Charmeoffensive an der Tour de France

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Der touristische Wert von sportlichen Grossanlässen ist nicht zu unterschätzen: Siebte Etappe der Tour de France 2016 in den Pyrenäen. Foto: Christophe Ena (Keystone)

Als Radsportfan kann man sich der Faszination der Tour de France nur schwer entziehen. Das französische Radsportspektakel bietet alles, was einen guten Krimi ausmacht: Tempo, Blut, Drama, Schmerz, Spannung, überraschende Wenden und natürlich einige wenige Sieger und viele Verlierer – und das erst noch bei jedem Wetter. Kurzum: Die Tour de France ist das perfekte Abbild des Lebens. Nicht umsonst wird sie nach den Olympischen Spielen und der Fussballweltmeisterschaft als drittgrösster Sportanlass der Welt eingestuft. Rund 3,5 Milliarden Menschen in 200 Ländern erreichen die TV-Bilder der dreiwöchigen Rundfahrt. Dazu kommt die Arbeit der 2000 akkreditierten Journalisten, die täglich von der Königin der dreiwöchigen Grand Tour berichten.

Vom 18. bis zum 20. Juli stattet die Tour der Schweiz wieder einmal einen ihrer raren Besuche ab. Am 18. kommt die Tour nach Bern, am 19. ist Ruhetag in der Bundesstadt, und am 20. gehts weiter Richtung Wallis mit dem zweiten Schweizer Etappenziel in Finhaut-Emosson. In Anbetracht des gewaltigen Publikumsinteresses – rund 20 Millionen Menschen schauen das Rennen an der Strecke – reiben sich die Touristiker bereits die Hände. In einem Bericht für das «Velojournal», in dem ich mit Jürg Schmid über das Thema gesprochen habe, frohlockt der Schweiz-Tourismus-Direktor: Im Windschatten der Tour soll dem Milliardenpublikum – insbesondere den Hobby-Rennradfahrern – die Schönheit der Schweizer Landschaft und der Alpenpässe nähergebracht werden.

Das ist schön und gut. Aber: 2014 hat Schmid mit derselben Inbrunst eine andere Grand Tour lanciert. Sie ahnen es: Schmids Grand Tour soll die Schönheit der Schweizer Landschaft und der Alpenpässe den Auto- und Motorradfahrern näherbringen. Wie unschwer zu erraten ist, entsteht daraus ein Zielkonflikt. Denn es macht definitiv keinen Spass, in einer Kolonne von landschaftsabgelenkten Auto- und Töfffahrern mit dem Velo einen Pass hochzukraxeln. Wie sich das anfühlt, lässt sich an der Tour de France ausprobieren. Dass heutige Radrennen auch Auto- und Töffrennen sind, davon handelte ja schon mein Blog-Beitrag zur Tour de Suisse.

Ganz easy, ohne Lärm und Gestank

Ich persönlich ziehe es deshalb vor, im Rahmen von Simon Bischofs «Freipass» einen der grossen Alpenpässe zu erstrampeln, wenn er frei ist von motorisiertem Verkehr. Ganz easy, ohne Lärm und Gestank. Tourismus-Direktor Jürg Schmid übrigens findet Bischofs Engagement «sympathisch». Von Schweiz Tourismus offiziell unterstützt wird der Verein aber nicht. Nach gutschweizerischem Kompromiss müssen die Steuergelder offenbar auf alle Verkehrsträger verteilt werden – ganz egal, was letztlich dabei herauskommt.

Übrigens: Es gibt sie aber tatsächlich, die Veranstaltung, an der Radfahrer und Motorisierte ein friedliches Nebeneinander zelebrieren. Sie wird jährlich auf der offenen Rennbahn in Oerlikon durchgeführt, nennt sich «Präsentation historischer Rennfahrzeuge» und findet das nächste Mal am 26. Juli statt (Verschiebedatum 28. Juli). Aber selbst dort kreisen die Autos und Motorräder nicht gleichzeitig mit den Bahnradfahrern. Es wäre zu gefährlich.

2 Kommentare zu «Charmeoffensive an der Tour de France»

  • Frank R. sagt:

    Faszination Tour de France! Treffender und packender hätte ich die Begeisterung für diesen epischen Sportevent nicht formulieren können. Umso genialer finde ich es, diese Tour mit einem guten Krimi zu vergleichen. Wenn man so darüber nachdenkt, dann stimmt es zu 100% überein.
    Erst im Rennrad-Magazin TOUR im Tour-de-France-Special (28 Seiten lang) ein klasse Bericht über die deutschen Sprinter Kittel, Greipel und Cavedish gelesen. Das ständige Informieren während der Tour ist für mich irgendwie Pflicht! Daten, Analysen und Interviews faszinieren mich jedes Mal, da war es Pflicht diese Ausgabe zu erwerben. Auch spannend und sehr informativ ist der Artikel hier: https://www.bikeexchange.de/blog/tour-de-france-guide Für jeden Fan was dabei! Sehr lesenswert.
    Grüße vom Fahrrad-Frank!

  • Patrick Sercu sagt:

    Wenn ich mich nicht schwer täusche, dann bin ich mir fast sicher, dass ich in Oerlikon schon Motor- und Radfahrer gleichzeitig kreisen sah. Das nannte sich dann glaub ich ein Steherrennen.

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