Im Eis hängen statt am Herd enden

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Ines Papert

«Im Eis fühle ich mich wohl»: Ines Papert, hier im Argentière-Gletscher bei Chamonix. (Bild: Rainer Eder/Visual Impact)

Ines Papert – diese Frau ist stark. Nicht stark in Anführungszeichen. Sondern stark. Ihre Kraft und Energie sind in der Szene legendär. Wer mit der 39-jährigen Eiskletterkönigin auf Expedition geht, kommt geschlaucht zurück. Selbst ihre männlichen Teamkollegen müssen sich danach noch tagelang erholen.

Extrem-Bergsteigerin und Mutter

Ines Papert schlägt alles. Sechs Jahre nahm sie an Eiskletter-Wettkämpfen teil, wurde viermal Weltmeisterin, gewann 13 Einzelweltcups und dreimal den Gesamtweltcup. Ihren Sohn Emanuel, heute 13-jährig, hatte sie an den Wettkampfwochenenden immer dabei. Sie fand einen Weg, «eine gute Mutter zu sein und dennoch meiner Leidenschaft nachgehen zu können.»

2006 zog sich Papert vom Wettkampfklettern zurück und konzentriert sich seither auf Expeditionen in den abgelegensten Gegenden der Welt. Auf Fels- und Mixed-Routen, aber vor allem auf sehr schwierigen und furchterregend langen Eisfällen. Da fühle sie sich wohl. «Ich liebe die Vielfalt an meiner Leidenschaft. Ob beim Klettern oder Bergsteigen, ob im Eis oder Fels, beim Erschliessen eigener Routen in den hohen Bergen des Himalaja, aber auch beim Klettern vor der Haustür, an den heimischen Felsen – die Berge bedeuten mir beinahe alles», schreibt Papert in ihrem Buch «Vertikal».

Ines Papert

Erstbegehungen in Norwegen: Ines Papert. (Bild: Thomas Senf/Visual Impact)

Schlechtwetterfront und 1000 Meter Luft unter den Füssen

Das Höher, Schneller, Weiter interessiere sie nicht. «Vielmehr ist es der Stil einer Besteigung, der mich reizt.» Was sie will, ist mit leichtem Rucksack, im kleinen Team den Gipfel zügig erreichen. Am liebsten über die direkteste, steilste Linie. Egal wie anstrengend die Durchsteigung sein wird, wie tief die Temperaturen sinken.

Doch auch Papert gerät an Grenzen. «Die härteste Nacht meines Lebens» überlebte sie in Kirgistan. Dort wollte sie mit ihrem Team die 1200 Meter hohe, zum Teil vereiste Wand des Kyzyl Asker erstbesteigen. Nach abenteuerlicher Ankunft am Berg, einem wegen des Wetters abgebrochenen ersten Versuchs und zehn langen Schlechtwettertagen im Basislager stiegen sie erneut in die Wand ein. 17 Stunden kletterten sie am Stück, schafften es bis 200 Meter unter den Gipfel, biwakierten in der Vertikalen. Die Schlechtwetterfront kam einen Tag früher als angekündigt. Sie waren abgehenden Lawinen ausgesetzt, Temperaturen um minus 30 Grad und einem Kocher, der den Geist aufgab. «Alles Zeichen dafür, die Wand schleunigst zu verlassen.»

Ines Papert

Triumph und Scheitern in Kirigstan: Ines Papert. (Bild: Thomas Senf/Visual Impact)

Ihr Sohn bedeutet ihr mehr als die Berge

Scheitern tue zwar weh, sei aber kein Weltuntergang. «Dank meiner Hartnäckigkeit gebe ich nicht so schnell auf und versuche es, wenn es sein muss, wieder und wieder.» Zu kämpfen lernte Ines Papert schon in ihrer Kindheit und Jugend. Geboren und aufgewachsen ist sie in Ostdeutschland, «eingesperrt in der sowjetischen Besatzungszone der DDR».

Die Herausforderungen, denen sie sich in den Bergen als zielstrebiger Mensch stelle, geben ihr die nötige Balance für ihr Leben. «Auch für meine grösste Aufgabe. Jene als Mutter. Mein Sohn Emanuel bedeutet mir sehr viel mehr als die Berge.» Er bedeute alles für sie. Er gebe ihr die Kraft, die sie für ihre Ziele brauche, um mit den Höhen und Tiefen, die die Berge mit sich bringen, umgehen zu können. Manchmal nimmt sie «Manu» auf Expedition mit. Wenn das nicht geht, bleibt er bei den Grosseltern. Der Abschied falle ihr «furchtbar schwer», so Papert.

Dass sich nur wenige Leute – insbesondere Frauen – wagen, durch Eisfälle zu klettern, findet sie schade. In ihren Vorträgen versuche sie die Botschaft zu vermitteln, es sei unabhängig vom Schwierigkeitsgrad für jeden Menschen wichtig, seinen Vorlieben und Träumen nachzugehen – statt ihnen nachzuweinen. «Wer sich nicht wehrt, endet am Herd.»

Ines Paperts Rezept für «Backcountry Ice Cream»: 1 Liter (!) Baileys, 1 Liter Schlagrahm und jede Menge Pulverschnee langsam verrühren.

Ines Papert VertikalHinweis: Noch viel mehr über die Ausnahmekletterin gibts in ihrem neuen, wunderbar inspirierenden Bildband «Vertikal. Ines Papert in den steilsten Wänden der Welt». Texte von Johanna Stöckl. Atemberaubende Fotos und authentische, persönliche Berichte ohne nervige Superlative. 160 Seiten, 270 Bilder, 8 Karten. Delius Klasing Verlag. ISBN 978-3-7688-3521-3.