplatz, blieben bis unterhalb des Ewigscheefelds weit und breit die einzigen. Unvergesslich.

Wozu die Japaner bei dickem Nebel hinauffahren, bleibt mir ein Rätsel. Das «Japaner-Angucken» kann für Japaner ja kaum spannend sein. Noch unerklärlicher finde ich aber, warum Nicht-Japaner selbst bei guter Fernsicht nur Japaner sehen – und die dominante Jungfrau übersehen. Wie gesagt: Das Jungfraujoch ist ein Phänomen. Viele Leute, unterschiedliche Interessen. Jeder sieht etwas anderes, keiner hat den Durchblick, trotzdem funktioniert dieser Betrieb tadellos.

Ihre Meinung interessiert uns.

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