Langstrecke? Langweilig!

Hat alle Zeit der Welt: Der Portugiese Carlos Alberto Gomes De Sa auf dem Weg zum Sieg am Badwater Ultramarathon 2013 durch das Death Valley. Foto: Lucy Nicholson (Reuters)

«Welches Wort endet mit lauflauf?» Diese Frage wurde den Teilnehmern des Zürich Marathons am 9. April per Transparent am Streckenrand gestellt. Sie war eine von diversen Denkaufgaben, mit denen die Veranstalter die Läufer auf den 42’195 Kilometern ablenken wollten. Denn Ausdauersportarten sind nicht zuletzt eine mentale Herausforderung. Das laienphilosophische Credo «Der Weg ist das Ziel» gilt hier nicht. Es heisst vielmehr: «Das Ziel ist das Ziel» – und auf jedem Schritt gedanklich allgegenwärtig.

Auch ich wurde auf dem Rückweg von Meilen nach Zürich von der läuferischen Langeweile eingeholt. Ich probierte diesen Zustand durch das Setzen von Zwischenzielen zu überwinden – die Kirche von Küsnacht als nächsten Orientierungspunkt oder der Bahnhof Tiefenbrunnen. Während einer kurzen Phase zählte ich sogar die gelben Markierungen des Radstreifens. Bei 200 hörte ich allerdings damit auf – die Strategie kam mir etwas gar psychopathisch vor.

Monotonie und Motivation

Ungefähr nach 30 Kilometern begegnete ich einem Läufer, der eine ganz spezielle Lösung parat hatte: Er jonglierte (laufend) mit drei Bällen – gemäss eigener Beteuerung während der vollen Distanz. Das Publikum staunte und applaudierte. Der Circus Knie müsste dem ausdauernden Artisten einen Platz im nächsten Programm freihalten.

Viele Hobbyläufer kämpfen schon im Training mit dem Gefühl der Monotonie. Gerade bei «Long runs», die für Marathon- oder Halbmarathon-Vorbereitung von zentraler Bedeutung sind, kann dieser Motivationskiller zur Belastung werden. Hier ein paar Tipps, wie der Langweile beim Lang-Lauf davongerannt werden kann.

  • Lernen. Vor kurzem führte ich ein Interview mit der Schweizer Spitzenmountainbikerin Jolanda Neff. Sie erzählte mir, dass sie während ihrer Schulzeit beim Training Lateinwörtchen gelernt habe. «Wenn ich beim Velofahren nur ans Velofahren denke, stimmt etwas nicht.» Ich habe diesen Gedanken aufgenommen und repetiere Russischwörter: Beispielsweise in einer Allee das Zählen von Bäumen – oder ganz einfach die Wochentage. Um diese Sprache aber wirklich zu lernen, muss ich noch ein paar (Ultra-)Marathons bewältigen.
  • Sozialer Kontakt. Verlegen Sie das Training in die Mittagsstunde und gehen Sie mit Arbeits-Kolleg(inn)en Laufen. Das fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Gruppendynamik – und die Arbeitsleistung am Nachmittag ist nach einer inspirierenden Laufrunde besser als nach einem opulenten Mahl.
  • Radio hören. Die stündlichen Nachrichten halten einen laufend auf dem Laufenden – und gewisse Sendeformate haben belebende Wirkung: Das Kurzquiz ABCSRF3 gehört zu meinen persönlichen Favoriten. Gegenteilig verhält es sich bei gewissen Morgenmoderatoren. Ihr Sauglattismus erzeugt negative Energie. Doch auch die kann temposteigernd wirken.
  • Richtungswechsel. Ein simpler Trick. Drehen Sie Ihre Laufrunde in der umgekehrten Richtung. Die Welt wird sich von einer ganz anderen Seite präsentieren – und Sie haben das Gefühl, Neuland zu entdecken.

Übrigens, falls Sie die eingangs gestellte Frage noch verfolgt: Nudelauflauf. Apfelauflauf. Zwiebelauflauf.

12 Kommentare zu «Langstrecke? Langweilig!»

  • Roland K. Moser sagt:

    Den letzten Punkt kann ich bestätigen: Die Strecke die andere Richtung gelaufen/gefahren ist ein anderer Planet.

  • Mrs Katana sagt:

    Da mir Läufe, die länger als 10km sind, zu langweilig sind, habe ich mit Spartan Races begonnen. Es gibt verschiedene Distanzen und Hindernisse zu bewältigen. Diese Rennen finden in ganz Europa statt, auch in den Bergen. Sehr empfehlenswert und eine sportliche Herausforderung.

