Diese Woche im Neuenburger Jura
Am Neujahrstag stiegen wir mit Schneeschuhen auf die Tête de Ran. Nebel waberte, als wir starteten, doch kamen wir schnell in die Sonne. Die Schneekruste verhielt sich wie eine Crema Catalana. Sie war hartgefroren, brach aber bei jedem Schritt knackend ein. Wir hinterliessen weniger Spuren als Splitter.
Bevor ich fortfahre, ein Grundsatzwort zu dieser Route im Neuenburger Jura, die von Les Geneveys-sur-Coffrane aus zuerst lange durch den Wald führt. Ich hatte sie zuvor im Internet auf der Wildschutzkarte rekognosziert: keine Schutzzone, alles in Ordnung!
Kaffee im Aquarium
Oder doch nicht? Jedenfalls irritierte es mich, dass wir im Gelände Tafeln einer Wildschutzzone «Area tenera» antrafen. Ich rief deswegen ein paar Tage später Reto Solèr an, Leiter der Kampagne «Respektiere deine Grenzen», die vom Bundesamt für Umwelt und dem Schweizer Alpen-Club getragen wird und besagte Karte hervorgebracht hat. Solèr beruhigte mich: Wer sich auf diese Karte verlässt, handelt okay. Es ist bloss so, dass draussen in der Landschaft Wildwuchs der Aktionen und Schilder herrscht, den man gelegentlich zu bändigen hofft.
Und damit zurück zu unserer Wanderung. Wie gesagt, begann die Unternehmung in Les Geneveys-sur-Coffrane. Bahnhofsnah tranken wir Kaffee im «Aquarium», einer aus der Zeit gefallenen Pizzeria mit Aquarien, deren verstaubte Scheiben kaum den Blick auf die Fische zulassen. Beim Verlassen des Lokals die Gefahr des Tages: Die Treppe zur Strasse war mit einem Eisfilm überzogen. Ich hätte mir Steigeisen gewünscht.
Die 85-Minuten-Rösti
Alsbald starteten wir. Auf dem Sommerwanderweg verliessen wir, die erste Viertelstunde auf einem Strässchen, das Dorf. Bald kamen wir zu einer Verzweigung der Wanderwege, wir gingen rechts, nahmen also die Variante nach Les Pradières. Im Wald montierten wir die Schneeschuhe, stiegen kontinuierlich aufwärts, erreichten Les Pradières. Auf dieser Alp, die auch ein Armeeschiessplatz ist, hatten wir vor uns die Krete, die vom Mont Racine zur Tête de Ran führt.
Die Krete bot eine grosse Aussicht, wir erschauten den Chasseral und den Mont-Blanc. Und während wir den Gratrücken entlang Richtung Nordosten stapften, kam der Tiefblick nach La Chaux-de-Fonds hinzu. Schliesslich die Tête de Ran. Wir verweilten. Zu unseren Füssen, hundert Meter tiefer, zeigte sich das gleichnamige Hotel-Restaurant. Da waren Autos, da war Rummel, die Schweiz war aus dem Silvesterkoma erwacht. Eine Viertelstunde später langten wir in der Wirtschaft an, bestellten eine Rösti. Wir warteten 85 Minuten auf sie, und sie war sehr durchschnittlich.
Notwehr in höchster Beklemmung
Nach dem Röstistopp gingen wir zuerst hinab Richtung Mont-Dar und improvisierten: Wir zweigten kurz vor Mont-Dar rechts ab in die enge Geländerinne, deren Fluchtpunkt ein auffallend zerklüfteter Felskopf namens Roche-aux-Cros ist. Bei dem Skiliftlein unter dem Fels drehten wir nach links und erreichten eine halbe Stunde später die Bahnstation La Corbatière, Ende der Wanderung. Liliane zündete einen Vulkan, das Minifeuerwerk war unser Tribut an den Jahresübergang.
In La Chaux-de-Fonds stiessen wir mit Bier aufs neue Jahr an. Wanderfreund Robert, wie ich ihn hier nennen will, hatte darauf im Zug nach Biel eine sehr volle Blase. Das WC war zugesperrt. Robert litt zwanzig Minuten. Dann verzog er sich mit einer Dose, in der vorher Sweet-Chili-Thai-Nüsschen gewesen waren, in den dunklen Balg zwischen zwei Wägen. Dort erleichterte er sich. Es war Notwehr in höchster Beklemmung.
Infos:
Route: Les Geneveys-sur-Coffrane, Station – Les Pradières – Krete zwischen Mont Racine und Tête de Ran – Tête de Ran – Hotel Tête de Ran – Abzweiger vor Mont Dar – Skiliftchen unter Roche-aux-Cros.
