Diese Woche von Wangen an der Aare zum Inkwilersee (BE/SO)
Ein heisser Tag war angesagt. Doch als ich gegen neun Uhr morgens in Wangen an der Aare aus dem Zug stieg, blies eine perfide Bise. Die Sonne hatte sich versteckt, über mir hingen schwarze Wolken. Im Bahnhofskiosk kaufte ich mir für acht Franken einen Schirm.
Ich brauchte ihn nicht. Das Wetter erholte sich. Als ich fünf Stunden später wieder in Wangen ankam, war der Hochsommer zurück von seiner Auszeit. Und ich war begeistert von meiner Route, die ich zuhause auf gut Glück anhand der Karte kreiert hatte.
Widmers rocken Wangen
Vor mehr als einem Jahr hatte mich der Künstler Rolf Walker angerufen. Er organisiere in Wangen das Kulturfestival «Nomen est omen». Dieses rücke jeweils einen Familiennamen und dessen Träger ins Zentrum. Heuer drehe sich das Festival um den Namen «Widmer» samt der Variante «Wiedmer». Ob ich wie andere Kulturschaffende dabei sei, fragte Walker.
Ich sagte zu, denn ich will auch ein Kulturschaffender sein. Am Sonntag beginnt das Festival. Wir Widmers werden Wangen einen Monat lang, man erlaube mir das Chris-von-Rohr-Deutsch, rocken und uns produzieren. Der Karikaturist Ruedi Widmer etwa, der im «Tages-Anzeiger» zeichnet. Die Satirikerin und Autorin Gisela Widmer. Der Schriftsteller Urs Widmer. Was mich Wanderwidmer angeht: Von Wangen aus werde ich am 8. Juli eine Wanderung anführen.
Schöner Toteissee
Mittlerweile bin ich die Route, die ich zuhause auf dem Sofa kreierte, abgeschritten – mit zunehmender Freude. Die erste Etappe hinüber zum Inkwilersee fand ich abwechslungsreich: Äcker, Waldstücke, Kuhwiesen in steter Folge. Endlich kam ich zum See, der ein Toteissee ist, Hinterlassenschaft eines Gletschers. Heute hat er manchmal Mühe mit Atmen. Anderseits ist er doch, mit seinen intakten Ufern, dem Riedgürtel, den Inselchen, ein ansehnliches Gewässer.
Vom See hielt ich hinüber nach Inkwil und Röthenbach, das mit alten Bauernhäusern protzt. In Heimenhausen gönnte ich mir im Restaurant «Drei Tannen» einen Erdbeerkuchen (ein Foto findet man in der Bildstrecke oben). Danach kam Magie auf: Im Wald formten sich Zweige zu einer engen, mich bedrängenden Gasse wie in einem Michael-Ende-Roman. Langes schlaffes Gras im Wald wirkte wie Ponyhaar. Brennesseln standen schulterhoch. Und über den vermoosten Waldboden zog sich ein Pfad aus weissen Steinen. Eine Oberaargauer Milchstrasse.
Eine historische Herrlichkeit
Via den bienenumschwirrten Weiler Humperg kam ich an die Aare: Kinder in Badehosen, gleitende Boote, Velofahrer noch und noch. Etwas flussaufwärts war ich, prinzipiell kein Militärfeind, befremdet: An schönster Lage nah dem Wasser okkupiert die Armee ein Riesenareal für das, so nehme ich an, Üben des Häuserkampfes. Die skelettierten Ruinen gemahnten mich an post-apokalyptische Film. Und an Pompeij.
Rosenmelisse und Muskatellersalbei heiterten mich auf, als ich ein Feld der Naturkosmetik-Firma «Suissessences» passierte. Dann langte ich in Wangen an. Das Berner Vogteistädtchen mit der gedeckten Holzbrücke ist eine historische Herrlichkeit. In der «Krone» ass ich vorzüglich, flanierte durch die Altstadt – und hoffe nun, dass der eine oder die andere unter meinen Lesern diese Route mit mir unter die Füsse nimmt.
Route: Wangen Bahnhof – Wangenried – Hasenmatt – Inkwilersee – Inkwil – Röthenbach – Heimenhausen -Tannhubel – Humpergwald – Humperg – Aare-Steg (nicht überqueren!) – Untere Breite – Wangen Stadt – Wangen Bahnhof.
Gehzeit: 4 Stunden.
Höhendifferenz: Je 140 Meter auf- und abwärts.
Charakter: Lieblich. Gut 45 Minuten Asphalt. Recht viel Wald. Abwechslungsreich.
Höhepunkte: Der Inkwilersee. Das Dorf Röthenbach mit prachtvollen Holzhäusern und Blumengärten. Die pralle Aare bei Walliswil. Das intakte historische Städtchen Wangen.
Hund: Geht gut.
Einkehr: In den Dörfern Wangenried, Inkwil, Röthenbach, Heimenhausen. Unter anderem «Drei Tannen» in Heimenhausen, Ruhetage Di, Mi. In Wangen getestet: «Krone», sehr gutes Essen. Ruhetag Sa, www.krone-wangen.ch
Kulturfestival: «Nomen est omen», dieses Jahr mit dem Namen Wi(e)dmer. 1. Juli bis 1. August. Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Comedy usw. Programm auf www.festivalnomen.ch. Für die Wanderung mit Thomas Widmer auf der besprochenen Route am 8. Juli sollte man sich anmelden. Telefon 079 369 85 58.
Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com








Natascha Knecht ist Journalistin und Outdoor-Sportlerin. Aufgewachsen im östlichen Berner Oberland, dem Mekka für Kletterer und Alpinisten, lebt sie seit über zehn Jahren in Zürich. Im Outdoor-Blog betreut sie die Ressorts
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Anette Michel ist Umweltnaturwissenschaftlerin und im Bereich Energieeffizienz tätig. Daneben hat sie mehrere Jahre als Velokurierin gearbeitet und dabei ihre Leidenschaft fürs Fahrrad entdeckt. Sie fährt seit fünf Jahren in ihrer Freizeit Rennvelo. Sie schreibt im Ressort 

































































ahh – wieder ein wohltuender blog von herrn widmer. augen schliessen und atmosphäre imaginieren – kommt meinem äh “lieblichen…” charakter entgegen.
das riesenareal der armee ist tatsächlich ein übungsdorf der rettungstruppen. nein, nicht nahkampf haben wir dort geübt, das retten von menschen nach erdbeben und feuer und das löschen von feuer waren inhalt..
hallo thomas
danke für deinen schönen tipp… habe heute Sonntag, 1.Juli 2012 die wanderung gemacht… hat mir sehr gut gefallen…
weiter so…
viele gruesse von
raphael wellig / stadt Bern / http://www.raphaelwellig.ch
Und… Herr Wellig. Keine Menschen angetroffen, die etwas Übergewicht aufweisen? Diese sind Ihnen doch ein so grosser Dorn im Auge – oder etwa nicht? Hab ich schon ein paar Mal von Ihnen lesen dürfen oder müssen. Aber wie gesagt; gegen das Übergewicht kann man etwas unternehmen. Gegen fehlende Materie im Kopf gibt es halt noch kein Mittel
Gruss
ein alter Arbeitskollege