Der Berg, der mich zum Narren hielt

Diese Woche von Schwarzenberg aufs Mittaggüpfi mit Abstieg ins Eigental (LU)


Eines strahlenden Sommermorgens stieg ich in Schwarzenberg, einem Dorf oberhalb von Malters, aus dem Bus. Ich nahm ein paar Züge Champagnerluft, und dann zog ich los, dem Stäfeli entgegen; so heisst die Alpwirtschaft zwei Gehstunden entfernt. Sie ist sozusagen das Basislager der Mittaggüpfi-Besteiger. Und aufs Mittaggüpfi wollte ich.

Stetig gewann ich Höhe, ein langes Stück verlief auf Hartbelag, ansonsten viel Natur: Wollgras-Teppiche und Knabenkraut, sumpfig der Boden.

Ich ass ein Hufeisen

Kurz vor dem Stäfeli ereignete sich etwas, was man vielleicht mythologisch erklären kann. Berge galten die längste Zeit als Sitz der Götter. Und diese sind bekanntlich launisch. Jedenfalls begann sich der Berg meines Begehrens, das Mittaggüpfi eben, vor meinen Augen in Dunst zu hüllen.

Ich nahm in der Alpwirtschaft Platz und trank einen Kafi. Dazu ass ich mein Hufeisen, jenes süsse Gebäckstück, das ich im Luzerner Bahnhof beim Bachmann gekauft hatte. Confiture hält die Laune stabil, so ist das bei mir.

Im Nebel, der sich ausgebreitet hatte, ging ich weiter und erkannte anhand des Wetterdienstes auf meinem Handy, dass der Rest der Schweiz Sonne hatte. Im Wald kam der Abzweiger in ein feuchtes, verkrautetes, brutal steiles Hangstück; der Aufstieg begann. Kehre um Kehre arbeitete ich mich aufwärts, die Stöcke zur Hand. Der Wald blieb irgendwann zurück, die Steilheit nahm eher noch zu, der Weg wurde geröllig. Glitschig war er auch. Eine Frau kam mir rutschend von oben entgegen, sie sagte, sie kehre um, mit ihren Turnschuhen sei ihr das zu gefährlich.

Endlich sah ich im Grau das Gipfelkreuz. Oben war ich nicht allein. Ein paar schweigsame Männer sassen da, zudringliche Dohlen umkreisten sie. Ich setzte mich dazu, genoss das Schauspiel des treibenden Nebels, zwischendurch riss er auf, und wir sahen weit ins Mittelland hinaus und erblickten Richtung Alpen schneebedeckte Gipfel. War der eine das Brienzer Rothorn? Schwupp, schon zog sich der Vorhang wieder zu.

Untoter Jesusrichter

Der Abstieg war leichter, ruppig zwar ebenfalls, aber nicht ganz so stotzig. Weiter unten beschloss ich, nicht in die Mulde der Oberalp zu halten, sondern weiter nördlich an der Kante zu gehen, wo die Alp durch eine fast senkrechte hohe Wand aus erodierendem Gestein begrenzt ist. Der Pfad durch die Alpenrosenbüsche verlief nah am Abgrund, tief unten sah ich den obersten Teil des Eigentals. Zur Rechten wusste ich im moorigen Alpboden die Wanne des versumpften Pilatusseeleins; im Mittelalter glaubten sie, dass im Seelein der untote Jesusrichter Pilatus hause; man durfte auf keinen Fall Steine ins Wasser werfen, sonst drohte ein Unwetter.

Abwärts, abwärts, abwärts ging es mit mir, der letzte Teil in Form eines Kehrenweges durch den Schwändeliwald. Die Sonne kam mit Macht zurück, schwitzend und durstig langte ich im Eigental an. Der Rest war Auslaufen, genussvoll, abgesehen von einigem Hartbelag.