  • Karl-Heinz sagt:

    Sehr guter Bericht, vielen Dank. Ich bitte noch zu bedenken: Wahre mentale Stärke erreicht man durch den Sieg über die Monotonie. Wer immer nur mit Ablenkung durch Videos, Musik, Smartphone etc. trainiert, wird mental immer schwach bleiben. Schwimmen lernt man im realen Wasser, mentale Stärke durch
    monotones Training. Alles Andere sind nur Prothesen.

    • dominik sagt:

      Absolut korrekt! Monotonie und Stille können etwas Schönes und Bereicherndes sein. In unserer hektischen Welt ist allerdings ein Mancher davon überfordert :-(

  • Alois Eichenberger sagt:

    Wieso alle immer noch weiter und länger rennen müssen ist mir sowieso ein Rätzel. Der Wettkampf ist doch viel spannender bei einem 1500m oder von mir aus 5km. Sportlich sind die Herausforderungen mindestens genau so gross.

  • Ruedi Lais sagt:

    Für gelangweilte LangstreckenläuferInnen gibt es eine ganz einfache Lösung: Beginnt mit Orientierungslauf! Das dauernde Suchen der optimalen Route, respektive das Laufen im Krisenbewältigungsmodus lässt keine Langeweile mehr aufkommen. Zudem ist das Laufen auf Waldboden viel gelenkschonender!

    • Fritz Hofer sagt:

      haha, „Laufen im Krisenbewältigungsmodus“ :)
      das kommt mir sehr bekannt vor von OLs. Aber stimme dir zu, auch mir wurde die Joggerei zu langweilig. OL ist die perfekte Alternative, wobei hier auch das Soziale nicht zu kurz kommt. Man ist in immer neuen Umgebungen, in immer neuen Situationen, ist mental gefordert und gleichzeitig im schoenen Wald. Danach gibts immer viel zu diskutieren und erzaehlen, nicht wie nach dem Joggen.

      • Sabine sagt:

        Und was würde der Naturschutz zu (-zig)Tausenden von zusätzlichen Läufern sagen, die den Waldboden und seine Bewohner zertreten? Nur gut, dass die meisten Läufer auf den Wegen bleiben, sonst würde bald ein Laufverbot im Wald gefordert.

        • Fritz Hofer sagt:

          Du waerst ueberrascht wie schnell sich der Waldboden erholt, zumal die Laufer alle ihre eigene Route auswaehlen, und in 20 unterschiedlichen Kategorien mit unterschiedlichen Strecken starten.
          Und den OL mit „zig Tausenden“ Laeufern moechte ich erst mal sehen…

  • Rosche sagt:

    Long-Run über den Mittag? Prima Idee, ich bin dann (inkl. Umziehen/Duschen) mal von 11 bis 15 Uhr weg, tschau zämä.

    Ich mache die Longruns meistens in den Bergen. Einfach eine schöne, lange Tageswanderung laufen. Herrlich

    Wenn einen das lange Laufen so anödet, sollte man vielleicht einfach für kürzere Distanzen trainieren. Damit lässt sich dann halt weniger gut angeben: Bei einem Marathon oder Ultra sind einem schon mit der grottigsten Zeit die ahhhhs und oohhhhs sicher, ein richtig schneller 5er, 10er oder Halbmarathon interessiert die Bürokollegen schon weniger… Daher halt lieber mit Anschiss die Longjogs hinter sich bringen? Ahh ich werde es nie verstehen.

    • Fred sagt:

      Tja, das Problem ist, dass man im Alter nicht mehr schneller kann – dafür aber länger.
      Hinzu kommt, dass man für einen Ultra insgesamt auch nicht mehr Stunden pro Woche trainiert, dafür aber längere Einheiten macht. Was nichts anderes heisst, dass stattt fünf bis sechs kürzeren Einheiten drei bis vier längere Einheiten auf dem Programm stehen. Wenn ich aber nicht unbedingt jeden Tag laufen muss, kann ich das viel besser mit der Familie und dem Beruf in Einklang bringen.

  • Fred sagt:

    Wer den Zürich-Marathon freiwillg läuft, dem ist sowieso nicht zu helfen.
    Es gibt so schöne Läufe, die auch noch deutlich günstiger sind – warum soll ich mir diese grauenvoll langweilige Strecke auf der Seestrasse antun, die man auch noch zweimal laufen muss?

Kommentar

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