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«Harry Potter» verschiebt die Klettergrenze

Natascha Knecht am Mittwoch den 16. März 2011
Adam Ondra

Adam Ondra, Elitekletterer. Foto: Pete O'Donovan

Man nennt ihn auch den Harry Potter des Klettersports. Doch dieser Vergleich wird Adam Ondra nicht gerecht. Äusserlich sind gewisse Ähnlichkeiten zwar nicht abzustreiten. Aber was das Zaubern betrifft, da ist der junge Tscheche kein Lehrling mehr. Am Fels ist er der ganz grosse Magier. Weltweit kein anderer bewegt sich derzeit so stark in der Vertikalen wie das 18-jährige Ausnahmetalent. Er pusht die Grenzen am extremen Ende. Und soeben hat er eine völlig neue Dimension im Sportklettern erreicht. Mehr als nur eine Sensation.

Die höchste, je frei gekletterte Schwierigkeit wird mit 9b (französisch) bewertet. Das ist so immens schwierig, dass sie erst von zwei Menschen gemeistert werden konnte: Dem Amerikaner Chris Sharma (29) gelangen bisher drei Routen in diesem Schwierigkeitsgrad, alle im Kletterparadies Spanien. Eine davon – die «Golpe de Estado» – konnte Adam Ondra vor einem Jahr als bisher einziger wiederholen. Vor drei Wochen gelang dem jungen Tschechen dann die erste freie Durchsteigung der extrem boulderlastigen Route «La Capella», deren Bewertung er mit 9b vorschlägt.

Adam Ondra zaubert am Fels. (Bild: Vojtech Vrzba)

Adam Ondra zaubert am Fels. (Bild: Vojtech Vrzba)

Um eine solch schwierige Linie sturzfrei bewältigen zu können, üben die Elitekletterer oft wochen- respektive monatelang in der gleichen Route, fallen unzählige Mal ins Seil, fluchen und geben nicht auf, bis sie es geschafft haben. Ondra brauchte für «La Capella» lediglich neun Tage.

Aber vorige Woche setzte das «Wunderkind» noch einen drauf – und zwar gewaltig: Er kletterte innert vier Tagen vier 8c+-Routen on sight, zwei davon am selben Tag! «On sight» («auf Sicht») gilt als Königsdisziplin: Der Kletterer durchsteigt eine ihm unbekannte Route im ersten Versuch sturzfrei, davor hat er nie in der Route geübt, nie einen anderen Kletterer darin beobachtet und keine Informationen über Griffkombinationen in den Schlüsselstellen bekommen. Eine «On sight»-Begehung im Schwierigkeitsgrad 8c+ gab es bisher nur ein einziges Mal: Der Spanier Patxi Usobiaga meisterte 2007 die Route «Bizi Euskaraz» in diesem Stil.


In diesem magischen Video: So schnell und scheinbar mühelos klettert der momentan Beste der Welt, Respekt bis zur letzten Sekunde: Adam Ondra in der 9a-Route «Der heilige Gral» im Fränkischen Jura, Dezember 2010. Er kletterte bisher zwei 9b-Routen rotpunkt, 16 8c-Routen on sight und jetzt 4 8c+-Routen innert 4 Tagen.

Nun kletterte der junge Tscheche also als erster Mensch eine ganze 8c+-Serie on sight: «Powerade», «El templo del cafe», «Bizi Euskaraz und «Kidetasunaren balio erantsia».

Adam Ondra

Adam Ondra beim Bouldern im Tessin.


Dass Adam Ondra dies ohne längere körperliche Regenerationszeit schaffte – und in den vier Tagen nebenbei auch noch die Routen «Fuck the police» (8c) und «Tekken» 8b+ on sight kletterte – hat die Messlatte in diesem Sport neu gesetzt. Eine einzelne 8c+ on sight ist nicht mehr das Mass aller Dinge. Um besser zu sein, müssen jetzt noch mehr Routen in noch kürzerer Zeit geschafft werden. Der magische Glanz liegt ab sofort ein Grad höher: bei 9a on sight (und 9b+ rotpunkt).

Für seinen «On sight»-Sprung von 8c auf 8c+ brauchte Adam Ondra übrigens drei Jahre.

Subjektive Bewertung von Schwierigkeitsgraden

Ungewöhnlich ist auch, dass Adam Ondra immer wieder angegebene Schwierigkeiten herabstuft. Etwa die soeben gekletterte «Kidetasunaren balio erantsia», die offiziell mit  8c+ bewertet wurde, ist für ihn «nur» 8c – was manche, die ihren Palmarès mit der Rotpunktbegehung dieser Route schmücken, natürlich ungern hören.

Wenigstens in diesem Punkt haben wir Hobby-Kletterer mit den Profis etwas gemeinsam: Die subjektive Beurteilung von Schwierigkeiten kennen wir auch. In manchen Gebieten sind die Routen extrem hart bewertet, in anderen sehr moderat.

Sind Ihnen die unterschiedlichen Bewertungen von Kletterrouten auch schon aufgefallen? Wie schwierig ist schwierig? Und was halten Sie davon, dass Adam Ondra mit seinem Exploit in Spanien eine neue Dimension im Sportklettern erreicht hat? Wo führt das hin?

