Schnell, flüssig und originell, idealerweise noch einige Sprünge im felsigen, unerbittlich steilen Gelände, wenn möglich mit Back-Flips und alles ohne Sturz oder Bodylandings: Was die Profis an der Freeride World Tour (FWT) auf Ski oder Snowboards zeigen, ist bemerkenswert und spektakulär (siehe Bildstrecke oben). Die FWT gilt als Weltcup der Freerider, nur die Besten der Besten der Welt dürfen an diesen Wettkämpfen teilnehmen. In diesem Jahr umfasst die Tour sechs Stopps, der erste fand im Revelstoke (Kanada) statt, der zweite soeben am Le Brévent in Chamonix-Mont Blanc.

Der Zermatter Profi-Freerider und Alpinist Samuel Anthamatten startete am Le Brévent in Chamonix. (Foto: Freeride World Tour/Jeremy Bernard)
Mit geschwollener und frisch genähter Lippe reiste Samuel Anthamatten im französischen Freerider-Mekka an. Der 25-jährige Zermatter erklärte, er habe in der Nordflanke des Bec des Rosses bei Verbier trainiert und dabei sein Knie «geküsst». Letzten Winter wurde er bei der Freeride World Tour Vize-Weltmeister, diesen Titel möchte er in diesem Jahr verteidigen. In Chamonix wählte er eine kreative Linie mit mehren Sprüngen, startete flüssig, alles lief wie geplant bis zum letzten 12 Meter hohen Cliff. Dieses erwischte Anthamatten nicht sauber. «Das Gelände oberhalb war so vereist, dass ich zu schnell darüber fahren musste.» Er beendete seinen Run mit einer Körperlandung, was ihn viele Punkte kostete. Schlussrang für ihn vergangenen Montag: 17. Platz.
«Wir alle könnten hier sturzfrei embrii fahren»
Überhaupt landeten in Chamonix zahlreiche Favoriten im Schlussfeld der Rangliste: Etwa die Franzosen Aurelien Ducroix (21., Ski), Jérémy Prevost (22., Ski), Xavier de le Rue (8. Snowboard), oder die Österreicher Matthias Haunholder (20.) oder Mitch Tölderer (12., Snowboard). Es war ein Wettkampftag mit vielen Stürzen und Bodylandings, es herrschten schwierige Schnee- und Sichtverhältnissen. «Wir alle könnten hier sturzfrei embrii (hinunter) fahren», sagte Samuel Anthamatten. «Aber wer gewinnen will, muss etwas wagen, kann nicht nur taktisch fahren.» Zu viel Wagnis zahlt sich allerdings nicht aus. Wer sein Können überschätzt und Sprünge nicht stehen kann, wird mit Punkteabzug bestraft (wie die Juroren die Abfahrten bewerten lesen Sie hier).
Eine solide Fahrt zeigte in Chamonix Richard Amacker. Der 23-jährige Skifahrer aus Nendaz (VS) schaffte es diese Saison neu in die FWT. Als Jugendlicher fuhr er im Walliser FIS-Kader, seit vier Jahren konzentriert er sich aufs Freeriden. Der ausgebildete Sport- und Skilehrer erhofft sich von der Tour, viele Erfahrungen sammeln, von den «Grossen» lernen und vielleicht einen Podesplatz erreichen zu können. «Und viel Spass zu haben.» Am «Pentes-de-l’Hôtel»-Hang am Le Brévent holte er den 10. Schlussrang. Eine Top-Leistung für den Newcomer.
Emilien Badoux, der dritte Schweizer an der diesjährigen FWT, erreichte den 4. Rang der Snowboarder. Der 28-jährige aus Sitten, ehemaliger Schweizermeister in der Halfpipe, fährt ebenfalls den ersten Winter bei der FWT mit. Schweizerinnen sind dieses Jahr keine vertreten. Anne-Flore Marxer, die beste Snowboard-Freeriderin 2011, wird diese Saison voraussichtlich andere Projekte verfolgen.