In der Alpwirtschaft Unterlauelen hätte ich einkehren können. Aber ich hielt durch bis zum Schluss. Auf der Terrasse des Eigenthalerhofs gönnte ich mir, während ich auf den Bus nach Luzern wartete, ein Bier. Ich blickte hinauf zum Mittaggüpfi – da war nicht der geringste Nebelfetzen. «Oh du mein Götterberg», dachte ich, «du hast mich heute zum Narren gehalten!»

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Route: Schwarzenberg, Rössli (Bus ab Bahnhof Malters) – Bömmerebrugg – Wassermoos – Schwändi – Unterstäfeli (Wirtschaft Stäfeli) – Mittaggüpfi – Goldwang – Schwändeliwald – Unterlauelen (Wirtschaft) – Eigenthalerhof (Bus nach Luzern).

Wanderzeit: 6½ Stunden. Die Route ist nicht kürzbar, wenn man mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs ist.

Höhendifferenz: 1280 Meter auf-, 1090 abwärts.

Wanderkarte: 235 T Rotkreuz und 245 T Stans, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Direkter Bus vom Eigental (Haltestelle vor dem Eigenthalerhof) nach Luzern.

Charakter: Happig und stotzig, nicht ganz ungefährlich, eine echte Bergwanderung, die gute Schuhe und Kondition braucht. Sehr schön sind die zwei Alpwirtschaften platziert. Einiger Hartbelag am Anfang und am Ende.

Höhepunkte: Die Einkehr im Stäfeli, bevor es richtig an den Berg geht. Die schlau angelegten Wege in den gerölligen Halden am Mittaggüpfi. Die Ankunft beim Gipfelkreuz. Der wunderbare Tiefblick weiter unten hart an der Kante zum Eigental.

Kinder: Ab einem gewissen Alter möglich. Auf den gefährlichen Stellen muss man sie beaufsichtigen!

Hund: Machbar, wenn der Vierbeiner fit ist.

Einkehr: Alpwirtschaft Stäfeli (Karte: Unterstäfeli) exakt zwei Stunden nach dem Start. Ruhetag Di, Mi ab 12, andere Tage ab 9 Uhr. – Alpwirtschaft Unterlauelen gut eine Stunde vor Wanderschluss. Mo, Di Ruhetag. – Eigenthalerhof ganz zum Schluss. Schöne Terrasse. Mo, Di Ruhetag (Bushaltestelle vor dem Haus).

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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7 Kommentare zu «Der Berg, der mich zum Narren hielt»

  • Jens Hafner sagt:

    Erstaunliches Foto Nummer 1. Ich hätte nicht gedacht, dass es noch so eine spezielle Abfolge kegelförmiger Hügel mit sperarierten Bäumen gibt, wie ich sie von Menzingen her kenne (Hügel um Lindenberg und Winzwilen zwischen Hirzelpass und Menzingen) und die an keltische Kultplätze erinnern.

  • Stefan sagt:

    Das Mittaggüpfli ist einfach herrlich!
    Meine Wanderung führte mich vom Eigenthal hoch zum „Güpfi“ und dann über den Gratweg zum Pilatus. Sehr zu empfehlen!
    Das Beste: man muss nicht mehr steil bergab. Und als Start und Ziel eignet sich Luzern perfekt.

  • gabi sagt:

    Alternativer Abstieg: Vom Mittagsgüpfi weiter in die Tripoli-Hütte (Richtung Glaubenbergpass), dann runter nach Alpnach. Dieser Weg ist zwar etwas länger, aber dafür nicht ganz so steil.

  • Nicola sagt:

    Empfehlung anstelle Süsses mitzunehmen:
    Hausgemachter Lebkuchen mit viel Rahm im Stäfeli geniessen

  • Meyerhans sagt:

    Das Pilatusseeli ist nicht schon längst verlandet, sondern als Moorseeli sichtbar – ein idyllisches Plätzchen. Allerdings muss man wissen wo, denn es liegt nicht am Weg.

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