Auch die Schweiz hat ihre Pyramiden

Diese Woche von Veysonnaz nach Euseigne (VS)

Bereits ist diese Kolumne geschrieben, da bekomme ich die Vorabkopie eines neuen Wanderbuches zugeschickt. Ha, der Fritz hat ein neues Buch! Sein drittes. Und ha! Der Fritz hat meine Route auch gemacht. Freilich in umgekehrter Richtung, von Euseigne nach Veysonnaz.

Der Fritz? Fritz Hegi! Ein pensionierter Ingenieur aus Bern, 72-jährig. Ein topfitter Wanderer, dessen Routen ich auf seinem Blog verfolge. Zusammen unterwegs waren wir auch schon. Und was sein neues Buch angeht, «Mit Wanderfritz durch die Schweiz», so kann ich es nur empfehlen. Speziell jenen, die Routen zwischen zwei und vier Stunden Gehdauer suchen. Fritz ist ein Genussgeher.

Eine freundliche Leitung

Und damit ins Wallis. Unsere Wanderung beginnt an der Bushaltestelle Veysonnaz Station hoch über Sion – die Fahrt den Hang hinauf war atemberaubend. Die schlechte Nachricht: Veysonnaz, ein Ferienort, ist gruselig verbaut. Die gute Nachricht: Wir sind Veysonnaz nach fünf Minuten los.

Ein Wanderwegweiser zeigt den Grand Bisse de Vex an. Bisse oder Suone heissen die berühmten historischen Wasserleitungen des Wallis. Manche führen halsbrecherisch durch Felswände. Unser Bisse hingegen ist zahm, das Wasser gluckert praktisch geradeaus, der Begleitweg ist breit, und die Jogger grüssen freundlich. Wo die Lärchen und Fichten eine Lücke freigeben, sehen wir das Rhonetal und hohe Berge.

Im Café-Restaurant du Bisse gibt es Malakoff, jenes Käseschnittenderivat, das angeblich Schweizer Söldner aus dem Krimkrieg mitbrachten. Sie sollen damals in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor dem Fort Malakoff versucht haben, die heimatliche Käseschnitte in Öl nachzubacken. Das Resultat passte zum Krieg: eine Kalorienbombe.

Kurz auf einer unromantischen Strasse, dann durch Wiese und Wald erreichen wir Hérémence, ein Grossdorf mit einer sehr speziellen Kirche, die gegen Ende der 1960er-Jahre entstand. Exaltiert, expressiv, exzentrisch ist das sich türmende Geschachtel aus rohem Beton mit den kleinen Fenstern. «Brutalismus» heisst der Baustil.

Wir geraten auf schmalem Wiesenpfad wieder in den Wald, erreichen die Dixence, queren sie auf dem Pont de Letévèno. Euseigne ist dann nicht mehr weit, als irgendwann auf einem Nebensträsslein ein Punkt kommt mit einem Marienbild zur Linken und einem Spiegel für Autofahrer zur Rechten sowie einem Wegweiser «Chemin des Pyramides».

Bizarrerie im Gelände

Wir biegen links in den Chemin ein, es geht saftig abwärts, wir erreichen die Postautohaltestelle Pyramides d’Euseigne samt grossem Parkplatz – und voilà: Vor uns stehen im steilen Hang die berühmten Erdpyramiden. Scharfe Steinpfeiler, von denen manche neckische Kappen aus flachem Stein tragen.

Erdgeschichtlich ging das so: Vom einstigen Gletscher blieb eine steile, betonharte Mittelmoräne. Wasser, Wind, Erosion setzten ihr zu, sodass Teile abgetragen wurden. Dort, wo auf der Wand Steine sassen, blieb diese – es resultierten Pfeiler. Hat man mich verstanden? Ich hoffe es.

