Rotpunkt statt Everest

Ein Beitrag von Emil Zopfi*:

Sisyphos‘ Bann: Hinter jeder Klippe und jedem Gipfel wartet der nächste Glücksmoment. (Bild: Getty Images)

«Warst du schon mal auf dem Everest?», fragte mich jemand in einer netten Runde. «Nein», antwortete ich, «auch nicht auf dem Matterhorn. Und die Eigerwand habe ich auch nicht geschafft.»

Mein Ruf als Bergsteiger war an diesem Abend ruiniert. Ich bemerkte noch: «Ich bin halt mehr der Kletterer …» Es half nichts. «Ach ja, meine 9-jährige Nichte geht auch schon in die Kletterhalle», vernahm ich.

Auch im Sport ist es kompliziert geworden

Das Gespräch wandte sich dann anderen Themen zu und ich mich dem Rotwein. Fussball, Tennis, Golf und so. Von Offside und Tiebreak verstehe ich so wenig wie meine Gesprächspartner von Rotpunkt oder Free Solo. Es ist halt alles etwas kompliziert geworden, auch im Sport. Ein Bergsteiger, der sich nicht unbedingt aufs Matterhorn oder den Everest schleppen lassen will, ist für alpine Laien offenbar so jenseits wie ein Fussballer, der noch nie ein Goal geschossen hat.

Seltsamer noch für sie, dass es Bergsteiger gibt, deren Ziel nicht mal ein Gipfel ist, sondern ein graues Stück Fels, gespickt mit ein paar Haken. Dass man nach dreissig Metern Kletterei in einem Schattenloch so glücklich sein kann wie auf einem hohen Berggipfel im Alpenglühen, kann ausserhalb der Szene kaum jemand verstehen. Auch ich konnte vor Jahren nichts damit anfangen – damals meinte ich noch, ein richtiger Bergsteiger zu sein, auch ohne Eiger, Everest & Co. Es widersprach jeder Logik, an einem Felshaken vorbeizuklettern, ohne sich daran festzuhalten wie seinerzeit gang und gäbe.

Süchtig nach dem Glücksgefühl

Bis ich vor etwa 25 Jahren nach diversen Anläufen meine erste Route im Grad 6b+ klettern konnte und die Haken dabei nur zur Sicherung benutzte, nicht als Griff. Ich hatte die Route Rotpunkt geschafft, wie das sportliche Kriterium heisst. Der deutsche Kletterer Kurt Albert (1954–2010) hat in den Siebzigerjahren den Begriff «Rotpunkt» für einen neuen, sportlichen und ästhetischen Kletterstil kreiert. Den Glücksmoment nach meiner ersten 6b+ habe ich nie vergessen, und danach war ich ans Sportklettern verloren. Gelingt mir in meinem Alter noch eine schwere Route Rotpunkt, dann sage ich zu meiner Frau: «Nun bin ich eine Woche glücklich.»

Gewiss, andere sind vielleicht mehr als eine Woche glücklich, wenn sie das Matterhorn geschafft haben. Oder die Eigerwand. Oder das Vrenelisgärtli. Doch Bergsteiger- und Kletterglück ist flüchtig. Auch ein Everest ist keine Garantie für ewigen Frieden mit sich selber. Hinter jedem Gipfel lauert der nächste, so lautet ein Gemeinplatz. Meine erste 6b+ habe ich inzwischen einige Hundert Mal geklettert. Es ist wohl eine Art Sucht, letztlich unerklärlich wie Sisyphos’ unablässige Versuche, einen Felsblock auf einen Berggipfel zu rollen. «Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen», schrieb Albert Camus. Unglücklich ist er erst, wenn er aufgibt.

