Die Sache ist gegessen

Der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen.

Muskelberg, der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen . Yann Cherix im Training bei Personal Trainer Sara Steinmann im my Gym. 21.10.2015 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas & Thomas Egli)

Das Trauma der letzten Woche ist einigermassen verarbeitet. Foto: Urs Jaudas, Thomas Egli

Jetzt bin ich auch noch auf Diät. Folgt bald meine erste Yogastunde? Ende ich gar noch bei Aeschbacher als sehniger Asket, der sein lasterhaftes erstes Leben in Bäckereien und Bars beichtet? So weit darf es nicht kommen. Ich sage nur: 14,81 Prozent Fettanteil. Ich wiederhole: 14,81 Prozent. Das liegt auf dieser Skala im Abschnitt «Fitness». Ab 12 ist man ein Spitzensportler. Zugegeben: Meine (wenigen) Fettzellen haben einen starken Drang zur Mitte. Aber brauche ich darum zur ganzen Schinderei im My Gym wirklich zusätzlich auch noch ein Ernährungsprogramm?

Mein Personal Coach ist der dezidierten Meinung, dass ich unbedingt qualitativ hochwertigere Nährstoffe zu mir nehmen müsse. Fitness, meint Sara Steinmann, habe auch ganz viel mit richtigem Essverhalten zu tun. Steinmann hatte das Protokoll meiner Nahrungsmittelaufnahme zuvor studiert. Eine Woche lang hatte ich alles aufgeschrieben: vom Appenzeller Biberli über den Zvieri bis zu den Daiquiris tief in der Samstagnacht. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mir ernsthaft Gedanken darüber gemacht, was ich zu mir nehme. Eine interessante Erfahrung – die aber zu einer schockierenden Erkenntnis führen sollte.

Im Schaufenster

Ich hatte soeben eine meiner mittäglichen Sessions hinter mir und war mit mir und meiner Leistung nicht unzufrieden. Durfte ich doch erstmals mit einer blauen Kettlebell spielen. Zwölf Kilogramm. Das rosafarbene, acht Kilogramm leichte Trauma von letzter Woche war somit einigermassen verar­beitet. Und nach drei Wochen Fitness spürte ich erste Veränderungen. Ich erwischte mich dabei, wie ich im Vorbeigehen in einem spiegelnden Schaufenster meinen Bizeps betrachtete.

In diesem aufgeräumten Zustand der Stärke checkte ich auf meinem Handy meine Mailbox. Coach Sara Steinmann hatte mir Anweisungen zum besseren Essen geschickt. Als ich fertig gelesen hatte, liess ich baff meinen soeben noch kräftigen Arm sinken. Was hatte ich mir da bloss eingebrockt?

Diese E-Mail wollte mein Leben umkrempeln! Diese E-Mail wollte mir doch tatsächlich mein Biberli verbieten. Alkohol konnte ich ganz vergessen. Gar zum Gipfeli sollte ich nicht mehr greifen dürfen. Dabei ass ich fast ausschliesslich diese Vollkorndinger von Beck Känzig, der zweimal die Woche auf dem Helvetiaplatz seinen Stand aufstellt.

Ein Tag, eine Ausnahme

Ich las, dass Brote böse Kohlenhydrate seien. Ebenso Pasta. Alles böse. Künftig sollte ich zudem auf Kaffee am Nach­mittag verzichten. Dabei kann ich meine tägliche, leider genetisch bedingte Schwächephase zwischen drei und vier nur mit Koffein meistern.

Nach dem ersten Schock folgte ein Gefühl der Verärgerung. Es war, als wäre jemand in mein Haus eingedrungen und hätte meine Vorratskammer leergeräumt. Nun stand ich da: hungrig, mit der Aussicht auf viele Quinoa-Küchlein und Pouletbrüstchen ohne Sauce. Auch Steinmanns Vorschlag, einen sogenannten Cheat-Day einzubauen, vermochte mich nicht zu besänftigen. An einem Tag in der Woche dürfe ich mir etwas gönnen: einen Teller Pasta oder ein Glas Wein – oder ein Biberli. Oder, nicht und.

Weshalb sollte ich mir das antun? All diese Regeln, diese ganzen Lustlimiten. Steinmann hatte eine einfache Antwort darauf: «Dass du mal siehst, wies ist, ohne diesen ganzen Zucker, ohne diese vielen schlechten Kohlenhydrate.»

