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Im Eis hängen statt am Herd enden

Natascha Knecht am Mittwoch den 6. März 2013
Ines Papert

«Im Eis fühle ich mich wohl»: Ines Papert, hier im Argentière-Gletscher bei Chamonix. (Bild: Rainer Eder/Visual Impact)

Ines Papert – diese Frau ist stark. Nicht stark in Anführungszeichen. Sondern stark. Ihre Kraft und Energie sind in der Szene legendär. Wer mit der 39-jährigen Eiskletterkönigin auf Expedition geht, kommt geschlaucht zurück. Selbst ihre männlichen Teamkollegen müssen sich danach noch tagelang erholen.

Extrem-Bergsteigerin und Mutter

Ines Papert schlägt alles. Sechs Jahre nahm sie an Eiskletter-Wettkämpfen teil, wurde viermal Weltmeisterin, gewann 13 Einzelweltcups und dreimal den Gesamtweltcup. Ihren Sohn Emanuel, heute 13-jährig, hatte sie an den Wettkampfwochenenden immer dabei. Sie fand einen Weg, «eine gute Mutter zu sein und dennoch meiner Leidenschaft nachgehen zu können.»

2006 zog sich Papert vom Wettkampfklettern zurück und konzentriert sich seither auf Expeditionen in den abgelegensten Gegenden der Welt. Auf Fels- und Mixed-Routen, aber vor allem auf sehr schwierigen und furchterregend langen Eisfällen. Da fühle sie sich wohl. «Ich liebe die Vielfalt an meiner Leidenschaft. Ob beim Klettern oder Bergsteigen, ob im Eis oder Fels, beim Erschliessen eigener Routen in den hohen Bergen des Himalaja, aber auch beim Klettern vor der Haustür, an den heimischen Felsen – die Berge bedeuten mir beinahe alles», schreibt Papert in ihrem Buch «Vertikal».

Ines Papert

Erstbegehungen in Norwegen: Ines Papert. (Bild: Thomas Senf/Visual Impact)

Schlechtwetterfront und 1000 Meter Luft unter den Füssen

Das Höher, Schneller, Weiter interessiere sie nicht. «Vielmehr ist es der Stil einer Besteigung, der mich reizt.» Was sie will, ist mit leichtem Rucksack, im kleinen Team den Gipfel zügig erreichen. Am liebsten über die direkteste, steilste Linie. Egal wie anstrengend die Durchsteigung sein wird, wie tief die Temperaturen sinken.

Doch auch Papert gerät an Grenzen. «Die härteste Nacht meines Lebens» überlebte sie in Kirgistan. Dort wollte sie mit ihrem Team die 1200 Meter hohe, zum Teil vereiste Wand des Kyzyl Asker erstbesteigen. Nach abenteuerlicher Ankunft am Berg, einem wegen des Wetters abgebrochenen ersten Versuchs und zehn langen Schlechtwettertagen im Basislager stiegen sie erneut in die Wand ein. 17 Stunden kletterten sie am Stück, schafften es bis 200 Meter unter den Gipfel, biwakierten in der Vertikalen. Die Schlechtwetterfront kam einen Tag früher als angekündigt. Sie waren abgehenden Lawinen ausgesetzt, Temperaturen um minus 30 Grad und einem Kocher, der den Geist aufgab. «Alles Zeichen dafür, die Wand schleunigst zu verlassen.»

Ines Papert

Triumph und Scheitern in Kirigstan: Ines Papert. (Bild: Thomas Senf/Visual Impact)

Ihr Sohn bedeutet ihr mehr als die Berge

Scheitern tue zwar weh, sei aber kein Weltuntergang. «Dank meiner Hartnäckigkeit gebe ich nicht so schnell auf und versuche es, wenn es sein muss, wieder und wieder.» Zu kämpfen lernte Ines Papert schon in ihrer Kindheit und Jugend. Geboren und aufgewachsen ist sie in Ostdeutschland, «eingesperrt in der sowjetischen Besatzungszone der DDR».