Hier die FWT-Gewinnerfahrten am Le Brévent in Chamonix 2012 vom Neuseeländer Sam Smoothy (Ski):
Und das Video vom Wettkampftag:
Ankunft der Profi-Freerider vergangenes Wochenende in Chamonix: Schneefälle legten während Tagen die Bahnbetriebe lahm.
Nicolas Hale-Woods: «Profi-Freeriden ist eine Lebensschule»
Chef und Gründer der Freeride World Tour ist Nicolas Hale-Woods. Der 43-jährige Doppelbürger (Schweiz/England) ist in Neuenburg aufgewachsen und lebt heute mit seiner Familie in Lausanne. Er gehört zur ersten Generation Snowboarder, baute sein erstes Brett in den 80er-Jahren eigenhändig. 1994 bretterte er für Filmaufnahmen über den Bec des Rosses in Verbier, unten verfolgten seine Abfahrt 200 Zuschauer. Da sei ihm die Idee gekommen, die bekanntesten und besten Snowboarder zu einem Wettkampf einzuladen. 1996 fand das erste «Verbier Xtreme» statt, Hale-Woods wollte ähnliche Events in Russland und Alaska organisieren. «Doch der Markt war noch nicht bereit, wir brachten die nötigen Gelder nicht zusammen», sagt er. Ausserdem habe ihm die Erfahrung gefehlt, so grosse Wettkämpfe zu veranstalten, also habe er erst drei Jahre bei der Uefa gearbeitet, um zu lernen. Im 2007 fand schliesslich die erste Freeride World Tour statt, auf Ski und Snowboard und sowohl für Damen und Herren.
Im Vergleich: 1996 kostete das Verbier Xtreme 200’000 Franken, heute 1,5 Millionen. Das Budget für alle sechs Tourstopps im 2012 beträgt 4 Millionen Franken (3 Millionen in bar und 1 Million Serviceleistungen der Tourismusorganisationen, Hotels und Bergbahnen). Mit der letztjährige Tour erreichte er weltweit 10’000 Stunden Fernsehpräsenz. Und es sollen noch mehr werden: Ziel sind Live-Übertragungen. Zehn Personen arbeiten ganzjährig für die Organisation der FWT, bei den einzelnen Events kommen noch 100 dazu. Büro-Hauptsitz ist in der Schweiz, in Lutry (VD).
Nicolas Hale-Woods, wie haben sich die Freeride-Wettkämpfe seit Beginn entwickelt?
Vor 15 Jahren dauerte eine Abfahrt fünf Minuten, heute braucht ein Profi am gleichen Berg noch zwei Minuten. Aber die Runs sind nicht nur schneller geworden, sondern auch flüssiger, die Sprünge höher. Heute trainieren die Athleten das ganze Jahr über, viele mit Coach und Trainer. Es ist ein Profi-Sport geworden.
Wie sieht die Zukunft in diesem Sport aus, wie viel Potenzial gibts noch?
An den Wettkämpfen der Junioren habe ich schon etliche junge Männer und Frauen gesehen, die bereits so stark wie die Profis fahren. Da kommen Leute zusammen, die vorher im Alpin-Skikader, im Freestyle- oder Boarder-Cross erfolgreich waren. Sie bringen alle ihre Technik mit und können voneinander profitieren. Bei unseren Nachwuchsfahrern liegt noch ein enormes Entwicklungspotenzial fürs Freeriden.
Immer schneller, steiler, krasser: Das Risiko ist ebenfalls enorm.
Vor zwanzig Jahren trug noch kein Freerider Helm oder Rückenschutz. Schaufel, Sonde und Lawinensuchgerät war nicht geläufig. Heute weiss jeder, wie wichtig diese Geräte sind und wie sie eingesetzt werden. Die Leute wissen, wie man im Notfall einen Verschütteten ausgräbt und rettet. Die Freeride World Tour spielt bei dieser allgemeinen Entwicklung eine wesentliche Rolle. Unsere Fahrer sind Vorbilder. Es stand noch nie einer auf dem Podest, der zu viel Risiko eingegangen ist, der mehr wagte, als sein Können erlaubt.