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11 Kommentare zu „«Harry Potter» verschiebt die Klettergrenze“

  1. Daniel Bloch sagt:

    Wo das hinführt? Dort, wo es immer hingeführt hat, zu noch besserer Leistung und einem Quantensprung. Schon Wolfgang Güllich hat seinerzeit ähnliches vollbracht, die damalige Kletterszene aufgemischt und vor den Kopft gestossen. Adam Ondra scheint dasselbe zu leisten und wird seinen Weg noch gehen …

    Güllich würde sagen: “Du suchst ein Stück Fels mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad und darin den Weg des geringsten Widerstandes”

  2. patrick sagt:

    Kleine Korrektur: Jumbo Love (9b) von Sharma liegt in Clarke Mountain, California in den USA und nicht in Spanien.
    Darueberhinaus hat Fred Rouhling schon in den neunzigern mit Akira (9b) diese Marke erreicht.
    Trotz Kontroverse muss hier auch Chilam Balam (9b+) von Bernabe Fernandez erwaehnt sein.
    Viel Spass beim Klettern!

    • lieber patrick

      danke für den hinweis. chris sharmas route «jumbo love» (9b) ist in kalifornien, nicht in spanien, keine frage.

      deine anderen erwähnungen (rouhling & balam) sind kontrovers. wie gesagt, man streitet sich über schwierigkeitsgrade … in einem bereich, den keiner nachklettern kann, den bisher keiner bestätigen konnte, da überirdisch schwierig, möchte ich nicht urteilen.

      keep on climbing!

      lieber gruss
      natascha

      • patrick sagt:

        liebe natascha

        bei der logik muessten wir aber Ali Hulk Extension sit start mit einbeziehen: 9b, geklettert von Dani Andrada und wiederholt von Magnus Midtbo.

        • reto sagt:

          hallo natascha.
          da muss ich patrick recht geben, gerade bei fred rouhlings route dachte ich zuerst auch er sucht einen weg um aufmerksamkeit zu erregen, aber die tatsache dass akira immer noch unwiederholt ist spricht für sich. habe ihn mal getroffen im lindental und gesehen was der mann, so an einem tag, in einer katzenartigen leichtikeit klettern konnte, jahre über seine zenit. weiss darum auch warum niemand so wirklich lust hat auf die 2 Begehung von akira.
          aber klar adam ondra ist von einem anderen planet, so einen hatten wir in den 90gern auch in der schweiz heisst fred nicole.
          ja und bewerten ist glücksache soll ja auch nur ein anhaltspunkt sein und im jeweiligen gebiet stimmen.
          aber im gesamten schön dass sich seriöse medien mit klettern auseinander setzen und die wirkliche guten vorstellen.
          gruss reto

  3. Joachim Adamek sagt:

    Wir leben in einem Zeitalter, das scheinbar tatsächlich sämtliche Rekorde zu brechen scheint. Wohin das führen wird, weiß ich nicht. Aber so lange es Rekorde sind, die von Snowboardern, Freeridern und Kletterern wie Adam Ondra aufgestellt werden, ist mir nicht Bange. Es sei denn, es kämen nun tausende auf die Idee, sich für einen Adam Ondra zu halten.

    • Joachim Adamek sagt:

      Nachtrag: Hatte heute leider erst Zeit, mich näher zu informieren. Ondra ist wirklich ein extrem begnadeter Kletterer. Interessant der Wikipedia-Eintrag, für alle die mehr über ihn und seine bisherigen Erfolge wissen wollen.

  4. Martin sagt:

    Es gibt noch eine weitere bestätigte 9b. Dies ist Ali Hulk sit-start Extension von Dani Andrada in Rodellar (bestätigt von Magnus Midboe).

  5. Rob Mueller sagt:

    Gratuliere zum Beitrag – dieser hier handelt wieder mal von Outdoor, im Gegensatz zu anderen, v.a. zum letzen Sex-Artikel (wo sie übrigens meinen kritischen Kommentar nicht veröffentlicht haben… so viel zum Blog).

    Ondra ist wirklich ein Ausnahmetalent, seine Technik und Körperspannung sind einmalig. An sich ist es müssig, über Schwierigkeitsgrade zu streiten, ob Sie und ich nun jene 6b hinaufkommen oder nicht, egal. Beim Spitzensport geht es vor allem um Sponsoringgelder und Aufmerksamkeit, da ist die Versuchung gross, auch eine 9a im Palmarès zu haben. Auch hier hebt sich Ondra ab, in dem er es wagt, das eine oder andere “+” anzuzweifeln.
    Seien wir gespannt, was der Wunderjunge sonst noch zu bieten hat!

    • Lieber Herr Müller

      Ich nehme mir jede Kritik zu Herzen, selbst heftige, die ich nicht veröffentliche – wie Ihre letzte, für die ich mich auf diesem Weg trotzdem bedanke.

      Auch wenn Sie und ich jetzt nicht dazu gehören: Es gibt viele Joggerinnen und Jogger, die vor allem wegen der Figur trainieren, um attraktiv und sexy auszusehen. Darum finde ich es okay, zwischendurch auch über dieses Thema zu bloggen. Jedenfalls solange es einen sportlichen Zusammenhang hat, nicht schmuddlig wird und nicht zu oft vorkommt. Und sicher nicht hier im «Alpin-Forum» (mittwochs), sondern bei «Running im Outdoorblog» (montags).

      Aber Sie haben Recht: Es bereitet viel mehr Freude, über ausserordentliche Leistungen von ausserordentlichen Extrem-Sportlern wie Adam Ondra zu schreiben. Und was Sie zu Schwierigkeitsgraden, Sponsoring, Aufmerksamkeit und Versuchung im Spitzenklettern sagen, bin ich ganz auf Ihrer Linie.

      Ein schönes Outdoor-Wochenende wünsche ich Ihnen!

      Natascha Knecht

  6. alain sagt:

    Danke. Wunderbarer Artikel. Bitte mehr davon.

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