Die Herausforderungen, denen sie sich in den Bergen als zielstrebiger Mensch stelle, geben ihr die nötige Balance für ihr Leben. «Auch für meine grösste Aufgabe. Jene als Mutter. Mein Sohn Emanuel bedeutet mir sehr viel mehr als die Berge.» Er bedeute alles für sie. Er gebe ihr die Kraft, die sie für ihre Ziele brauche, um mit den Höhen und Tiefen, die die Berge mit sich bringen, umgehen zu können. Manchmal nimmt sie «Manu» auf Expedition mit. Wenn das nicht geht, bleibt er bei den Grosseltern. Der Abschied falle ihr «furchtbar schwer», so Papert.

Dass sich nur wenige Leute – insbesondere Frauen – wagen, durch Eisfälle zu klettern, findet sie schade. In ihren Vorträgen versuche sie die Botschaft zu vermitteln, es sei unabhängig vom Schwierigkeitsgrad für jeden Menschen wichtig, seinen Vorlieben und Träumen nachzugehen – statt ihnen nachzuweinen. «Wer sich nicht wehrt, endet am Herd.»

Ines Paperts Rezept für «Backcountry Ice Cream»: 1 Liter (!) Baileys, 1 Liter Schlagrahm und jede Menge Pulverschnee langsam verrühren.

Ines Papert VertikalHinweis: Noch viel mehr über die Ausnahmekletterin gibts in ihrem neuen, wunderbar inspirierenden Bildband «Vertikal. Ines Papert in den steilsten Wänden der Welt». Texte von Johanna Stöckl. Atemberaubende Fotos und authentische, persönliche Berichte ohne nervige Superlative. 160 Seiten, 270 Bilder, 8 Karten. Delius Klasing Verlag. ISBN 978-3-7688-3521-3.

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25 Kommentare zu „Im Eis hängen statt am Herd enden“

  1. Hans Müller sagt:

    “Wer sich nicht wehrt, endet am Herd”…Bei allem Respekt vor den Leistungen von Frau Papert, den Spruch finde ich saublöd. Wenn ich wählen kann zwischen dem rastlosen rauf- und runterrennen von Eis- und anderen Wänden und dem Herd, dann ist der Herd für mich definitv das erstrebenswertere Ziel. Warum muss man sich eigentlich immer damit über andere erheben, indem man die anderen schlecht macht?

  2. Markus sagt:

    Ines ist wirklich unglaublich ! Die einzige Frau die im Eis- und Mixedklettern mit den männlichen Cracks auf Augenhöhe klettert. Früher vielleicht noch Daniela Jasper.

    Frau Knecht, wie sieht es bei ihnen aus mit Eisklettern ?

    • Lieber Markus

      Mir ist Eisklettern die liebste Disziplin aller alpinistischen Spielarten. Wenn es nächste Woche – hoffentlich! – kalt wird, werde ich wieder zwei Tage eisige Mehrseillängen-Routen klettern, aber natürlich nicht im Niveau von Ines Papert. Kanns trotzdem kaum erwarten …

      Lieber Gruss
      Natascha Knecht

      • Markus sagt:

        Wow !

        Nun bin ich beeindruckt, vor allem würde mich interessieren wohins noch zum Eisklettern geht? Ich hatte schon letztes Weekend das Problem dass das Eis nicht mehr am Fels war – selbst auf 1800m

        Viel Spass wünscht

        Markus

        • Letztes Wochenende war es ja auch sehr warm. Nun, mal abwarten wie das Eis nächste Woche wird. Wir gehen einfach dort, wo es gerade am besten ist … We will see.

          Ebenfalls viel Spass!

