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Eine Lammschulter so gross wie ein Familientoaster

Thomas Widmer am Freitag den 23. März 2012


St Brice: Das ist gleich nach der Schweizer Grenze eine Kapelle im Wald, die in Teilen bis 1361 zurückgeht. Vor ihr stehen die Holztische und -bänke einer angrenzenden Auberge, die auch schon reichlich verwittert ist. Um elf Uhr, als wir ankamen, öffnete sie eben; wir besichtigten das Gotteshaus, besorgten uns dann einen Gewürztraminer und stiessen in der Sonne an.

Worauf? Auf den Sundgau, wie der südliche Elsass-Teil heisst; in Namen verbirgt sich «Süd». Zuvor hatten wir mit dem Wirt auf Französisch konversiert. Was das an seinem Haus für eine Fahne sei mit dem gelben Kreuz auf rotem Grund, hatte ich ihn gefragt. Die der Katharer, sagte er stolz. Katharer? Eine Abspaltung des Christentums, die im Mittelalter in Südfrankreich durch einen Kreuzzug mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurde.

Ein Neo-Kelte war er auch, der junge Mann mit den Lockenhaaren, schlossen wir aus einer kleinen «Bijouterie celtique». Und Elsässer sowieso. Mit Inbrunst erklärte er uns, wie es sich als Elsässer in Frankreich lebt. «Die nennen uns boches, Scheissdeutsche. Eine Frechheit. Die Wirtschaft hier ist soviel stärker als im Rest des Landes.»

Wo Obelix auf seine Kosten kommt

So war unsere Wanderung: ein Freiluftseminar mit hohem Spassfaktor. Gestartet waren wir im Solothurner Dörfchen Rodersdorf. Eine Asphaltgerade führte uns hinauf zur Waldkrete und Grenze, und à propos Asphalt: Gut die Hälfte dieser Wanderung spielt auf Hartbelag. Aber des Öftern gibt es Grasstreifen am Rand. Und die Route ist zu toll, um sie nicht zu machen.

Von der Krete waren wir schnell in St Brice. Nach dem Apéro folgte eine lange Waldpassage; der Wald ist in Frankreich unaufgeräumter und wilder als bei uns, schön. Schade, gab es keinen Aussichtsturm, gern hätten wir über die Hügelwellen des Sundgaus geblickt. Hernach Hagenthal-le-Haut und Hagenthal-le-Bas, wo ein alter jüdischer Friedhof direkt am Wanderweg liegt – schon waren wir in Neuwiller.

«Starck» hiess die Wirtschaft. Ich nahm das Entrecôte Obelix, dessen geheimnisvolle Kräutersauce schmeckte. Das Sauerkraut mit Würsten und Speck sah so cholesterinreich wie anmächelig aus. Unzufrieden war Rainer. Seine Lammschulter war gross wie ein Familientoaster. Sur place erlitt er einen Fleischschock und ass praktisch nichts. Und jetzt noch eine Warnung: Hände bzw. Mund weg vom Rotwein! Wir orderten einen lokalen Pinot, untrinkbar sauer. Wir wichen auf einen Burgunder aus. Der war muffig, als hätte man ihn durch einen alten Hotelvorhang abgesiebt.

Am Irrenhaus des Sonnenkönigs vorbei

Nach dem Mittagessen kam es zur Spaltung. Die eine Fraktion nahm den logischsten Weg, den nach Allschwil bei Basel. Wir anderen wollten länger gehen als nur noch eine Stunde. Wir hielten durch den Wald zur Grenze, hinab nach Biel-Benken, dann hinauf zur Egg. Wieder sahen wir, aus neuem Winkel, die Burg Landskron. Sie beherbergte zur Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Irre und politische Gefangene.

Zur Rechten den Blauen, zogen wir weiter nach Therwil. Querten das Dorf. Stiegen erneut auf zum nächsten Hügelzug und erneut ab ins Flache, ins verstädterte Reinach. Schliesslich die Rückfahrt per Tram nach Basel SBB. Wir kamen am Schaulager vorbei, halb Museum, halb Kunstlager, grosse Architektur von Herzog & de Meuron: ein letzter Höhepunkt dieser Prachtswanderung im Grenzland.

Route: Rodersdorf (Tram Nr. 10 ab Basel SBB, fährt jede halbe Stunde) – St Brice – Wessenberg – Hagenthal-le-Haut – Hagenthal-le-Bas – jüdischer Friedhof am Wanderweg gleich nach dem Dorf – Neuwiller – Biel-Benken – Egg – Therwil – Reinach Dorf (Tram nach Basel SBB).

Gehzeit: 5 ½ Stunden. 400 Meter auf-, 500 abwärts.

Karte: Sehr empfehlenswert ist das Mitführen der Landeskarte mit Wanderwegen 213T «Basel» 1:50 000. In Frankreich sind die Wanderwege deutlich schlechter bezeichnet mit verwirrlich verschiedenfarbigen Prismen.

Kurzvariante: Ab Neuwiller in einer Stunde nach Allschwil bei Basel (Tram).

Charakter: Abwechslungsreich. Flachteile und mässig coupiert im Wechsel. Geschätzte 50 Prozent Hartbelag.

Höhepunkte: Viele! St Brice, Kapelle und Auberge an einem uralten Kraftort. Der unaufgeräumte, unschweizerische Wald nach St Brice. Die Kirche von Hagenthal-le-Bas und dessen jüdischer Friedhof. Die Einkehr in einer der Sundgauer Wirtschaften.

Hund: Keine Gitterroste, keine Leitern; gut machbar.

Tipp: Personalausweis und Euro nicht vergessen!

Einkehr: Zum ersten Mal in St Brice, die Auberge ist am Montag zu und ansonsten jeweils ab 11 Uhr offen. Danach in allen Dörfern. Starck Neuwiller: www.restaurant-starck.com

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

1 Kommentar zu „Eine Lammschulter so gross wie ein Familientoaster“

  1. monika sagt:

    Sehr zu empfehlen im Restaurant “Starck” sind die diversen Flammechueche! Und dazu trinkt man am besten ein Glas Gewürztraminer aus dem Elsass!

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