Rosafarbene Erniedrigung

Der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen.

«Schwerpunkt ist seine Mobility», sagt Trainerin Sara Steinmann. Video: Lea Koch

Rosa! Musste es denn wirklich ausgerechnet ein Zartrosa sein? Coach Sara Steinmann war zu den auf dem Boden liegenden Gewichten gegangen, hatte die grossen schwarzen links liegen gelassen und mir jene zugewiesen, die sich ganz rechts der Reihe befunden hatten. Rosa stand für acht Kilo. Rosa stand für Schwächling.

Falls mein Selbstvertrauen nach den ernüchternden Tests von letzter Woche gelitten hatte, wurde es jetzt zerstört. Nicht nur musste ich bei meiner aller­ersten Functional-Training-Stunde mit Mädchenhanteln arbeiten, ich stellte mich bei den simpelsten Übungen auch noch ziemlich begriffsstutzig an. Es ist erstaunlich, wie viel man beim ein­fachen Heben einer sogenannten Kettlebell falsch machen kann. «Ich will keinen runden Rücken von dir sehen», sagte Sara streng. Also bog ich brav meinen Rücken durch, stand hüftbreit da, drehte die Knie leicht nach aussen und streckte den Hintern wie befohlen heraus. Jetzt war ich auch noch ein Entchen. Wo wird das noch enden?

Nur unter äffischem Ächzen

Dann machte ich Bekanntschaft mit der Langhantel. Sie und ich hatten einen schwierigen Start. Ich sollte den langen Stab –

war ja klar: mit kaum Gewicht dran – hängen lassen, um ihn dann langsam zum Bauchnabel hin emporzuziehen. «Barbell Bent over Row» heisst diese Übung. Sollte es dafür eine ewige Bestenliste geben, müsste man mich wohl ganz unten eintragen.

Muskelberg, der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen . Yann Cherix im Training bei Personal Trainer Sara Steinmann im my Gym. 21.10.2015 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas & Thomas Egli)

Yann Cherix beim Training im My Gym. Foto: Urs Jaudas, Thomas Egli.

Ich sah vor meinem inneren Auge Menschen in den Fitnesscentern dieser Welt zügig und dynamisch an der Langhantel ziehen. Sie lächelten und wurden mit jedem Zug jünger und attraktiver. Ich hingegen haderte – und blieb der Alte. Die Körperhaltung, die Coach Sara wollte, kriegte ich nur unter äffischem Ächzen hin. Steif stand ich da, Muskelpartien im hinteren Oberschenkel, von deren Existenz ich bisher keine Kenntnis hatte, fingen an zu vibrieren.

Mein Personal Coach erlöste mich und sagte: «Versuchen wir was anderes.» Sie führte mich ans andere Ende des My Gym und sprach von der vielleicht männlichsten Übung, die es aus ihrer Sicht gibt: Bench Press. Zu Deutsch: Bankdrücken. Sie wusste, wie sie mich aufmuntern konnte. Endlich etwas für mein Selbstbewusstsein! Dass sie noch etwas zusätzliches Gewicht anlegte, fasste ich als Vertrauensbeweis auf. Ich drückte wie ein wild gewordener Büffel die 30 Kilogramm in die Luft. Ich schnaufte laut und war danach bereit, über die anaerobe Schwelle zu treten.

Rüttlerei ins Vakuum

Diesen sauerstoffarmen Weg muss man gehen, um einen hohen Effekt bei der Entwicklung der Ausdauerleistungs­fähigkeit zu erhalten. Die Stimmung im Raum wurde nun hektisch, Sara trieb mich an. Fluchend stürzte ich mich in zehn Push-ups (zu Deutsch: Liegestützen), danach Squats (Kniebeugen), danach an die Rope (Seil). Bei der letzten Übung ging es darum, zwei dicke, lange Seile in eine konstante Wellenform zu schlagen. Ich rüttelte und rüttelte. Und irgendwann hatte ich, da war ich mir ­sicher, den anaeroben Bereich verlassen und mich in ein Vakuum begeben.

An diesem Abend fiel ich vollkommen erschöpft um 20 Uhr ins Bett. Ich dachte an den Onlinekommentar von User Dieter Neth, der das Anquälen ­einer kosmetisch wirksamen Ober­körpermuskulatur stark anzweifelte und vorschlug, einfach entsprechende Kleidung zu tragen. Vielleicht hat Dieter recht? Was war diese Quälerei wert? ­Sicher ist aber: Ich schlief in dieser Nacht selig ein.

Outdoor Cherix* Yann Cherix, Teamleiter «Züritipp», mag jegliche Art von Ballsportarten, Tschutten ist ihm die liebste. Ein Fitnesscenter hat er aber noch nie von innen gesehen. Mit 38 Jahren realisiert er nun, dass er ziemlich ausser Form ist.