          Natascha

  3. Joachim Adamek sagt:

    Haben Sie das auch schon erlebt: Dass Sie sich nur schwer von einem Menschen losreissen können, weil Sie ganz klar spüren, dass dies ein Winner-Typ ist? Winner Typen haben etwas Magisches: Sie versprühen nicht nur eine Unmenge von Energie, sie springen geradezu von einem Erfolg zum nächsten.
    Wie sie das machen? Als ich den Beitrag über Ines Papert heute morgen im Outdoorblog las und anschliessend auf ihre Homepage ging, wurde mir das Muster wieder einmal klar: Weil Frau Papert die grossen Herausforderungen für ihr Leben gefunden hat (Berge & Familie), kann sie Grosses leisten. Sie gibt ihr Bestes dafür und bekommt im Gegenzug die Energie zurück, die es ihr gestattet, noch Grösseres zu leisten. — So einfach ist es ein Winner zu werden. Mein Tipp: Machen Sie sich die Engerie von Frau Papert zu eigen. Das können Sie, zweifellos.

  4. Aschi sagt:

    Wehren muss man sich so lange man lebt. Wie älter man wird wie wichtiger wird der Herd (Essen=Sex des Alters). Ein Titel und ein Leben die sich reimen: wünsche weiterhin viel Glück bei kalten Abenteuern.

  5. Paula sagt:

    Am Herd enden?! Was ist denn das für eine abschätzige, dumme, arrogante Bemerkung?! Wer seine Arbeit am Herd guit (!) macht, macht eine nützlichere und mehr Menschen Freude bereitende und wohl mindestens ebenso befriedigende Arbeit wie jemand, der – ich sag’s nun mit Absicht auch abschätzig – wie irre einen Eisblock hochkraxelt und wieder runterkraxelt und dabei manchmal oder einmal zum letzten Mal runterfällt und dabei nichts, aber auch wirklich nichts Nützliches tut. Ich bitte die Redner und Schreiber aus den verschiedenen Winkeln, Leute, die eine andere Lebensweise pflegen, mit mehr Anstand zu begegnen. Danke.

  6. Otto Liebschitz sagt:

    Mit dieser Person wüsste ich wohl nicht viel, worüber wir sprechen könnten. Aber das geht mir mit vielen vergifteten Sportlern so, die sind ziemlich einseitig gestrickt.

  7. Geri Dunkel sagt:

    AUSSAGEN WIE “… sie waren abgehenden Lawinen ausgesetzt, Temperaturen um minus 30 Grad und einem Kocher, der den Geist aufgab …” UND ” … mein Sohn Emanuel bedeutet mir sehr viel mehr als die Berge …” PASSEN IRGENDWIE NICHT ZUSAMMEN.

  8. Eduardo sagt:

    Den logischen Zusammenhang von Ines Paperts Eisklettern usw. mit dem “Herd” sehe ich leider auch nicht. Die meisten Karrieremacher und Karrieremacherinnen, Supermanager und Supermanagerinnen müssen am Abend und am Wochenende dann doch noch an den Herd bzw. an die Hausarbeit (einkaufen, kochen, spülen, waschen, Wäsche aufhängen, bügeln, putzen, aufräumen, den Kindern das Abendessen machen und sie ins Bett bringen usw.), weil sie sich keine oder nicht ausreichend viele Domestiken leisten können, die ihnen alle diese lästigen Tätigkeiten abnehmen.

  9. Pille sagt:

    Ich habe grossen “Reschpekt” für was Ines Papert am Eis alles zu Stande bringt !…die Grenzen des menschlichen Seins aufsuchen ist etwas Anderes, als zu Hause vegetieren….

  10. hallo mitenand

    ich danke natascha für das interessante thema.
    die leistungen von frau papert sind gewaltig. das ist spiztensport, ist mehr als sport… man merkt diese frau ist mit
    herz dabei, und lebt mit den bergen, mit den elementen. das verdient höchsten respekt und bewunderung. ich freue mich
    immer Ihre bücher zu lesen, und ihren touren und expeditionen zu folgen. grossartig auch, wie sie familie und bergsteigen unter einen hut bringt.
    ich habe selber 20 jahre eisklettern an gefrorenen wasserfällen gemacht. das ist, und war auch ein super training für die
    grossen kombinierten eis- und nordwände in den alpen… ja, auf der ganzen welt, ist mir das zugute gekommen.

