Gross oder Chli Aubrig, das ist hier die Frage

Diese Woche in den Schwyzer Voralpen

Klar, man kann beide Schwyzer Berge in einem Gang machen. Aber irgendwie finde ich es reizvoll, dass man sie einzeln besteigt und am Schluss erwägt: Welches Erlebnis war schöner? Der Gross Aubrig, 1695 Meter hoch, oder der 53 Meter niedrigere Chli Aubrig?

Und eigentlich gehört ja zu jedem der beiden Aubrige ein eigener Zugang und ein eigener See. Den Grossen besteigt man in der Regel vom Wägitalersee her. Und den kleinen vom hinteren Sihlsee her.

Der Weg zur langgezogenen Kante

Zuerst zum Gross Aubrig. Wir sehen ihn wunderbar vom Zürichsee unten, bevor der Zug an der Station Siebnen-Wangen hält; er füllt den Einschnitt des hinteren Wägitales aus wie ein sich in einen Torbogen stellender, diesen blockierender Pförtner. Die Busfahrt hinauf zum Wägitalersee ist dann ein Ereignis in sich: viele Kurven, Waldeinsamkeit, Staugewässer, ein Elektrizitätswerk.

Ein Tunnel. Und gleich danach die Haltestelle «Innerthal, Staumauer». Gleissende Sonne, auf einen Schlag sind wir mit den unglaublichsten Bergen konfrontiert. Und mit besagtem Wägitalersee, geschaffen vor gut 85 Jahren zwecks Stromgewinnung. Wir ziehen los, über die Staumauer, zum Punkt Schrä. Dort beginnt der Aufstieg, für den wie für den Rest der Wanderung und auch für den Chli Aubrig das Prädikat «ruppig» gilt. Durch einen Hohlweg geht es aufwärts, der bei Regen Bachbett spielt und mit lehmigem Geröll bedeckt ist.

Irgendwann sind wir bei der Bärlaui, haben gegenüber den markanten Grat des Eggstofel, bewältigen den letzten Teil des Aufstiegs einfachheitshalber in der Direttissima. Endlich der Gipfel mit dem Kreuz, eigentlich eher eine langgezogene Kante.

Eine Saftwanderung

Das Auge bekommt alles auf einmal: Hohe Berge von Säntis bis Berner Alpen am Horizont. Und in der Nähe Grosser und Kleiner Mythen, Fluebrig und Zindlenspitz und Mutteristock. Plus Sihlsee, Wägitalersee, Zürichsee, Greifensee, Pfäffikersee.

Haben wir uns sattgesehen, gehen wir der Kante entlang westwärts, steigen ab zum Punkt 1441, steigen weiter ab via Ahoreli und Dorlaui nach Vorderthal. Dort können wir einkehren und haben wieder den Bus hinab nach Siebnen-Wangen zur Verfügung. Es war eine Saftwanderung, wovon auch die verdreckten Schuhe zeugen.

Ähnlich aber knapp besser

Und nun der Chli Aubrig. Wenn ich ihm hier etwas weniger Raum gebe, dann nur, weil einiges von dem schon Gesagten für ihn auch gilt: gleiches schlammig-moorig-moosiges Terrain mit vielen Pilzen, gleiche Grobheit der Pfade, die ein Mindestmass an Trittsicherheit wollen, ebenfalls ein Gipfelkreuz und fast dieselbe Aussicht.

Der Weg zum Chli Aubrig beginnt in Euthal-Post, das wir auf schöner Fahrt dem Sihlsee entlang erreichen. Einige Zeit gehen wir nun vorerst dem Bach entlang eben taleinwärts. Dann das Chilentobel, an dessen Rand wir Höhe gewinnen; tief unten rauscht es höllisch. Am Gipfel braucht es dieselbe Vorsicht wie auf dem Gross Aubrig, weil auch dieser Berg gegen Norden abrupt abbricht. Nett schliesslich der Rückweg via Alp Egg hinab nach Willerzell.

Etwas freilich ist anders, etwas habe ich auf der Chli-Aubrig-Route speziell genossen; letztlich würde ich sie darum knapp vorziehen. 20 Minuten vor dem Gipfel gibt es auf der Alp Wildegg eine Familienwirtschaft mit Freiluftbänken. Man kann einkehren, das macht die Sache rund. Als wir Kaffee Schnaps bestellten, stellte uns die Frau gleich die Schnapsflasche auf den Tisch. Die Schwyzer sind ein grosszügiges Völklein – und sie setzen auf Selbstverantwortung.

Infos

Route Gross Aubrig:
Innerthal Staumauer (Bus) – Schrä – Bärlaui – Gipfel – Punkt 1441 – Ahoreli – Dorlaui – Vorderthal (Bus).
5 Stunden. 800 Meter auf-, 950 abwärts.

Route Chli Aubrig:
Euthal Post (Bus) – Chilentobel – Alp Wildegg – Gipfel – Alp Wildegg – Alp Egg – Willerzell (Bus).
5 Stunden. Je 750 Meter.

Charakter: Beide Routen wollen eine mittlere Anstrengung. Grobe Pfade, sehr feucht. Das kleine Stück Gross Aubrig Gipfel – Punkt 1441 ist besonders ruppig, Trittsicherheit nötig.

Höhepunkte: In beiden Fällen das Gipfelkreuz. Der Ausblick mit diversen Seen und allen Alpengipfeln. Die verwunschenen, vermoosten Wälder.

Einkehr: Unterwegs kann man nur auf der Route zum Chli Aubrig einkehren, auf der Alp Wildegg.

Beste Karte: Landeskarte 1: 50 000, 236T.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch

Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

2 Kommentare zu «Gross oder Chli Aubrig, das ist hier die Frage»

  • Roman Koch sagt:

    Spannend ist die Überschreitung Euthal – Chli Aubrig – Gross Aubrig – Innerthal, wenn man beim Gross Aubrig den alten Pfad über den Südwestgrat nimmt. Vom Nüssen über Pt. 1441 und Pt. 1514 zum Fuss des Gross Aubrig und den verblassten Markierungen entlang, durch Blöcke und lichten Föhrenwald, zum Vorgipfel 1687 und dann zum Gipfel. Nicht schwer (T3+), aber etwas rauh.

  • Werner Bösch sagt:

    Guten Tag Herr Widmer
    Guter und spannend zu lesender Beitrag Chli- und Gross Aubrig. Die beiden lassen sich gut im Duopack besteigen.
    Noch ein Detail zur Karte: Die Höhe von Euthal ist nicht 990 Meter, sondern „nur“ 890 Meter.
    Auch mal spannend wäre ein Bericht vom Sihlseeli, der Quelle der Sihl im hintersten Sihltal, ab Golfplatz Ochsenboden in gut 2 Stunden erreichbar. Jetzt besonders hübsch!
    Liebe Grüsse
    Werner Bösch, Einsiedeln

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