Dauer: Je nach Schneeverhältnissen viereinhalb bis fünf Stunden.
Höhendifferenz: 700 Meter auf- und 450 abwärts.
Charakter: Einfach und weit. Mühsam ist bei Vereisung der enorm steile Abstieg vom Tête-Gipfel hinab zum Hotel.
Sicherheit: Um diese Jahreszeit soll man nicht allein wandern.
Höhepunkte: Der Rundblick von der Krete samt Mont-Blanc. Die weite Landschaft. Die abwechslungsreiche Juraszenerie.
Einkehr: Hotel bei der Tête de Ran.
Karte: Es reicht die Kümmerly + Frey-Wanderkarte 1: 60 000 «Chasseral-Neuchâtel-Val de Travers-Ste-Croix».
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.
Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/







Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Laurens van Rooijen (38) ist seit 1989 mit dem Velo im Gelände und seit 2000 als Velo-Journalist unterwegs – bis Ende 2004 als Redaktor der Zeitschrift MOVE, seither als freischaffender Journalist in Sachen Fahrrad für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Web-Formate. Er schreibt neu im Ressort
Martin Sturzenegger (29) ist weder Profisportler noch Experte einer bestimmten Outdooraktivität. Als sportliches Highlight ragt der Bronzemedaille-Gewinn in einem Sprintbewerb für Kinder heraus. Im Outdoorblog betreut er das Ressort 





































Geschätzter Herr Widmer
Am Neujahrstag war ich auch mit einer kleinen Gruppe und den Schneeschuhen unterwegs. Ich wählte einen kleinen, nicht sehr bekannten Ort im Berner Oberland aus, startete früh, obwohl alle gerne etwas länger geschlafen hätten, und verschob die Einkehr am Morgen auf den Nachmittag, mit dem Resultat, dass wir die Tour (ausserhalb der geschützten Zone) anfänglich fast alleine geniessen konnten. Als die anderen Leute langsam aus dem Silvesterschlaf erwacht sind, befanden wir uns schon auf dem Rückweg und genossen den wohlverdienten Kaffee mit Riesen-Nussgipfel! Prosit Neujahr! Auf viele weitere vergnügliche Schneeschuhwanderungen!
Die Beiträge von Frau Knecht und Herrn Widmer diese Woche im Outdoorblog waren super. Tausend Dank! Den Tourenvorschlag durchs Neuenburger Jura habe ich im Ordner “Baldigst” gesichert. Das Anklicken der Webseite “Respektiere deine Grenzen” vom Schweizer Bundesamt für Umwelt und dem Alpen-Club SAC kann ich nur empfehlen. Sie ist die beste und kompakteste Planungshilfe für Winter-Touren vor Ort, die ich bislang im Internet entdeckt habe, und dazu noch völlig gratis.
Wer noch mehr übers Schneeschuhwandern erfahren will, dem empfehle ich die e-book Publikation des Bayerischen Landesamtes für Umwelt: “Natursport – Schneeschuhwandern”. Sie enthält u.a. Links für die Alpenregion Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Anstatt mit Schneeschuhen durch den Jura zu trampeln, kann man auch auf Langlaufskiern durch den winterlichen Jura gleiten:
Oben auf den Kreten, wohlverstanden, am besten mit Schuppenskis. Das bedingt eine andere Routenwahl, in dieser Gegend z.B.
La Corbatière – Skilift – Tête de Ran (Café Luz) – La Serment – auf die Krete (herrlicher Blick ins Vallée de la Sagne) – Grandes Pradières – Mont Racine (1429m) – Grande Sagneule (ev. kurzes Wegstück zu Fuss) – Grand Coeurie – La Tourne (gutes Restaurant) – weiter auf Loipen über Brot Dessus nach Les Ponts-de-Martel. Hier übernachten oder mit der Bahn zurück nach
La Corbatière – La Chaux-de Fonds. Weitere Etappe über den Grande Joux entweder 1) nach Chaux-du-Milieu – La Brévine oder
2) über den Höhenzug Gran-Som-Martel (1337m) retour nach La Corbatière.
Ab La Brévine können Sie weiter ziehen bis in den Waadtländer Jura zum Col de la Givrine. Auf der gesamten Strecke: gute Unterkünfte, feines Essen. Ich bin schon seit 30 Jahren in dieser Gegend unterwegs, am liebsten im Winter: es ist toll!
Falls Sie sich einen Eindruck vom winterlichen Jura machen wollen:
Google Earth anklicken, Bilder von ‘bongiorno’ über den gesamten Jurabogen geniessen, hinlegen und träumen, den nächsten Winter planen: mit Langlaufskis oder mit Schneeschuhen.