Leben


Das Fähnlein hat eine Fahne

Thomas Widmer am Donnerstag den 23. Dezember 2010

Diese Woche in der Sihlgegend (ZH/ZG)

Während ich diese Kolumne schreibe, ist mein Kopf noch voll von den Eindrücken des letzten Samstags. Die Wanderung meiner privaten Gehgruppe «Fähnlein Fieselschweif» kulminierte im Weihnachtsessen. Es war ein gefüllter und erfüllter Tag, wo beginnen, was zuerst erzählen?

Nehmen wir doch das Ende an den Anfang. Nachdem wir an der winterlichen Sihl in der «Sihlmatt» Fondue gegessen hatten, stiegen wir in knapp anderthalb Stunden hinauf nach Menzingen. Es war schon dunkel, aber gleichzeitig war es hell, denn ein fast voller Mond schien auf die schneeweissen Wiesen und Hänge. Und die paar Bauernhöfe, an denen wir vorbeikamen, hatten hell erleuchtete Fenster, die von ferne aussahen wie im Adventskalender.

Umgeben von malerischer Landschaft

Begonnen hatte alles Stunden früher. Pflotsch in der Farbe von Kandiszucker bedeckte den Platz vor dem Bahnhof Wädenswil. Der Bus Richtung Horgen trug uns höher. In Herrlisberg stiegen wir aus. Hier beginnt man gern eine Wanderung: Man hat im Rücken den bleigrauen Zürichsee. Man hat zur Linken die Waldkappe des Etzel und geradeaus den dunklen Querriegel des Höhronen. Und man hat unmittelbar vor sich das Land zur Sihl hin, Bauernterrain mit immer wieder einem Weiler oder einem Dorf.

Nun zogen wir los, 12 Leute plus der kleine Hund Emil, dem man an jenen Stellen, wo der Weg nicht auf einem vereisten Strässchen verlief, sondern durch den Pulverschnee, eine Taucherausrüstung gegönnt hätte. Wie das so ist mit Gruppen, verlief sich immer wieder mal eine Fraktion, die geredet hatte, statt auf die gelben Wegmarken zu achten; man rief auf mein Handy an, erkundigte sich nach der richtigen Route, fand zurück zum Hauptharst.

Das einsame Grab

In Schönenberg nahmen wir, nein, nicht die Direttissima hinab zum Suenersteg über die Sihl, an deren Zuger Ufer unsere Wirtschaft wartete. Wir wählten den Umweg über den Teufenbachweiher, bogen also, von unten kommend, bei der Kirche zuoberst im Dorf nicht rechts ab, sondern links. A propos Kirche: Dort faszinierte mich draussen im Hof das einsame Grab eines jungen Mannes. Er fiel im Sonderbundskrieg, 1847, im Gefecht bei Meierskappel im Luzernischen.

Einige Zeit später der Teufenbachweiher in seiner abgelegenen Senke, das Wasser überzogen von einer dicken Eisdecke. Und wiederum einige Zeit später, nach dem Weiler Haslaub, langten wir an der Sihl an und begleiteten sie auf gut zwei Kilometern. Jeder Felsblock in ihrem Bett trug ein Schneehäubchen wie aus einem gigantischen Kisagbläser.

Einkehr in der Fonduebeiz

Über den Suenersteg und gleich wieder rechts, nun waren wir angekommen. Bisher kannte ich die «Sihlmatt» nur von Sommerwanderungen, man isst dann im Garten Fisch. Im Winter ist das Holzhäuschen eine Fonduebeiz. Was mir besonders gefiel – abgesehen vom kräftigen Fondue: Wir gerieten nicht in eine Festhütte, in der Massen abgefertigt werden. Vielmehr waren wir nachmittags um drei in der Stube aus Holz praktisch allein. Umso mehr machte es Spass, beim Käse zuzulangen und auch ein paar Flaschen Wein zu trinken.

Als wir aus dem Lokal kamen, beschnüffelte ich meinen Pullover: Er roch nach Fondue. Ich selber roch auch nach Fondue. Und nach Wein. Bei den anderen war es ebenso. Das Fähnlein hatte letzten Samstag also eine Fahne. Wie die Weihnachtswanderung endete, liebe Leser, das habe ich am Anfang der Kolumne ja bereits erzählt. Und deshalb habe ich nun Raum, Ihnen schöne Festtage zu wünschen.

Infos:

Route: Herrlisberg (Bus von Wädenswil) – St. Anna-Kapelle – Schönenberg – Teufenbachweiher – Haslaub – Sihluferweg – Suenersteg – Sihlmatt – Menzingen.

Dauer: Ohne Schnee 3 1/2, mit Schnee 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: circa 350 Meter aufwärts und 150 abwärts.

Charakter: Sehr abwechslungsreich. Anstrengend bei Schnee.

Höhepunkte: Der Rückblick auf den Zürichsee. Die Stille des Teufenbachweihers und der winterlichen Sihl. Das Fondue.

Einkehr: «Sihlmatt». Die Fonduesaison dauert bis Ende Januar. Geöffnet FR, SA, SO. www.sihlmatt.ch

Sicherheit: Nicht allein wandern! Wenn man im Dunkeln von der Sihlmatt nach Menzingen aufsteigt, das Strässchen nehmen und nicht den Fussweg.

Karte: 1: 25 000, Blätter 1112, 1131, 1132.

Neuerung: Nächstes Jahr erscheint die Wanderkolumne jeweils Freitags.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch. Wanderblog auf widmerwandertweiter.blogspot.com

1 Kommentar zu „Das Fähnlein hat eine Fahne“

  1. Hans sagt:

    Mir lacht das Herz. Danke! Wie immer sehr “anmächelig” beschrieben und gut bebildert. Kompliment!

    Auch euch Allen ein erholsame und schöne Tage, gut Rutsch u. alles Gute im 2011!

    Im 2011 gebt bitte jeweils die GPS-Daten aller Stationen bekannt – ist leichter zu finden, danke.

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