Trotzdem, die Sprünge sind gefährlich, das Risiko ist hoch, dass sich die Fahrer bei einem Sturz verletzen.
Keiner unserer Fahrer kam zum Freeriden wie die Jungfrau zum Kind. Sie haben bereits eine Ski- oder Snowboard-Karriere, sind am Berg ausgebildet, können sich und das Gelände einschätzen. Ich selber habe zwei Söhne, 11 und 9 Jahre alt. Als Vater habe ich zwei Möglichkeiten: ihnen das Freeriden einst zu verbieten, oder ich lasse sie darin gut ausbilden.
Selbst Wissen schützt vor Torheit nicht.
Klar, beim Schach oder Bridge besteht weniger Risiko als beim Extrem-Freeriden. Im Vergleich zu anderen Risikosportarten und zur Anzahl Abfahrten ist die Unfallrate jedoch klein. Die Fahrer haben keine Lust, für ein paar Tausend Franken das Leben zu riskieren. Wettkämpfe wie die Freeride World Tour sind ein gutes Kommunikationsmittel für die Sicherheit. Die Jugend folgt dem, was unsere Fahrer vorleben. Das Profi-Freeriden ist eine Lebensschule: Die Athleten bilden sich nicht nur im Sport weiter, sondern auch körperlich und mental. Sie müssen lernen, mit Sponsoren umzugehen, sich selber zu vermarkten, die Saison und ihre Trips zu planen. Eine Freerider-Karriere verläuft anders, als jene eines Fussballers.
Übrigens:
Als Journalistin an der Swatch Freeride World Tour 2012 erhielt ich vom offiziellen Bekleidungsausrüster Powderhorn eine extrem coole Damen-Daunenjacke, die ich einer Leserin oder der Freundin/Frau eines Lesers weiterschenken möchte. Powderhorn entstand ursprünglich in den USA, ist aber inzwischen eine Schweizer Marke. Die Jacke ist aus hochtechnischem Stoff, ultra-leicht und mit wasserfester Daune. Grösse: M. Farbe: Cobalt (blau) Ladenverkaufspreis: 595 Franken. Mehr Informationen und Beispielbild: hier. Wer am schnellsten schreibt, bekommt sie. Mail mit Adresse an: outdoorblog@newsnetz.ch. Ihre Angaben werden nicht weiter verwendet.
Der Tross der Freeride World Tour ist inzwischen nach Courmayeur-Mont Blanc weitergezogen. Mehr Infos: www.freerideworldtour.com
Was halten Sie vom Freeriden und von den Profi-Wettkämpfen?











Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Laurens van Rooijen (38) ist seit 1989 mit dem Velo im Gelände und seit 2000 als Velo-Journalist unterwegs – bis Ende 2004 als Redaktor der Zeitschrift MOVE, seither als freischaffender Journalist in Sachen Fahrrad für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Web-Formate. Er schreibt neu im Ressort
Martin Sturzenegger (29) ist weder Profisportler noch Experte einer bestimmten Outdooraktivität. Als sportliches Highlight ragt der Bronzemedaille-Gewinn in einem Sprintbewerb für Kinder heraus. Im Outdoorblog betreut er das Ressort 





































Cooler Bericht war im pillerseetal da freut man sich auch auf die Tour. Falls die Jacke noch zu haben ist, wurde mir sehr gefallen und sicher auch passen. Liebe Grüße Michelle
Das war wieder mal eine gelungene Ausgabe: Informativ und spannend. – Hoffe, die Daunenjacke findet eine würdige Besitzerin!
Ein grosses Lob an Frau Knecht, dass sie sie weiterschenkt. Bedauerlicherweise sind da andere weniger grosszügig.
Alle Freeridern: Good luck!
