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Akrobaten im Anflug

Laurens van Rooijen am Donnerstag den 12. April 2012


Wenn Biker durchdrehen: Eindrücke vom Rivella Rocket Air 2011.

In den kommenden drei Wochen macht die «Freeride Mountain Bike World Tour» gleich zwei Mal in der Schweiz Halt: Zuerst in Thun, dann in Solothurn. Das sollte man sich nicht entgehen lassen, denn die jungen Fahrer zeigen auf ihren Velos Tricks der Extraklasse.

Das «Rivella Rocket Air» in Thun ist ein so genannter Slopestyle-Contest, der unterm Dach der Eishalle über die Bühne geht, an den Solothurner «BikeDays» wird ein Dirtjump-Contest ausgetragen. Bei beiden Wettbewerben geht es nicht um die schnellste Zeit, sondern darum, den Punktrichtern mit härtesten Tricks und sauberem Style eine möglichst hohe Wertung zu entlocken. Zudem sind die Sprünge bei beiden Anlässen imposant, auch und gerade für Aussenstehende, die keine direkte Verbindung zum Dirtjumpen haben: Zwischen den aus Holz gezimmerten Absprungrampen und den aus Erde geformten Landungen klafft jeweils eine Lücke, über die sich die Fahrer in hohem Bogen katapultieren, um ihre Tricks zu zeigen.

Spielplatz für Dirtjumper: Parcours der BikeDays Solothurn.

Spielplatz für Dirtjumper: Parcours der BikeDays Solothurn.

Imposante Sprünge, minimalistische Ausrüstung

So eindrücklich die Abmessungen der Sprünge sind, so minimalistisch sind die Fahrräder wie die Schutzausrüstung, die hier zum Einsatz kommen: Zwei Räder, ein kompakter Rahmen ohne Federung hinten, eine robuste Federgabel, ein Gang und nur eine Bremse am Hinterrad müssen reichen. Dazu tragen die Besten des Fachs enge Jeans, ein T-Shirt, Turnschuhe und einen Halbschalen-Helm, wie man ihn von Skateboardern kennt. Unter die Jeans friemeln die Fahrer Knieschützer, um Landungen nach missratenen Tricks abzudämpfen. Allenfalls ziehen sie noch Handschuhe an. Jede weitere Schutzausrüstung schränkt nicht bloss die Bewegungsfreiheit ein, sondern geht auch auf Kosten der Coolness.

Wer sieht, wie hoch sich die Fahrer in die Luft katapultieren und was für Tricks sie dabei ausführen, mag dies für fragwürdig halten. Denn oft steht die Welt für die Athleten wortwörtlich Kopf, und als Aussenstehender fragt man sich, wie die Fahrer den Überblick behalten und die Reifen bei der Landung zuerst auf den Boden bringen können. Aber schwere Unfälle sind im Verlauf einer Saison die Ausnahme. Meist bleibt es bei Knochenbrüchen, die auch mit mehr Schutzausrüstung kaum zu vermeiden wären. Das liegt daran, dass Dirtjumper sehr genau wissen, wann sie sich von ihrem Bike trennen und wie sie zu Boden gehen sollten, um das Risiko von Verletzungen so gering wie möglich zu halten. Aus Erde geformt, sind die Landehügel in der Regel so weich, dass sie einiges verzeihen. Zudem gilt: Nicht die krassesten Tricks bringen den Sieg, sondern Tricks, die schwierig sind und zudem sauber gestanden werden.


Brettern und fliegen: MTB-Jump-Final an den BikeDays Solothurn 2011.

Atemberaubende Evolution der Tricks

Auch wenn die BMX-Spezialisten dank der kleineren Velos mehr Rotationen in die gleiche Flugphase packen können und daher in einer anderen Liga spielen: Die Entwicklung des Trickniveaus ist auch bei den Mountainbikern beeindruckend. Keine Saison vergeht, wo nicht neue Tricks einstudiert und prompt an einem Wettbewerb gezeigt werden. Galt ein sauber gestandener Rückwärtssalto vor einigen Jahren noch als Garant für eine Top-Platzierung, so muss heute schon deutlich mehr gezeigt werden. Etwa, indem der Fahrer während der Rotation noch einen Fuss von den Pedalen nimmt und den Lenker um 180 Grad verdreht. One-footed X-Up Backflip nennt sich das dann, für die Jury wie für den Speaker, der dem Publikum quasi als Simultanübersetzer dient.

