Diese Woche im Emmental und Oberaargau
Die Route vom letzten Samstag war ereignisreich. Sauerkraut und ein besonderer Kirsch spielten eine Rolle. Es gab zuerst Berner Pionierindustrie zu sehen, dann viel Bäuerlichkeit. Wir gerieten in die Historie, aber auch in die neuzeitliche Psychedelik. Und bös blies die Bise. Sie drückte die objektiven drei auf gefühlte zehn Grad minus und hätte einen Eskimo dazu bringen können, Badeferien in Kenia zu buchen.
20 Leute, so das Teilnehmerkontingent, kamen mit auf die Wanderung von Wasen nach Huttwil, die gleichzeitig eine Lesung war: Am Mittagstisch von Oberwald trugen mein Gürbetaler Wanderkolumnen-Kollege René P. Moor («Tierwelt») und ich je drei Artikel vor. Doch die Wirtschaft wollte zuerst erreicht sein. Schon bei der Begrüssung vor der stillgelegten Bahnstation Wasen schlotterten wir.
Flucht aus der Kirche
Das erste interessante Objekt des Tages erblickten wir gleich gegenüber: die Riesenhalle der PB Swiss Tools. Diese Firma kennen wir alle. Mal einen Schraubenzieher mit rotem Griff in der Hand gehalten? Eben! PB Swiss Tools mit ihren heute gut 160 Mitarbeitern startete 1878 als Dorfschmiede. Initialengeber Paul Baumann fertigte Mausefallen und Ochsenringe.
Wir querten die Grüene und landeten im Grünen. Als der Wanderweg nach Oberwald vom Strässchen abwich, blieben wir auf dem Strässchen; dies ist im Winter vorteilhaft. Bei Oberbärhege endete der Hartbelag, wir hielten hinauf zum Waldrand, kamen wieder auf den Wanderweg. Auf diesem Grat unweit des Bärhegenchnübeli gab es im Ancien Régime einen Tanzplatz. Die Gnädigen Herren mochten es nicht, wenn ihr Volk aus der Kirchenzucht ausbrach. Die jungen Leute auf dem Land verzogen sich ins Gelände; in diesem Fall fanden sie einen 150-Quadratmeter-Platz im Wald. Damit die Obrigkeit nicht einen einzelnen strafen konnte, trat als Besitzerin eine Tanzplatzkorporation auf. Der Wirt der nahen Wirtschaft freilich wurde 1654 «wägen seines ergerlichen weinausgebens» gerichtlich gebüsst. So entnahm ich es einem alten «Bund»-Artikel.
Annemarie sei dank
Wir erreichten die unter Denkmalschutz stehende Wirtschaft Oberwald, deren alter Name «Hirschen» nur im Schild noch lebt. Ich war begeistert. Diese Ründi, das tonnenartig gewölbte Vordach mit dem aufgemalten Posaunenengel! Die Gaststube ganz in Holz! Das verträumte Säli, in dem René und ich lasen! Und das Menü! Es gab Rauchwurst, Siedfleisch, Kartoffeln, Rüebli. Sowie Suurchabis.
Ich liebe Sauerkraut. Es kann allerdings im Bauch treiben, so dass man dann hinter die Scheiterbeige flüchten muss. Diesmal ging alles gut. Vielleicht dank dem Kirsch von Annemarie. Sie ging einst mit mir in die Primarschule Stein AR, heiratete später ins Schwarzbubenland, bauert. Und sie kam an die Lesung und brachte ihren hausgemachten Kirsch mit. Der Wirt erlaubte uns, den Kaffee damit zu spritzen. Das gebrannte Wasser besänftigte meine Innereien; danke, Annemarie!
Der Illusions-Tunnel
Die zweite Routenhälfte: noch mehr einsame Höfe, Waldkreten, Krähen auf Tannen. Der Eiswind riss an unseren Kleidern. Ich genoss das, man fühlt sich nie lebendiger als bei extremem Wetter. In Huttwil wurde zuguterletzt mein Gehirn gesondert stimuliert. Unter Anleitung des Künstlers Menel Rachdi haben Schüler die 40 Meter lange Bahnhofunterführung mit Farbmustern so bemalt, dass man beim schnellen Durchgehen ins optische Delirium fällt. Der «Huttutunnu», wie er heisst, verschafft einen Augenrausch.
Infos:
Route: Wasen Bahnhof (Bus ab Bahnstation Sumiswald-Grünen) – Oberbärhege – Oberwald – Möösli – Geri – Huttwil Bahnhof.
Wichtig: Bis Oberbärhege auf der Strasse bleiben, statt gemäss Wanderweg nach 15 Minuten nach links abzubiegen. Ab Oberbärghege aufwärts und wieder in den Wanderweg unter Zuhilfenahme der Karte. Diese Variante ist im Winter sicherer.
Dauer: dreieinhalb Stunden. Bei viel Schnee braucht man Schneeschuhe, dann dauert es länger.
Höhendifferenz: 350 Meter auf-, 450 abwärts.
Charakter: Mittlere Anstrengung. Orientierungsvermögen nötig. Nicht bei Nebel.
Höhepunkte: Die einsamen Hügel. Die denkmalgeschützte Wirtschaft Oberwald. Der Huttutunnu am Schluss.
Einkehr: Wirtschaft Oberwald (Gemeinde Dürrenroth). Mo, Di geschlossen. Mi bis Fr ab 13.00 Uhr. Sa, So ganztags offen.
Karte: 1: 50 000, Wanderkarte 234 T “Willisau”. Für den ersten Teil allenfalls die Landeskarte 1: 25 000, Nr. 1148 “Sumiswald”.
Thomas Widmers Bücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch
Thomas Widmer stellt jeden Freitag eine Wanderung vor. Privater Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com







Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Laurens van Rooijen (38) ist seit 1989 mit dem Velo im Gelände und seit 2000 als Velo-Journalist unterwegs – bis Ende 2004 als Redaktor der Zeitschrift MOVE, seither als freischaffender Journalist in Sachen Fahrrad für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Web-Formate. Er schreibt neu im Ressort
Martin Sturzenegger (29) ist weder Profisportler noch Experte einer bestimmten Outdooraktivität. Als sportliches Highlight ragt der Bronzemedaille-Gewinn in einem Sprintbewerb für Kinder heraus. Im Outdoorblog betreut er das Ressort 





































Ach, Herr Widmer, man möchte gerade losziehen… Wenn’s nur nicht so kalt wäre… Vive le printemps!
Zum Huttutunnu könnte ein Reiseführer schreiben: Vaut un détour.