Sie wusste, es war ein schlagendes ­Argument.

Outdoor Cherix* Yann Cherix, Teamleiter «Züritipp», mag jegliche Art von Ballsportarten, Tschutten ist ihm die liebste. Ein Fitnesscenter hat er aber noch nie von innen gesehen. Mit 38 Jahren realisiert er nun, dass er ziemlich ausser Form ist.

18 Kommentare zu «Die Sache ist gegessen»

  • Hasler sagt:

    Ich finde diese Blog-Serie witzig und unterhaltsam.

    Nur: „Ab 12 (BMI) ist man ein Spitzensportler“. So en Chabis. Bloss weil Spitzensportler im Ausdauerbereich einen so tiefen BMI haben (aber jetzt sicher nicht Gewichtheber oder so was) macht ein Tifer BMI keinen Spitzensportler.
    Magersüchtige lassen grüssen!

  • Dieter Neth sagt:

    Und das zur Vor-Vor-Weihnachtszeit!Zum Glück würde mir meine Frau niemals eine persönliche Trainerin erlauben.Beim Essen hört der Spass aber definitiv auf.Schönes, gutes kalorienreiches mexikanisches Essen und gute Schweizer Desserts und Süssigkeiten!Mein BMI ist bei 25.5 und ich hab meiner Lebtag noch nie eine Diät oder eine Sportroutine gemacht.Hab nicht mal eine Trainerhose, auch keine Badehose und keine Turnschuhe.Flog alles raus als ich die RS fertig hatte. Ich hab ein absolutes Sporttrauma,Turnen war nicht nur wegen meiner mangelnden Klimmzug-Fähigkeiten der absolute Schulhorror.Aber besser als Archimedes die Welt aus den Angeln heben statt
    als Herkules beim Augias den Stall ausmisten.

  • Rotor sagt:

    Leider sagen die Ernährungsberater leider nicht, womit man denn Brot, Pasta und Reis ersetzen soll. Wenn man das Nahrungsangebot und -aufbereitung im Supermarkt anschaut, stellt man nämlich fest: Das geht gar nicht. Nein, ewigs Wiese und Pouletbrüstli zu essen ist eine ganz schlechte Option.

    • Hannes Müller sagt:

      CaloryGuard runterladen und anwenden, der Rest erklärt sich auf die Dauer von selbst

  • Luise sagt:

    Das geht vorbei, wie alles im Leben. Das tolle Gefühl, gut auszusehen hält nicht für immer und ewig an und mann gönnt sich wieder ein Gipfeli und ein, oder zwei Gläser Wein. Disziplin ist aber eine gute Erfahrung. Mit der Zeit zeigt sich ein Weg, bei dem man weniger leidet und trotzdem noch gut aussieht.

  • Hanspeter Müller sagt:

    Köstlich, danke für diesen Bericht. Wie schon meine Grossmutter sagte: „Schönheit muss leiden“. Aber erlauben Sie die einfache Frage: Würden Sie für eine Geburt auch zum Metzger gehen? Oder zum Haarschneiden zum Gärtner?

  • Alex sagt:

    Ist keine Crash-Diät o.ä. Geht in Richtung Paläo-Ernährung. Kurz: Auf jegliches zu verzichten/reduzieren, was erst durch die Sesshaftigkeit des Menschen möglich wurde: Getreide (in jeder Form)/ Milchverarbeitung (u.a. Käse)/ raffiniertes wie z.B. Zucker/ polierter Reis/ etc.
    Der Mensch ist evolutionsbedingt nicht an solches Essen gewöhnt, zumal die Produktionsweise immer weiter „getunt“ wurde um eine noch grössere Ausbeute zu haben. Ein Beispiel: die Milchleistung einer heutigen Milchkuh ist 3mal (!) höher als noch 1950.
    Link: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/153061/umfrage/durchschnittlicher-milchertrag-je-kuh-in-deutschland-seit-2000/

    • Christoph Stoffer sagt:

      Glauben Sie die Tomaten, Karotten, Salat oder Broccli die Sie essen sind nicht getunt? Das ganze nennt sich züchten und trifft auf Pflanzen genauso wie auf Ihre Milchkühe zu.
      Am Übergewicht ist vor allem Zucker schuld. Die Ursache liegt in der Biochemie. Es spielt nicht nur eine Rolle wie viel man isst, sondern was. 100 Kalorien als Zucker haben eine völlig andere Wirkung als 100 Kalorien in Form von Protein.