6 Kommentare zu «Rotpunkt statt Everest»

  • gabi sagt:

    Sie sprechen mir aus dem herzen!
    ich geh gerne bergsteigen. Aber lieber auf einsamen gipfel. Solche bei denen man evtl nen biwacksack dafür braucht und keine 200 Franken für die ausgebauteste SAC-Hütte. Zudem möchte ich die touren als 2er team schaffen- Bergführer ist KEINE option.
    Trotz allem werde ich oft gefragt, ob ich schon auf dem Dom, matterhorn etc war. wenn ich dann verneine; die verblüfften gesichter und die antwort, dass sie Person XY kennen der da schon drauf war. Und ich sehs ihren an, wie sie denken, dass ich in dem fall ne ganz schlechte bergsteigerin bin. Aber was solls. Ich habs aufgegeben ihnen das zu erklären. Wichtig ist, dass ich&meine freunde wissen was wir am berg leisten. Alle anderen können sich weiterhin vom bergführer durch die eigernordwand zeihen lassen…

    • Rob Müller sagt:

      Liebe Gabi,
      ich bin auch ein Anhänger ihrer Art Bergsteigen. Ergänzend dazu:

      – Auch mit Bergführer bildet man ein 2er Team. Nur meist ein wenig ausgeglichenes, wodurch viel Erlebnisqualität verloren geht. Mir geht es um das Thema Verantwortung und Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Was ich mit einer ähnlich schwachen/starken Begleitung am Berg zwingend muss. Das ist Teil des ganzheitlichen Erlebnis und eine grosse Bereicherung für mich.

      – Ich stand schon auf Dutzenden Gipfeln, die weniger als 10 Begehungen pro Jahr zählen. Und einsam auf absoluten Prestigegipfeln: Unter der Woche in der Nebensaison (Mitte Oktober – Februar / Mitte Mai – Ende Juni) ist es an den meisten berühmten, hohen Bergen einsam.

      Gute Erlebnisse am Berg Ihnen!

  • Lori Ott sagt:

    Zur Aussage „Auch ein Everest ist keine Garantie für ewigen Frieden mit sich selber“ bleibt noch anzufügen, dass wer dort den ewigen Frieden mit sich selber findet auf der Verliererseite steht.

  • Das gelbe Band sagt:

    Sympathischer Artikel. Ich kenne das Gefühl welches der Autor beschreibt selber sehr gut. Allerdings weniger vom Klettern sondern von Solo-Bergtouren. Alleine in den Bergen unterwegs zu sein ist für mich das Schönste am Bergsport und pure Erholung. Auf diese paar einsamen Stunden in den Bergen möchte ich selbst als Familienmensch nicht verzichten. Da ich kein zweiter Messner bin und abends wieder sicher bei meinen Lieben sein will beschränke ich mich dabei auf einfache, geeignete Skitouren oder Bergtouren ohne Absturz- und Spaltensturzgefahr. Das ich so nicht aufs Matterhorn, Mont Blanc etc komme spielt für mich keine Rolle.

  • Roland K. Moser sagt:

    Ich stimme Ihnen völlig zu, Herr Zopfi. Ausser beim Rotwein.
    Beim Sportklettern ist der Weg das Ziel, also das Klettern, und nicht der Gipfel.
    Wobei man beim alpinen Klettern auch den Weg als Ziel definieren könnte, wenn man will, uns sonst bleibt man halt beim Gipfel, den man erobert, oder dem Berg den man bezwingt.
    Ich sehe es so, dass der Berg der Freund ist, und nicht der Gegner. Sei es nun beim Klettern, auf dem Rennvelo oder dem MTB. Denn ohne den Freund Berg gibt es weder klettern, noch bergauf oder bergab fahren.

  • Tatwort sagt:

    Das Gefühl kenne ich bestens. Als ich zum ersten Mal eine 5c onsight schaffte, war ich stolz wie Anton. Sobald ich dann aber den Leuten zeigte, dass es sich um eine kurze Einseillänge-Route handelte, schlug die Bewunderung in betretenes Schweigen um. Ich jedoch freue mich auch heute noch darüber, dass ich es geschafft habe, und all meine Ängste vor dem nächsten Griff und Tritt und all die Glücksgefühle nach dem Erreichen des Standes kann ich noch immer fühlen.

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