Wie gut diese Art von Wettbewerben beim Publikum ankommt, zeigte sich bereits im vergangenen Jahr beim «Monster Energy Slopestyle» in Basel. Das mehrheitlich junge Publikum scharte sich bei bestem Wetter dicht an dicht um die eindrücklichen Sprünge. In Thun bekommt das Publikum bei der dritten Auflage des «Rivella Rocket Air» sogar ein Dach überm Kopf und Zuschauertribünen geboten – die Eishalle als Veranstaltungsort sei Dank. Und weil der Wettbewerb in Thun als «Silver Event» zur zweithöchsten Kategorie der «Freeride Mountain Bike World Tour» gehört, sind die grossen Namen der Dirtjump-Szene am Start. Allen voran der Engländer Sam Pilgrim, der zum Worldtour-Auftakt beim «Vienna Air King» in Wien gewann, indem er vier saubere Rückwärtssaltos aneinander reihte, und der Schwede Martin Söderström. Beide treten mit Helmen im Design grosser Energydrink-Produzenten an, in der Szene so etwas wie der Ritterschlag.

Viel Risiko, bescheidenes Preisgeld

Zusammen mit dem Franzosen Yannick Granieri gelten sie als etablierte Stars der Szene, die von jungen Wilden wie dem Polen Szymon Godziek, dem Tschechen Tomas Zejda, dem Schweden Linus Sjöholm und dem Belgier Thomas Genon heraus gefordert werden. Obwohl er den Anlass organisiert, trittt auch der Thuner Ramon Hunziker beim «Rivella Rocket Air» an. Das Preisgeld beträgt bei diesem Wettbewerb ingesamt 10’500 Franken, dem Sieger winken 3500 Franken. Ein Betrag, für den Sport-Grossverdiener wie Roger Federer oder Tiger Woods kaum einen Finger krümmen, geschweige denn Kopf und Kragen riskieren und sich über Sprünge katapultieren würden. Die jungen Wilden tun das dafür umso lieber, und die Kollegialität unter den Teilnehmern ist dabei immer wieder erfrischend.

Drei Wochen später spielt der Dirtjump-Contest an den «BikeDays» als «Bronze Event» eine Stufe tiefer unten in der «Freeride Mountain Bike World Tour». Aber da dieser Wettbewerb am Schweizer Bike-Festival in Solothurn stattfindet, werden auch hier viele starke Fahrer antreten. Schliesslich lockten die «BikeDays» 2011 bei der dritten Austragung in Solothurn rund 22’000 Besucher an. Für Spektakel dürfte gesorgt sein, weil die Landungen anders als in den Vorjahren nicht mehr aus Holz, sondern aus Erde bestehen. Das lädt zu mehr Risiko ein und verzeiht auch mal eine weniger perfekte Landung. Der Münchner Amir Kabbani hat die vergangenen drei Dirtjump-Contests am Schweizer Bikefestival für sich entschieden, dürfte diesmal aber mit nochmals stärkerer Konkurrenz zu tun bekommen.


Die Saison 2011 aus der Sicht von Sam Pilgrim, einem der stärksten Dirtjumper weltweit.

Ob in Thun oder in Solothurn: Ein Ausflug an einen dieser Wettbewerbe lohnt sich auch für weniger Angefressene. Denn die Tricks und Flugeinlagen sind auch für sie eindrücklich. Und sowohl beim «Rivella Rocket Air» wie an den «BikeDays» bekommen die Zuschauer eine ganze Reihe weiterer Showeinlagen und Attraktionen geboten.

Was meinen Sie: Sind Dirtjump-Profis Verrückte, die zu viel für zu wenig riskieren? Oder sind es Idealisten, die das Privileg haben, mit ihrem Hobby Geld zu verdienen? Und werden Sie nach Thun oder Solothurn fahren, um den Akrobaten der Lüfte zuzuschauen?

13./14. April 2012: Rivella Rocket Air, Eishalle Thun, Silver Event FMB World Tour
6. Mai 2012: Finale Dirtcontest @ Bikedays, Solothurn, Bronze Event FMB World Tour

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