Das Dilemma mit dem Gewicht

  • Zählt jedes Gramm: Ein Skitourengänger am Col des Portes du Soleil. Foto: Maxime Schmid (Keystone)

  • Was packe ich in meinen Rucksack, was nicht? Aufstieg zum Tällihorn im Safiental. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

  • Wird alles leichter, lässt sich mehr mitnehmen: Tourengänger vor dem Wengahorn. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

  • Geschafft – doch auch der Rucksack muss wieder runter: Abfahrt vom Piz Tuf im Schams. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Von mir aus könnte es in der grauen Stadt mehr von diesen überdimensional grossen Plakaten mit Outdoor-Werbung geben. Wunderschöne Bilder von unberührter, einsamer Natur pur im edelsten Sonnenlicht. «Ich bin raus», «Raus. Aber richtig», «Draussen zu Hause». Solche Plakate sind gerade jetzt, in der dunklen Zeit, eine echte Wohltat für das Gemüt.

Auch wenn viele sagen, Outdoor-Werbung inszeniere lediglich eine Scheinwelt, ist sie für mich als Konsumentin wichtig. Sie klärt mich auf und gibt mir Gesprächsstoff für Smalltalks. Wenn in der Hütte einer seine Stirnlampe auspackt, kann ich fragen: Ist das jetzt die mit der ausgewogenen Energiebilanz für maximale Ausdauer? Oder: Wow, du hast diese intelligente Jacke! Isoliert sie wirklich vom Alltag?

Darum studiere ich auch gerne die Inserate in den einschlägigen Magazinen. Auffällig ist, dass sich in der Outdoor-Industrie fast schon wie in Hollywood alles um das Gewicht dreht. So sollte heute alles möglichst «superlite» sein, von den Ski über die Bindung bis hin zur Kleidung. «So leicht wie eine Feder», «Verliere Gewicht», «Spürbar leichter». Früher glaubte ich immer, dieser «Magerwahn» bei der Ausrüstung diene dazu, den Aufstieg zu erleichtern. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass 1000 Höhenmeter mit 5 Kilo Gewicht auf dem Rücken weniger anstrengend sind als mit einem Rucksack von 15 Kilo.

Es reicht, wenn die Ausrüstung in Form ist

Doch ich werde eines Besseren belehrt: Dank der Ehrlichkeit von Dynastar weiss ich jetzt, dass deren Tourenski so leicht sind, damit ich mich unbekümmert durch die Weihnachtszeit schlemmen kann. «So light that you can get fat», heisst es in der Anzeige, und zu sehen sind ein Freeskiprofi und ein Turm Bratwürste, Vollfettkäse und Brote. Mit anderen Worten: Nicht ich muss in Form sein, sondern die Ausrüstung. Wie praktisch!

Ich nehme an, die «So light that you can get fat»-Werbung ist mit einem Augenzwinkern gemeint. Aber sie erinnert mich auch an die Tatsache, dass mein Rucksack trotz des stets leichter gewordenen Materials immer gleich schwer bleibt. Und das, obschon mein aktuelles Modell ebenfalls «ultra light» ist und von jener Marke stammt, die für das «maximale Naturerlebnis mit minimalen Mitteln» wirbt. Aber je leichter die Ausrüstung, desto mehr packe ich ein. Weil ich jetzt ein Fliegengewicht von einer Lawinenschaufel besitze, packe ich für eine mehrtätige Skitour ein Extra-Shirt ein. Weil der Pickel ebenfalls leichter ist als der alte, gönne ich mir zudem eine Extra-Socke.

Diät bleibt Diät

Ich bin nicht die Einzige, die kleine Extras im Rucksack trägt. Wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin, zum Beispiel mit der SAC-Sektion, habe ich sogar manchmal das Gefühl, manche würden den halben Hausrat mitschleppen. Von Stromadaptern für das Smartphone, Heizkörpern für die Skischuhe, Messern für den Dschungel bis Nahrungsmitteln für eine ganze Armee. Jedes einzelne Teil natürlich «superlite».

Mit der Abmagerungskur der Berg-Ausrüstung ist es wie mit der Hollywood-Diät: Sie funktioniert nur, wenn man konsequent bleibt.

Lesen Sie zum Thema auch «Leichtbauwahn auf Tour», einen Beitrag von Christian Penning.