Ich finde das Freeriden und Extremskifahren auch absolut faszinierend. Ich habe auch eine Schwäche für Hochleistungssportler(Innen) und Leute, die an ihre Grenzen gehen wollen. Deshalb verfolge ich ja auch immer mal wieder diesen Blog. Mir fehlt aber bei Frau Knecht nicht zum ersten Mal die kritische, journalistische Distanz. Es liest sich oft so, wie wenn einer aus der Muttenzerkurve über den FC Basel schreibt. Dass Sie das ‘Fan-T-shirt’ verschenken, finde ich dann fast schon niedlich.
Die Aussagen von Herrn Hale-Woods sind in meinen Augen – falls ernst gemeint – blanker Zynismus. Die Tour will spektakuläre Bilder vermarkten, dazu gehören extremes Terrain, hohes Tempo, hohe Sprünge mit entsprechend viel Risiko. Dass solche Bilder das Sicherheitsdenken von Halbwüchsigen fördern soll, nur weil die Protagonisten Helm und Rückenpanzer tragen und mit einem Rucksack unterwegs sind, ist einfach unglaubwürdig. Die Jungen, die sich zur Zeit im Powder tummeln, sind primär am Adrenalin und Lebensgefühl interessiert und nicht an der Sicherheit. Die lassen sich durch solche Bilder primär dazu verleiten, ‘es’ auch einmal zu probieren, auch wenn das Können eigentlich nicht ausreicht. Das war zwar immer schon so, dass sich die Jugend durch Risikobereitschaft auszeichnet. Dass sich der Promotor der FWT als Vorreiter in Sachen Sicherheit am Berg bezeichnet, ist aber angesichts der REGA-Einsätze an einem schönen Wochenende nach kürzlichem Schneefall eine Frechheit. Da hätte man ruhig etwas kritischer nachfragen und kommentieren können, wie denn genau die Unfallstatistik der FWT und ihrer Fahrer aussieht.
Die Profis fördern sehr wohl das Sicherheitsbewusstsein, oder haben zumindest ihren Teil dazu beigetragen, dass: heute auf Skipisten fast alle, egal welchen Alters, Helm und oft auch Rückenpanzer tragen.
Lieber Urs,
dass es den Jungen in erster Linie um einen bestimmten Kick geht, ist ein hartnäckiges, zeitenüberdauerndes und kulturübergreifendes Vorurteil. Vielleicht muss man jung sein, um zu begreifen, dass es beim Extrem-Ski und -Snowboard um eine Weiterentwicklung des Wintersports geht. Damit will ich keineswegs die kritische Auseinandersetzung mit den modernen (Risiko-)Trendsportarten und der “Schneeindustrie” abwürgen. Ich habe jedoch grosse Achtung vor Menschen, denen es darum geht “to innovate, master und explore the frontier of physical possibility”, wie es in einem Nachruf auf Sarah Burke auf ihrer Homepage heißt. — Das ist wahrer, ursprünglicher Sportgeist.
Lieber Joachim,
Dass die Sportler selber ihre eigenen und die Limiten ihres Sportes ausloten und verschieben wollen, daran besteht auch für mich kein Zweifel. Dabei geht man zwangsläufig auch einmal über die Limite und hat in 95/100 Fällen Glück, dass nichts Gravierendes passiert. Ausserdem haben diese Profisportler das Können, dem Glück auf die Sprünge zu helfen, indem sie sich auch in heiklen Situationen retten können.
Ich denke bei meiner Kritik an die vielen Nachahmer, die ohne das entsprechende Training ihre Grenzen noch und noch überschreiten. Diese werden ohne Zweifel durch immer spektakulärere Bilder dazu animiert, eben auch ‘krasse’ Linien in den Tiefschnee zu ziehen. Der Kick nach heil überstandener Herausforderung und der ‘Fame’ bei den Gleichgesinnten (‘Peergroup’) sind kein Vorurteil, sondern selbst erlebte Realität (wenn auch vor 25 Jahren, als noch keiner von ‘Freeriden’ sprach), nach dem Motto: ‘Wer getraut sich,an an einer noch höheren Stelle über die Wächte zu springen?’