      Eine Studie hat gezeigt, dass Personen die vor dem Essen gezuckerte Softdrinks trinken mehr essen, also solche, die das nicht tun. Deshalb wird man dick durch gezuckerte Getränke. Man hat Hunger, weil das Gehirn meint man sei hungrig.

    • Fehr sagt:

      Lieber Alex, wer sagt denn, dass die sog. Paläo-Ernährung die richtige wäre? Meines Wissens wurden die Leute damals knapp 20 Jahre alt und nicht wie heute 80+. Da konnten Mangelerscheinungen kaum auftreten …

      • Etienne Brentovski sagt:

        Wer in der Steinzeit die ersten Jahre überstanden hatte und später keinen schlimmen Unfall hatte oder erschlagen wurde, hatte durchaus ein Lebenserwartung von 60 – 70 Jahren.
        Dies können sie gerne bei den heute noch existierenden Naturvölkern nachprüfen.

  • Christoph Bögli sagt:

    Tja, da hat wohl jemand ohne wirkliche Grundlage ein paar beliebige Ernährungsmythen zur absoluten Wahrheit erhoben und zwingt sie nun ihren Kunden auf. Die können einem entsprechend nur leid tun, denn praktisch alles davon hört sich nach ziemlichen Unsinn an.
    Gute und ausgewogene Ernährung ist wichtig, gerade wenns um Fitness oder Abnehmen geht. Willkürliche Verbote sind trotzdem ein Unding. Alleine Konzepte von „bösen“ und „guten“ Kohlenhydraten sind ziemlich absurd, erst recht, Kohlenhydrate als solches zu verdammen. Denn die sind keineswegs ein Problem wenn diese massvoll konsumiert und hinterher beim Sport eingesetzt werden. Und was für eine wirre Logik steht hinter der Kaffee-Regel?

    • Christoph Stoffer sagt:

      Herr Bögli, die Einteilung in Protein, Fett und Kohlenhydrate ist ein relikt und Ernährungstechnisch Unsinn. Und ja, es gibt sehr wohl schlechte und gute Kohlenhydrate. Alkohol zum Beispiel ist ein Kohlenhydrat. Ebenso Zucker. Wobei bei Zucker das ganze bisschen komplizierter wird. Zucker besteht zur Hälfte aus Glukose (gut) und Fruktose (schlecht!!!). Pasta, Brot, etc. besteht aus langkettigen Molekülen (Polymer) von Glukose, allgemein als Stärke bekannt. So gesehen ist je nach Ernährungsziel auch kein Problem. Im Gegensatz zu Zucker. Glukose in Form von Stärke hat eine völlig andere Insulin-Reaktion als reine Glukose (im Volksmund Traubenzucker genannt). All das spielt eine Rolle.

      • Christoph Bögli sagt:

        Das ist mir schon bewusst, Herr Stoffer, mit einer solchen Einteilung, wissenschaftlich fundiert begründet, könnte ich auch leben. Die Trainerin hat dem Blogschreiber aber Brot und Pasta als angeblich „böse“ Kohlenhydrate verboten. Und was macht nun einmal beim besten Willen nicht sonderlich viel Sinn. Diese Kohlenhydrate werden eben zu Glucose abgebaut und sind damit völlig unproblematisch, zumindest sofern man nicht riesige Mengen davon verzehrt.

  • Markus sagt:

    Hat die Trainerin gesagt, weshalb am Nachmittag keinen Kaffe mehr?

    Gruss Markus, Triathlet mit <10% Körperfett und frischem knusprigem Brötchen in der Hand, der die Energie zu 60% über Kohlenhydrate zu sich nimmt und ein wenig Mitleid mit den LowCarb-Leute hat ;-)

    • Patrick sagt:

      Muss eine neue Religion sein.

    • Hotel Papa sagt:

      So ist es halt. Brennstoffe zu konsumieren, kann sich leisten, wer sie auch verbrennt. Aber die ganzen hochdichten Lebensmittel die uns heute wie im Schlaraffenland zur Verfügung stehen in Kombination mit einer weitgehend sitzenden Lebensweise, das muss zu Problemen führen.

    • stefan sagt:

      daaaaanke markus für den wink herrlich….

  • Veronica sagt:

    Crash-Diäten sind nicht gesund.

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