11 Kommentare zu «Rosafarbene Erniedrigung»

  • Kirk sagt:

    Die Trainerin macht ihren Job doch ausgezeichnet! Denn wer klein anfängt und dafür die Grundlagen richtig erlernt und später auch nicht übermütig wird, der hat lange Freude am Sport und wird sich auch weniger verletzen.

    Ich Trainiere selber seit Jahren mit der Kettlebell und nehme sie auch mit in die Ferien (wenn man mit dem Auto geht)
    Die Kettlebell ersetzt leider je nach Ziel die Langhantel nicht vollständig, aber man kann damit sich super in Form halten.

  • Peter Meier sagt:

    „Ausser Form“ im wörtlichen Sinn kann man sicher nicht sagen, wenn man den Bildern glauben darf. Klar, Fitness bedeutet mehr, aber ein Gewichtsproblem gibt’s schon mal nicht.

    • Kirk sagt:

      Skinny-Fat sagt man Personen die Äußerlich schlank* sind, wenig Muskeln haben und kein Kondition.
      So gesehen sind die durchaus aus „Ausser Form“

      *Es gibt auch noch Organfett in der Bauchhöhle. Da muss man optisch nicht Dick sein um davon zuviel zu haben.

  • Gabriela sagt:

    Was die Kollegen im Kultur-Teil heute zum Thema Musikstudium geschrieben haben, gilt auch hier: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Daher: Drannebliibe, drannebliibe, drannebliibe! Es lohnt sich (optisch und fürs Erfolgsgefühl).

  • Isabelle sagt:

    Einerseits haben sie eine top durchtrainierte, kräftige und sehr sympathische Personaltrainerin an ihrer Seite. Andererseits schreiben sie trotzdem die beleidigende Phrase in ihr Bericht: „rosa Hantel gleich für Mädchen ergo für Schwächlinge.“
    „Wie ein Mädchen“ sollte heutzutage wirklich nicht mehr als abschätzige Bemerkung benutzt werden.
    Sehr schade. Ansonsten wünsche ich ihnen viel Spass und Durchhaltevermögen im Training!

    • Tina Balmer sagt:

      Yep, gehe mit meiner Vorrednerin einig, ziemlich arm, was sie da an Stereotypen zementieren. Bin ich jetzt wie ein Mann, weil ich garantiert mehr Gewicht als Sie stemmen kann (laut Ihnen also Männergewichte) und ist das dann irgendwie besser?
      Was garantiert anders wäre – ich tät nicht so rumheulen über das Programm. Bin ja kein Mann…

      • Christoph Bögli sagt:

        Ohje, jetzt machen Sie es doch nicht noch schlimmer. Mit jeder Frau, die hier ihre überlegene physische Stärke postuliert, schwinden doch eindeutig die Chancen, dass sie der Arme noch einmal in ein Fitnessstudio getraut!

        Aber mal ernsthaft, die Stereotypen basieren in diesem Fall auf der schlichten Tatsache, dass Männer im Durchschnitt über eine deutlich höhere Maximalkraft verfügen. Das diktiert nun einmal die Physiologie und ist darum auch nicht sexistisch oder abwertend. Ebenso sagt es auch nicht viel über den Einzelfall aus. Dass die Fitnesstrainerin mehr heben kann als ein untrainierter Schlaffi ist darum eine ebenso banale Tatsache. Bloss: Wenn sich der Schlaffi etwas am Riemen reissen würde dann könnte er in einem Jahr schon mehr auf der Bank drücken als seine Trainerin. So ungerecht das sein mag. Aber Biologie ist halt oft ziemlich fies..

    • Steve Johnson sagt:

      Humor, liebe Isabelle, ist etwas, was man sich nicht antrainieren kann.

    • Christoph sagt:

      „‚Wie ein Mädchen‘ sollte heutzutage wirklich nicht mehr als abschätzige Bemerkung benutzt werden“.

      Prinzipiell stimme ich da ja zu, aber man kann die Kirche auch im Dorf lassen und nicht alles gleich auf die Goldwaage legen.

      Die Trainerin hebt sicherlich mehr als er und das weiß er auch. Aber im Vergleich zu anderen Männern fühlt sich das eben genau so an, wie er es sagt. Und jeder der schon im Fitnessstudio oder beim Crossfit, etc. war weiß, dass der Großteil der Frauen eher die leichten Hanteln benutzt(benutzen muss), während die Männer im Schnitt ein paar KG mehr verwenden. Der Vergleich rosa=Mädchen=Schwächling(wenn man die kg als Mann benutzt) hat also eine gewisse Berechtigung.

  • Roland K. Moser sagt:

    aha?
    Und wie häufig die Woche trainieren Sie jetzt?

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