Vom Parkplatz steigen wir auf einem Weglein ab, stehen nun direkt vor den Pyramiden. Von ihnen wieder Abschied nehmen und ins nahe Euseigne hinüberziehen fällt nicht leicht. Die Pyramiden von Euseigne sind Bizarrerie im Gelände, Kappadokien in der Schweiz, geologische Erotik. Der Wanderfritz und der Wanderwidmer empfehlen den Besuch dringend.

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Route: Veysonnaz Station (Bus ab Bahnhof Sion) – Grand Bisse de Vex – Les Mayens de Sion – Les Mayens des Plans – Hérémence – Pont de Letévèno – Spiegel am Wanderweg/Schild Pyramidenweg: links einbiegen – Pyramiden-Parkplatz bei der Strasse – auf dem Weglein hinab zu den Pyramiden – Euseigne.

Wanderzeit: 3 ½ Stunden.

Höhendifferenz: 312 Meter auf-, 675 Meter abwärts.

Wanderkarte: 273 T Montana, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: von Euseigne mit dem Bus nach Sion.

Charakter: Herrliches Wallis. Zuerst horizontale Hangwanderung an einer historischen Wasserleitung, einem Bisse. Dann Besichtigung eines Naturwunders. Keine besonderen Gefahren, einzig die Weglein um die Pyramiden wollen etwas Trittsicherheit und Vorsicht.

Höhepunkte: Die atemberaubende Postautofahrt hinauf nach Veysonnaz. Der ingeniöse Bisse, die vielen Blicke auf die hohen Berge auf der anderen Seite des Rhonetals. Die wilde Betonkirche von Hérémence. Und natürlich die Pyramiden von Euseigne, an denen man sich nicht sattsehen kann.

Kinder: Gut machbar. Um die Pyramiden muss man Kinder aber im Auge behalten.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: In Veysonnaz. Das hübsche Café-Restaurant du Bisse einige Zeit nach Wanderbeginn (durchgehend geöffnet). In Hérémence. Und in Euseigne im ebenfalls hübschen Café-Restaurant du Relais (Mittwoch geschlossen).

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

Buch: Fritz Hegi, «Mit Wanderfritz durch die Schweiz. Die 50 schönsten Wanderungen». Weltbild-Verlag, 144 Seiten, 24.20 Franken.

9 Kommentare zu «Auch die Schweiz hat ihre Pyramiden»

  • Walliser sagt:

    In der Kirche von Hérémence waren sie aber nicht drin, oder? Schade, da haben Sie etwas verpasst. Von innen ist die Kirche wirklich etwas Besonderes… ;)

    • Thomas Widmer sagt:

      Lieber Walliser, ich gebe zu, ich war nicht drin. Reut mich jetzt grad.

  • hallo mitenand

    als walliser kann muss ich sagen: „als schweizer sollte man diese pyramiden einfach gesehen haben.“ jedesmal wenn wir zum bergsteigen in diese region gegangen sind, haben wir bei diesen pyramiden einen halt gemacht. sie sind wirklich einzigartig. hier im zentral- und unterwallis trifft man noch die alten urchigen walliser-dörfer an.
    ich wünsche allen viel spass bei dieser genussreichen wanderung.
    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Irene feldmann sagt:

    Auch betonmoränen genannt, sehr interessant , auch die Bilder wieder top-klasse!!!!!

  • Martin sagt:

    Interessant, aber die Bilder sehen aus wie mit einem Smartphone geschossen.

    • Thomas Widmer sagt:

      Lieber Martin, neinnein! Das war kein Smartphone, sondern meine altbewährte Lumix. Aber ich gebe gern zu, ein Hobbyfotograf zu sein.

  • Maria sagt:

    Schade kann man die Bilder nicht sehen. Wir wollen in den Ferien ins Wallis..aber danke für den Tipp

    • Thomas Widmer sagt:

      Das tut mir leid. Problem ist, bei mir geht es tadellos. Haben Sie ev. mit einem anderen Browser versucht? Viel Spass im Wallis!

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