    ich verstehe auch natascha, wenn das eisklettern Ihre liebste disziplin ist. ein besonderer punkt beim eisklettern ist auch, das eis ist jeden tag anderes, und jedes jahr ist ein wasserfall anderes gefroren. somit ist es immer wieder eine persönliche erstbegehung.
    und zur frage: klar ist es schöner sich in den bergen, und am eis auszutoben. ich koche und esse gerne, aber das muss kurz und bündig gehen, lieber bin ich draussen. die zeit ist mir zu schade immer am herd zu sein.

    ich wünsche allen viel spass im eis.

    gruss von
    raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

  11. Joachim Adamek sagt:

    Ich habe mich mit meinem Beitrag gestern abermals kräftig in die Nesseln gesetzt. Dabei wollte ich Ihren Blick nur auf eine Kleinigkeit lenken: Dass man mit Hilfe kleiner, einfacher Techniken zuweilen viel erreichen kann.
    Über Bergänger, Kletterer, allgemein Sportler, ist das Vorurteil weit verbreitet, dass sie ― zurückhaltend gesagt ― mehr mit den Muskeln als mit dem Kopf durchs Leben gehen. Genau dies ist aber beim Bergsteigen fatal. Wichtiger als körperliche Kräfte ist die richtige Taktik. Nun habe ich mit meinem überhast geschriebenen gestrigen Beitrag auf Frau Papert einen Schatten geworfen, den ich auf ihr nicht liegen lassen kann. Sie ist nämlich nicht nur ambitioniert, sondern sie verfolgt ihre Ziele äussert umsichtig. Sie dürfen ihr glauben, dass sie ihrem Sohn ein guter Sparring-Partner zu sein versucht. Bergsteiger begegnen sich nämlich nicht nur auf Augenhöhe, sie sind vor allem auch gute Taktiker.

  12. Kirsten sagt:

    Als bergsteigende, junge Mutter, die gleichzeitig noch für den Lebensunterhalt ihrer Familie aufkommt stellen mir sich da doch ein paar grosse Fragezeichen! Wenn das eigene Kind das Ein und Alles ist, wie passt es dann zusammen, Wochen, ja gar Monate lang unterwegs zu sein? Mitnehmen – schön und gut – aber was ist mit Kindergarten, Schule und Kinder-Freunden? Wer kümmert sich ums Kind? Und verdienen nicht in diesem Fall die Grosseltern das grössere Lob als Ines, welche sich ihr Hobby zum Beruf macht und dann genau genommen keine Zeit mehr hat, ihren eigenen Sohn grosszuziehen? Ohne Grosseltern in der Nähe geraten meine Bergtouren zu 1- bis max. 2-Tagesaktionen – und da bin ich schon sehr glücklich darüber!

    • Pille sagt:

      Die Liebe zum Kind und die nötige Zeit wird ja durch ihr Bergsteigen nicht ausgeschlossen;
      …eigenartig ist, einer Geschäftsfrau mit Kind …und oft viel weniger Zeit wird zugejubelt…

  13. susi sagt:

    Schade, tolles Thema aber wieder mal ein eindeutig tendentöser Titel. Nicht jede Mutter, die nicht Extremkletterer/in ist, “endet am Herd”!

  14. Sue sagt:

    Selten blöder Titel. Wahrscheinlich auch so eine Sport-Egomanin.

  15. Donnerwetter sagt:

    Welche Beleidigung für jede Mutter die sich Mühe gibt für ihre Kinder da zu sein und diese vernünftig zu ernähren.

  16. Erich sagt:

    Journalistisch ist der Tital natuerlich gut: griffig und provokativ. Wie waers mit einer anderen Perspektive von einer Kletterin am Herd: Susi Good – 2malige Weltmeisterin und 4 Kinder und immer noch ueber 8a und mehr zum Spass?
    Wir leben hoffentlich in einer Welt wo verschiedene Lebensmodelle wertneutral nebeneinander stehen koennen.

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