Muskelspiel der kleinen Herausforderer

Die Welt ist keine Scheibe – und schon gar nicht flach. Darum ist es höchste Zeit, dass auch Rennräder mit den zuverlässigsten Bremsen ausgerüstet werden: Scheibenbremsen. Dieses Frühjahr ist deren Marktreife dramatisch näher gerückt. Und mit Colnago mischt die italienische Rennrad-Traditionsfirma schlechthin ganz vorne mit.

An der «25th Taipei Cycle Show» stahlen drei kleinere Hersteller den Grossen die Show: Formula und TRP zeigten komplett hydraulische Scheibenbremsen für Rennräder, Magura eine hydraulische Felgenbremse. Das Ende wartungsbedürftiger Bremszüge aus Metall scheint auch am Rennrad gekommen. Noch halten die grossen Komponenten-Anbieter Shimano, Campagnolo und SRAM ihre Karten bedeckt. Im Fall von SRAM kursierten aber nach einer Indiskretion erste Produktbilder im Internet. Der Weltradsportverband ist bald gefordert, denn noch verbieten die Reglemente den Einsatz von Scheibenbremsen in Radrennen der Profis. Dieses Verbot ist angesichts der jüngsten technischen Entwicklung nicht mehr zu halten.

Das zeigte sich an der drittgrössten Fahrrad-Messe der Welt im fernen Taipeh mit Nachdruck. In der Hauptstadt Taiwans präsentierten zwei Hersteller unabhängig von einander serienreife Scheibenbremsen fürs Rennrad. Keine Basteleien, sondern ausgereifte Lösungen, die vom Hebel bis zur Bremszange komplett hydraulisch funktionieren. Mitarbeiter der etablierten Komponenten-Anbieter Shimano, SRAM und Campagnolo schauten sich die Bremsen der beiden kleinen Hersteller ganz genau an. Und längst nicht nur sie: Die beiden Bremssysteme von TRP und Formula gehörten zu den meist diskutierten Produkten an der Taipei Cycle Show.

TRP: Grosse Bremsscheiben, eigenwillige Hebel

Der taiwanesische Hersteller TRP ist stark im Quersport verankert und hat dafür mit der «Parabox» bereits eine spezielle Scheibenbremse im Sortiment (siehe Beitrag vom 5. Januar 2012). Aber die funktioniert nicht komplett hydraulisch und ist auch nicht für lange, konstante Bremsungen konzipiert, wie sie auf Passabfahrten vorkommen. Darum ist TRP für die «Hywire»-Scheibenbremse nochmals gründlich über die Bücher gegangen. Und gibt dem System nun an beiden Rädern Bremsscheiben mit 160 Millimetern Durchmesser, grössere Bremskolben und angepasste Beläge mit auf den Weg. Dadurch soll das System auch längere Bremsungen und die dabei entstehende Hitze besser verdauen. Dennoch fallen die Bremszangen sehr filigran aus.

Sehr eigen kommen die Carbon-Bremshebel der «Hywire» daher: Sie lassen sich zum Schalten nicht schwenken und machen nach etwa einem Drittel der Länge einen markanten Knick nach aussen. Das ist optisch gewöhnungsbedürftig, bringt aber die beiden hinter den Bremshebeln angebrachten, mit Shimanos elektronischen Di2-Schaltsystemen kompatiblen Tasten für die Schaltung ideal in Griffweite. Von der Ergonomie passt schon alles, bei der Optik und der Haptik sollte TRP bis zur Markteinführung im Oktober noch nachbessern. Auch wenn das «Hywire»-System mit 600 US-Dollar preislich nicht in einem abgehobenen Rahmen angesiedelt ist, wirkten einige Materialien noch nicht wertig genug.

Traditionsfirma als Trendsetter

Formula hat bei der Entwicklung der Rennrad-Scheibenbremse eng mit Colnago zusammen gearbeitet, der italienischsten aller Rennrad-Traditionsschmieden. Das Resultat heisst «C59 Disc» und kommt sehr aufgeräumt daher. Das Pik-Logo und die Typenbezeichnung «C59» zieren die weiss lackierten, kleinen Zweikolben-Bremssättel. Die ganze Technik stammt von Formulas Mountainbike-Scheibenbremse R1. A propos klein: Bei den Bremsscheiben begnügen sich Formula und Colnago mit einem Durchmesser von 140 Millimetern an beiden Rädern. Prompt meldeten Experten an der Messe Bedenken wegen der Hitzebeständigkeit der Bremse auf langen Abfahrten an. Die Praxis wird zeigen, ob die Grösse der Bremsscheiben ausreicht. Optisch gefällig ist das ungemein kompakte System damit auf jeden Fall.

