«Harry Potter» verschiebt die Klettergrenze

Adam Ondra

Adam Ondra, Elitekletterer. Foto: Pete O'Donovan

Man nennt ihn auch den Harry Potter des Klettersports. Doch dieser Vergleich wird Adam Ondra nicht gerecht. Äusserlich sind gewisse Ähnlichkeiten zwar nicht abzustreiten. Aber was das Zaubern betrifft, da ist der junge Tscheche kein Lehrling mehr. Am Fels ist er der ganz grosse Magier. Weltweit kein anderer bewegt sich derzeit so stark in der Vertikalen wie das 18-jährige Ausnahmetalent. Er pusht die Grenzen am extremen Ende. Und soeben hat er eine völlig neue Dimension im Sportklettern erreicht. Mehr als nur eine Sensation.

Die höchste, je frei gekletterte Schwierigkeit wird mit 9b (französisch) bewertet. Das ist so immens schwierig, dass sie erst von zwei Menschen gemeistert werden konnte: Dem Amerikaner Chris Sharma (29) gelangen bisher drei Routen in diesem Schwierigkeitsgrad, alle im Kletterparadies Spanien. Eine davon – die «Golpe de Estado» – konnte Adam Ondra vor einem Jahr als bisher einziger wiederholen. Vor drei Wochen gelang dem jungen Tschechen dann die erste freie Durchsteigung der extrem boulderlastigen Route «La Capella», deren Bewertung er mit 9b vorschlägt.

Adam Ondra zaubert am Fels. (Bild: Vojtech Vrzba)

Adam Ondra zaubert am Fels. (Bild: Vojtech Vrzba)

Um eine solch schwierige Linie sturzfrei bewältigen zu können, üben die Elitekletterer oft wochen- respektive monatelang in der gleichen Route, fallen unzählige Mal ins Seil, fluchen und geben nicht auf, bis sie es geschafft haben. Ondra brauchte für «La Capella» lediglich neun Tage.

Aber vorige Woche setzte das «Wunderkind» noch einen drauf – und zwar gewaltig: Er kletterte innert vier Tagen vier 8c+-Routen on sight, zwei davon am selben Tag! «On sight» («auf Sicht») gilt als Königsdisziplin: Der Kletterer durchsteigt eine ihm unbekannte Route im ersten Versuch sturzfrei, davor hat er nie in der Route geübt, nie einen anderen Kletterer darin beobachtet und keine Informationen über Griffkombinationen in den Schlüsselstellen bekommen. Eine «On sight»-Begehung im Schwierigkeitsgrad 8c+ gab es bisher nur ein einziges Mal: Der Spanier Patxi Usobiaga meisterte 2007 die Route «Bizi Euskaraz» in diesem Stil.


In diesem magischen Video: So schnell und scheinbar mühelos klettert der momentan Beste der Welt, Respekt bis zur letzten Sekunde: Adam Ondra in der 9a-Route «Der heilige Gral» im Fränkischen Jura, Dezember 2010. Er kletterte bisher zwei 9b-Routen rotpunkt, 16 8c-Routen on sight und jetzt 4 8c+-Routen innert 4 Tagen.

Nun kletterte der junge Tscheche also als erster Mensch eine ganze 8c+-Serie on sight: «Powerade», «El templo del cafe», «Bizi Euskaraz und «Kidetasunaren balio erantsia».

Adam Ondra

Adam Ondra beim Bouldern im Tessin.


Dass Adam Ondra dies ohne längere körperliche Regenerationszeit schaffte – und in den vier Tagen nebenbei auch noch die Routen «Fuck the police» (8c) und «Tekken» 8b+ on sight kletterte – hat die Messlatte in diesem Sport neu gesetzt. Eine einzelne 8c+ on sight ist nicht mehr das Mass aller Dinge. Um besser zu sein, müssen jetzt noch mehr Routen in noch kürzerer Zeit geschafft werden. Der magische Glanz liegt ab sofort ein Grad höher: bei 9a on sight (und 9b+ rotpunkt).

Für seinen «On sight»-Sprung von 8c auf 8c+ brauchte Adam Ondra übrigens drei Jahre.

Subjektive Bewertung von Schwierigkeitsgraden

Ungewöhnlich ist auch, dass Adam Ondra immer wieder angegebene Schwierigkeiten herabstuft. Etwa die soeben gekletterte «Kidetasunaren balio erantsia», die offiziell mit  8c+ bewertet wurde, ist für ihn «nur» 8c – was manche, die ihren Palmarès mit der Rotpunktbegehung dieser Route schmücken, natürlich ungern hören.

Wenigstens in diesem Punkt haben wir Hobby-Kletterer mit den Profis etwas gemeinsam: Die subjektive Beurteilung von Schwierigkeiten kennen wir auch. In manchen Gebieten sind die Routen extrem hart bewertet, in anderen sehr moderat.

Sind Ihnen die unterschiedlichen Bewertungen von Kletterrouten auch schon aufgefallen? Wie schwierig ist schwierig? Und was halten Sie davon, dass Adam Ondra mit seinem Exploit in Spanien eine neue Dimension im Sportklettern erreicht hat? Wo führt das hin?