Gut gelungen ist Formula die Integration der Hydraulik und der Schaltung in Bedienelemente mit gewohnter Form und Optik. Aus Carbon gefertigt, liegt der geschwungene Bremshebel angenehm in der Hand. Dahinter befinden sich zwei Aluminium-Paddel, die als Schalthebel dienen. Wie bei TRP sind diese auch bei Formula für die Kombination mit den elektronischen Di2-Schaltsystemen von Shimano ausgelegt. Für die Rasterung einer per Kabel angesteuerten Schaltung fehlt im Hebel schlicht der Platz, den bereits der Hydraulik-Zylinder beansprucht. Das Mehrgewicht für die Scheibenbrems-Variante des «C59» schätzt Alessandro Colnago, Marketingdirektor beim italienischen Hersteller, übrigens auf bloss 150 Gramm ein. Es stecke vor allem in den Radnaben und der Gabel, während die Felgen leichter ausfallen könnten. Zu kaufen gibt es das «C59 Disc» ab August diesen Jahres, ein Preis für diesen Zwitter aus Tradition und neuster Technik wurde noch nicht kommuniziert.

Hydraulisch auf der Felge bremsen

Bei aller Begeisterung für die neue Technik bleibt ein Problem: Noch sind Rahmen und Gabeln mit den nötigen Bremsaufnahmen Mangelware. Wer nicht gleich ein neues Rennrad kaufen, aber die Vorteile eines hydraulischen Bremssystems geniessen will, wird beim deutsche Bremsen-Spezialisten Magura fündig, in Trekking- und Mountainbike-Kreisen seit langem eine feste Grösse. Mit der «RT8» lanciert Magura eine hydraulische Felgenbremse fürs Rennrad. Beim Design spielte die Aerodynamik eine zentrale Rolle, und die Kombination von präziser Fertigung, hochwertiger Lagerung und hydraulischer Betätigung verspricht eine fein dosierbare, wartungsarme und kraftvolle Bremse. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: Die «RT8» lässt sich nicht mit Brems- und Schalthebeln von Shimano, SRAM oder Colnago kombinieren. Und Magura selbst bietet bis auf weiteres nur passende Bremshebel für Triathlon- und Zeitfahrlenker an.

Noch haben die neuen, hydraulischen Bremssysteme also Hürden zu überwinden: Es wird einige Jahre dauern, bis der Rennrad-Markt eine adäquate Auswahl an Rahmen, Gabeln und Rädern für Scheibenbremsen zu bieten hat. Entscheidend ist sowieso, wie früh und konsequent die grossen Komponenten-Anbieter Shimano, Campagnolo und SRAM eigene Lösungen zur Marktreife bringen. Und im Rennsport zeichnen sich ganz andere Probleme ab: Man denke nur an den neutralen Materialwagen, der zur Not Ersatz-Räder stellt und dann auch noch passende Ausführungen für Scheibenbremsen mitführen müsste.

Von der Funktion und der Zuverlässigkeit her führt aber auch am Rennrad kein Weg an hydraulischen Scheibenbremse vorbei. Die Zeiten, als man an einem tragenden Teil des Velos herum schleifen musste, um zu bremsen, werden bald der Vergangenheit angehören. Zu eindeutig sind die Vorteile von Scheibenbremsen. Die Frage ist nur, wie schnell dies die breite Masse der Hobbyfahrer merken wird. Und ob sich Scheibenbremsen auch bei den Profis durchsetzen können – trotz Bedenken wegen des Mehrgewichts und aerodynamischer Nachteile. Wer schon einmal gesehen hat, mich welchem Tempo ein Fabian Cancellara die Pässe hinab donnert (Beispiel im Video unten), der wünscht ihm eine Bremsanlage, die den dabei erzielten Tempi von deutlich über 100 Stundenkilometern angemessen ist.


Nichts für schwache Nerven: Fabian Cancellara in Gelb während einer Etappe der Tour de France in den Pyrenäen und auf der Aufholjagd bergab.

Wie sehen Sie die neuste technische Entwicklung? Gehört den Scheibenbremsen auch am Rennrad die Zukunft? Oder kann man darauf getrost verzichten?